Alles was bleibt

 in FEATURED, Politik

Alle Versuche, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern, sind gescheitert — aber auch die schlimmste Zeit wird einmal ein Ende haben. Die Helden sind müde. Wer in den vergangenen Corona-Jahren versucht hat, das Bewusstsein der Bevölkerungsmehrheit zu schärfen, sah sich bald entmutigt. Die meisten blieben lieber unbewusst, weil sich das offenbar bequem anfühlt, und beeilten sich, dem jeweils nächsten Wahn-Narrativ hinterherzulaufen: Russen hassen, aufrüsten, kürzer duschen. All die Energie, die Aktivisten eingesetzt haben, um sich gegen den Lauf der Dinge zu stemmen, scheint vergebens gewesen, scheiterte an einer sich herrisch gebärdenden Dummheit. Es ist an der Zeit, Bilanz zu ziehen, und aufzugeben scheint erstmals eine wirklich realistische Option. Dennoch gibt es einen Gedanken, an dem sich unser Autor noch festhalten kann. Ulli Frühhaber

 

Eingeständnis

Schon seit geraumer Zeit versuche ich, Worte zu finden, die das Unfassbare angemessen beschreiben könnten. Oft fing ich an und hörte dann doch wieder auf, da alles schon gesagt worden ist. Auf sämtliche Defekte dieser Gesellschaft wurde in jedweder Form hingewiesen, doch die Masse der Menschen möchte sie offensichtlich nicht wissen. Ich werde das nicht ändern. So gern ich sie erreichen will, ich erreiche sie nicht. Wir alle erreichen sie nicht, egal was wir tun. Sie werden uns erst hören, wenn es zu spät sein wird. Sich das einzugestehen, war nicht leicht.

Also wozu noch etwas schreiben? Ich dachte lange darüber nach. Stets mit der Kamera ausgerüstet, ging ich des Öfteren in die Natur oder fuhr umher, ohne zu wissen, wohin ich will. Ich sinnierte über die Energie, die wir auf die Straße brachten, die Hoffnung, die wir hatten, in diesem kurzen Zeitfenster tatsächlich so etwas wie eine Wende herbeizuführen.

In Gedanken vereint, fühlten wir uns, als könnten wir diesem Unrecht die Stirn bieten und glaubten daran, dass der Funke der Wahrheit auf unsere Mitmenschen überspringt. Nach zwei Jahren des Kampfes muss ich jedoch konsterniert feststellen, dass die Dinge noch schlimmer geworden sind und die Wut der Verzweiflung gewichen ist.

Mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht, dass diese Gesellschaft am Ende ist.

Sinn und Antrieb

Also noch einmal, wofür das alles? Wozu noch etwas schreiben? Ich habe für mich eine Antwort gefunden. Ich tue es für die Nachwelt. Für die Zeit, die nach der unvermeidlichen Katastrophe hoffentlich existieren wird. Ich dokumentiere und beweise damit, dass nicht alle blindlings folgten. Dass es Menschen gab, die hinterfragten, die die Dinge als Ganzes betrachteten, die ihr ungutes Gefühl nicht einfach unterdrückten und sich dem Unrecht entgegenstellten, wohl wissend, ignoriert, diffamiert und ausgegrenzt zu werden. Auf der Website „ich-habe-mitgemacht.de“ gibt es eine beeindruckende Liste von Personen, die sich in den vergangenen zwei Jahren ganz besonders hervorgetan haben.

Der Philosoph Gunnar Kaiser stellte vor kurzem die Frage, wie man mit eben jenen Teil der Gesellschaft umgehen soll und jetzt durch den veröffentlichten Evaluationsbericht eines Besseren belehrt worden ist. Entgegnet man ihnen mit Vergebung oder Vergeltung? Diese Frage brachte mich zum Nachdenken. Wahrscheinlich könnte ich sie jeden Tag anders beantworten, denn mein emotionales Pendel schlägt stetig in eine andere Richtung aus. Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Ich kann keine eindeutige Antwort darauf geben. Wahrscheinlich habe ich nur einen Wunsch: Gerechtigkeit.
Sagen, was ist

Vielleicht gibt es sie gar nicht diese Gerechtigkeit. Wahrscheinlich haben wir uns noch nie tatsächlich verändern können als Spezies Mensch, denn diese Probleme, die es heute gibt, gab es auch schon Jahrtausende zuvor, nur auf andere Art und Weise. Wie oft setzte sich der psychopathischste Auswurf an die Spitze einer Gesellschaft, welcher wie ein Pilzmyzel die Nation unter sich erstickte.

Es wird immer Gewinner und Verlierer geben, Herrscher und Beherrschte und jede noch so harmonische Zeit des Aufbruchs wird wieder und wieder vernichtet, bis ein kurzer Moment des Friedens ausbricht, bevor sich das Rad erneut von vorne dreht.

Eigentlich ernüchternd, aber andererseits besteht das Leben nun einmal aus Geburt und Tod. Alles beginnt und alles endet. Warum dagegen ankämpfen? Schon Rudi Dutschke sagte, dass sich erst etwas ändern wird, wenn die gesellschaftliche Bewusstlosigkeit überwunden wird. Wir haben sie bis heute nicht überwunden.

Auch wenn uns eine schreckliche Zeit zu drohen scheint, so baut mich der Gedanke auf, dass es auch immer ein „danach“ geben wird. Ganz egal, wie es dann aussehen mag, die Natur und die Schönheit bleibt bestehen. Einen Teil von ihr hielt ich in den vergangenen Monaten fest. Vielleicht animiert sie, sich für einen Augenblick an ihr zu erfreuen und Kraft zu schöpfen, denn sie ist alles, was bleibt.

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Dank an den Rubikon, www.rubikon.news, wo dieser Artikel zuerst erschienen ist.

Showing 5 comments
  • Rolf B.
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    Vielen  herzlichen Dank, Ulli Frühhaber, für diesen wunderbaren Text! Jede Zeile spricht mir aus der Seele, ganz genauso empfinde ich es auch, und ich weiß, es geht vielen so.. Und zugleich, bei aller Resignation,  schlummert auch in mir die Gewissheit: wir sind gar nicht so wenige, und so vereinzelt, wie es immer scheint; ganz im Gegenteil, es handelt sich noch immer um Millionen von Menschen, die sich der kalten, transhumanistischen Agenda verweigern. Aber die Enttäuschung, die Trauer darüber, wie gut die Manipulation der Massen , die Hypnose gewirkt hat und wirkt, die bleibt, und sie macht auch mich jeden Tag fassungslos. Wer z. B. solche Bilder sieht, aus Asien, der weiß, was auch „uns“, hier in Europa bald  drohen könnte:

    „Egal wie das Wetter ist, Sie müssen Ihren täglichen obligatorischen Covid-Test machen, um zu beweisen, dass Sie nicht Covid-positiv sind. Und QR-Codes und ein Covid-Pass stellen sicher, dass jede Ihrer Bewegungen jede Minute beobachtet wird.“ :

    https://twitter.com/i/status/1547507501528137734

    Deswegen bleibt es eine Verpflichtung, die Wahrheit auszusprechen, das Unrecht und die Lüge anzuprangern und aufzudecken,  friedlich und bestimmt, für jeden Menschen, der noch etwas Rückgrat hat. Kraft können wir schöpfen, aus der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, aus der Natur, oder zum Beispiel einfach aus den Augen eines kleinen Hundes.- Es ist also nicht nur die Gewissheit einer zeitlosen Verpflichtung , über unseren Tod hinaus, sondern auch die einer noch immer wichtigen und existierenden Gegenwart! 😉 Danke und Alles Gute!

  • Volker
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    Sehe mir gerade Seifenblasen auf meinem Monitor an.
    Blasen stupsen andere Blasen, alle sind in Bewegung, stupsen sich weiter.
    Gibt es versteckte Tiefgründigkeiten hinter Bildschirmschoner, deren Aussagekraft uns gar nicht bewusst wird?
    Man darf sich wohl Fragen noch stellen und darüber grübeln, über verschlüsselte Botschaften sich stupsender Seifenblasen, zumal keiner der Stupser bisher platzte.

    Liest sich blöde, gell. Na und … ++glucks++

    War heute auf der Suche nach Straßenkreide …
    Sie werden sich nun fragen: was will der Typ mit Kreide, ist er nun völlig durchgeknallt.
    Nö. Warum sollte ich durchknallen, hört doch eh keiner.

    Aha. Er wird nicht gehört, weshalb er sich mit hingeschriebenen Kurzbotschaften verständigen möchte, hier und da, ohne Aufsehen zu erregen, beispielsweise beim Binden eines sich gelösten Schnürsenkels auf Bürgersteig, oder bei einer inszenierten Verschnaufpause ein Wort, einen Satz, einen Stups zu hinterlassen.

    Peace

    alles blöd

    bitte nicht stolpern

    So Sachen halt.

    Finden Sie nicht gut, in meinem Alter dazu noch?

  • Cornelia von Nutz
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    Doch, finde ich sehr gut Volker, besonders die Idee mit der Straßenkreide. Erich Fried, der gerade in Form einer Seifenblase an mir vorbeiflog, signalisierte mir unmissverständlich, dass er diese Sachen auch zu würdigen weiß. Nur die Regierungsverantwortlichen und der Deutsche Rundfunkrat, die Intendanten in den angeschlossenen Sendeanstalten schließen ganz fest ihre Augen, verfallen mit Dr. Murke in gesammeltes Schweigen und zählen die Millionen, die  der „Beitragsservice“  auch in diesem Monat wieder für sie  eingenommen  hat. Übrigens auch von den Menschen aus der „Querfront“, dieser Mischung aus Selberdenkern, Aluhüten, Pazfisten, Putinverstehern, Impfunwilligen  und anderen untragbaren Elementen aus dem „radikalisierten Querdenker-Milieu“. Unverantwortlich!
  • Volker
    Antworten
    Ehrlich gesagt, ich traue mich nicht so recht, Kleinstadt mit Bad vor dem Namen halt. Da muss man schon höllisch aufpassen, den Kurbetrieb nicht zu stören, will schließlich nicht waterboarden, wäre auch nicht im Sinne des Herrn Kneipp, sollte ich eines Morgens aus einem Wassertretbecken gefischt werden, mit einem Trichter im Hals.
    Doch, so Sachen soll es geben, hatte ich mal gelesen, aber schnell wieder vergessen, lebe schließlich nicht im Mittelalter, obwohl ich schon den Eindruck habe, von Folterknechten umgeben zu sein.

    Meinen Selbsterhaltungstrieb könnte man schon als Ausrede deuten, oder, dass ich einfach zu geizig wäre, in gefühlter Nachbarschaft der EZB bunte, bezahlbare Straßenkreide zu organisieren, zum Preis eines Blumenkohls oder 2,5 Kilo Kartoffeln – weia, nö.

    Morgen werde ich bei TEDI nach Billig-Revoluzzer-Kreide nachfragen, mit einem Multifunktionstuch getarnt, dass ich für zwei Euro bei KIK halb geschenkt bekam.
    Ja, ich mag Billig-Läden, da ist Unsereins unter sich, dort kann man voll abgerissen aussehen, fällt gar nicht auf. TEDI sponsere ich gerne aus meinem Warenkorb, um Arbeitsplätze zu sichern, billig zwar, aber immerhin für eine Weile sicher. Kenne meine gesellschaftliche Verantwortung und werde meinen Pflichtbeitrag dazu leisten, damit mein Land wieder auf die Beine kommt. Wir sind ja noch wer… oder?

    Neulich las ich an der Eingangstür, man suche Mitarbeiter*innen auf der Suche nach Selbstverwirklichung in einem aufstrebenden Billig-Unternehmen.
    Geil, was TEDI Billig-Malochern alles bietet: vergünstigte Sportaktivitäten beispielsweise, und, ++ glucks ++, Ehrung bei Erreichen eines Firmen-Jubiläums, wahrscheinlich mit Urkunde, auf Billigpapier gedruckt, mit einem Billig-Rahmen versehen, inklusive Billig-Nagel und Billig-Hammer.

    Sollten Sie, verehrte Kommentatorin, demnächst einer Kreidespur folgen, plötzlich vor einem Gullideckel enden, einen Arm erblicken, Kreide in der Hand, zerren Sie mich bitte wieder nach Oben.

    Wahrscheinlich klickte ich 2 mal auf Abschicken, weshalb ich mich höflich bei Herrn Kommentarfreischaltung entschuldigen möchte. An manchen Tagen fehlt mir einfach der nötige Durchblick.

  • MoW
    Antworten

    Mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht, dass diese Gesellschaft am Ende ist.

    erst wollte ich Widerspruch einlegen. Dann dachte ich aber, jedem Emde wohnt ein Anfang inne.

    Allerdings fühle ich dennoch und immer noch den Wunsch, Einfluss zu nehmen. Verantwortung sozusagen.

    Damit das Neue nicht am Ende genau das ist worauf die Herrschenden hinaus wollen.

    Es wird nicht einfacher.

     

    Dennoch bemühe ich mich um emotionalen Abstand. Sehe mich nach aufreibenden Monaten des Bemühens um Kenntnisse, Einordnung usw. mehr als Beobachterin und Überlebende, denn als Kämpfende.

     

    Die Spaziergänge kamen mir zunehmend irrlichternd vor, auch wenn es sicher gut war zu wissen, ca. 300 Leute kommen auch in einem Provinzstädtchen zusammen um gemeinsam einen Weg zu gehen. Sie kratzten nur ein wenig, da weitgehend totgeschwiegen. Der sog. Widerstand scheint sich immer wieder zu sehr auf „alt-mediale“ Kampagnen zu verlassen, statt im hier und jetzt und lokal Lösungen zu suchen.

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