Auf Seiten der Menschlichkeit: Heike Fiedler

 In FEATURED, Poesie

Grafik: Franz Wassermann

Poesie und Widerstand: Die Lyrik-Reihe auf „Hinter den Schlagzeilen“, ausgewählt und kommentiert von Siljarosa Schletterer.

 

Bewegung – Begegnung- Gegenbewegung

 

 

wir bewegen uns dagegen

gehen gegen Faschismus

gehen gegen Rassismus

gehen gegen Schweigen

Gegenbewegung

gehen gegen Grenzen

gehen gegen Ausschluss

gehen gegen Extremismus

Gegenbewegung

gehen gegen Augen zu

gehen sehen in der Gegend herum

gehen dagegen

weiter deswegen

begegnen wir uns

und sei es nur flüchtig

wir gehen wir lesen be

troffen wir sehen wir sind

getroffen im Herz der Hoffnung

von wegen «nie wieder» deswegen

bewegen wir uns dagegen

Gegenbewegung

gegebenfalls, im Fall einer Falle

im Fall eines Falles, damit die Welt sich

weiterbewegt

Gegenbewe

to be we go

im Licht unserer gegenseitigen

Vielseitigkeit

bewegen wir uns

dagegen

 

Kommentar von Siljarosa Schletterer

Heike Fieder ist eine zeitgenössische deutsche Autorin, die in der französischen Schweiz wohnhaft ist. Ihre Art und ihr Stil zu schreiben sticht hervor. Sie beeindruckt berührt und inspiriert nicht nur, kann auch als Sprachjongleurin bezeichnet werden, Zungenakrobatisch verbindet sie Gattungen, spielt mit Lauten über Sprachgrenzen und Wortbedeutungen hinweg.

Sie habe eine Art Mischpult im Kopf, sagte sie einmal, auf die Mehrsprachigkeit ihrer Texte angesprochen, das ununterbrochen Wörter in Laute zerlege und auf ihre Bedeutungsvielfalt in anderen Sprachen untersuche. In einer Rezension in der Neuen Zürcher Zeitung[1] war zu lesen  „Tatsächlich klingen und lesen sich Fiedlers Texte, zuweilen wie rhythmische Remixes von alten Pop-Songs – neu gesampelt, frisch getunt und fein säuberlich mit der Bleistiftspitze gescratcht.“

Damit wird klar wie sehr nicht nur ihre Werke, sondern Lyrik im Allgemeinen mit Klang und Musik verbunden ist, wie sehr Poesie genuin vielleicht gar gleichzusetzen ist mit diesen. Die künstlerischen Arbeiten von Heike Fiedler bewegen sich Musik, Literatur und Bildender Kunst. In ihren Werken verschmelzen Sprachen und Gattungen friedlich miteinander und können dennoch selbstständig nebeneinander stehen bleiben. Vielleicht ein Fingerzeig dahin, wie sehr Individualität und Gemeinschaft in Frieden gelingen kann?

Heike Fiedler bricht Grenzen auf, lotet die Gattungszuschreibungen aus und beweist dadurch nicht nur wie plural und vielschichtig Lyrik, sondern im Grunde wie genuin politisch und widerständig diese Form sein kann. Gedichte müssen wachsen dürfen auch im Sinne einer politischen Sinnhaftigkeit.

So auch in diesem Gedicht: Bewegung – Begegnung- Gegenbewegung. Wieviel „gegen“ wieviel „Bewegung“ kann in einer Begegnung stecken? Wieso bewegen wir uns? Wieso dagegen? Wieso ist es nötig sich dagegen zu stellen? Kann es möglich sein „im Licht unserer gegenseitigen / Vielseitigkeit“ auf Pluralität stolz zu sein und diese zu fördern? Auch ein Zeichen dieser Lyrikreihe „Auf Seiten der Menschlichkeit – Poesie und Widerstand“, Pluralität aufzuzeigen und Mut zu machen zu ihr zu stehen!

In einem Interview mit Zuzana Husarova sagte Fiedler „I see poetry as a field of possibility for political action and reaction against some politics.[2]

Ja! Poesie kann ein Feld der politischen Aktion und Reaktion sein. Vielleicht sollte sie dies sein, vielleicht kann Poesie auch gar nicht anders. Heike Fiedlers Texte fordern auf und auf mehreren Ebenen heraus genau zwischen die Zeilen und Wörter und Bedeutungen zu Blicken. Fiedler’s Affinität zum Spiel mit Sprachen und Bedeutungen kommt schon in ihrer Erstveröffentlichung “Langues de meehr” bei edition spoken script[3] zum Ausdruck: es steckt „immer ein Mehr an Bedeutungen“ hinter ihren Wörtern und Klängen und Aussagen. Ein besonders inspierendes Gedicht ist unter folgendem Link zu betrachten:  https://tageswoche.ch/allgemein/wochengedicht-28-heike-fiedler/  In diesem Gedicht imagine spielt Heike Fiedler auch mit politischen Aussagen, indem sie den sehr bekannten Satz „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“ genauer unter ihrer speziellen lyrischen Lupe betrachtet. Dieses Zitat ist fälschlicherweise B.Brecht zugeschrieben aber stammt von Carl Sandburg.

Heike Fiedler versinnbildlicht Charakteristika der zeitgenössischen Dichtung: Performance, Klanglichkeit, Partiturbegriff und Sprachcollage… Sie reiht sich dennoch damit in eine Tradition ein, sie nimmt zum Teil bewusst darauf Bezug. Dabei kann man eine Art Sprachkritik, die auf Wittgenstein aufbaut, nicht leugnen. Inspiriert haben Sie nach eigenen Aussagen Bertolt Brecht, Else Lasker-Schüler und Paul Celan genauso wie Franz Mon, Ernst Jandl, Friedericke Mayröcker oder Eugen Gomringer. Über Franz Mon schrieb sie auch ihre Diplomarbeit: „Drustar – Versuch einer Annäherung an die Bedeutungsdimension bei Franz Mon.“ Zusätzlich übersetzte sie auch einige seiner Texte „Tactiques de mots, 2011.“

 

Nähere Informationen zum Werk und Schaffen der Autorin sind auf ihrer Homepage zu finden: http://www.realtimepoem.com/

 

[1] NZZ (Hg.) (2010): Rhythmische Remixes. Unter Mitarbeit von als. Online verfügbar unter http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/rhythmische-remixes-1.8534556, zuletzt aktualisiert am 02.12.2010.

[2] Zuzana Husarova: Interview anlässlich des „european poetry forum“, 2013. Interview mit Heike Fiedler. Bratislava.

Nähere Informationen unter: http://www.realtimepoem.com/ecritures/interview%20a.html

 

Anzeige von 5 kommentaren
  • Piranha
    Antworten
    Falls ein Bezug zur Grafik/zum Bild besteht, so kann ich diesen leider nicht herstellen.

     

    • Siljarosa Schletterer
      Antworten
      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Ein Bezug darf hergestellt werden, ist aber in keinster Weise ein Zwang oder ein Sollen. Die Redaktion wollte damit den Aspekt der Sprachjongleurin der Mundvirtuosität unterstreichen, darüber hinaus aufzeigen, wie wichtig das Bewusstsein der Stimmen, die eigene Stimme ist um Position zu beziehen: der Mundraum des Widerstandes.
      • Piranha
        Antworten
        Danke!

        Ja, ich kann nachvollziehen, dass Kunst erst in der Spannung, in der Reibung interessant wird und uns aufmerken lässt.

        Aber insbesondere muss Kunst nicht gefallen, und schon garnicht darf sie gefällig sein.

        Insofern ist diese Grafik einerseits gelungen zum Text gefunden, andererseits schmerzt sie, da eben nicht nur „schöne Zähne“ gezeigt werden.

      • Piranha
        Antworten
        Danke!

        Ja, ich kann nachvollziehen, dass Kunst erst in der Spannung, in der Reibung interessant wird und uns aufmerken lässt.

        Aber insbesondere muss Kunst nicht gefallen, und schon garnicht darf sie gefällig sein.

        Insofern ist diese Grafik einerseits gelungen zum Text gefunden, andererseits schmerzt sie, da eben nicht nur „schöne Zähne“ gezeigt werden.

  • Gesichtsworte
    Antworten

    Was beißest Du
    was verzehrst Du dich
    wenn nur ein Auge
    keine Zähne zeigt

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