Auf Seiten der Menschlichkeit: Jörg Zemmler

 In FEATURED, Poesie

Poesie und Widerstand: Die Lyrik-Reihe auf „Hinter den Schlagzeilen“, ausgewählt und kommentiert von Siljarosa Schletterer.

 

Probiert die Haptik der Welt in einem Gedicht einzufangen: Gedanken zu Jörg Zemmlers Gedichten.

(Siljarosa Schletterer)

Der Südtiroler Autor, Jörg Zemmler, arbeitet interdisziplinär und experimentell. Sein Schaffen umfasst unter anderem sowohl Musikproduktionen, als auch Visuelle- und Sound Poesie. So gewann er 2006 den Fm4 Protestsongcontest, 2013 den Ö1 Preis “Hautnah” und 2009 wurde er österreichischer Slam Meister. Zuletzt erschienen ist 2015 der wunderbare Gedichtband “papierflieger luft” bei Klever und 2017 die CD “Airplay”.

Diese künstlerische Polyperspektivität zeichnet sich auch in diesen zwei berührenden oder besser an-sprechenden Gedichten ab. Seine Worte scheinen haptisch erfahrbar zu werden schon allein durch die Optik und Technik: diese Gedichte sind ein Unikat: sie sind händisch einzeln mit Schreibmachine getippt. Dadurch wird die Platzierung des Textes ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, des Schriftbildes am Blatt wird selbst zum Bild, die Rahmung des Gedichtes durch das Weiß des Blattes wird aussagekräftig. Genauso wie diese Gedichte im Original ein Unikat sind, so sind auch wir lesende Einzelne Wesen und dies wird genauso aussagekräftig. Wesen, die der ganzen komplexen Pluralität der Welt gegenüberstehen, meist hilflos. In beiden Gedichten, so scheint mir, wird diese scheinbare Gegensätzlichkeit zwischen Indivuumm und Weltgeschehen, zwischen Krieg und Frieden deutlich – einer Gegensätzlichkeit, die zu Recht beängstigt. Um der großen Traurigkeit der Welt ein wenig mehr Mut schenken zu können, bleibt uns „von zeiten zu zeiten“ nur eine Zärtlichkeit. Eine Umarmung zweier Individuen in all diesem Weltschmerz als einzige Möglichkeit die Welt in Armen zu halten? Ein Widerstand? JA! Wir können nur die Welt retten in all diesen Zwischenichs, zwischen meinem Ich und deinem Ich.

Weitere Informationen sind auf der Website des Künstlers zu finden: http://www.joergzemmler.net

Anzeige von 3 kommentaren
  • heike
    Antworten
    Mit den Klanginstallationen des Künstlers kann ich zwar nicht viel anfangen, aber die resignierten und mutlosen Gedichte sind mir in ihrer Aussage bekannt.

    Schade, dass es mit dem Kind nicht geklappt hat.

    Ich möchte gern ein Gedicht von Lothar Zenetti beitragen, welches mir heute morgen in die Hände fiel.

    Ärgernis

     

    Dem ärmsten Hund

    dem verlassensten Luder

    wurde er Bruder, –

    So war es zu lesen

    in einem Text, den einer

    als Entwurf einsandte

    im Wettbewerb für

    neue Kirchenlieder.

    Nein, hieß es, das

    geht nicht – Luder, das

    geht zu weit, das

    sagt man einfach nicht.

    Sagten sie damals

    nicht ähnlich:

    Jesus, das geht nicht,

    diesen Menschen

    Bruder sein, das geht

    zu weit, das nicht.

    Aber er machte es.

    Sein Leben reimte Bruder

    auf Luder.

    Er glaubte daran.

    Er musste dran glauben.

     

    Wenn die Jesuse unserer Tage nicht mehr gekreuzigt werden, dann sind wir angekommen.

    Bis dahin sterben wir eben noch ein bisschen.

    macht man einfach

     

  • heike
    Antworten
    Ich selbst bin natürlich nicht Jesus, das wollte ich mit obigem Gedicht überhaupt nicht zum Ausdruck bringen.

    Ein kleines Beispiel: im Gegensatz zu Jesus futtere ich einfach ungefragt fremde Pomelostücke in mich hinein –  ohne zu fragen. Aus reiner Triebbefriedigung und Fresssucht.

    Hunger war es nicht.

    Man muss lernen, sich zu beherrschen.

    Doch wenn einem schon Sex versagt wird, dann stürzt man sich aufs Essen, und wenn einem noch das versagt wird, dann nimmt man halt in Kauf, kein Jesus zu sein.

    Aber ich war es – und jetzt könnt ihr damit anfangen was ihr wollt.

    Wenn die Menschen genug gutes Blut in sich hineingefressen haben, dann werden sie nach und nach selbst gut. Bin ich eben Blutnahrung gewesen.

    Und ich will auch nicht mehr irgendwo arbeiten. Meine persönliche Ruin-Erklärung ist komplett: Arbeitslos und stolz darauf – oder wie ging der Spruch?

    Andere sind fleißig, die haben ihre Daseinsberechtigung. Ich wollte auch fleißig sein, aber das wurde mir verwehrt. Ich beuge mich keinen Fremdiktaten mehr – dazu bin ich zu alt.

  • heike
    Antworten
    An dieser Stelle möchte ich noch Volker und der anonymen Schreiberin aus Österreich und anderen Betroffenen folgende Weisheit der jam aikanischen Krankenschwester Mary Seacole (1805 – 1881) mit auf den Weg geben:

    „Ich habe nie ausschließlich über Geld nachgedacht, sondern eher geglaubt, dass wir geboren sind, um glücklich zu sein, wobei der sicherste Weg, sich elend zu fühlen, ist, den Wert des Geldes zu überschätzen.“

    Dann noch einen Rat an alle Wissenschaftler des Bewusstseins von Jane C. Wright, geb. um 1919, Pionierin der Chemotherapie:

    „Es gibt keinen größeren Nervenkitzel, als ein Experiment zu machen, dessen Ergebnis so ausfällt, dass du einen positiven wissenschaftlichen Beitrag machst.“

     

     

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