Auf Seiten der Menschlichkeit: Wolfgang Blaschka

 in FEATURED, Poesie

Poesie und Widerstand: Die Lyrik-Reihe auf „Hinter den Schlagzeilen“, ausgewählt und kommentiert von Siljarosa Schletterer.

DOES IT WORK: Franz Wassermann

 

 

 

Der Krieg

Man sagt von altersher, ein Krieg sei ausgebrochen;
doch ist das Lüge, denn der Krieg wird handgemacht.
Er wird von Staaten und Regierungen verbrochen
und bricht nicht aus wie eine Furie über Nacht.

Der Krieg wird aufgezüchtet, sorgsam hochgerüstet
und lang herbeigeredet, absichtlich – mit Macht.
In vollem Truppenstärke-Stolz wird sich gebrüstet
und provoziert und manövriert, bis dass es kracht.

Bevor der Krieg mit aller Kraft wird losgetreten,
wird erst gehetzt, gestichelt, Völkerhass entfacht,
bis er von vielen wird geradezu erbeten
aus Angst – zum Größenwahn verleitet – mit Bedacht.

Noch braucht’s den Anlass, einen Vorwand, eine Lüge.
Dämonisiert ist längst der Feind in Bann und Acht.
Rassistisch aufgeladen ist schon zur Genüge,
dann wird von Abwehrkampf gefaselt. – Keiner lacht.

Oft gilt es scheinbar einem Volk zuhilf’ zu kommen,
um zu verhindern, dass erst aufkommt der Verdacht,
man hätt’ sich Bodenschätze, Öl und Gas genommen,
sich in Besitz von Einfluss-Sphären nur gebracht.

Der Feind muss böse sein; wir sind ja doch die Guten!
Die Propaganda strotzt vor hehrer Niedertracht.
Und selbstverständlich werden nicht die Guten bluten:
Auch den Zivilschutz hat man vorsorglich bedacht.

Ganz kurz vor’m ersten Schuss beschwört man noch den Frieden:
Ein Ultimatum bis zur übernächsten Nacht;
vor dessen Frist-Ablauf ist ohnehin entschieden,
dass selbst Erpressung hätt’ am Ende nichts gebracht.

So legt er los, der Krieg, mit Bomben und Kanonen.
Als Militärschlag – erst begrenzt – ist er erwacht.
Doch bald schon darf er Zivilisten nicht verschonen;
– an sowas hätt’ der kleine Racker nie gedacht!

Ist er vom Zaum gebrochen gibt’s für ihn kein Halten,
wenn sich entfaltet der Raketen volle Pracht:
Es trifft Soldaten wie die Jungen, Frauen, Alten.
Bald tobt die flächendeckend länderweite Schlacht.

Je mehr Zerstörung und Vernichtung sich verbreitet,
wird umso rücksichtsloser Kriegsprofit gemacht.
Brutalitäten alle Grenzen überschreiten,
wo jede Menschlichkeit wird höhnisch umgebracht.

Jetzt fühlt der Krieg sich wohl, wird größer und erwachsen.
Er darf jetzt alles, wird von niemand’ überwacht.
Wenn seine Ketten malmen, quietschen seine Achsen –
in voller Rüstung über Leichenbergen sacht.

Sobald er über einen Landstrich weggezogen,
ist dieser kahl und wüst und leer und abgeflacht;
dann zieht zum nächsten er den unheilvollen Bogen,
bis auch auf diesem sein Planierwerk ist vollbracht.

Nun kommt er außer Rand und Band und Selbstkontrolle:
Er schmeißt im Blutrausch wahllos seine Bombenfracht
auf seinen Ausgangspunkt; ist gänzlich von der Rolle,
dann kriegt vor Heimweh auch die Heimat Prügeltracht.

Er kehrt zurück in die vertrauteren Gefilde
und fordert ein von seinen Eltern hohe Pacht;
die müssen zahlen für’s missratene Gebilde,
das sie gezeugt, genährt, gerüstet, großgemacht.

Nur bei den Villenvierteln lässt er Milde walten,
dort wo das Umland ist von Reichtum überdacht.
Dass seine Lebens-Int’ressenten nicht erkalten;
da passt er auf, da gibt er eigennützig acht.

Er hat erst ausgetobt, wenn alle sind ermattet
und nur noch Plünderer des Nächtens halten Wacht.
Noch sind die Opfer seines Wütens nicht bestattet,
doch vor Erschöpfung ist beim Krieg dann Schicht im Schacht.

 

Von der Arbeit, dem Krieg und handgemachten Verantwortungen: Gedanken zu Wolfgang Blaschkas Gedicht (Siljarosa Schletterer)

Der Autor Wolfgang Blaschka ist nicht nur ein wichtiger Kunstschaffender (Autor, Grafiker, Filmemacher) sondern auch Friedensaktivist im Münchner Bündnis gegen Krieg und Rassismus. Er schreibt u.a. für die Medien „Kritisches Netzwerk“, „Rationalgalerie“, „isw München“ und vereinzelt auch für „Regensburg digital“ oder  „Nachdenkseiten“, „Telepolis“ und“Proteste – Sub bavaria“. Zum Tag der Arbeit stellt das Gedicht von Wolfgang Blaschka mit dem Bild von Franz Wassermann Fragen auf: Kann es funktionieren? Darf es so funktionieren? Dürfen wir so weiter arbeiten? Darf so Arbeit entstehen? Poesie stammt vom griechischen Wort ποίησις poiesis ab. Es kann mit „Erschaffung“ übersetzte werden und das zugehörige Verb mit tun, machen, hervorbringen. Ein Gedicht ein „Gemachtes“, das im Stande ist andere „Gemachtheiten“ und damit gemachte Missstände aufzuzeigen, sich an sie zu erinnern!

Zum Anlass des Gedichtes schreibt er selbst: “
Die Jahre 2018/19 bargen mehrere „runde“ Jahrestage:
100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs
und 80 Jahre nach dem Beginn des Zweiten …

… und als wär’s nicht genug gewesen:
Vor 20 Jahren der NATO-Krieg gegen Jugoslawien“

 

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