Auf Seiten der Menschlichkeit: Rudolph Bauer

 in FEATURED, Poesie

Erinnert Ihr Euch? – Vor längerer Zeit habe ich Euch das Lied „Feierabend“ von Franz-Josef Degenhardt vorgestellt, ein Lied, das gleichzeitig auch als großartige Lyrik gelten darf. Degenhardt entlarvt in diesem Text nahezu alles, was auf den ersten Blick oder beim ersten Hören wie das Beschwören einer Idylle wirken mag, als Idylle, die zugleich ein Tretminenfeld ist. Heute nun haben wir es ein zweites Mal mit „Feierabend“ zu tun, mit einem „Feierabend“, der ganz ins Private verlagert scheint und zunächst nur Probleme innerhalb einer Familie wiedergeben will. Aber Rudolph Bauer, der Autor dieses Gedichts (ebenfalls aus seiner neuesten Veröffentlichung „Zur Unzeit, vergeigt“), zeigt noch die zweite Dimension dieses privaten Unfriedens auf, die gesamtgesellschaftliche, die politische Wirkung (wie auch: Verursachtheit!) dieses Unfriedens. Wieder einmal: Aufklärung ganz auf Seiten der Menschlichkeit. Holdger Platta

Wer kennte das nicht, wenn nicht als Elternpaar, so doch als Beobachter etwa an der Ladenkasse eines Supermarkts: spätestens dort, wo die sogenannte „Quengelware“ ausliegt, beginnen die Kinder auch tatsächlich zu „quengeln“: sie wollen an Süßigkeiten haben, was die psychologisch geschulten Verkaufsstrategen der Großkonzerne dort den Kleinen in bunter Verpackung präsentieren. Buchstäblich: der Kapitalismus zeigt dort seine Schokoladenseite.

Aber Rudolph Bauer, Autor dieses Gedichtes, bis vor einiger Zeit noch als Sozialwissenschaftler an der Bremer Uni tätig, weiß mehr und erzählt mehr in diesem Gedicht. Im zweiten Teil dieses Textes zeigt er – so beobachtungsnah und analytisch präzis wie in Strophe eins –, dass diese gehetzten, diese angst- und aggressionsgeplagten Eltern – mindestens diese – zur Erholung und zur Entspannung nach der ARD-Tagesschau selber ihren Bedarf an Aggressionen zu befriedigen versuchen. In der Identifikation mit irgendwelchen Helden in irgendwelchen Serien voller Sex und Gewalt suchen sie nun selber den scheinbar beglückenden Ausweg in die Aggression.

Das, was in diesem konkreten Fall im Supermarkt seinen Anfang nahm (nach harter, druckvoller Arbeit am Tag), mit diesem profitorientierten, psychologisch durchkalkulierten Kinderkundenfang, dieses Aggressionsgeschehen im eigenen Alltag generell wird nun zur inneren Motivation der Betroffenen, selber zu Aggressoren zu werden – und sei es auch „nur“ in jener Gestalt, die Anna Freud, die Psychoanalytikerin und Tochter Sigmunds Freud, erstmals 1936 in ihrem Buch „Das Ich und die Abwehrmechanismen“ als „Identifikation mit dem Aggressor“ gründlichst durchanalysiert hatte.

Und „homo homini lupus“ (= der Mensch ist dem Menschen ein Wolf), die Bestie, die da im Menschen herangezüchtet wird, lässt da – für uns hoffentlich warnend – ebenfalls seine Stimme ertönen, im Plural sogar.

Auch da, nebenbei, kann man an ein Lied von Franz-Josef Degenhardt denken. Man höre sich doch wieder einmal sein Lied über August, den Schäfer, an, sein „Wölfe mitten im Mai“! Dann wird man begreifen: das sind nicht irgendwelche Wölfe, die da zu heulen beginnen, bei Bauer nicht und nicht bei Degenhardt. Urplötzlich wird offenbar: auch hier, auch bei Rudolph Bauer, taucht Faschismus-Gefahr auf – ebenso brandgefährlich wie im „Feierabend“ von Franz-Josef Degenhardt.

Ein kurzes Gedicht nur, das uns da Rudolph Bauer vorgelegt hat. Aber ein Gedicht mit langer Vorgeschichte, ein Gedicht, das es in sich hat:

 

Feierabend
Rudolph Bauer

zwischen arbeitsende und abendbrot
wenn der druck sich steigert
wenn die kinder im supermarkt brüllen
weil sie der nähe und liebe ermangeln
blicken die eltern gehetzt mit wilden augen

später dann nach abendbrot und tagesschau
rückt allmählich die stunde
des todes heran julia braun erneut gefesselt
geknebelt nackt in der 710. folge
des angstorts beginnen die wölfe zu heulen

Comments
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    A.K.
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    ACHTUNG ZYNISMUS:

    „Immer wieder müssen wir beobachten dass Familien zum Einkaufen kommen. Wegen Corona bitten wir darum, dass nur noch ein Familienmitglied den Markt betritt“. So ungefähr im einzigen fußläufig gut erreichbarem REWE Markt in der 20 TSD EW Stadt in RLP mit 13 an oder mit Sars Cov 2 Verstorbenen.

    Corona bewahrt uns vor dem Kindergeschrei. Singen verboten. Schweigen ist Gold.

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