Aus Liebe zum Leben

 In FEATURED, Politik, Umwelt/Natur

Widerstand gegen destruktive Kräfte erwächst aus der Sympathie für das, was zerstört werden soll. Der Umweltaktivist Bruno Manser hat es uns vorgemacht: Unser Engagement gegen die Umweltzerstörung muss aus Liebe radikal sein. Gedanken des Dichters und Essayisten Peter Fahr über seinen verschollenen Freund und das Überleben der Menschheit.  Anmerkung der Redaktion: Peter Fahrs Lyrikband „Selten nur“ ist im Sturm-und-Klang-Shop erhältlich.  Peter Fahr

„Es gibt nur einen Zeitpunkt, an dem es wichtig ist zu erwachen. Dieser Zeitpunkt ist jetzt“ — Buddha.

Bruno hat mir Mut gemacht, ich werde ihn nie vergessen. Seit 19 Jahren gibt es von ihm kein Lebenszeichen mehr. Damals wollte er sich auf der Insel Borneo im malaysischen Gliedstaat Sarawak durch den Dschungel zu seinen Freunden durchschlagen, den letzten Penan-Waldnomaden. In Malaysia galt er als Staatsfeind, weil er die Eingeborenen im Kampf gegen die Abholzung des Regenwaldes unterstützte.

Im Orwellschen Jahr 1984 reiste der Schweizer Umweltaktivist Bruno Manser erstmals nach Sarawak und wurde von den Penan als einer der ihren aufgenommen. Er passte sich ihrer Lebensweise an, sprach ihre Sprache, ging mit dem Blasrohr auf die Jagd, ernährte sich von Sago und Affenfleisch. Doch die Ureinwohner waren besorgt: Internationale Holzfirmen walzten mit Bulldozern und Motorsägen den Wald nieder, um den Hunger der Industrieländer nach edlen Tropenhölzern zu stillen. Bruno organisierte den Widerstand.

1988 setzten die Holzfirmen ein Kopfgeld auf ihn aus. Unter abenteuerlichen Umständen gelang es ihm, in die Schweiz zurückzukehren, wo er die Öffentlichkeit auf die Situation der Penan aufmerksam machte. Er setzte sich ein für ein Tropenholz-Importverbot und eine klare Deklaration der Hölzer in den Geschäften.

Suizidgesellschaft

1993 erschien mein Buch „Ego und Gomorrha — Texte wider die Suizidgesellschaft“. Bruno teilte meine Analyse der weltweiten Umweltzerstörung, die durch eine neoliberale Wirtschaft vollstreckt und durch opportunistische Politiker begünstigt wird. Wir haben der Natur den Krieg erklärt und damit den Samen gesät für den künftigen Krieg zwischen den Menschen. An der Öko-Front stehen sich Umweltschützer und -zerstörer gegenüber: Hin und wieder fallen Schüsse, vereinzelt explodieren Bomben, ein paar Schiffe werden ausgeschaltet, ein paar Anschläge verübt und hin und wieder muss ein Mensch dran glauben.

Ich befürchte eine verhängnisvolle Eskalation: Zunahme der Weltbevölkerung, Konzentration der Menschen in Großstädten, landwirtschaftliche und industrielle Überproduktion, Überfischung der Weltmeere, Vergiftung der Böden, Abholzung des Regenwaldes, Plünderung der Rohstoffe, Aufheizung des Klimas, Zerstörung des Lebensraumes. Diese Faktoren lösen eine ökologische Krise und soziale Unruhen aus. Die Unruhen führen zu politischen Krisen und diese zu einer Weltwirtschaftskrise. Die Situation verschärft sich. Militante Umweltschützer lehnen sich gegen jene auf, die die Natur zerstören.

Im ökologischen Weltbürgerkrieg bekämpfen sich Öko-Rebellen und umweltfaschistische Einzelne, Betriebe, Konzerne, Organisationen und Regierungen.

Das ist die historische Entwicklung: Aufklärung, industrieller und technologischer Fortschritt, Entfremdung der Empfindung, Verlust der Wirklichkeit, Umweltfaschismus, Suizidgesellschaft, Weltwirtschaftskrise, ökologischer Weltbürgerkrieg.

„Schau ins Licht!“

Wenn ich meiner Befürchtung eines ökologischen Weltbürgerkriegs Ausdruck gebe, sehe ich meinen Freund vor mir. Er lächelt. Bruno lehnte Gewalt als Mittel zum Zweck ab. Sein ziviler Widerstand war geprägt von kreativer Phantasie und einer entwaffnenden Menschlichkeit. Am 21. Mai 1990 schrieb er mir in einem Brief:

„Das Element des ‚Positiven‘ ist elementar. Heißt es doch: ‚Schau ins Licht, und du wirst leuchten! Schau ins Dunkel, und das Dunkle verschlingt dich!‘ Also, schauen wir vorwärts und leisten wir beispielhaft den uns möglichen kleinen Teil im Dienste zum Ganzen. Vor allem in der Aufklärung und Veränderung des Konsum-Verhaltens, nicht nur abstrakt, doch mit praktischen Hinweisen und Taten liegt ein erster Schritt: ‚Wer begreift und nicht handelt, hat nicht begriffen!‘“

Drei nötige Schritte

Eine Gesellschaft, die sich selbst umbringt, ist die Summe von Einzelwesen, die sich selbst umbringen. Stichwort Klimakollaps. Die gesellschaftliche Degeneration ist ein Gradmesser für die individuelle. So liegt das Schicksal der Menschheit, trotz Angst und Ohnmachtsgefühlen, in der Hand jedes Einzelnen. Wer sich selbst demaskiert, demaskiert die Gesellschaft. Und wer sich selbst verändert, verändert das Ganze.

Um das globale Unglück abzuwenden, sind drei Schritte notwendig. Erstens müssen wir zugeben, dass wir persönlich mitbeteiligt sind an der Vernichtung von Pflanzen, Tieren und anderen Menschen, dass wir Mörder sind — im Begriff, Selbstmord zu begehen.

Zweitens sind die Hochleistungsmotoren der Suizidgesellschaft zu drosseln: Wir müssen die Voraussetzungen schaffen für den sofortigen Stopp des real existierenden Wirtschaftswachstums. Und drittens müssen Ethik und Wertvorstellungen sowohl dem Menschen als auch der Natur verpflichtet sein und bestenfalls ein „organisches“ Wachstum der Wirtschaft zulassen.

Aus Liebe radikal

Bruno Mansers Geschichte ist eine Geschichte von Selbstüberwindung und Verständigung. Ein Mensch macht sich auf zu anderen Menschen, die von der Welt im Stich gelassen werden, und erfährt etwas, das stärker ist als der Krieg, stärker als der Tod: die Freundschaft. Über alle Grenzen hinweg: Vertrauen und Freundschaft.

Bruno war radikal. Radikalität ist nicht Militanz.

Radikal ist jemand, der nach den Ursachen eines Problems sucht, indem er sich nicht mit Stamm und Krone des Baumes begnügt, sondern vordringt bis zu seinen Wurzeln im Erdreich.

Militanz hingegen bleibt an der Oberfläche, sucht die einfachste Lösung für das Problem, sie gibt sich zufrieden mit der Kettensäge und fällt den Baum. Die Verteidigung der menschlichen Vernunft gegen die Entmündigung der Massen durch Finanzjongleure, Global Players und Politiker hat radikale Individuen nötig, die sich der Herausforderung des Geistes stellen. Sie hat den Einzelnen nötig, der sein Denken und Fühlen von ökonomischen Fesseln befreit, der aufsteht und dem Wahn der Profitmaximierung die Bereitschaft zur Solidarität entgegensetzt.

„Den allzu kalten Politikern können wir nur eine Wärme entgegenhalten, die selbst losgelöst von allem noch ihren Sinn und Wert behält: Die schlichte Liebe zum Leben!“

Diese Worte schrieb mir Bruno am 26. September 1994, sie beeindrucken mich bis heute. Aus ihnen sprechen Glaube und Hoffnung. Glauben heißt: sich dem Unglaublichen stellen. Ohne dieses seelische Wagnis wird die Wirklichkeit zum Gefängnis. Ohne Glauben gibt es keine Hoffnung. Und Hoffnung gibt es nur in Verbindung mit Verantwortung. Glaube, Hoffnung, Liebe — im Grunde eine religiöse Botschaft.

Digitale Erstarrung

Die kapitalistische Gesellschaft hat eine verhängnisvolle Entwicklung durchlaufen. Was der Westen begonnen hat, wird der Osten vollenden. Die Vision ist beängstigend: Die Menschheit wird mit Maschinen überschwemmt, die die Natur endgültig zerstören; Dinge ersetzen menschliche Beziehungen und die Beziehung zu den Dingen führt in eine künstliche Gefühlswelt; Begriffe wie Wirklichkeit und Wahrheit gibt es nicht mehr, weil das, was sie benennen, nicht mehr existiert; in digitaler Erstarrung verlieren wir allmählich unsere Lebendigkeit.

Die Motivation der Lebenden im 21. Jahrhundert ist der Suizidismus: der Selbsterhaltungstrieb des Einzelnen, der in den gesellschaftlichen Untergang mündet. Anders formuliert: Die Überlebensstrategie des Individuums führt zum kollektiven Selbstmord. Eine Todesspirale …

Ethischer Quantensprung

Der bürgerliche Glaube an den Wert der Individualität sollte im Hinblick auf den Suizidismus — die Überlebensstrategie des Einzelnen, die zum kollektiven Selbstmord führt — hinterfragt werden. Muss die Individuation des Einzelnen künftig beschnitten, wenn nicht sogar verhindert werden? Eine solche Verhinderung endete aber zwangsläufig in der Unterdrückung des Individuums, in der Verhinderung seiner Selbstwerdung. Und dies gipfelte in der Katastrophe — menschlich in der Vermassung des Einzelwesens, politisch in der Diktatur.

Die ökologische Selbstzerstörung der Menschheit und ihre Alternative, die Öko-Diktatur, sind nur überwindbar durch die geistige und praktische Einbindung des Einzelnen in eine Gemeinschaft, die der Bewahrung der Schöpfung verpflichtet ist. Es geht nicht ohne ein naturwissenschaftliches und ökonomisches Umdenken, eine „ökologische Mentalmorphose“. Es braucht einerseits das ethische Bewusstsein des Einzelnen, anderseits die gesellschaftliche Hinwendung zum Leben, die sich in einer klaren und verbindlichen Gesetzgebung niederschlägt. Am Anfang des neuen Jahrtausends muss der Homo suizidens den ethischen Quantensprung vom ökologischen Bewusstsein zum ökologischen Handeln schaffen — jetzt oder nie!


Bild

Peter Fahr und Bruno Manser 1993. Fotograf: Titus Stern.

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