Auf Seiten der Menschlichkeit: Angelika Polak-Pollhammer

 In FEATURED, Poesie

Poesie und Widerstand: Die Lyrik-Reihe auf „Hinter den Schlagzeilen“

 

Franz Waaermann: ‚IT REMINDS ME OF MIRACLES‘

am anfang s wort
s wort zun anfangen
s anfangswort suachn
zun aufhearen
mit den sprachlos sein

 

zivilcourage

d leit sein zommenglaffen
habm zommen gschaugt
zuagschaugt
wia a paar
uan
zommengschlagn habm
wia se zommen auf n
hintretn habm
bis er sig nimmer
griahrt hat
habm alle lei gschaugt

zivilcourage
die leute sind zusammengelaufen
haben zusammen geschaut
zugeschaut
wie ein paar
einen
zusammengeschlagen haben
wie sie zusammen auf ihn
hingetreten haben
bis er sich nicht mehr
gerührt hat

haben alle nur geschaut

 

 

a meer
voll mit leit de dersaufn
s geaht mih nichts an
da kann ma nichts tian
hat ihnen kuaner angschafft zun kemmen
sagn dia
de derweil am strand
um d sunnenschirm raffn
wia die drei affn sein se:
taub für s rearn vo die kinder
sehchn d manderleit nit ruadern
schreien nit für d weiberleit um hilfe
a meer voll leit
und am strand raffn se
immer nouh um d sunnenschirm

ein meer
voll mit menschen die ertrinken
es geht mich nichts an
da kann man nichts tun
hat ihnen keiner angeschafft zu kommen
sagen die
die inzwischen am strand
um die sonnenschirme streiten
wie die drei affen sind sie: taub für das weinen der kinder
sehen die männer nicht rudern
schreien nicht für die frauen um hilfe
ein meer voll menschen
und am strand streiten sie
immer noch um die sonnenschirme

 

 

wahllos

nit fragn
warum
nit fragn
woher
nit fragn
wohin
nit fragn
seahchn
es hat kua
entweder oder
mehr gebm dort
vo wo se her sein

wahllos

nicht fragen
warum
nicht fragen
woher
nicht fragen
wohin
nicht fragen
sehen
es hat kein
entweder oder
mehr gegeben dort
von wo sie her sind

barbarazweig

gschtroaft
am kirschzweig
wia se dih kholt
und in turm
eingschperrt habm
ins finschtere
aber des
was sein sell
lasst sig it weckschperrn
s treibt
ouh in dunkln
weard irgendwann
bliahed

barbarazweig

gestreift
am kirschzweig
als sie dich geholt haben
und in den turm
einsperrten
ins finstere
aber das
was sein soll
lässt sich nicht wegsperren
es treibt
auch im dunkel
wird irgendwann
blühen

 

Von Sprachen und Wundern, von Verantwortung und Herzlichkeit : Gedanken zu Polak-Pollhammers Gedichten (Siljarosa Schletterer)

Angelika Polak-Pollhammer schreibt in Schriftsprache und Dialekt des mittleren Tiroler Oberinntales. Die hier präsentierten Texte sind sowohl in Mundart als auch in der Übertragung ins Hochdeutsche. Sie ist Mitglied des Vereins „wortraum / plattform für oberländer autorInnen“ und zeigt – in der Tradition von Annemarie Regensburger und Hans Haids auf – welch gesellschaftspolitische Kraft in dialektaler Dichtung wohnt. Wenn Angelika Polak-Pollhamer etwas liest, schreibt oder gar veröffentlicht, weiß ein lyrischer Mensch in hiesigen Regionen, dass es aufzuhorchen gilt.  Polak-Pollhamers Texte, Bergkiefern gewachsen im Mundraum des Alltäglichen, wurzeln nicht nur ganz tief, sie berühren auch ebenso umfassende Seelenregionen. Ihre Worte sprechen an, ihre Worte sprechen aus, ihre Worte sprechen sich ein. Direkt. In unser Herz, unsere Erinnerung und unsere Verantwortung. Sie fordern auf nach den Wundern im Zwischenmenschlichenbereich zu suchen und unser Herz zu öffnen über alle gesellschaftlichen Schranken hinweg.

 

Kommentare
  • Avatar
    Brigitta Scherleitner
    Antworten
    Liebe Angelika,

    da trifft jedes knappe Wort genau den wunden Punkt, den so viele vermeiden. Und es wird leider  immer wieder solche Punkte geben, die deine weiteren Worte treffen werden und hoffentlich endlich einmal alle aufrütteln, damit endlich ein Schlusspunkt gesetzt werden kann.

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