Auf Seiten der Menschlichkeit: Gerhard Ruiss

 In FEATURED, Poesie

Poesie und Widerstand: Die Lyrik-Reihe auf „Hinter den Schlagzeilen“, ausgewählt und kommentiert von Siljarosa Schletterer.

 

grenzübertritte 1 – 7

 

aufgebrochen

wohin des wegseins?
wohin des forts?
vorher des daseins
vorher des dorts.

 
 

dann ist es gut

hier war einmal der rosenhof
vor der großen parkplatznot
hier war einmal der parkplatzrost
vor dem guten rasengott
hier war einmal der gute rasengott
vor dem supersonderangebot
hier war einmal das supersonderangebot
vor der asche und dem schutt.

 
 

landen

fernab von städten bergen
seen meeren
flüssen häfen küsten
was leben?
was machen hier?
am trockenen
täglich mehr.

 
 

geht in dich

richtung nauders, zams und landeck
trüb, kühl, regnerisch
grün, baum, strauch und gebüsch

hinter jedem einer
der springt
in dich
grenzübertritt

ihm nach der verfolgungspolizist
bei der obergrenzennachjagd
die anschließt

bergauf bergab
nur mit mühe stürzt du nicht
und nimmst beide mit.

 
 

nicht hier und mehr

fort sein
und mehr
ganz fort
so fort
und so fort
sofort
hierher.

 
 

nicht mehr hier und mehr

fort bleiben
und mehr
ganz dort
so bleiben
länger
für immer.

 
 

zurück

die türen fliegen
herein
vöglein
die welt gesehen

weit geflogen
herumgekommen
es fliegen die türen
vollkommen daheim.

 
 

das land, die ehre, der ruf

wenn er dich ereilt
siehst du
da stehst du
siehst du
stehst du
stehst du
für die heimat
die heimat
steht da
stehst du
siehst du
steht da
stehst du.

 
 

drei arten von nichts etwas zu haben

erlaubt ist das meiste nicht
und das wenige
das als erlaubt gilt
erübrigt sich
erlaubt ist das meiste nicht
und das wenige
das erlaubt ist
darf man auch nicht
erlaubt ist das meiste nicht
und das wenige
das erlaubt ist
gilt nicht.

 
 

gefällt uns sehr gut

die nichts zum anstoßen haben
nehmen
keinen anstoß
daran.

 
 

Literatur darf solidarisch sein – Gedanken zu Gerhard Ruiss. (Siljarosa Schletterer)

Der in Wien lebende Autor und Musiker Gerhard Ruiss ist aus der österreichischen Literatur- und Kunstlandschaft nicht wegzudenken: nicht nur als Kunstschaffender, sondern auch in seinem Kunstpolitischen Handeln.

In seiner Funktion als Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren setzt seit den 1970 Meilenstein, wenn es darum geht für schreibende Menschen einzustehen. Dabei beweist er wie wichtig Solidarität ist, wie solidarisch die Literaturszene sein kann und wo Solidarität beginnt: bei deinem Gegenüber, für das es einzustehen gilt! Ähnliches kann auch im Beitragsbild von Franz Wassermann „gelesen werden“: ein Händereichen, denn zusammen können wir MEHR sein!

Gerhard Ruiss kann als Schriftsteller, Kulturpublizist, Aktionist, Rockmusiker, Minnesänger, Improvisationsschauspieler („Theatersport“), Theaterregisseur und Solo-Entertainer bezeichnet werden. Seine Literarische Anfänge fanden gemeinsam mit Johannes Vyoral und Del Vedernjak in der Gruppe „Orang Utan“ statt. Er beweist wir in beinah „Jandel’scher Manier“ wie sehr Sprachspiel die Absurdität des Alltags, der Grenzziehung, des Politsprechs entlarven kann.

Die ersten sieben Gedichte wurden von ihm explizit für den 70. Jahrestag der Verlautbarung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte am 10.12.1948 anlässlich der Veranstaltung „JETZT! – Menschenrechten eine Bühne geben“ im Haus der Musik in Innsbruck geschrieben und zusammengestellt.

Die letzten drei Gedichte (das land, die ehre, der ruf und drei arten von nichts etwas zu haben und gefällt uns sehr gut) wurden speziell für diese Lyrikreihe geschrieben und ausgewählt worden.

Die Zeilen greifen die Sinnentleerten Litaneien von politischen Reden auf, das Wiederkäuen von Nicht-Aussagen. Die Zeilen zeigen die vermeintlichen Grenzen einer gesellschaftlichen und juristischen Gesetzgebung auf: „erlaubt ist das meiste nicht“ in einer vermeintlichen Heimat, vor der man manchmal einfach nur mehr da steht. Sprachlos. Die Zeilen können auch als Antwort gelesen werden auf die immer tiefer gehenden Angriffe der Regierung auf Schwächere, die im Stile Marie Antoinettes „nichts zum anstoßen haben“ , die trotzdem – so scheint es – „keinen anstoß /daran“ nehmen, sich nicht beklagen und weiter den Rudelführern nacheifern. Was bleibt da anderes übrig als Gedichte und Lieder zu schreiben?

 

 

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