Auf Seiten der Menschlichkeit: Franz Josef Degenhardt

 in FEATURED, Holdger Platta, Karikatur, Poesie

Franz Josef Degenhard, Foto: Günter Prust unter Lizenz Creative Commons

1966 war’s, da kam Franz Josef Degenhardts neue Langspielplatte „Väterchen Franz“ heraus. „Väterchen Franz“? – Das klingt rundum nach Gemütlichkeit. Und das sollte es auch. Franz Josef Degenhardt war in diesen Jahren tatsächlich noch der Dichter und Sänger vieler Gemütlichkeiten. Ein Sänger, der eher leise sang, ein Stimmenprotz ohnehin nicht, lediglich mit einer Gitarre auf den Knien, ein Sänger, der ganz wie aus der Nähe klang, ein bißchen wie beim gemeinsamen Sitzen vor einem Kamin, und die Flasche Wein oder der Schnaps neben einem der einzige Luxus im Zimmer.  Holdger Platta

So fing es mit ihm an, so blieb es auch für längere Zeit noch: Franz Josef Degenhardt, der Sänger sozusagen neben uns, der Sänger, der ein bisschen Alltag beschwor, manchmal Märchen sogar, der Sänger, der lediglich zwischen den Zeilen hin und wieder eine ganz andere Welt aufscheinen ließ, eine Welt, die ganz und gar nicht mehr harmlos war, eine Welt, deren Leisesein sich dem Verschweigen einer völlig anderen Welt verdankte – und diese andere Welt, diese Welt der Fast-noch-Fünfziger-Jahre, war alles andere als eine Welt nur der Gemütlichkeiten! Und was man fast völlig zu überhören pflegte, das war die Tatsache, dass dieser Sänger der kleinen, der bescheidenen, der fast nur beschaulichen Lieder zugleich ein hervorragender Lyriker war, ein Dichter, ein Poet! Und – ich werde es zeigen –: ein Beschwörer der Ambivalenzen.

Ich gestehe es: als ich vor einigen Jahren erstmalig sein Lied „Feierabend“ nur las, nicht hörte, wohlgemerkt, „nur“ las – und lange hatte ich es auch nicht mehr gehört, dieses Lied, obwohl es mit eigener Klavierbegleitung zu meinem höchstpersönlichen Gesangsrepertoire gezählt hatte –, da überwältigte mich geradezu die ungeheuer starke Intensität dieses Textes, da schlug mich die Kraft der heimisch-unheimlichen Atmosphäre, die von diesem langen Gedicht ausging, geradezu in den Bann. Erstmalig – es war wirklich so! – entdeckte ich auch den großen und großartigen Texteschreiber Franz Josef Degenhardt! Und ich gestehe auch dieses noch: zum erstenmal ging mir wirklich die immense Könnerschaft des Poeten Degenhardt auf. Was ich an seinem Gedicht und Lied „Feierabend“ im Folgenden auch darstellen möchte, mit einigen Hinweisen jedenfalls. Aber vorher erstmal sein „Feierabend“ selbst. Hier also, zur Gänze, dieses Liedgedicht von „Väterchen Franz“:

 

 Feierabend

Vorstadt – Feierabend,
dick von Fliederduft.
Abendglocken schwingen vogelfrei.
Mauersegler schrei’n,
zersicheln diese Luft.
Küster kichern in der Sakristei.
Süßer Wind weht lind
und lau vorn Ehrenfriedhofhain.
Rasenmäher metzeln
Nachbarscherze kurz und klein.
Lustig flackert’s Licht
im Schlachthaus auf. Die Kälber schrei’n.
Kinder lachen frank
und frei Jehovas Zeugen aus.
Komm – wir geh’n ins Haus.

Schließ die Fensterläden.
Bring mir das MG.
Zapf‘ ein Kännchen Schnaps vom Fass.
Schlaf‘ bei uns’ren Kindern.
Küss‘ mich, und dann geh‘.
Halt – verbrenn‘ noch den Familienpass.
Horch, sie singen Lieder.
Gläser klingen. Siehst du was?
Öffnet man die Kragen?
Ballt man schon die Hand um’s Glas?
Nein, dies Lachen kenn‘ ich –
alles ist noch halber Spaß.
Ich entsich’re erst,
wenn man im Chor und Marschtakt lacht.
Wann beginnt die Nacht?

Braver Bass und Orgeln,
schummrig schwimmt der Tag.
Küster kneten, strampeln, keuchen schwer.
Papas Lied lullt ein
beim Ledernackenschlag.
Orgeln überzeugen mich nicht mehr.
Nein. Ich halt‘ sie noch
im Fadenkreuz, die Wohnungstür.
Diesmal, Lodenröcke,
dieses Mal, da lauern wir.
Wir sind diesmal Jäger.
In die Falle tappt jetzt ihr.
Ich blas‘ euch Halali,
kommt, ist Feierabendzeit,
und ich bin bereit.

Vorstadt – Feierabend,
Fliederduft verweht.
Abendglocken schwingen leise aus.
Mauersegler ruh’n,
die Sicheln abgedreht,
Küster hinken hungrig nach Haus‘.
Kühler Nachtwind bläst
vom Fluss herauf, und Tauben gurr’n.
Frauen kichern, kau’n
die Lippen. Ihre Männer knurr’n.
Greise lecken sich
die Finger, und die Kater schnurr’n.
Langsam weicht der Krampf
im Bauch, löst sich die Hand vom Stahl
bis zum nächsten Mal.

 

Nun, ich denke, der Inhalt dieses Textes liegt offen zutage – fast könnte man sagen: die „Botschaft“ dieses Textes auch. Freunde, traut nicht den Idyllen, in denen Ihr womöglich lebt, traut nicht den Gemütlichkeiten deutscher Abende im Nachkriegsdeutschland! Was da aus den behaglichen Kneipen tönt, brüllt sich vielleicht schon wieder zurück in den Faschismus, der gerademal zwanzig Jahre zurücklag – und niemals wirklich, bis dahin jedenfalls, aus diesem Deutschland verschwunden war.

Klare Botschaft also, klare Warnung auch!  Und ebenso klar ist die zweite Warnung, die zweite Botschaft hinter diesem Beschwören des Unheils, das immer noch droht: die Umkehr der Rollen diesmal, was Täter und was Opfer betrifft. „Diesmal, Lodenröcke, dieses Mal, da lauern wir. Wir sind diesmal Jäger, in die Falle tappt jetzt ihr“. Wer das gesungene Lied noch im Ohr hat, weiß, wie betont Degenhardt das  „Wir“ in Musik gesetzt hat, wie betont auch das „Ihr“. Am kämpferischen Rollentausch kommt kein Zweifel auf, am Antifaschismus dieses Liedes „Feierabend“ ebenso wenig. Wobei ich darauf aufmerksam machen möchte: das „Feierabend“ hier benennt längst nicht nur eine Tageszeit. Dieses „Feierabend“ spielt auch mit der Wortbedeutung: „Schluss“, „aus“, „Ende des Spiels für Euch, Ihr ‚Volksgenossen‘ von einst“! Und ich bin sicher, dass bereits in der Überschrift zu diesem Gedichtlied beides gemeint ist: nicht nur „Feierabend“ als gemütliches Ausruhenkönnen nach des Tages Arbeit und Last, wenn allmählich die Sonne untergeht, sondern eben auch das „Feierabend“, dieses Befehlswort, das herrisch der Herrschaft der früher Herrschenden ein Ende setzt. In den Worten Degenhardts: „Ich blas Euch Halai, kommt, ist Feierabendzeit“.

Aber habe ich damit die starke Wirkung, die immens starke Atmosphäre, die ungeheuer starke Intensität dieses Textes erklärt, seine Doppelbödigkeit und Mehrdimensionalität auch, seine Ambivalenz? Keineswegs! Und das hat mich damals, bei der lesenden Wiederbegegnung mit diesem Text auch besonders interessiert und beschäftigt: wie kriegt der Poet dieses Gedichtes es hin – gerade dann, wenn man diese Lyrik nur liest –, dass man unwiderstehlich hineingezogen wird in eine Idylle, die dann alles andere als Idylle ist?

Nun, ich lade Euch zu einer Überprüfung meiner Hauptaussage dazu ein! Mir scheint, das Geheimnis dieses Textes besteht darin, dessen große künstlerische Tugend auch, dass Degenhardt zur Beschwörung dieser Vorstadtfeierabendidylle gleichsam in zwei Töpfe zugleich gegriffen hat, in denen die Wörter sozusagen bereitlagen für seinen Text.

Da gibt es den einen Topf, der enthält sozusagen das gesamte Vokabular der Gemütlichkeit, von der schon mehrfach die Rede war. Mustert den Text daraufhin durch und prüft die psychische „Ladung“ dieses Vokabulars: „Feierabend, Fliederduft, Abendglocken, Mauersegler, süßer Wind, lind und lau, Nachbarscherze, lustig, lachen“ – das ist die Wörterwelt des Schönen  und Guten, das ist die Wörterwelt der glücklichen Idylle schlechthin, und: diese Wörterwelt wirkt mit ihren Kräften unwiderstehlich auf uns ein. Bilder entstehen, Erinnerungen tauchen auf, Gefühle werden geweckt, die uns gleichsam heimisch werden lassen in einer gleichsam heimatlichen Welt. Aber:

Da gibt es auch noch das andere Vokabular, der sogenannte zweite Topf, und was beschwört diese Wörtersammlung in uns herauf? – Ich zitiere erneut: „Vorstadt, dick, vogelfrei, schrei’n, zersicheln, kichern, Ehrenfriedhofhain, metzeln“. Atemnot, Todesgefahr, Laute des Schmerzes oder der Angst, Schlachthaus, Zerstörung, Leichenareal, Zerfetzen – all diese Assoziationen stellen sich in unserem Wahrnehmen, Erinnern und Empfinden ebenfalls ein! Heißt: in engster Verbindung des einen – des Idyllischen – mit dem anderen – des Bösartigen – kommen die Wörter dieses Gedichtes in unserer Seele an. Und es ist meisterhaft, es zeigt wahrlich den großen Poeten Degenhardt mit all seinem Können, mit all seiner Kreativität, Empfindungsfähigkeit und Kraft, wie er diese engsten Verbindungen des einen mit dem anderen herzustellen weiß! „Herzustellen“ weiß? – Ja, mir ist klar: ein allzu nüchternes Wort. Aber man verkenne nicht die große handwerkliche Könnerschaft bei diesem Gedicht (bis tief in die strophische und strukturelle Gestaltung dieses vierteiligen Gedichtes hinein), man unterschätze auch nicht die Arbeit, die bei diesem Gedicht bei der Arbeit war! Es mindert das Genie dieser Lyrik keineswegs. Im Gegenteil! Aber konkret:

Dass es der “Fliederduft“ ist, der, da „dick“ die Atmosphäre füllend, den Atem nimmt, dass es „Abendglocken“ sind, die „vogelfrei“ schwingen, als könnten sie im nächsten Augenblick des Todes sein, dass es die „Mauersegler“ sind, die „schrei’n“ und die Luft „zersicheln“, als ginge es ums Zerfetzen des Vorstadtfeierabends schlechthin: das alles sind Verknüpfungen (und Verdichtungen) des einen mit dem anderen, des Idyllischen mit dem Unheil, die sich plausibler und sinnlicher kaum denken und ausdenken lassen! Der sorgfältige „Handwerker“ Degenhardt ist zugleich auch der ungeheuer präzise und hochempfindsame Poet. Das eine lässt sich vom anderen nicht trennen – wie im Gedicht nicht, die „Gemütlichkeit“ der Gegenwart eines Vorstadtfeierabends von bösartigster Vorgeschichte, die erneut heraufzudämmern droht in eben diesem „Idyll“.

Ich meine, wer mit allen Sinnen dieses Gedicht aufnimmt und gleichzeitig bei Verstand bleibt, wer sich einlassen kann auf die Sensibilität dieses Gedichtes und auf die Sorgfalt des damals schon hellwachen und politisch engagierten Degenhardts,  eines auch im Formalen hochbewussten Poeten, ich meine, nur der vermag im Ganzen die große Qualität dieses Gedichtes zu erfassen. Und nur der vermag zu erkennen, zur Gänze jedenfalls, wie zweifelsfrei dieses Gedicht auf Seiten der Poesie geschrieben worden ist – und auf Seiten der Menschlichkeit.

Aber hier nun, zum Abschluss, könnt Ihr diesen Text auch noch hören – selbstverständlich in der Interpretation von Franz Josef Degenhardt.

 

 

 

 

Showing 5 comments
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    Ruth
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    Dieses Gedicht versetzt mich in meine Kindheit; in eine Zeit der Verlogenheit und spiessigen Idylle, geprägt von  Vätern und Müttern, die Mittäter waren, aber stoisch schwiegen!

    Ein Gedicht, das mich bedrückt, aber auch ermahnt!

    „Haltet nicht still, erkennt und wehrt Euch!“

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    ert_ertrus
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    Franz Josef Degenhardt – der einzige Chansonnier Deutschlands (auf dem Niveau von George Brassens). Reinhard Mey und Hannes Wader sind großartig, aber eben zu deutsch, um Chansonniers zu sein. Ohnehin ein Wunder der Schöpfung, wie im westfälischen Schwelm ein Chansonnier hat heranwachsen können 🙂

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    Ellen Diederich
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    Lieber Holdger,

    danke für den Artikel zu Franz-Josef Degenhardt. Er war für längere Zeit einer der wenigen Liedermacher, die eine Tradition in den 50er  Jahren begründeten, neue politische Lieder im Kontext der neuen sozialen Bewegungen, insbesondere der Friedensbewegung zu schaffen. Seine Wortwahl, seine Sprache konnte beides, die gesellschaftlichen Zustände scharf kritisieren, aber auch die Schönheiten des Lebens mit hinein zu nehmen.

    Gar nicht einverstanden bin ich mit Deiner Beschreibung des Liedes Väterchen Franz. In meinem Verständnis hat es absolut nichts zu tun mit Gemütlichkeiten. Ganz im Gegenteil. Es ist die Stellungnahme für die Ausgestoßenen der Gesellschaft:

    „…..Und da lebten die im Aussatz, die man nicht ertragen hat: Der SS Offizier, der nachts nicht schlief, sondern schrie, und der Zoodirektor, abgehalfert wegen Sodomie, der schwule Kommunist mit TBC und ohne Pass, und der abgefall’ne Priester, der noch schwarze Messen las, das Hasenschartenkind, das biss, wenn’s bitte sagen sollt‘, und der Schreiner, der partout so wie Jesus leben wollt‘ ,,,,,

    Das Lied endet mit der totalen Vernichtung dieser Aussätzigen:

    Die Bagger kommen, die den Platz zerstören, wo die Aussätzigen und Jugendliche, die sich ihnen angeschlossen hatten, lebten. Das  Jugendliche von diesen Aussätzigen angezogen wurden, war etwas, was nicht zugelassen werden durfte:

    „Dann zunächst fing man mit Netzen alle Bürgerkinder ein, warf den zappeligen Fang in große Waschtröge hinein. Nur die Ausätzigen ließ man und die rannten hin und her, doch der Kreis wurd enger und dann sah man sie nicht mehr.

    Schließlich spritzte man noch Napalm. Wollte Ihr wissen, was geschah, wie das Hasenschartenkind zum Beispiel hinterher aussah?

    Nee, Väterchen Franz, versoffner Chronist, nee Väterchen Franz, sei’s wie es ist.

    Nein, Väterchen Franz, nein Väterchen Franz,

    hör auf mit der Geschichte, Kunst ist doch Genuß.

    Nun gut, Väterchen Franz macht Schluß.“

     

    Das ist in meinem Verständnis kein Wohlfühl Lied!

    Es erinnert an die Räumung in Hamburg, im Hambacher Forst, an die Behandlung der Demonstranten gegen die Atomkraftwerke usw.

    Mit Degenhardts Eintritt in die DKP und Übernahme der Ideologie habe ich ihn verloren.

    Das Lied in dem er beschreibt, wie die Kumpanen ihne fragen;

    „Was soll denn dieser Scheiß, Wo sind deine Zwischentöne, du malst nur noch schwarz und weiß. Na schön, sag ich, das ist richtig, aber das ist jetzt nicht wichtig, Zwischentöne sind nur Krampf, im Klassenkampf!“

    Die Strophen enden immer:

    Zwischentöne oder Schöne Poesie, schöne Künste, Protestieren sind/ist nur Krampf im Klassenkampf. Hier zeigte sich in meinem Verständnis die Enwicklung von Degenhardt in diesem Zusammenhang.

    So schade!

     

    Lieben Gruß

    Ellen Diederich

     

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      Holdger Platta
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      Vielleicht, liebe Ellen, habe ich mich mißverständlich ausgedrückt: ich meinte nicht das Lied „Väterchen Franz“, ich meinte zum einen das – durchaus ironisch gemeinte – Selbstbild vom „Väterchen Franz“, das damals Franz Josef Degenhardt von sich selber entwarf, ich meinte aber auch die Vielzahl seiner Lieder damals, die noch sehr mit den Gemütlichkeiten der Umwelt oder mit Ausflügen in die Märchenwelt spielten, mit höchstprivaten Ausflügen auch – gleich, ob das die „drei glänzenden Kugeln“ waren oder der „deutsche Sonntag“, die „Umleitung“, um nur drei Lieder zu nennen.

      Und das war mir dann besonders wichtig: die großartige Könnerschaft Degenhardts zu zeigen, mit der er mit den Ambivalenzen fast aller dieser Gemütlichkeiten oder Schein-Idyllen spielte, diese Fähigkeit, durch die Oberflächen angeblich nur schöner Welten hindurchzustoßen, um bei der dunklen Wahrheit dieser scheinbar nur hellen Wirklichkeiten zu landen – und wir mit ihm!

      Einschränkungslos Recht gebe ich Dir allerdings, was den Degenhardt betrifft, der dann „Zwischentöne“ nur noch für „Krampf“ halten mochte, und mit seiner Festlegung auf die DKP hatte ich dann genauso wie Du meine Schwierigkeiten. Aber da verirrten sich dann ja auch andere, zeitweilig jedenfalls, etwa Hannes Wader (der das ausdrücklich in seiner Autobiografie anspricht, man kann schon sagen, als Abdriften vom eigenen Weg).

      Wie gesagt: vermutlich hätte ich in der Einleitung präziser formulieren sollen.

  • Avatar
    Axel Kleinecke
    Antworten
    Das Lied war zum derzeitigen Zeitpunkt thematisch eine perfekte Wahl und in seiner Erklärung ist es Holdger treffend gelungen zu zeigen, wie Degenhardt unter der Oberfläche der kleinbürgerlichen Vorstadt-Idylle – und ursächlich mit ihr verknüpft – den neu aufkeimenden Faschismus entlarvt.  Den Zitaten und ihrer ausführlichen Deutung ist hier nichts hinzuzufügen.

     

    Aber Degenhardt entlarvt nicht nur die hinter der selbstzufriedenen Idylle verborgene brutale Aggressivität sprachlich perfekt, bleibt nicht mehr nur der beschreibende, anklagende Poet, sondern greift nun, und das ist neu, als kämpfender Partisan, mit dem Maschinengewehr auf der Lauer, bereit es zu entsichern, aktiv in das Geschehen ein. Die Botschaft ist hier deutlich: Diesmal, Ihr Dreckskerle, ist es anders, diesmal sind wir nicht mehr wehrlose Opfer, diesmal warten wir schon auf Euch.

     

    Die Geschichte der BRD hat leider gezeigt, das Degenhardts poetische Vision bis heute nicht der Realität entspricht, denn der Faschismus erlebt bei uns bis heute in allen seinen Facetten, vom politischen Populismus über eine Verschwörung für einen Staatsstreich im Herzen der Bundeswehr bis hin zum offenen Terrorismus mit politischen und antisemitischen Morden eine erschreckende Wiedergeburt, der staatliche Organe erstaunlich passiv gegenüberstehen. Vielleicht sollten wir die Anspielung auf die Partisanenrolle ebenso wie damals als Hinweis auf einen politischen Untergrund verstehen, der auch heute noch von den gleichen staatlichen Organen als „linksextrem“ viel aufmerksamer verfolgt wird. Das würde bedeuten, dass der echte antifaschistische Kampf im Unterschied zu den vielen bewegenden Reden, die niemandem wehtun, noch immer von versteckten „Kämpfern“ im Verborgenen, im Untergrund der Gesellschaft gegen das herrschende System als die Ursache des Faschismus geführt werden muss.  Dabei bleibt die Frage offen: Wer ist das “Wir” in dem Gedicht von Degenhardt? Gehören wir, die wir dem braunen Mummenschanz nur abwehrend mit schönen humanen Worten entgegentreten, wirklich dazu, oder wagte Degenhardt mit seinem Wir, in das er sich offenbar mit einschloss, eben doch politisch radikalere Menschen, nämlich diejenigen, die, indem sie die Systemfrage stellen,  den offenen Kampf gegen den Kapitalismus führen wollen, und hatte er damit im Rückblick gesehen und mir Blick auf die heutige Welt als Ergebnis des weltweit agierenden Kapitalismus nicht vielleicht sogar recht? .

    Axel

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