Bewerbung als Kommissarin

 In FEATURED, Monika Herz, Politik, Wirtschaft

Unsere derzeit herrschende Ökonomie dient nicht dem Gemeinwohl — sie ist eher gemeingefährlich. Rücksichtlosigkeit, Ausbeutung Schwächerer und Umweltzerstörung verheißen wirtschaflichen „Erfolg“. Und auch hier gilt: der Ehrliche und Rücksichtsvolle ist oft der Dumme. Man kann sich nun über den mangelnden Idealismus der Akteure beschweren — oder man kann das System so umgestalten, dass es gar keinen Idealismus braucht, damit es einer Firma gut geht. Weil der Staat Güte — ein soziales und ökologisches Bewusstsein beim Wirtschaften — belohnt. Davon sind wir derzeit noch weit entfernt. Das Konzept „Gemeinwohlökonomie“, das Christian Felber, Gründungsmitglied von Attac Österreich, 2010 schuf, vermittelt das nötige Handwerkszeug zur Vermenschlichen der Wirtschaft. Utopie? Tatsächlich hatte sich der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss vor einigen Jahren schon einmal mit dem Konzept befasst. Es braucht nur noch eine kompetente Person, die es europaweit in die Praxis umsetzt. Monika Herz schlägt hierzu sich selbst vor. Wird sie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyern mit ihrem Bewerbungsschreiben überzeugen können?

Sehr geehrte Frau von der Leyen,

gerade eben vorhin habe ich gehört, dass Sie bis zum November noch dringend weibliches Personal brauchen. Wegen der Fifty-Fifty-Quote. Damit die EU-Kommission dann in neuer Besetzung anfangen kann, zu arbeiten.

Ja und da dachte ich eben, ich bewerbe mich mal. Initiativ-Bewerbung. Weil mir nämlich vor ein paar Tagen die Stellungnahme vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss ECO 378 überreicht worden ist. Inoffiziell versteht sich. Thema:

Die Gemeinwohl-Ökonomie: ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell für den sozialen Zusammenhalt

Die Anhörung erfolgte am 17. Juni 2015, die 11-seitige Stellungnahme am 17. September 2015 und diese wurde dann am selben Tag mit 144 gegen 13 Stimmen bei 11 Enthaltungen vom Ausschuss verabschiedet.

Nachdem ich nur 3 Seiten gelesen habe, frage ich mich ernsthaft, warum ich eigentlich nie wieder etwas von dieser zukunftweisenden, grandiosen Gemeinwohl-Ökonomie gehört hab. In der Folge kurz GWÖ genannt.

In meiner grenzenlosen Naivität war ich bis heute der Meinung, so eine übergeordnete Organisationseinheit, wie die EU es ist, die müsste doch was auf die Wege bringen können.

Also zumindest kann sie etwas oder jemanden fördern. Mit Fördermitteln zum Beispiel.

Sehen Sie, Frau von der Leyen, jetzt läuft gerade dieser eigentlich geheime künstlerische Prozess in mir ab. Bei dem ich gefragt werde, ob ich lieber die Wirtschafts-Kommissarin oder die Hüterin der Haushaltskasse, die Finanz-Kommissarin, werden möchte. Für beides bin ich jedenfalls mindestens genauso qualifiziert, wie meine MitbewerberInnen.

Als Wirtschaftskommissarin würde ich dann nichts anderes tun (wollen), als mich einzig und allein um dieses Projekt ECO 378 zu kümmern. Falls Ihnen in der Vorbereitungszeit für Ihren neuen Job noch niemand dieses ECO 378 gezeigt hat, will ich Ihnen nur etwa 1 Seite (von den 11 Seiten) sozusagen vorlesen. Achtung, ist ein bisschen trocken, aber schon cool!

1. Schlussfolgerungen und Empfehlungen
1.1. Nach Auffassung des EWSA sollte das Gemeinwohl-Ökonomie Modell sowohl in den europäischen als auch in die einzelstaatlichen Rechtsrahmen integriert werden. Ziel ist es, die Verwirklichung des Binnenmarktes über eine verstärkt ethische Wirtschaft voranzubringen, die auf europäischen Werten und der Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung gründet und diese synergetisch untermauert.
1.2. Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) beruht auf einem holistischen Ansatz, den Konzepten und den Grundwerten der Sozialwirtschaft, Kreislaufwirtschaft, Wirtschaft des Teilens (Share Economy), Funcional Economy, Ressourcenbasierte Wirtschaft und Blue Economy nahe stehend.
1.3. Die GWÖ wird von zivilgesellschaftlichen Organisationen, Unternehmen und Hochschulen unterstützt und als praxistaugliches Modell erachtet, das europäische Werte stärkt, den sozialen Zusammenhalt festigt und ein verantwortliches Wirtschaftssystem fördert. Die GWÖ wird von mehr als 100 lokalen Gruppen, nahezu 2.000 Unternehmen und sozialen Organisationen unterstützt.
1.4. Im Einklang mit der Europa-2020-Strategie soll der Aufbruch zu einer europäischen ethischen Marktwirtschaft erfolgen, die soziale Innovationen, Beschäftigung und Umwelt fördert. Die europäische ethische Marktwirtschaft kann mittels mehrerer Strategien verwirklicht werden:
1.4.1. Messung von Wohlergehen und sozialer Entwicklung anhand von Indikatoren über das BIP hinaus, wie des Gemeinwohl-Produkts und der Gemeinwohl-Bilanz.
1.4.2. Entwicklung von Maßnahmen zur Anerkennung von Unternehmen, die bspw. Durch ethisches Beschaffungsmanagement und ethischen Binnenhandel stärker zum Gemeinwohl beitragen.
1.4.3 Förderung des ethischen Außenhandels als europäisches Markenzeichen. Auf diese Weise wird Europa als ethische Marktwirtschaft Anerkennung erlangen und die europäischen Unternehmen werden auf dem ethischen Markt weltweit führend sein und zur Wahrung der Menschenrechte, zur Einhaltung der Arbeitsnormen und zum Schutz der Umwelt beitragen.
1.4.4. Förderung aller Arten von Unternehmern, die gemeinwohlorientierte Organisationen gründen.
1.4.5. Förderung des ethischen Konsums und Sensibilisierung der europäischen Verbraucher.
1.4.6. Ausweitung des Spektrums des Finanzökosystems durch die Förderung von Netzwerken ethischer Banken und Börsen in der EU.
1.5. Der EWSA fordert die Europäische Kommission auf, im Rahmen der neuen EU-Strategie für die soziale Verantwortung der Unternehmen (CSR) einen qualitativen Schritt vorwärts zu machen und Unternehmen (mit öffentlichen Aufträgen, Zugang zu Außenmärkten, Steuervorteilen usw.) für den Nachweis höherer ethischer Leistungen zu belohnen.

Also, wenn ich das so lese, dann hätte ich echt gern das Wirtschafts-Ressort. Irgendjemand muss ja schließlich der Aufforderung des Ausschusses mal Folge leisten. Oder? Also ich meine, das Papier ist samt Verabschiedung mehr als 4 Jahre alt! Und? Ist was passiert? Gab es mal eine europaweite Kampagne, bei der die Gemeinwohl-Ökonomie vorgestellt wurde? Ich hab nichts gemerkt.

Steuervorteile für Ethik-Unternehmen? Zum Beispiel für den kleinen Laden in Murnau, der diese Fairtrade- und Bio-Klamotten hat. Kriegt der schon seinen Steuervorteil? Oder die getreuen Naturkost-Läden und Biogärtner, wurden die mal belohnt in den letzten Jahren?

Oder was soll das sonst heißen: Ein Rechtsrahmen für die GWÖ?

Die GWÖ kann, glaub ich, ihrer Natur nach nur durch basisdemokratische Prozesse einen Rechtsrahmen bekommen. Also hätte es einen EU-weiten Volksentscheid oder zumindest mal ein Stimmungsbild geben müssen. Ich hätte es doch mitgekriegt, wenn das passiert wäre in den letzten 4 Jahren. Wie ist das denn mit der EU? Da arbeiten diese klugen, hochbezahlten Menschen in Ausschüssen und Kommissionen, verabschieden schöne Texte und überlassen die wunderbaren Worte dann ihrem Schicksal?

Also, wie sieht es jetzt aus mit meiner Bewerbung? Darf ich mich mal persönlich vorstellen? Dann würde ich gleich den Gründervater der Gemeinwohl-Ökonomie mitbringen. Sie wissen nicht, wer das ist? Tja.

Dann geht es Ihnen wie Milliarden Menschen in Europa. Nur wenige kennen überhaupt das Wort „Gemeinwohl-Ökonomie“ – geschweige denn, was es bedeutet oder wer es erfunden hat.

Also wenn ich EU-Kommissarin wäre, dann würde ich da endlich mal Maßnahmen ergreifen, Kampagnen zur Erhebung des „Wohlergehen-Index“ starten, Gemeinwohl-Bilanzen innerhalb eines Rechtsrahmen etablieren und so Zeug halt.

Wissen Sie, manchmal hab ich so Anwandlungen, da hab ich es richtig satt, immer nur zu denken „Da muss doch mal was getan werden!“ oder „Ich kann eh nichts oder fast nichts tun…“. Dann denk ich stattdessen: „Also gut, dann muss ich es eben selber tun!“ Und dann setz ich mich hin und schreib eine Bewerbung. Inzwischen weiß ich auch als was: Als Sonder-Kommissarin. SoKo. Weil ich schätze mal, dass die Kommission aus VertreterInnen der Mitglied-Staaten zusammengesetzt ist. Und weil Sie selber ja schon Chef-Kommissarin sind, wie soll da eine zweite Deutsche reinkommen können? Also gibt es nur einen Weg: Beharren Sie auf der Frauen-Quote! Wenn die Länder es nicht schaffen, die Frauenquote zu erfüllen, dann haben Sie Platz für mich! Ich bin sowieso eher transnational. Jedenfalls könnte „jemand“ gleich bei der ersten Sitzung der Kommission die GWÖ präsentieren. Dann muss man nur noch schauen, wieviel Geld da ist. Immerhin hat die GWÖ doch im Rahmen von diesem gigantischen Projekt „Europa 2020“ oberste Priorität! Eigentlich. Das wissen Sie doch hoffentlich! Oder? Und dann kann’s losgehen! Immer ein Schritt nach dem anderen…

Very simpel! Very easy!

Eigentlich brauchen Sie mich gar nicht für das Projekt. Sie können das auch gut ohne mich umsetzen. Das wär mir sowieso noch lieber. Aber falls Sie mich mal kennenlernen möchten, dann freu ich mich auf eine Einladung

Ihre Monika Herz

Anhang: Kurzbeschreibung der Gemeinwohlökonomie von Roland Rottenfußer

Erfolgreich ist, wer allen dient

Welche Qualitäten sind nötig, damit menschliche Beziehungen gelingen? – Rücksicht, Vertrauen, Fürsorge. Und welche Eigenschaften braucht es, um in unserem Wirtschaftssystem erfolgreich zu sein? – Ellbogen, Egoismus, Härte. Im Berufsleben herrscht das glatte Gegenteil der Werte, die wir bräuchten, um ein glückliches Leben zu führen. Christian Felber, Gründungsmitglied von Attac Österreich, arbeitete einen plausiblen Lösungsvorschlag aus. Unsere Ökonomie, so Felber, basiert auf Konkurrenz und Profit. So ist es kein Wunder, dass Ängste und Burnouts zunehmen, während das Vertrauen in die Zwischenmenschlichkeit abnimmt. An der menschlichen Natur liegt’s nicht, behauptet der Buchautor. Die birgt Potenziale in beide Richtungen: Konkurrenz wie Kooperation. Wir müssen also ein Anreizsystem schaffen, das eher die humanen Verhaltensweisen belohnt. Das können wir erreichen durch die Umstellung unseres Wirtschaftssystems auf Gemeinwohl-Ökonomie. Firmen sollen eine Gemeinwohlbilanz erstellen und Punkte sammeln: Wie gehen sie mit ihren Mitarbeitern um? Wie mit Frauen, mit Lieferanten, mit der Umwelt? Je nach Bilanz werden die Unternehmer dann finanziell besser oder schlechter gestellt.

Christian Felber: Gemeinwohl-Ökonomie. Verlag Piper, 256 S. Euro 11,-
www.gemeinwohl-oekonomie.org

Anzeige von 6 kommentaren
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    Ruth
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    Liebe Monika Herz,

    ein bisschen naiv gesprochen: „Sie haben mein Herz erreicht!“

    Und nicht nur das! Wäre auch nicht angemessen!

    Ihre Bewerbung, frech, keine verschwurbelte intellektuelle Sprache, sondern augenzwinkernd provokant und ermutigend!

    Unsere Parteien müssten Schlange stehen – ich denke an die alten Herren und Damen mit ihren Sprechblasen und der altbekannten Profilneurose!

    Also: ich klebe Plakate, schmeiß mich für Sie in die Politikmeute, fetze mich mit der etablierten Journalie und wenn es sein muss, dann küsse ich auch noch Herrn Juncker!

    Ursula, wir kommen!

    Wie wär’s? 😉

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    heike
    Antworten
    Liebe zukünftige Kommissarin, ich schließe mich gern Ruth an und biete ein wenig Wissen an zu dem, was aus europäischen Fördertöpfen seit 2014 ins sächsische Gemeinwohl geflossen ist: und zwar sind das über 2,1 Milliarden Euro, die als Fördergelder des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und des Europäischen Sozialfonds (ESF) kleinen und mittleren Unternehmen sowie einzelnen Menschen mit guten, pfiffigen Ideen bei der Verwirklichung ihrer Projekte, dem Aufbau einer Existenz oder ihrer beruflichen Weiterbildung zugute kamen.

    Einige Beispiele:

    – ESF-geförderte Zusatzqualifikationen für Azubis der Sächsischen Steinmetzschule in Bautzen

    – Entwicklung von Methoden zur Beschichtung von Orgelpfeifen zur Verhinderung von Korrosion

    – energetische Sanierung von Rathäusern

    – mit Hilfe von Weiterbildungsschecks Erwerbung von LKW-Führerscheinen der Klassen C/CE

    – Einstellung von Sozialpädagoginnen als zusätzliche Fachkräfte in Kindertagesstätten

    – EFRE-geförderte Hochwasserschutzanlage

    – Förderung von Jugendberufshilfeprojekten

    – Erneuerung einer Anlage zur Wärmerückgewinnung in einer Bäckerei

    – Installation einer neuen Wärmeerzeugungsanlage in einem Krankenhaus, mit der fast 960 Tonnen CO2 im Jahr eingespart werden

    – Eröffnung von Backstuben und Weinwirtschaften mithilfe von ESF-Mikrodarlehen

    – Erforschung von Grundlagenprozessen zur Herstellung neuartiger, effizienterer Solarzellen mittels EFRE-Technologieförderung

    Der Wille, Europa zu einem sozialen und ökologischen Ort für die Menschen zu machen, ist durchaus da. Die Ideen müssen/dürfen/sollen von den Menschen selbst kommen.

    Solche Dinge sind sicherlich noch ausbaufähig, liebe zukünftige Kommissarin. Ich bin ein EU-Fan und freue mich über eine menschenfreundliche Weiterentwicklung der EU.

    Vielleicht wissen noch zu wenig Menschen von solchen Fördermöglichkeiten. Vielleicht haben auch zu wenige Menschen selber Ideen und den Willen, etwas aus eigenem Antrieb zu schaffen (finanzielle Hilfe ist ja möglich).

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    Mo
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    Liebe Ruth, liebe Heike,

    also ich finde das fantastisch! Wir sind schon zu dritt! Müssen wir wirklich Herrn Juncker küssen? Muss ich mal schauen, wie der ausschaut. Ähm. Dieser lauernde Sexismus ständig. Wir küssen Herrn Juncker. Egal wie er aussieht. Also Politikerin muss man sich – wie die arme Angela – sogar von Donald küssen lassen. Einmal rechts auf das Bäckchen und einmal links. Wenns sein muss. Und dann müssen wir dazu auch noch lächeln!

    Schwestern! Danke! Ich brauche Eure Ermutigung! Sonst zieh ich das dann doch wieder nicht voll durch! Aber wegen und für Euch hab ich heut morgen einen zweiten Brief geschrieben. Einen Antrag. Danke Heike für den Tipp! Der nächste Schritt wäre, dass ich die Briefe dann tatsächlich wegschick. Also ganz materiell.

    Liebe Grüße

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    Ruth
    Antworten
    Liebe Mo,

    Netzwerkerinnen, kämpferisch, mutig, pragmatisch, klug, nicht trutschig – die gibt es nämlich auch – all das, das sind wir und noch vieles mehr!

    „Frauen an die Macht“! ☮️😊

    P.S. Sollte die Bewerbung schiefgehen – Angelas Amt ist bald vakant……!

    beste Grüße

    Ruth

     

     

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    heike
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    Ich fand den Artikel lustig und die Hinweise auf die Gemeinwohl-Ökonomie interessant. Dann fiel mir ein, dass mir vor kurzem diese Broschüre über die Europäischen Sozialfonds in die Hände gefallen war und das diese doch durchaus auch das Gemeinwohl fördern (und sicher noch ausbaufähig sind). Was ich damit sagen wollte war, dass Europa, die EU nicht so schlecht ist, wie es die AfD immer gern hinstellt, um dann tatarata – sich selbst als die Erfinderin der Gemeinwohlökonomie zu feiern.

    Ich selbst beneide Politiker im übrigen nicht um ihre Jobs – das ist ein ziemlich anstrengendes Pflaster – zumindest wenn man ein Gewissen hat und nicht blöd ist.

     

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    Ruth
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    Liebe Mo,

    ich entschuldige mich für einen unbedachten Klick!

    Ich wollte nicht schaden und Unfrieden befördern!

    Ich verabschiede mich und wünsche von Herzen alles Gute!

    Ruth

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