Auf Seiten der Menschlichkeit: Simone Scharbert

 In FEATURED, Poesie

Poesie und Widerstand: Die Lyrik-Reihe auf „Hinter den Schlagzeilen“, ausgewählt und kommentiert von Siljarosa Schletterer.

 

 

 

 

 

 

Gedichte. Hinweise. Begegnungen. Und das Dahinterschauen: Gedanken zu Simone Scharberts Gedichten (Siljarosa Schletterer)

Die hier veröffentlichten Gedichte von Simone Scharbert sind Teil eines größeren Zyklus, einer Reihe, die ihren Ursprung bereits 2015 genommen hat. Es ist der Versuch, eine/ihre ehrenamtliche Arbeit in einem der Auffanglager in Sprache zu bringen. Kombiniert wurden die in speziellem Blocksatz verfassten Gedichte mit damaligen Schlagzeilen der Süddeutschen Zeitung. Jede Gedichtseite bildet somit eine Gesamtbildkomposition, eine Konzeption aus Gegensätzen. Es besteht eben auch aus Titel, der schon einer Momentaufnahme gleicht, Entstehungszeit und einem in Klammern gesetztem Gefühlszustand.

Damit lässt Scharbert eine Begegnung zu zwischen dem vermeintlich Faktischen und dem faktisch Erlebten. Ihre Gedichte sind wortwörtlich Zeilen hinter den Schlagzeilen, die vor diese treten (sollten). Scharbert beweist dadurch auch was Lyrik im Stande ist: sie ermöglicht ein Dahinterschauen. Wir brauchen ein solche Sprache gerade in Headline- und Fake News Zeiten.

Die Gedichte fragen nach einer gefühlten Sicherheit (pausieren I) und nach einem vermeintlich korrekten Sprachgebrauch, der schon durch die demonstrative Wortwahl die abscheuliche Distanzierung der Sprechenden offenbart (ausgeben IV). Scharbert thematisiert darin die Stigmatisierung: das Denken in Zahlen und Grenzen. Sie zeigt den Lesenden ihrer Gedichte dadurch wie sehr es möglich ist diese Zäune zu unterbrechen (rausgehen I).

Die Texte sind thematisch (man muss sagen: leider) immer noch aktuell, wie die Autorin selbst meint, da “sich leider am Schließen der Grenzen und der wahnsinnigen Idee wieder Mauern zu bauen nur wenig bis gar nichts ändert“.

Die Autorin Simone Scharbert ist 1974 in Aichach geboren, hat Politikwissenschaft, Philosophie & Literatur in München, Augsburg und Wien studiert, anschließend in Politikwissenschaft promoviert. Sie lebt und arbeitet als freie Autorin und Dozentin in Erftstadt. Seit 2017 Lehrbeauftragte am Institut für Deutsche Sprache der Universität Köln. Sie zu Recht einige wichtige Stipendien und Preise erhalten u.a.“Raniser Debüt“, Stadtschreiberin Schwaz, POST.POETRY-Preis der Literarischen Gesellschaft NRW, Arbeitsstipendium der Kunststiftung NRW

 

Kommentare
  • rr
    rr
    Antworten

    Man muss sich erst in die Sprache reinfinden und verstehen, dass es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht. Aber Frau Scharbert verwendt hier ein ähnliches Verfahren wie Peter Fahr: der (Zeitungs-)Unwahrheit wird die (Gedicht-)Wahrheit gegenübergestellt. Die unmenschliche, verdinglichende Sprache wird aufgedeckt. Die Poesie ist sich nicht „zu schade“, um sich mit Tagespolitik zu beschäftigen, sie geht aber auch darüber hinaus, indem sie mit Sprache neue Perspektiven aufzeigt. Danke also auch für diesen wertvollen Beitrag.

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