Ansteckende Spannung

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Olivia Molina in der Netflix-Serie „La Valla“. Keines Sorge, das Bild ist reine Fiktion und hat mit der Realität in Deutschland nichts zu tun.

Hollywood-Filme und Fernsehserien beschäftigen sich verstärkt mit dem aktuellen Thema „Epidemien“. Seuchenthriller gehen viral. Nachdem Klassiker wie „Contagion“ im Jahr 2020 zu neuem Ruhm gelangten, erleben wir derzeit im Fernsehen und bei Streaming-Anbietern eine zweite Welle der Endzeitvisionen mit besonderer Betonung auf ansteckende Krankheiten. Keine Wunder, könnte man meinen, denn auch andere geschichtliche Ereignisse wie der Mauerfall oder der RAF-Terrorismus wurden vielfach filmisch aufbereitet. Das Besondere am derzeitigen Boom: all diese Filme und Serien wurden schon „vorher“ produziert. Besitzen die Drehbuchautoren prophetische Gaben, oder muss man lediglich das Schlimmste an die Wand malen, um dann Jahre später als genialer Visionär zu gelten? Die Filmemacher haben jedenfalls Entwicklungen aufgegriffen, die „in der Luft“ lagen. Das gilt für die Gefährlichkeit von Viruserkrankungen wie für überschießende Reaktionen der Staatsmacht. Roland Rottenfußer

„Waschen Sie sich die Hände, als ob Ihr Leben davon abhinge“, spricht die gutaussehende Frau mittleren Alters fast flehentlich in die Kamera. Dabei streckt sie dem Zuschauer eine einfache, weiße Seife entgegen und wäscht sich die Hände ausführlich und demonstrativ. Als „Titanic“-Star hat Kate Winslet so ihre Erfahrungen mit Wasser. Auch Matt Damon, im Home-Office leicht derangiert wirkend, scheint besorgt um seine Zuschauer: „Sie können tatsächlich Leben retten, indem Sie sich voneinander fernhalten“. Was die beiden Hobby-Virologen gemeinsam haben? Sie wirkten 2011 in Steven Soderberghs Seuchenthriller „Contagion“ mit. Die Hygiene-Videos waren Teil einer Kampagne ehemaliger Mitglieder des Casts zum Start der ersten Corona-Welle Anfang 2020. Damals kletterte der Film in den Streaming-Charts abermals ganz nach oben.

Kein Wunder. Abgesehen davon, dass die Sterblichkeit in dem Hollywood-Thriller bei nahezu 100 Prozent liegt, ist das Werk erschreckend realistisch. Zur ultimativen Tod bringenden Tat wird das Berühren von Gegenständen erklärt, die Soderbergh bedrohlich in Szene setzt. Drastisch zeigt der Film auch mittels Splitscreen-Technik die Dynamik der Exponentialkurve. Jeder Infizierte wird nach kurzer Zeit unter Zuckungen dahingerafft. Gezeigt werden Panik, Schutzmasken, Ganzkörper-Schutzanzüge und Desinfektionsmittel, verlassene Straßenzüge, Menschen in Quarantäne und ein „starker Staat“, der durchgreift. Schlimmer, als wir es aus der Realität kennen, sind etwas der Zusammenbruch der Müllversorgung und Plünderungen durch die Bevölkerung. Interessant: Wie in der Realität, ist die Seuche auch im Film eine Zoonose, eine Krankheit, die von Tieren auf den Menschen übertragen wurde.

Die böse Alternativpresse

Drehbuchautor Scott Z. Burns arbeitete damals eng mit Ian Lipkin zusammen, Professor für Epidemiologie und Direktor des Zentrums für Infektionen und Immunität an der Columbia University, sozusagen der US-amerikanische Christian Drosten. Die Filmemacher ließen in ihrem Thriller deutlich volkserzieherische Absichten durchblicken. So steht die Figur des perfiden Bloggers Alan Krumwiede (Jude Law) stellvertretend für jene Kräfte, die heute als „Leugner-Szene“, oder auch als „Alternativpresse“ bezeichnet werden. Krumwiede lässt sich im Film von den Herstellern des Naturpräparats „Forsythia“ bestechen, um dieses in seinem Blog als Heilmittel gegen das Virus anzupreisen. Er wird am Ende verhaftet, seine absurde Theorie einer Regierungsverschwörung erweist sich als heiße Luft.

Am Ende hilft allein das rettende Impfserum, also Schulmedizin. Eine befreite Menschheit steht zur die komplette Durchimpfung Schlange. „Impfgegner?“ Fehlanzeige. Die Botschaft lautete: Wenn Regierungsbehörden und Schulmediziner etwas befehlen, tust du besser daran, ihre Anweisungen zu befolgen. Diese gegenüber dem „Mainstream-Narrativ“ absolut unkritische Haltung irritierte mich schon bei meiner ersten Sichtung des Films. „Contagion“ zeigt gekonnt die Schattenseiten der allgegenwärtigen Vernetzung und die Gefährlichkeit gerade dessen, wonach sich Menschen am meisten sehnen: Kontakt. Nach dem Anschauen des Films keimt wohl in vielen die Sehnsucht nach einer absolut keimfreien Gesellschaft, nach einem Leben in der heimischen Isolationszelle, die man allenfalls zum Einkauf von neuem Sagrotan-Spray wieder verlässt.

Massenmord für die Volksgesundheit?

Vergleichsweise kritisch ließ sich die Mutter aller Seuchenthriller an, „Outbreak“ von Wolfgang Petersen, der schon 16 Jahre früher erschienen war. Dustin Hoffman als Militärmediziner muss dabei nicht nur gegen ein durch Kontakt zu einem Äffchen übertragenes Killervirus kämpfen, sondern auch gegen eine Verschwörung innerhalb hoher militärischer Zirkel, die den Krankheitserreger als Biowaffe missbrauchen wollen. Drastisch wird die Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten unter Quarantäne gezeigt, wenn etwa Panzer durch die Kleinstadt Cedar Creek fahren und Einwohner brutal in ihre Häuser zurückgescheucht werden. Die Stadt wird von Soldaten eingekreist, keiner kommt mehr heraus, und ernsthaft wird erwogen, sich des Seuchenproblems um der Volksgesundheit willen durch einen Atombombenabwurf zu entledigen, bei dem potenziell Infizierte wie Gesunde ums Leben kämen. Da ist man dann doch froh um vergleichsweise milde Gestalten wie Markus Söder. Natürlich verhindert Hoffman den Massenmord in letzter Sekunde in James Bond-Manier. Gleichzeitig wird der „schuldige“ Affe gefunden, wird aus seinem Körper ein probates Impfserum gewonnen.

Das Hollywood-Happy-End beantwortet jedoch nicht die Frage, was geschehen wäre, hätte man den Impfstoff nicht so schnell herstellen können. Ohnehin wird die Herstellungsdauer in Thrillern extrem verkürzt dargestellt. In Wahrheit kann ein ausreichend getesteter und somit verantwortbarer Impfstoff zwischen zwei und fünf Jahren benötigen. Aber wer wird so wählerisch und so zögerlich sein, wenn die Auslöschung der Menschheit unmittelbar bevorsteht? Im Film wird drastisch der Übertragungsweg gezeigt, bei dem eine Frau ihren vor lauter Grippesymptome schon schnaubenden Geliebten fahrlässig auf den Mund küsst. Auch färbt sich in einer Ausbreitungssimulation eine Weltkarte Schritt für Schritt blutrot.

Kein Mitleid mit „Zombies“

Die Logik der eskalierenden Ansteckung erinnert sowohl an das Vampirgenre als auch an manche eher unappetitlichen Zombiefilme. In beiden Fällen ist es für noch Gesunde nicht ratsam, gegenüber den schon zu Monstern Mutierten Milde walten zu lassen. Wer dem Kranken nicht rechtzeitig den Gnadenschuss gibt, sieht sich – wie in der Hitserie „Game of Thrones“ – bald selbst in den Reihen der Untoten marschieren. Diesbezüglich ist verräterisch, dass sich Markus Söder beim virtuellen CSU-Parteitag Ende September mit einer Tasse zeigte, die als Aufschrift das Game-of-Thrones-Motto „Winter is coming“ trug. Das signalisierte wohl gesteigerte Zombie-, sprich: Virusträgergefahr.

Trotz des human wirkenden Endes könnte „Outbreak“ also durchaus suggerieren, dass bei einer weltweiten tödlichen Bedrohung eigentlich kein Mittel drastisch genug sein kann. Einschränkungen der Bürgerrechte wären da noch das mindeste, was ein handlungsfähiger Politiker zu tun hätte – die Auslöschung von Bevölkerungsteilen nicht ganz außerhalb des Vorstellbaren. Von einem „Bürgeropfer“ war ja auch in einem bisher rein fiktiven Szenario der Terrorbekämpfung die Rede – im Fall, dass Terroristen mit einem voll besetzten Flugzeug in ein Fußballstadion zu crashen drohen und verantwortungsvolle Luftwaffenoffiziere die (relativ) wenigen Unschuldigen opfern müssten, um die vielen zu retten. Ein weiterer Unterschied zwischen einem Seuchenthriller und der Realität besteht übrigens darin, dass die Behörden in ersterem versuchen, den Vorgang nicht aufzubauschen, um eine Panik zu vermeiden.

Der Staat ist das Monster

Noch regierungskritischer zeigte sich der geniale südkoreanische Regisseur und Oscar-Preisträger Bong Joon-ho in seinem Monster-Thriller „The Host“ (2006). Darin sucht ein durch Umweltschäden mutierter Riesenfisch auf Beinen Seoul heim. Tatsächlich zeigt der Film Zusammenhänge auf, wie sie unlängst auch der Biologe und Bestsellerautor Clemens G. Arvay in seinem Buch „Wir können es besser“ beschrieben hat. Der Mensch erzeugt durch seine desaströsen Eingriffe in das Ökosystem Katastrophen; anstatt dass ein Umdenken stattfindet, nutzt die Staatsmacht die Gelegenheit jedoch, um Eingriffe in die Freiheitsrechte vorzunehmen. So wird der Monster-Angriff von den südkoreanischen Behörden irrtümlich (oder manipulativ) als Folge einer Seuche dargestellt. Menschen, die angeblich Monster-Kontakt hatten und als Virus-Überträger gelten, werden von Ordnungskräften in Ganzkörper-Schutzanzügen eingefangen und in Isolationshaft genommen.

Die taz schrieb in einer Filmrezension, der eigentliche Gegner der Filmhelden seien das Militär, die Polizei, Ärzte und Wissenschaftler. Unter diesen befinde sich „keiner, der durch Korruption, Inkompetenz, Größenwahn oder schiere Dummheit eine schlimme Lage nicht in eine katastrophale verwandeln könnte.“ Den Staatsorganen komme es vor allem auf Kontrolle über die Bevölkerung an: „Zu diesem Zweck kann jeder zum ‚Host‘ erklärt werden: zum Wirtskörper, der schädliche Viren, staatsfeindliche Gedanken oder umstürzlerische Absichten in sich trägt.“ Die Kühnheit, ein Szenario zu zeigen, bei dem ein von Behörden so deklarierter Virus gar nicht existiert, besitzt sonst kein mir bekannter Seuchenthriller.

„Die Pest“ auf der Nordseeinsel

In jüngster Zeit nahmen die filmischen Darstellungen von Pandemien nochmals rasant zu. Auffällig ist dabei, dass die Dreharbeiten zu allen Filmen – zumindest aber die Arbeit an den Drehbüchern – abgeschlossen gewesen sein mussten, bevor Corona im Februar 2020 die Presse ging. Unter anderem trifft dies beim Streamingdienst Netflix auf den extrem düsteren Zombie-Thriller „Pandemic“ sowie die dänische Serie „The Rain“ zu, in der eine Gruppe Jugendliche eine postapokalyptische Welt durchstreift, die aufgrund eines giftigen Regens fast unbewohnbar geworden ist.

Gespenstisch realistisch wirkt die in der ZDF-Mediathek noch immer verfügbare Pandemie-Serie „Sløborn“ von Christian Alvart. Dabei wird auf einer fiktiven Nordseeinsel ein personeller Mikrokosmos gezeigt, der in kleinen Schritten vom Ausbruch einer Pandemie überschattet wird. Der begrenzte Raum erzeugt Beklemmungsgefühle, ähnlich einer wegen Pest unter Quarantäne stehenden mittelalterlichen Stadt. Die Filmreihe mit Wotan Wilke Möhring geht dem Zuschauer buchstäblich nahe, weil die Bedrohung sich auf bekanntem, deutschem Terrain einschleicht. Wenn Sicherheitskräfte Menschen evakuieren und in – vielleicht Tod bringende – Internierungslager verschleppen, so handelt es sich um vertraute Bundeswehrsoldaten.

Man glaubt kaum, dass die Serie schon „vorher“ konzipiert worden war, wenn Zwangstests, Maskenpflicht und Ausgangssperren verhängt werden. Unrealistisch ist dabei allenfalls das Szenario einer sich heftig widersetzenden Bevölkerung. Die Serie ist einerseits kein Futter für „Virus-Leugner“, da eine tatsächliche massive Gesundheitsgefährdung vorliegt. Eher werden teilweise die Verdränger kritisiert, die das Problem herunterspielen und sich somit unverantwortlich verhalten. Andererseits wirkt es überaus erschreckend, wenn gezeigt wird, wie schnell diktatorische Elemente in eine „normale“ bundesrepublikanische Realität einbrechen und diese in einen dystopischen Alptraum verwandeln können.

Freiheit kontra Sicherheit

Eine sehr wirkungsvolle, vielleicht noch radikalere Virus-Dystopie ist die spanische Produktion „La Valla“, derzeit auf Netflix zu sehen. Darin brach in der Folge einer Virus-Epidemie sogar ein Krieg aus. Spanien verwandelte sich in ein zerstörtes und zutiefst verstörtes Land. Wenn der Zuschauer in die Serie einsteigt, findet er eine schon fest etablierte totalitäre Diktatur vor. Überall patrouillieren Soldaten, von denen die Menschen rüde gemaßregelt werden. Ausgangssperren, Überwachungsdrohnen, Propaganda in Dauerschleife, ein ausgeklügeltes Spitzel- und Blockwartsystem beherrschen den Alltag der Menschen. Ein Leben gilt angesichts allfälliger Verhaftungen und Erschießungen durch Ordnungskräfte nicht viel. Madrid ist dabei streng in zwei Zonen eingeteilt – eine für die reichen Eliten, eine für den „Plebs“. Das Heldenpaar Hugo und Julia ergattert einen Dienstbotenjob bei einem Minister; mit ihnen zusammen bekommt der Zuschauer Einblick in beide Welten. Auch zeigt die Serie lebensgefährliche Experimente an Kindern, die von der Staatsmacht zusammengefangen und in speziellen Heimen untergebracht werden. Es läuft eine perfide Regierungsverschwörung, die offenbar auf die Produktion eines speziellen Impfstoffs hinausläuft.

Die prophetische Aussage der Serie gleicht jener, die wir aus Filmklassikern wie „V wie Vendetta“ kennen: „Und die Menschen hatten große Angst und forderten starke Regierungen. Und im Namen der Sicherheit nahmen sie den Menschen die Freiheit“. Es ist nicht allzu schwer zu erraten, was ich mit der Auswahl dieses Zitats auszusagen versuche. Im Film regt sich jedoch Widerstand in der Bevölkerung. Und tatsächlich weiß ich zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Artikels noch nicht, wie die Serie ausgeht. Es fehlen mir nämlich noch die letzten Folgen, von denen in nächster Zeit nur jeweils eine pro Woche gezeigt wird. Ich kann also nicht sagen, wie das alles endet. In der Serie wie auch in Wirklichkeit.

Showing 3 comments
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    Axel Wartburg geb. Dörken
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    Mir ist die Dystopie nachhaltig im Bewusstsein geblieben, wohl aber nicht der Titel, in der das Fernsehen Pflicht geworden war und der Fernseher 24 Stunden am Tag in jedem Zimmer eingeschaltet zu sein hatte. Totale Propaganda via TV. Systemisch regelmäßig kontrolliert.

     

  • rr
    rr
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    @ Axel Wartburg

    Black Mirror, Staffel 1, Folge 2: „Das Lebens als Spiel“, bei Netflix. 🙂

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    Machtexzesse
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    Ein Meister der realen Inszenierung von Macht und Machtmißbrauch, Macht-Selbstgefälligkeit und dabei wohl auch sexualpathologisch begründetem Machtrausch –

    ist der Söder ! noch schlimmer vielleicht als der Politikverbrecher Spahn, der ja kaum zu übertreffen ist , eigentlich.

    Wieviele Tote beide deswegen schon zu verantworten haben ? – wegen der kriminellen Terrormaßnahmen, nicht etwa ein Virus wäre dafür verantwortlich.

    Wieviele dadurch vorsätzlich in den Ruin, in Schulden und Verzweiflung, in Isolation getrieben wurden, wieviele Kinder psychisch geschädigt wurden –

    das kümmert einen Söder nicht, ihn kümmert sein geiler Machtrausch, seine Selbstgefälligkeit als Diktator herrschen zu können.

    Und diese Sorte verabscheuungswürdigster Machtpolitiker und Landesherren erwartet uns in der Zukunft universell.

    “ Downlocken, niederschlagen könnte man auch sagen, muß man das Volk, zum absoluten Gehorsam erziehen, mit der Peitsche regieren – Widerständige ausrotten, Mussolini hätte eine wahre Freude an diesem Gesinnungsbruder, wohl auch ein Stalin. “

    Im Rausch aber wird man eines Tages ausrutschen, auf die Schnauze fallen und vielleicht dann auch Mussolinis endgültiges Ende selbst erfahren…

    die Bayerische Seele ist eine geduldige auch, doch wenn es ihr reicht, dann gnade ihm nur noch Gott !

    Der Herr Regentus Maximus verteilt ‚hotspots‘ willkürlich von seinem Sessel aus, nicht mehr wissend was er da tut, geistig wohl längst umnachtet im Rausch, hat sich selbst nicht mehr unter Kontrolle, den ‚Normalbürger‘ hätte man längst schon eingeliefert.

    “ da Kini is im See dasoffm – woaßt’as eh…‘

    https://corona-transition.org/anzeichen-von-machtmissbrauch-soder-kundigt-ausgangssperren-fur-bayern-an

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

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