Auf Seiten der Menschlichkeit: Julia Costa

 In FEATURED, Poesie

Poesie und Widerstand: Die Lyrik-Reihe auf „Hinter den Schlagzeilen“, ausgewählt und kommentiert von Siljarosa Schletterer.

 

Grafik ‚WE’RE ALL GOD’S CHILDREN‘: Franz Wassermann

große gesetze

republik sagen wir einen namen demo
kratie auch mitteleuropäischer binnen
staat volkssouveränität was heißt das memo
rare sich erinnern wer sagt das dem innen
minister alles kommt zurück es gibt große
gesetze und sie folgen nicht der politik

 

momentaufnahme

eine schatzkarte am boden im regen
aufgeweicht zwischen häusertürmen
im mittelalter des einundzwanzigsten jahrhunderts
wo in den sozialen medien alles passiert
die musik die kriege die liebe
die zahnräder sind aus zellulose
die blätter greifen nicht ineinander
sie sehnen sich nach photosynthese

es könnte wege geben zwischen den bergen
im echten leben
aber sie müssten auf bildschirmen verzeichnet sein
sagen die menschen
ihre rüstungen sind unsichtbar
die fliegenden teppiche schimmeln
in leerstehenden häusern
auf dem verzweifelten wohnungsmarkt

auf der schatzkarte die linie aus strichen
da wo das kreuz ist: das portal einer kirche
wo abend für abend ein mann schläft
am boden in einem schlafsack

 

 

 

du weißt es

du bestehst nur aus flüchtigen linien auf papier
aus leuchtenden punkten auf einem bildschirm
aus einer bröckeligen sicherheit, die du zerstörst
je mehr du versuchst, sie aufrecht zu erhalten
denk nicht nach, europa, fühlst du es?

dein personal in uniform
mit feuerwaffen, schlagstöcken und pfefferspray
deine selbsterfüllenden prophezeiungen

wo sind deine erinnerungen?

hier sind deine ferienorte
deine sonnenhungrigen menschen
deine reisebüros
hochglanzfotos deiner strände
von denen du nicht sprechen willst
auf die wellen erhebst du anspruch
solange sie keine ertrunkenen anschwemmen

hier sind deine banken mit ihren automaten
ist da noch geld auf deinen konten?
schau nicht so betreten
kennst du die märchen nicht
die alten geschichten?

schau dich an mit deinen intakten gewändern
mit deinen rucksäcken und taschen
die bedürftigen sind nur ein paar brotkrümel
die du dir vom gewand wischen willst

hast du nicht selber genug unheil gesehen
um denen helfen zu wollen, denen es widerfährt?
und wenn es wieder geschieht
wer wird dich aufnehmen?
wer wird dich trösten
wer wird deine wunden verarzten?
wer wird dich beheimaten?
wer wird dir etwas zu essen geben?

wer wird sich erinnern an die Dinge, die du getan hast
und die tore schließen?
wer wird dich im meer ertrinken lassen?

gib denen, die es brauchen, etwas zum anziehen
gib ihnen etwas zu essen
gib ihnen einen platz, um im trockenen zu schlafen
ich habe deine mülltonnen gesehen
ich weiß, was du wegwirfst
ich habe deine leeren häuser gesehen
deine unbewohnten räume

du zählst die tage, du gibst ihnen namen
du schaust in die zukunft
was wartet auf dich?
deinem spiegelbild erzählst du
dass alle dich abtragen wollen
dass es besser ist schneller zu sterben
damit man es hinter sich hat
aber das gilt nur für die anderen
nicht für dich

sag keine worte aus stein
du wirst deine zähne verlieren
und nichts mehr beißen können

du weißt es und du wirst nie wieder sagen dürfen
du hättest nicht gewusst, was passiert
aber du bist nicht dort
du bist wie deine städte zubetoniert
du hast nur deine waffen hingeschickt
deine soldaten an die grenzen
willst du wieder so in die geschichte eingehen?

 

 

 

 

Von der Poesie, dem Herzen unsrer Zeit – Gedanken zu den Gedichten von Julia Costa. (Siljarosa Schletterer)

Die junge östereichische-schweizerische Autorin und Singer-/Songwriterin, Julia Costa, schreibt seit ihrer Jugend lyrische Texte, Gedichte und schweizerdeutsche und englische Lieder. Seit einigen Jahren tritt sie auf kleinen und mittelgroßen Bühnen auf (in Bern mehrmals als Mitglied der multikulturellen Erzählkunstgruppe Lemon Kuliba), daneben arbeitet sie als Schulassistenz für Kinder mit Beeinträchtigungen. Mensch darf überzeugt sein, dass wir noch mehr zu lesen und hören bekommen werden von ihr: und darauf dürfen wir uns freuen! Merken wir uns diesen Namen, denn sie schreibt sich ins Herz und ruft unser Mitgefühl wach. Genau solche Poesie braucht unsere Zeit: Momentaufnahmen des Jetzt.

In einem Jetzt, in dem es wieder normal zu sein scheint von einer „Sicherungshaft“ zu sprechen. vor einem Hintergrund voll bröckelnder Sicherheit. Einer Zeit mit uni-formierten Menschen, einer Zeit der Grenzziehungen und Ängste, einer Zeit der Überheblichkeiten und einem Meer voll Plastik und Toten, fragt sie zurecht „wo sind deine erinnerungen?“ Schließen wir uns an:  Fragen wir uns mit ihr: Wozu war Geschichte da, wenn wir nicht von ihr lernen? Wie oft muss sie sich wiederholen? Wollen wir wieder so in die Geschichte eingehen?

Mehr Informationen finden sich auf der Website der Künstlerin: https://www.julia-costa.net/

 

 

Anzeige von 4 kommentaren
  • Avatar
    missi
    Antworten
    sehr schön!
  • Avatar
    heike
    Antworten

    die zahnräder sind aus zellulose
    die blätter greifen nicht ineinander
    sie sehnen sich nach photosynthese

    es könnte wege geben zwischen den bergen
    im echten leben

    Hier ein Gedicht aus einer Zeit, in der das Leben noch nicht vor den Bildschirmen ablief – aber man könnte es auch in unserer jetzigen Zeit noch schreiben, mir gefällt es sehr gut:

     

    Die Seen

     

    Die Seen nahe der Quelle

    sind hell und durchschaubar,

    von weicher, klärender Strömung

    durchbebt bis zum Grund.

     

    Sie spiegeln das Starre bewegt,

    und Bewegtes wird heiter beschwingt;

    was sich in ihnen erblickt,

    erkennt sich lebendiger.

     

    Müde Gesichter beleben sich,

    sehn sie sich heiter empfangen

    von sanften Strömungen, die

    freundlich entgegenkommen

    aus klaren, lichtoffenen Tiefen.

     

    (Helmut Preißler)

  • Avatar
    heike
    Antworten
    Mie gefällt die Grafik von Franz Wassermann. Sie sieht schon sehr lebendig aus.
  • Avatar
    heike
    Antworten
    Wie geht es Konstanstin?

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