Am Literaturkamin (9)

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Eine Fußspur im Eßsalon
Holdger Platta, in memoriam A. C. D.

(Anmerkung der Redaktion: Alle LeserInnen dürfen mitraten, welche AutorInnen, die Holdger Platta zu seinem Gedicht inspiriert haben, sich hinter diesen Initialen verbergen. Die Auflösung wird am kommenden Montag verraten)

Der Regen schlug düster ans Fenster, als wollte
die Welt draußen untergehen. Der Mann aber
saß ruhig in seinem Sessel, scharfsinnig und dünn,
und saugte an seiner Pfeife blauen Dunst ein.

Der Doktor stand am Kamin, rundliche Bravheit
wie stets, und machte sich seine Gedanken,
die wie immer nach Porredge rochen und Tee,
nach ordentlichem Frühstück also wie auf Rezept.

Da klingelte es an der Tür, das weiche Poltern
der Haushälterin auf dem Flur und dann eine helle
Frauenstimme vom Treppenhaus her.
Der Mord kam, wie immer, als derangierter Faltenrock ins Haus.

Der Mann schloß messerscharf von der Nase der Frau
auf ihren Fahrschein im Täschchen, und ihre Frisur verriet ihm
unweigerlich, daß sie als fünftes Kind zur Welt gekommen war,
als Tochter eines britischen Marineoffiziers (die kleine Zahnlücke
der Dame sprach dabei eindeutig für die Kronkolonien.)

Später kamen dann noch nervöse Pferde ins Spiel (gern
verlagern sich die Bluttaten von London aufs gutartige Land).
Ein Schloßherr trat aus dem Park mit einer karierten Weste
vorm Bauch (was auch in diesem Fall ein finster gefälschtes Alibi war),
und der Mann fand an der Decke des Eßsalons eine Fußspur.

„Das ist der Beweis, mein Lieber, wir haben es mit einer
Erbschaftssache zu tun, wir müssen sofort nach Soho!“
Der Mann blitzte vor lauter Scharfsinn, und seiner Lupe
entging nichtmal das verdächtige Tschilpen der Spatzen
an diesem verregneten Indizientag voller April.

Am Ende dann löste sich mal wieder die Welt
in lauter Erklärungen auf, es war ein sonniger Tag
vor dem Fenster. Der Arzt staunte wieder einmal
über die enorme Intelligenz seines Erfinders,
und am stärksten bewunderte dieser sich selbst.

Der Detektiv aber stand am verrauchten Kamin und durfte
in der Times erneut voller Jubel und Lobpreis
den eigenen Namen entdecken. Der Arzt dachte artig
wie immer, trank seinen Tee und gab sich den Porredge auf,
um es, wie auf Rezept, zu sich zu nehmen.

Scharfsinn haben wir kennengelernt, Pfeifenrauch und
Geigenspiel, die Bakerstreet bei düsterem Wetter und,
mitten zwischen verdreckten Wiesen und Moor,
eine schwarzlederne Tasche gegen den Weltuntergang,
mit unserem Arzt, der rosig all unsere Fragen gestellt hat.

 

(Auflösung des “Rätsels” aus dem Gedicht vom vorigen Montag: Thomas Mann)

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