Auf Seiten der Menschlichkeit: Hamed Abboud

 In FEATURED, Poesie

Poesie und Widerstand: Die Lyrik-Reihe auf „Hinter den Schlagzeilen“

Hamed Abboud: Ich möchte einen Panzer fahren

Ich möchte einen Panzer fahren

Wüsste ich, wie man einen Panzer fährt,
dann liehe ich mir einen, von Freunden oder von Feinden.
Alle haben einen Panzer – außer mir.

Ich würde dich einsteigen lassen, für einen Ausflug, der
sich ziemt für diesen Krieg, damit du – genau wie die Soldaten–
das Leben durch die rechteckige Luke in der Tür sehen würdest.
Vielleicht würdest du ihnen dann verzeihen, deine Lieblingskirche
zerstört zu haben, kurz bevor du ihren Gott verhöhntest.

Durch jene rechteckige Luke in der Tür sahen sie keinen
Gott über der Kirche, noch sahen sie Ihn im Beichtstuhl
hinter der mit Sünden und Wein verzierten Wand.
Doch sie hörten von Ihm, wann immer jemand Seinen
Namen rief: «…»

Sie zwangen Ihn in die Herzen, und Er kam mit Gewalt
wieder heraus.

Ich würde dich abholen, um mit dir gemeinsam über das
Minarett zu klettern, das auf der Straße liegt.
Ein Wunder hätten wir dadurch nicht vollbracht … [1]

Über das Minarett, das wie ein Indianer sein Ohr auf den
Asphalt legte, um auf die Schritte jener zu lauschen, die
herkommen, von weit her, und jener, die flüchten, weit fort.

Wüsste ich, wie man einen Panzer fährt, so würden meine
Geschwister um den Beifahrersitz neben mir streiten.
Ich weiß, dass auch Panzer kein Dach mehr haben werden,
so wie unsere Heimat kein Dach mehr hat …
Wir entblößten das Haupt und die Brust und warteten auf
das Echo der heftigen Gebete.

Hamed Abboud: Ich möchte einen Panzer fahren S.2

Wie jeder, der besessen ist von Geltungsdrang und Sauberkeit,
würde ich das Eisen meines Panzers glänzen
lassen – auch wenn er nur geliehen wäre.
Ich würde auch das Glas der rechteckigen Luke putzen,
für eine bessere Sicht und einen saubereren Krieg und für
Märtyrer, die mit all ihren Muttermalen und ihrer echten
Hautfarbe starben.
Ich möchte nicht, dass ein Hellhäutiger getötet wird, nur
weil er, nachdem ich den Panzer zurückgab, durch die
Scheibe dunkler wirkt, als er ist.
Wir alle wollen, dass das Töten lauter und rein ist, mit
drei Dimensionen und Absichten.

Und wie jeder Besessene würde ich auch das Leichentuch
durch das Panzerrohr hin- und herziehen, wie ein
geschickter Schuhputzer.

Einem rastlosen Krieg gebühren doch funktionierende
Panzerrohre, ohne Lehm und Vogelnester und ohne weiße
Tauben darauf, die beim Zielen stören.
Die Menschen sollen nicht sagen:
«Seht mal, er hat uns durch seinen verrosteten Panzer unseren Krieg verdorben.»

Ein Freund von mir aus dem Dorf stahl einmal einen Panzer
und fuhr mit ihm zum Euphrat.
Der Panzer entblößte sich, vollzog im Fluss die rituelle
Waschung und ließ die Hängebrücke einstürzen …
Es hieß, es hätte Streit und verschiedene Meinungen gegeben.
Die Brücke habe den Panzer von oben im Zustand einer
skandalösen Erektion wahrgenommen.
Der Panzer habe die Brücke als fliegenden Bürgersteig
gesehen.
Durch die enge rechteckige Luke schien es eine Provokation,
dass die eisernen Tragseile nicht sichtbar waren.
Der Panzer zog den Revolver zuerst …

Ich war nicht mutig genug.
Ich begnügte mich mit einem Tattoo auf meinem Panzer.
Ich schrieb:
«Mögest du mit mir zufrieden sein, Mutter!»

Ich würde Feinden,
Freunden,
Passanten,
Müttern
und Kindern zuwinken,
nicht näherzukommen.
Denn mein Panzer habe «Migräne»,
und ich wisse nicht, wann der nächste Anfall komme.

Könnte ich einen Panzer fahren,
würde ich dein Zimmer vom zweiten Stockwerk zum dritten
hochrutschen lassen, ohne nachzuhelfen.
Ich würde in jenem Moment daneben zielen und das Minarett
treffen.
Das ist der einzige Grund, warum das Minarett einstürzte…,
verdient es die Granate doch schließlich eher als dein Fenster.
Haben wir nach all diesem Morden nicht gelernt, dass die
rechte Wange der Religion einen Schlag eher erträgt als
die Wange des Herzens?

Sie aber zielten auf deinen Schal, um ihn zu morden.
Die Perversen sahen morgens gerne deinen Hals am Checkpoint,
wenn du das Handy zwischen Ohr und Schulter
klemmst.
Sei unbesorgt, ich werde ihn ausleihen. Und seine Hupe
wird dich nicht stören, wenn ich vor deinem Haus darauf
warte, dass du herunterkommst.
Ich werde einhundertsiebenundvierzig Granaten abfeuern,
bis du dich fertig geschminkt hast.
Ich werde vor deinem Haus stehen, und die Leute aus dem
Viertel werden flüstern: «Seht her, sie hat sich mit den
Mächtigen angefreundet.»
Und obwohl mein Herz schwach ist und mein Panzer «made in Russia», würde ich dich von ganzem Herzen lieben,
während ich im Herzen meines Panzers bin.

Hamed Abboud: Ich möchte  einen Panzer fahren S.3

Auf dem Weg zu dir sah ich einen kurzen gelben Panzer,
verziert mit schwarzen Flecken.
Ich wurde eifersüchtig und vermisste dich noch mehr.

Ich würde dich mit einer Granate begrüßen, jedes Mal
wenn ich an dich dächte, immer …
Du würdest lachen!
Du wärst die Einzige, die den Grund für diese sinnlose
Schießerei kennte.
Ich habe den Menschen auch verboten, an dich zu denken,
und die Mütter daran gehindert, um deine Hand anzuhalten.

Weißt du jetzt, warum du noch immer keinen Mann abbekommen
hast?
Ich glaube noch immer, dass du für niemand anderen bestimmt
bist als für mich.
Ich bin der eifersüchtige Mann mit dem geliehenen Panzer.
Ich sitze mit gesenktem Kopf in meinem Panzer,
und die Mündung des Panzerrohrs ragt über das Minarett.
«Was haben wir getan, oh Gott?»
«Wie konnten wir all diese grausigen Morde begehen?»
Wie schön wäre es, dich und die Teekanne abzuholen und
mich an die Grenze zu setzen, um diese zu schützen und
mit dem Rest aus dem Plastikbecher zu begießen.
Wie elegant wäre es, wenn die Brücke weiterhin flöge
und die skandalöse Scham des Panzers bedeckt wäre.
Wie schön wäre es, wenn der Panzer eine Panne hätte,
sein Lärm zum Schweigen gebracht wäre und wir unsere
Mütter rufen hörten:
«Kommt, Kinder, es gibt Melone und weißen Käse zum
Abendessen.»

An einem sonnigen Tag flog der Panzer zu Gott; er ebnete
den Weg, dann asphaltierte er ihn, und wir alle gelangten
auf einer sehr breiten Straße ins Paradies.
An einem sonnigen Tag flog meine Geliebte davon; mit
den Schlüsseln meines Panzers winkte ich ihr.
Am Ende des Schlüsselbunds hing eine Zwiebel; ich hatte
sie dort befestigt, damit die Trauer weint, wenn sie eines
Tages kommt.
Damit ich mich daran erinnere, dass auch die Trauer
schön sein kann.
Damit ich weine, wenn ich es brauche, und lächele und
mir die Tränen trockne, weil jetzt alles wieder gut ist.

Hamed Abboud: Ich möchte  einen Panzer fahren S.4

Das Telefonkabel war so lang, dass die Passanten in meiner
Nähe darüber stolperten, während ich mit dir flirtete
und dir einen Ausflug im Panzer versprach.
Und es war lang genug, um den Panzer daran anzubinden
und ihn hinter mir herzuziehen, damit er nicht mehr zu
seinen Besitzern zurückkehrt,
meinen Feinden, meinen Freunden …
den Besitzern der Panzer,
den Granatensöhnen.

 

[1] Anspielung auf den Propheten Mohammed, der nach seinem Tod über ein Minarett in den Himmel gefahren sein soll.(A.d.Ü)

 

 

 

Von der Berührung zur friedensstiftenden Poesie: Gedanken zu Hamed Abbouds Gedichten (Siljarosa Schletterer)

„Wie schön wäre es, wenn der Panzer eine Panne hätte, // sein Lärm zum Schweigen gebracht wäre“, ja wie schön wäre es…

Bildstark schreibt Hamed Abboud uns die Worte ins Gefühl, legt das Menschliche während eines jeden Krieges offen, personalisiert die Schrecken, die Mordwaffen, die Panzer. Dabei jongliert er zwischen Metaphorik und Realität. Aber Hamed Abboud sagt noch mehr, viel mehr… Er verbindet mit seinen Zeilen nicht nur Freundes- und Feindeslager, sondern führt sie – vielleicht am  Konsequentesten – in die Gleichheit und zeigt damit die Absurdität dieser Trennung auf. Etwa, wenn er am Ende – beinahe kindlich naiv oder grotesk verzehrt – den Panzer hinter sich herzieht wie ein Plüschtier: „damit er nicht mehr zu // seinen Besitzern zurückkehrt, // meinen Feinden, meinen Freunden … // den Besitzern der Panzer, // den Granatensöhnen.“ Dann spricht Abboud auch die Trauer an, ihre Notwendigkeit, ihre Heilkraft und Schönheit: „Damit ich mich daran erinnere, dass auch die Trauer // schön sein kann. // Damit ich weine, wenn ich es brauche, und lächele und // mir die Tränen trockne, weil jetzt alles wieder gut ist.“ Das alles sind nur kurze Scheinwerfer auf dieses komplexe und vielstimmige Langgedicht.

Es sind Zeilen die berühren, die mich auf ungewohnte Art berühren und zu Tränen rühren, jedesmal aufs Neue. Wer das Glück hat ihn lesen zu hören, der/die erlebt wie seine Stimme trifft und zwar mitten ins Herz und das mit einer Wucht, die alle Zwischentöne in seinen komplexen Texten nicht nur hörbar, sondern greifbar macht. Er scheint mit allen Empfindungen geschrieben zu haben und ebenso schreibt er die Texte in unsre Wahrnehmungen ein. Seine Texte verdienen das Prädikat „herztreffend auf mehreren Schichten“.

„Wohin? Fragt leiser // Nicht Idee ist es, // es ist Gefühl“ schreibt Anne Dorn in ihrem Gedicht Inschrift (aus Wetterleuchten, Poetenladen Verlag 2011) und genauso wenig sind es Ideen in den Zeilen Abbouds, es sind Eindrücke, die Eindrücke hinterlassen, es ist Erlebtes aber dennoch nicht einfach ein Augenblicksgedicht, es ist mehr, es ist dringlicher. „Ich bin die Stimme, die spricht!“, sagte er einmal vor einer Lesung. Er musste zu lange musste er schweigen. Den Fluchtweg aus Syrien über die Türkei, Griechenland und schließlich Österreich legte er schweigend zurück. „Alle Helden sterben in Syrien. Spiderman hat in Syrien keine Wand, an der er hochklettern könnte, weil es keine Häuser mehr gibt. Batman stirbt. Superman stirbt. Magneto hat keinen Zugang zu Waffen in Syrien. Der Flüchtling aber, er ist der wahre Held, denn er überlebt, in der Heimat und in der Fremde“[1], sagte Abboud und in einem Interview und weiter: „Ich bin dankbar, nicht viele Freunde zu haben. So viele Menschen haben Freunde und Familienangehörige verloren. Und ich könnte mich allein schon wegen den zwei, die ich verloren habe, umbringen.“

Hamed Abboud ist 1987 in in Deir Ez-Zor (Syrien) geboren. Ende 2012 musste er aus Syrien fliehen mit Zwischenstationen in Ägypten, Dubai und der Türkei. Ende 2014 kam er in Österreich an. Öffentliche Leseveranstaltungen seit 2005 in Syrien und Ägypten, seit Ende 2015 in der Schweiz, in Deutschland und Österreich. Regelmäßige Veröffentlichungen von Texten in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften seit 2005 in Syrien und im Mittleren Osten. 2012 Veröffentlichung des ersten Gedichtbands Der Regen der ersten Wolke im Verlag Arwad Publishers International Inc. 2015 Nominierung für und Verleihung des Jean-Jacques-Rousseau-Stipendiums der Akademie Schloss Solitude, Stuttgart in Deutschland. 2017 Veröffentlichung des zweiten Werks Der Tod backt einen Geburtstagskuchen in arabischer und deutscher Sprache im schweizer Verlag pudelundpinscher.

Der hier veröffentlichte Text ist auf Arabisch geschrieben und wurden von Larissa Bender aus Köln auf Deutsch übersetzt. Der Text ist bei edition pudelundpinscher erschienen:

Hamed Abboud: Der Tod backt einen Geburtstagskuchen
Aus dem Arabischen von Larissa Bender und mit einem Nachwort von Stephan Milich
edition pudelundpinscher, Wädenswil (Schweiz), 2017

Diesen Herbst wird auch sein neues Buch „In meinem Bart versteckte Geschichten“ von Hamed Abboud bei Edition Korrespondenzen erscheinen in der Übersetzung von Larissa Bender und Kerstin Wilsch. Darin wird das Platzsuchen in der neuen Heimat beschrieben und das Aufeinandertreffen der verschiedenen Kulturen.

Mehr Informationen sind auf der Website des Autors zu finden: https://www.hamedabboud.at/

 

[1] https://buecherstadtkurier.com/vielleicht-koennen-wir-uns-in-der-mitte-treffen/

 

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