Das abstrakte Nein des mainstream-linken Moralismus

 in FEATURED, Philosophie, Politik

Über den Aufruf zur Demo vor der Wahl zum Bundestag. Im Oktober 2018 organisierte sich ein Bündnis mit dem Hashtag-Logo #unteilbar als Aktionszusammenschluss für offene EU- und Landesgrenzen. Die Organisatoren bereiteten damals eine Demonstration vor, deren Stoßrichtung u. a. auf die zuvor gegründete Sammlungsbewegung „Aufstehen“ zielte. Sahra Wagenknecht äußerte deshalb im Vorfeld der Berliner Veranstaltung Vorbehalte. Es kam zu unterschiedlichen Einschätzungen des Projekts. Wieder einmal haben die Initiatoren des Bündnisses #unteilbar jetzt – kurz vor der Wahl zum Deutschen Bundestag – zu einer Demonstration und Großkundgebung aufgerufen. Der Appell ist Gegenstand des folgenden Beitrags, der erläutert, warum die dabei verwendeten Sprachmuster an Viktor Klemperers Befunde über die Sprache im Dritten Reich erinnern. Rudolph Bauer

 

Viktor Klemperer (1881-1960) war Literaturwissenschaftler und Romanist. Aufgrund der jüdischen Wurzeln seiner Herkunftsfamilie wurde er 1935 als Professor amtsenthoben. Er war gezwungen, in so genannten Judenhäusern zu leben und entkam vor der deutschen Kapitulation 1945 durch Flucht mit seiner Frau der Deportation in ein Todeslager der Nazis. Zur Arbeitslosigkeit gezwungen, widmete sich der Philologe Klemperer der Aufgabe, die Eigenschaften der Nazi-Sprache zu untersuchen. Seine sprachwissenschaftlichen Befunde vertraute er Notizbüchern an, die er aus berechtigter Furcht vor einer Hausdurchsuchung durch die Gestapo mit dem Kürzel LTI versehen und einer Freundin der Familie zur Aufbewahrung übergeben hatte. 1947 wurden die LTI-Aufzeichnungen erstmals veröffentlicht. LTI ist die Abkürzung von „Lingua Tercii Imperii“, zu Deutsch: Sprache des Dritten Reiches.

Es ist nicht wenig überraschend, dass sich bestimmte Elemente der antidemokratischen Ideologie des NS-Faschismus heute wiederfinden in Zusammenhängen, in denen man sie am allerwenigsten erwartet. Der Aufruf des Bündnisses #unteilbar ist ein Beispiel dafür, wie aktuelle politische Aussagen und Forderungen – ohne dass sich ihre Akteure dessen wahrscheinlich bewusst sind – Gefahr laufen, in einen Sog zu geraten, der an die Besonderheiten der Nazi-Propaganda erinnert. Da sich die Unterzeichner-Organisationen mehrheitlich dem linken Lager zurechnen, ist es umso wichtiger und notwendig, auf die sprachlichen Fehlleistungen des #unteilbar-Aufrufs hinzuweisen. Unterzeichnet haben neben diversen Aktionsbündnissen und Netzwerken (z.B. Amnesty International, Attac, FfF, IPPNW, Omas gegen rechts, Republikanische Anwälte, Seebrücke, VVN-BdA) Wohlfahrtsverbände, Organisationen der Friedensbewegung (z. B. pax christi), Gewerkschaften (GEW, IGM und ver.di) sowie die Parteien SPD, Grüne, Linke, ÖPD, Piraten und Volt.

Klemperer hat in seinen LTI-Notizen eine Reihe von besonderen Eigenschaften der NS-Propagandasprache zusammengestellt, die sich auch im Aufruf wiederfinden. Hervorstechend ist die Kategorisierung (neudeutsch: das Framing), mittels derer sich das Bündnis als scheinbar einheitlicher „Wir“-Block präsentiert. Die  monolithische Vorstellung einer einheitlich verbundenen Gemeinschaft, die von den Nazifaschisten im Mythos vom Volkskörper beschworen wurde, erneuert sich heute als neues Kollektiv in Gestalt der sprachlichen und begrifflichen Zusammenführung von Menschen diversen Alters, unterschiedlicher politischer und verbandlicher Zugehörigkeit, mit verschiedenen identitären und sonstigen Merkmalen sowie von in- und ausländischer Herkunft. Diversität ist – so paradox es erscheint – das Gemeinschaftsmerkmal der mainstream-linken Moralisten der Gegenwart. Von Klassenwidersprüchen ist keine Rede

Wo das biedermeierliche Eingebettet-Sein in die Gemeinschaft der großen Mehrheit beschworen wird, werden immer auch Abweichler und Minderheiten als „gemeinschaftsfremd“ marginalisiert und „bekämpft“ – damals wie heute. Die von der NS-Propaganda vorgenommene biologische Bestimmung des Menschen als Typus mit rassegesundem Erbgut findet im Aufruf ihre Entsprechung in der Hervorhebung körperbezogener Merkmale der Verschiedenartigkeit. Der Appell betont neben institutionellen Zugehörigkeiten deshalb vor allem biologische Merkmale, nämlich Hautfarben, Alter, Behinderungen, ethnische Herkunft, Geschlechter und sexuelle Orientierungen. In auffälliger Weise werden psycho-biologische Elemente des Vitalen „der Vielen“ hochstilisiert und aufgewertet zur moralisch selbstgerechten Charakterisierung der eigenen Lifestyle-Überlegenheit gegenüber den gewöhnlichen Lebensweisen der übrigen Menschen.

Der Aufruf beschwört in emotionaler Weise die Existenzangst derjenigen, die von Arbeitslosigkeit, Verarmung und Krankheit bedroht sind. Er spricht vom Ernst der Klimakatastrophe, von den Gefahren der Menschenfeindlichkeit und des Rassismus, vom Tod der flüchtenden Migranten, ihrer Frauen und Kinder. All dies, ohne die Verursachungszusammenhänge in den Blick zu nehmen und zu benennen: die kapitalistische Ausbeutung von Mensch und Natur, Flucht und Migration infolge von Militarisierung, Rüstung, Kriegen und Verelendung. Die Emotionalisierung und Heroisierung hat Vorbilder in der NS-Sprache. Jene warnte vor den „Untermenschen“ und feierte den soldatischen Heldenkult ebenso, wie sie Heimat, Blut und Boden emotional zelebrierte.

Schließlich entsprechen sich die sprachlichen Muster maximaler Größenordnungen heute wie damals: Stets ist es „die Welt“ als großes Ganzes, welche seinerzeit am „deutschen Wesen genesen“ sollte und der heute „eine gerechte Bewältigung der Klimakrise“ in Aussicht gestellt wird. Ehemalige und Scheinrebellen reihen sich ein in die geopolitische Phalanx des Staats-Establishments, das von Verantwortung spricht, aber machtpolitische Sanktionen und kriegerische Überfälle meint.

Dem philologischen Spürsinn von Victor Klemperer ist es zu verdanken, dass es uns heute möglich ist, die sprachlichen Muster der NS-Zeit zu erkennen, sie mit denen der Gegenwart zu vergleichen und vor dem Sog der LTI-Sprache zu warnen. In letzter Konsequenz wird auf diese Weise ersichtlich, dass die Abgrenzungen gegen Rassismus, Antifeminismus und Antisemitismus  sowie der Kampf  gegen die extreme Rechte lediglich die abstrakte Negation jener Politik darstellen, gegen welche die #unteilbar-Demo scheinbar zu Felde zieht.

Eine konkrete Verneinung würde andere Schwerpunkte setzen: z.B. Völkerfreundschaft, Toleranz und Minderheitenschutz statt eines maulheldenhaften Antirassismus, der sich oft allein auf  Sprach-Correctness beschränkt. Im Kampf gegen den Rechtsextremismus wäre es angebracht, eine Politik für menschliche Lebensbedingungen ohne materielle Benachteiligung, Kultur- und Bildungsnotstand zu fordern. Kann man den Antifeminismus ernsthaft anprangern, aber die Armut von Kindern – also auch von Mädchen! – und ihrer Mütter ausklammern?

Zu erkennen, dass die abstrakt Negation durch die Vorsilbe „Anti“ allein keine Lösung ist, wird verfemt, weil jeder Nachweis einer Parallele mit dem Nazifaschismus als Verharmlosung desselben gilt und ein Tabu ist. Dadurch wurde und wird der „Neu“-Auflage einer antidemokratischen Ideologie und eines autoritären Überwachungssystems im scheindemokratisch-parlamentarischen Gewande der Weg bereitet (wie wir es auch unter den autorität-antidemokratischen Bedingungen der Corona-„Bekämpfung“ erleben, die kein Thema des Aufrufs sind!) – und kaum jemand erlaubt es sich und anderen, kritisch vergleichende Gedanken zuzulassen, um daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Erklärbar ist dieses Verhalten der intellektuellen Selbstzensur und des links-politischen Mitläuferunwesens nicht zuletzt infolge dessen, dass es der deutschen Regierung und den sich gleichschaltenden Medien gelungen ist, innenpolitisch durch die weitgehend verbale – weil juristisch fehlgeschlagene – Abgrenzung gegenüber AfD, NPD, Pegida, retrofaschistischen Nazi-Schlägertrupps und NSU-Mördern den Eindruck totalitärer Unschuld zu erwecken. Gleiches bewirkte das Sich-Absetzen Bundesregierung von rechten Amtsträgern in Ungarn und Polen sowie durch die aufgeregte Ablehnung von Politikern wie Kurt Waldheim in Österreich, Berlusconi in Italien, Trump in den USA und Le Pen in Frankreich. Die Methode „Haltet den Dieb“ funktioniert.

 

Showing 4 comments
  • Freiherr
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    Yes indeed –

    nicht nur die Hauptstrom-Linke, auch die Grünen unverblümt, biedern sich dem Faschismus an

    und der hat ein buntes Röcklein an

    tanzt wie der Bi-Ba-Butzemann

    uns auf der Nas herum – fidebumm…

     

  • Büchel atombombenfrei
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    Heute morgen zweimal in den DLF NAchrichten zu der Kundgebung mit Bekanntmachung der DemoRoute, brav das HYGIENE Konzept kommuniziert, dann sehe ich ein Bild auf web de alle brav maskiert.

    Mal sehn, ob se morgen früh genauso Werbung machen für die Menschenkette rund um Büchel.

  • John
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    Verstehe den Artikel nicht. Die Linke zurecht für unpassende Faschismusvergleiche anklagen und, im selben Artikel, unpassende Faschismusvergleiche ziehen?
  • Freiherr
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    „…wer Verantwortung trägt, für Frieden, Umwelt, Welt überhaupt, Klima und Natur, Antifaschismsus, Menschenrechte u.u.u.. –

    der geht freilich zur unteilbar-demo, trägt selbstverständlich Maske und lässt sich spritzen „, Antifanten sorgen für reibungslosen Ablauf und spähen nach Störenfrieden.

    Eine Regierungsdemo also, rot-rot-grün beseelt vor allem, ein von der Politik längst eingesacktes ehemaliges Widerstandskaleidoskop, unteilbar mit den Faschisten verbunden, verbandelt.

    Da gesellen sich dann auch Abgeordnete mit e-bike gerne dazu, weit und breit kein böser Querdenker, kein Demokratie- und Freiheits-Schreihals, man ist unter sich, nur Konstantin Wecker hat noch gefehlt.

    Ja – man demonstriert die Unteilbarkeit von rot-rot-grünen Zukunftsvisionen einer kommenden heilen Welt, Demokratie und Freiheit stünden da nur in Weg.

    So geht demonstrieren ! – vorbildlich folgsam und von der Polizei hochgelobt, freilich auch von ARD und ZDF.

    Auch „Instinction Rebellion “ hat längst ausrebelliert, Hygiene-Konzept und Social-Distancing und coronagläubig die Strategien,

    “ Die Projektgruppe CoReCo (Corona Response Coordination) hat sich das Ziel gesetzt, der Bewegung dabei zu helfen, sich strukturell und strategisch in der durch Lockdown, Krankheitsfälle, Infektionsgefahr und allgemeine Entschleunigung geprägten Situation zu orientieren. „

    auf deutsch: der Pandemieschwindel, die Verbrechen dadurch, sind eine Rebellion nicht wert, die Vernichtung von Demokratie und Freiheit ebenso nicht, man verfolgt höhere Ziele, embedded resistance, von der Politik scheibchenweise adoptiert.

    all in all – dem Blendwerk des Great Reset peinlich auf den Leim gegangen, dem Faschismus in bunten Gewändern, von Widerstand dagegen keine Spur.

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

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