Bettina Wegner: Im Niemandsland

 In FEATURED, Kultur

Foto: privat

Berlin, 11. September 1992: Michael Kleff, Herausgeber der Zeitschrift „Folker“, interviewte Bettina Wegner, eine der bekanntesten Liedermacherinnen der früheren DDR – zeitlich nicht lange nach der „Wende“. Wegner („Sind so kleine Hände“) beschreibt die mentalen Folgen des „Regime Change“, der 1989 und 1990 stattgefunden hat. Welches war die Rolle von Liedermachern unter Bedingungen staatlicher Zensur? Und was ändert sich, wenn diese wegfällt? Fühlt man sich da weniger „notwendig“, entsteht gar eine Sinnkrise? Auszug aus dem Buch „Kein Land in Sicht“, das im Sturm-und-Klang-Shop erhältlich ist.   

Wenn du jetzt vor allem mal so die letzten zweieinhalb Jahre zurückblickst, wo stehst du heute als Liedermacherin, als Künstlerin, unter dem Blickwinkel Ost–West, also was ist für dich seit den politischen Veränderungen anders geworden?

Da hat sich bei mir eigentlich nur verändert, dass meine Produktivität auf null gesunken ist. Mir fällt nichts mehr ein, weil irgendwie hatte ich da im November ’89 mal irgendwie ganz große Hoffnungen und ganz schöne Vorstellungen und Wünsche, und dann endete das eigentlich alles so, wie es nun ist. Und das kannte ich ja schon. Ich hatte das große Glück, mich sieben Jahre daran zu gewöhnen, wo sie euch dann eben ganz kurz durchgedroschen haben oder die DDR-Bürger, die ehemaligen. Aber ich bin hier nie zu Hause gewesen und könnte auch nicht sagen, dass ich in der DDR heute zu Hause gewesen wäre.

Fühlst du dich dann sozusagen im Niemandsland, oder wie würdest du deinen Zustand beschreiben?

Ja, da bin ich schon lange, ja. Niemandsland ist ein schönes Wort.

Lieder sind ja unterschiedlich gemacht worden im Osten und im Westen, die Art zu singen war anders.

Es waren zwei Staaten, und in dem Moment, wo gesellschaftsbezogene Lieder gemacht werden, sind die Lieder unterschiedlich. Mir fällt immer nur wieder ein: Eigentlich liegt in der Kunst gar nicht mal so vordergründig Politisches, sondern es geht wirklich um Geburt, Liebe, Tod, aus! Also, das sind die Themen, und ich sehe da nicht so wahnsinnige Unterschiede. Nur die Art, ein Geschäft zu betreiben, nämlich das des Liedermachers, da sehe ich totale Unterschiede. Wir in der DDR waren natürlich auch Ersatz für Presse. Wenn es keine Pressezensur gibt, brauchst du bestimmte Lieder nicht zu schreiben. Wir hatten falsche Aufgaben zugewiesen bekommen. Da hatte ich eben länger Zeit als andere zu begreifen, dass man bestimmte Dinge nicht mehr braucht, wenn andere Medien die erfüllen können. In der DDR konnten das nur die Schriftsteller, Filmemacher und Theaterleute, und die Liedermacher kamen dann immer quer durch den Busch hinter der Ecke hervor.

Alle haben es verstanden. Du kannst jetzt in der Zeitung schreiben, was du willst, oder eben auch nicht. Aber diese Art von Zensur gibt es nicht mehr. Und da glaube ich, dass auch ein großer Lernprozess bei den Leuten losgehen muss, die daraufhin geschrieben haben. Die müssen dann jetzt einfach mal Kunst machen, sage ich ganz frech. (lacht)

 

Michael Kleff /Hans-Eckardt Wenzel (Hg.):
Kein Land in Sicht – Gespräche mit Liedermachern und Kabarettisten der DDR
Ch. Links Verlag, 336 Seiten, 20 €

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