Alexanders CD-Tipp der Woche: Philadelphy Saft Rieser Baptista – Arkitsa

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

Eine griechische Insel als Seelenöffnerin für selbsthinterfragende und alltagsphilosophische Jazzrockchansons eines Suchenden – mit erlesenen Begleitmusikern eingespielt, hat der in Wien lebende Künstler Martin Philadelphy im März 2019 eine CD mit Liedern veröffentlicht, zu denen Thomas Nyx Scherhammer die Texte geschrieben hat. (Alexander Kinsky)

Thomas Nyx Scherhammer, halb Wiener, halb Grieche, dichtet erfrischend altmodisch und zerfleischt sich dabei seelisch  – „Da tun sich auf gar viele Fragen, hab Angst sie können mich erschlagen“, oder „Was ist es, das mich an dich bindet, mich aufwühlt, ja sogar zerstört, welch Bild sich von dir in mir findet und schon längst nicht mehr mir gehört…“

Der Mensch ist „Allein“ oder (im einzigen Dialektlied der CD) wienerisch „Alanig“, ihm bleibt die „Erkenntnis“ „…wir suchen unsre Quelle, aber finden sie nicht“. Denn wehe, in der „Dämmerung“ „…liegt Zwietracht auf der Lauer“.

Scherhammer stellt sich vor, von einem „Haifisch“ gefressen zu werden und kann sich mit der Geborgenheit des „Grottenmolchs“ in der Finsternis identifizieren – persönliche Harmonisierungen mit von anderen als Horror empfundenen Alptraumvisionen, oder einfach ganz normale Phantasien die jeder haben könnte und einer formuliert sie halt in Versform?

„Der Mensch“ wird hinterfragt, der „Einklang“ in der Musik empfunden, Alltagsphilosophie, Gedankenanregungen.

Aura, Inspiration, Geheimnis der CD speisen sich zu allererst aus der Atmosphäre der griechischen Hafenstadt „Arkitsa“ sowie der Insel Euböa. Das Titellied wird als einziges nicht Deutsch, sondern Griechisch und Englisch gesungen – und es ist, um nun auch zum Musikalischen zu kommen (denn wie kann man sich solch leicht überhöhte, phantastisch-realistische Dichtung vertont vorstellen?) das eingängigste, zugänglichste Lied der CD, quasi „der Hit“, eine Jazzrockballade.

Der österreichische stilistisch vielseitige, maßgeblich von Frank Zappa geprägte 1971 geborene Sänger, Komponist und Gitarrist Martin Philadelphy kam 93/94 von Tirol nach Wien und hat bereits unzählige künstlerisch hochambitionierte Projekte verwirklicht, unter anderem zusammen mit dem universellen Kontrabassisten und Jazzkomponisten Georg Breinschmid (der ja auch schon mit Konstantin Wecker musiziert hat) und mit der Komponistin, E-Violinistin und Vokalistin Mia Zabelka.

Was Konstantin Wecker sein Leben lang tut – „Ich singe, weil ich ein Lied hab´“: Martin Philadelphy setzt das mit den Scherhammer-Vertonungen auf „Arkitsa“ ohne jegliche Kompromisse um, ohne auch nur den Ansatz der Anpassung an irgendeinen Geschmack vortäuschen bis aufdrängen zu wollen. Diese CD ist bewundernswert autistisch, gesanglich wie instrumentatorisch. Da dominiert der E-Orgelklang wie man ihn von Anfang der 70er Jahre aus Popproduktionen kennt, und die Gitarre spielt Soli, Riffs und auch Schlagzeug und Percussion, alles in New York von erlesensten Studiomusikern eingespielt (sie sind alle gleichberechtigt am Cover genannt), vermitteln eine (je öfter man die CD hört immer suggestivere) erdige Intensität. Und Martin Philadelphy singt selbstbewusst entspannt darüber, etwas gewöhnungsbedürftig, aber dann nach und nach eben genau deswegen umso überzeugender.

Die Lieder, ambitionierter Jazzrock, dauern bis zu achteinhalb Minuten, sie nehmen sich also Zeit. „Einklang“ überrascht rezitativisch, das wienerische „Alanig“ heavy-gruftig. Wenn man schließlich mit Martin Philadelphy zum „Grottenmolch“ hinabtaucht, ist man, das Udo Lindenberg Gesamtwerk im Gedächtnis, plötzlich innerlich auch wieder in einem versteckten Frühwerk des Altmeisters drin, „In den dunklen tiefen Gängen der Vergangenheit“.

Die vehement ausdrucksstarken Arkitsa-Seeufer-Schwarzweißfotos am Cover und im Booklet tragen ganz wesentlich zur Aura der CD bei – es sind suchende, fragende Landschaftsbilder genauso wie suchende, fragende Seelenbilder.

Die hochwertig produzierte CD „Arkitsa“ (Three Saints Records THS CD 190101) ist also ein echtes Gesamtkunstwerk, Artwork und Lieder bilden eine vollkommene künstlerische Einheit. Selten verstärken mitzulesende Liedtexte und die Fotos (hier eben die Schwarzweiß-Seeuferbilder) die Atmosphäre derart intensiv wie bei dieser CD.

 Die Homepage von Martin Philadelphy: http://www.philadelphy.at/

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