Alexanders CD-Tipp der Woche: Reinhard Mey – Farben

 In Alexander Kinsky, CD-Tipp

Reinhard Meys im April 1990 wie immer bei Intercord erschienenes 16. Studioalbum überrascht vor allem musikalisch – mit bis dahin nicht so gehörten ungewohnt feinfühligen Arrangements. Nicht überraschend aber erfreulich ist es, hier einmal mehr so großartige deutschsprachige Chansons hören zu können wie Kleines Mädchen, Allein und Wir.

Oft wirken die Arrangements von Reinhard Meys Studioproduktionen bis 1990 etwas beliebig, manchmal mutwillig kommerziell einebnend. Umso mehr freut man sich, die CD „Farben“ durchzuhören. Das Überraschende auch: Sowohl die satirischer angelegten als auch die poetischen deutschsprachigen Chansons gewinnen damit ganzheitlich ungemein noch mehr an ohnedies schon vorhandener Grundqualität. Dafür hauptverantwortlich ist wohl Manfred Leuchter, der 1960 in Würselen geborene Weltmusik-, Pop- und Jazz-Akkordeonist, -Komponist, -Arrangeur und -Produzent, der hier erstmals als Produzent einer Reinhard Mey Produktion aufscheint.

Die Lieder im Einzelnen:

Mein Berlin: Sofort packt der Saxophonbeginn. Meys großes persönliches Berlin-Lied, die Zeitgeschichte der Lebenszeit von der entbehrungsreichen Nachkriegszeit bis zum Enthusiasmus angesichts des Mauerfalls in knapp über sechs Minuten zusammenfassend, eröffnet die CD vielversprechend.

Kleines Mädchen: Eine Klavierballade, man staunt nicht schlecht. Das wunderbar berührende Lied für die kleine Tochter setzt sich damit für den Klavier spielenden Mey Fan der das Gesamtwerk chronologisch durchhört was seine Studioaufnahmen betrifft sofort ganz nach oben.

Wahlsonntag: Musikalisch eine Countrynummer mit Banjo, blättert Reinhard Mey hier genau beobachtend und es witzig auf den Punkt bringend die Phrasen der Wahlverlierer auf.

Allein: Eine ganz große Mey Ballade. In entscheidenden Momenten des Lebens ist man auf sich allein gestellt. Man achte hier auf das Saxophon, wie es musikalisch dieses Alleinebleiben mit irisierend magischen Tönen intensiviert.

In Lucianos Restaurant: Kokettieren mit italienischem Gassenhauer und Mandoline zum Familienbesuch im italienischen Restaurant, Alltagsslapstick.

Mein Dorf am Ende der Welt: Das Bekenntnislied zum Rückzugsort, einmal mehr von Reinhard Mey feinfühlig eingefangen.

Alle Soldaten woll’n nach Haus: Das hoffentlich verinnerlichende Plädoyer an die Soldaten, das Soldatendasein zu beenden, wird mit Heinz Rudolf Kunzes, Klaus Hoffmanns und Klaus Scheibners Liedermacher-Gesangskollegen-Strophengesangsbeiträgen auch in etwas über sechs Minuten eindrucksvoll unterstrichen, und am Ende singen sie alle zusammen, wieder bewusst gassenhauerisch.

Zwischen allen Stühlen: Der Sohn wird erwachsen, der Vater muss es zur Kenntnis nehmen, für ihn ein nicht einfacher Lernprozess. So viele Lieder Reinhard Meys beschreiben Ur-Familiäres, das wohl viele mit- und nachempfinden können, vielfach aus eigenem Erleben. Aber mit solchen Worten und auf seine so persönliche Art singt Reinhard Mey Lieder wie dieses halt doch einmalig.

Ich hab‘ meine Rostlaube tiefergelegt: Der spielmannsartige Sentimental-Blues mit viel textlichem Autobezug ist ein Danklied an die erste Liebe. Ganz anders hat diese etwa auch Udo Lindenberg erstmals 1976 auf der LP „Sister King Kong“ besungen, aber die Autorückbank ist hier wie dort eine ganz, ganz wichtige Station.

Die Kinderhosenballade: Bei den Studioproduktionen davor wäre so ein heiteres Lied, das beschreibt, wie eine Hose von Kind zu Kind weiterwandert, als nettes Familienliedchen, typisch Mey, mitgenommen worden. Hier wird es durch das exzeptionelle, farbenreiche, witzige Arrangement unglaublich aufgewertet. Man weiß, dass Mey solche Lieder in seinen Konzerten solo nur mit Gitarre noch unvergleichlicher, noch authentischer vorzutragen versteht, aber mit Arrangements wie diesem, ein kammermusikalisches Kunstwerk vom Feinsten, gewinnen auch solche anekdotisch-alltagsbetrachtenden Familienlied-Studiofassungen ihre Gleichwertigkeit gegenüber den Liveaufnahmen.

Golf November: Und noch ein ganz großes Lied, eine spannende Liederzählung, die Schilderung eines Rettungsflugeinsatzes. Es beruht auf einer wahren Geschichte. Am 23.12.1986 brach ein vierjähriges Kind ins Steinhuder Meer bei Wunstorf ins Eis ein. Die Rettung besorgte der Rettungshubschrauber „Christopher 4“ (D-HKGN – GN für Golf November). Reinhard Mey nimmt sich Zeit dafür, er nimmt die Hörerschaft da ganz unmittelbar mit auf diese letztlich gottseidank lebensrettende Geschichte. Und einmal mehr dankt Mey damit herzlich und niveauvoll einer Berufsgruppe, die für Andere da ist, hier unter teilweise höchster Gefahr.

Wir: Und die CD schließt mit einem weiteren ganz wichtigen, großen Reinhard Mey Lied, das die Abgeschliffenheit einer Beziehung nach mehreren Jahren des Zusammenlebens aus der Sicht sowohl des Mannes als auch der Frau erzählt. Reinhard Mey verzichtet hier auf die naheliegende Duettfassung, er singt beide Positionen selbst. Im Jahr davor hat übrigens auch Udo Jürgens ein Lied „Wir“ auf seinem Album „Ohne Maske“ veröffentlicht, er bezieht das „Wir“ aber globaler auf die Kinder, die die Zukunft hoffentlich verantwortungsbewusst gestalten werden. „Wir sind uns´re Zukunft“, Udos Conclusio, ist freilich auch die Meys im privateren Beziehungslied.

Das CD Cover bleibt konventionell, ein übliches Schwarzweißfoto, Reinhard Mey mit der Gitarre, rechts das Wort Farben mehrfarbig von oben nach unten. Die Rückseite mit dem Schwarzweiß-Familienfoto ist durchaus wieder ein bekenntnishaftes Statement, das aber auch eindeutig suggeriert: Bis hierher und nicht weiter.

Was die Lieder selbst betrifft so merkt man sich als gerne die ganz sensiblen Lieder Mögender hier gleich sieben Lieder „für ewig“ vor, Mein Berlin, Kleines Mädchen, Allein, Mein Dorf am Ende der Welt, Zwischen allen Stühlen, Golf November und Wir, ein starker Schnitt; und alle anderen als schon allein wegen der Arrangements auch unbedingt öfter wieder zu Hörende. Den Liedern geben die Gruppe „L´Art de Passage“ rund um den Akkordeonisten Tobias Morgenstern, die damals noch nicht so arrivierte Gruppe PUR und weitere ausgesuchte hochsensible, einfühlsame Studiomusiker wie etwa der Gitarrist Ian Melrose den erstaunlichen, akustisch plötzlich so ausgereift wirkenden Schliff.

Man vermerkt diese Produktion also als die „Arrangement-Schnitt-Produktion“ Meys. Hier beginnt das „Manfred Leuchter Zeitalter“, das die Musik der Studioproduktionen nach den langen routinierten „Mittel zum Zweck“ Zeiten endlich zum absolut gleichwertigen Element jedes Reinhard Mey Liedes erhebt.

Die Homepage von Reinhard Mey: https://www.reinhard-mey.de/

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