Das Gebet der Armen

 in Kultur, Politik, Spiritualität

Heute etwas ganz Besonderes auf HdS: Zum Lied „Patro Nia de Latin-Ameriko“ (siehe weiter unten auf dieser Seite) veröffentlichen wir einen erklärenden Text aus der Feder des Liedermachers selbst. Dabei geht es aber nicht um „germanistische“ Textanalyse; vielmehr berichtet Krysztof Daletski von Ursprung und Weltanschauung der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Diese betrachtete die Spaltung in Arm und Reich nicht als naturgegeben, sah Gott auf der Seite der Armen und Ausbeutung als Sünde. Inzwischen wurde die Befreiungstheologie von der Amtskirche zurückgedrängt. Federführend war dabei u.a. der Herr Ratzinger. Krysztof Daletski

Der ursprünglich portugiesische Text dieses Liedes zirkuliert in den 1980er Jahren anonym in Brasilien und hat seither leider nichts an Aktualität verloren. Um die Relevanz über Brasilien hinaus hervorzuheben, habe ich es aus dem Portugiesischen nach Esperanto übertragen und neu vertont.

Das Lied stammt aus dem Umfeld der Befreiungstheologie, die in den 1970er Jahren in Lateinamerika entstand und von der Frage ausging, „wie Gott verkündet werden kann in einer Welt, die charakterisiert ist durch den vorzeitigen und ungerechten Tod vieler Menschen“ (G. Guiterrez). Wichtige Postulate der Befreiungstheologie sind:
• Soziale Erfahrung ist ein ebenso wichtiger „Text“ wie die biblischen Schriften, und das Evangelium ist im Kontext dieser Erfahrung zu deuten („releitura“). Damit setzt sie neben die „Orthodoxie“ der Amtskirche die „Orthopraxis“ der Basisgemeinden.
• Der Gott der Bibel ist nicht neutral, sondern ein parteiischer Gott auf Seiten der Armen und Unterdrückten. Die religiöse Praxis muss deshalb gelebte Solidarität mit diesen sein („Option für die Armen“).
• Der Begriff „Sünde“ ist nicht auf persönliche Verfehlungen beschränkt, sondern auch auf Gesellschaftsverhältnisse anwendbar, die systematisch zu Elend und Unterdrückung führen („strukturelle Sünde“).

Die Befreiungstheologie widerspricht der klassischen katholischen Soziallehre, die „die Verantwortung von Arbeit und Kapital (und von armen und reichen Ländern) betont, in Harmonie zusammenzuarbeiten“ [3]. Daraus ergibt sich für die Armen die Verpflichtung sich unterzuordnen, und für die Reichen die Verpflichtung die Not der Armen abzumildern („Caritas“). Im Gegensatz dazu betrachten Befreiungstheologen Armut und Reichtum nicht als Naturphänomene wie das Wetter, sondern stellten die Frage, warum die Armen arm sind.

Um diese Frage zu beantworten, griffen Sie auf wissenschaftliche Analysewerkzeuge der politischen Ökonomie zurück, insbesondere des Marxismus und der Dependenztheorie. Indem Armut und Not verursachende Strukturen als „sündhaft“ (und damit zu überwinden) charakterisiert werden, ist es keine Theologie über Befreiung, sondern für Befreiung: Sie zielt darauf, den (insbesondere: ökonomischen) Statuts quo und dessen kirchliche Absegnung zu überwinden.

Das gesellschaftliches Engagement vieler Geistlicher an der Seite der Rechtlosen war nicht ungefährlich, und viele wurden durch Militär oder US-unterstützte Todesschwadronen getötet [5]. Internationales Aufsehen erregte 1980 die Ermordung Bischofs Óscar Romero in El Salvador. Außerdem rief die prophetische Herausforderung durch die Befreiungstheologie ebenso wie deren Rückgriff auf marxistische Gesellschaftsanalyse den Unmut des antikommunistischen Papstes Johannes-Paul II hervor. Gemeinsam mit dem von ihm ernannten Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, machte er sich daran, die Befreiungstheologie zurückzudrängen.

Dies erfolgte durch Disziplinarstrafen und Druck auf kirchliche Organisationen, Befreiungstheologen auszuschließen, die „Enthauptung“ des Ordensverbands Lateinamerikas und der Karibik (CLAR), und vor allem durch die systematische Berufung reaktionärer Nachfolger auf freiwerdende Bischofssitze [2]. Durch das lange Pontifikat Johannes-Paul II ist mittlerweile das Episkopat in Lateinamerika weitgehend bereinigt und die Kirche ist „zurückgekehrt zur pastoralen Konzentration auf die Mittelklasse und die wohlhabende Elite als Bollwerke ihres Einflusses“ [6]. Ein aktuelles Beispiel ist das Werben des venezuelanischen Kardinals Porras für die Absetzung der derzeitigen linksgerichteten Regierung und die Anerkennung eines selbsternannten Gegenpräsidenten in seinem Land während seiner Europareise 2019, bei der er von deutschen Regierungsvertretern entsprechend wohlwollend empfangen wurde [7,8].

Zwar gibt es nach wie vor Vertreter der Befreiungstheologie, aber die Maßnahmen des Vatikans führten dazu, dass diese in der katholischen Kirche keinen Einfluss mehr haben. Und zu den radikalen biblischen Texten wie z.B. den Seligpreisungen der Bergpredigt oder dem Magnificat postulierte Johannes Paul II in „Libertatis consciencia“ (1986), dass diese ausschließlich individualistisch spirituell zu verstehen seien [2]. Eine solche Zähmung der biblischen Botschaft begleitet das Christentum seit der Konstantinischen Wende [9] und vielleicht ist sie erforderlich zur Kompatibilität mit einer Unterstützung durch die Mächtigen. Andererseits wartet die darunter schlummernde Radikalität des Christentums darauf, in unregelmäßigen Abständen wiederentdeckt zu werden. Und so ist dieses Lied eine Erinnerung daran, dass es unter den Bitten des Vaterunser auch den Zusatz gibt: „wie im Himmel so auf Erden“.

Literatur
[1] U. Schoenborn: „Wie im Himmel, so auf Erden – Zur Rezeption des ‚Vaterunser‘ in Lateinamerika.“ Transparent-extra 59/2000, pp. 1-24, 2000
[2] P. Hebblethwaite: „Liberation Theology and the Roman Catholic Church.“ pp. 209-228 in C. Rowland (Hsg.): The Cambridge companion to Liberation Theology. 2nd edition, Cambridge University Press, 2007
[3] V. Fitzgerald: „The Economics of Liberation Theology.“ pp. 248-264 in C. Rowland (Hsg.): The Cambridge companion to Liberation Theology. 2nd edition, Cambridge University Press, 2007
[4] P. Turner: „Liberation Theology, Dead or Alive?“ https://zingcreed.wordpress.com/2013/05/24/liberation-theology/, 2013
[5] A. Wertz: „Die Weltbeherrscher – Militärische und geheimdienstliche Operationen der USA.“ pp. 178 & 205, Westend, 4. Aufl., 2015
[6] A. Dawson: „The Base Ecclesial Communities.“ pp. 248-264 in C. Rowland (Hsg.): The Cambridge companion to Liberation Theology. 2nd edition, Cambridge University Press, 2007
[7] J. Frank: „Kardinal aus Venezuela: ‚Uns regiert eine Verbrecherbande‘.“ Kölner Stadtanzeiger, 21.05.2019
[8] Pressemitteilung des Bundesministeriums für wirtschaftliche zZusammenarbeit und Entwicklung vom 15.05.2019, http://www.bmz.de/20190515-1
[9] E. Fromm: „Die Entwicklung des Christusdogmas: Eine psychoanalytische Studie zur sozialpsychologischen Funktion der Religion.“ Imago 16.3-4, pp. 305-357, 1930

Showing 2 comments
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    Brand,Hildegard
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    Ach, ich mag gar nicht dran denken:

    an die ach so freundschaftliche Beziehung besonders von Papst Johannes Paul II. zu den Diktatoren bes. in Lateinamerika.

    Beispiel : Pinochet in Chile.

    Ihm gratulierte er zur Goldenen Hochzeit und reichte  dem kath. General bei dem Besuch in Lateinamerika die ach so heilige, katholische  Kommunion, während Pinochet Tausende Gegner seiner Diktatur foltern und hinrichten ließ. War ihm die Katholizität eines Schreckensdiktators wichtiger als eine offene Gegnerschaft gegen den Diktator  und die Rettung seiner kirchlichen Mitarbeiter?

    El Salvador:

    In der damaligen Diktatur wurde Erzbischof  Romero von Schergen, Mitgliedern der Todesschwadronen, während einer Messe erschossen.

    Statt sich gegen die Diktatur in El Salvador zu stellen, die „Optition für die Armen“ zu unterschreiben, war dem Papst in einer Audienz  in Rom mit Erzbischof Romero die Warnung vor dem Kommunismus wichtiger als sich schützend vor seinen engagierten Mitarbeiter zu stellen und ihm Hilfe zuzusprechen.

    Wegen dieser unterlassenen Hilfeleistung kann dem damaligen Papst eine Mitverantwortung und Schuld an der Ermordung des Erzbischofs zugeschrieben werden.

    Und-  Johannes Paul II. pflegte offenbar ein freundschaftliches Verhältnis zu dem Begründer der “ Legionäre Christi“ in Mexiko, Marcial Maciel Degollado. Dieser Pater sammelte eifrig  große Millionenbeträge von Spenden für caritative Zwecke, ging in Rom ein und aus, lebte gleichzeitig in Luxus , schwängerte mehrere Frauen, missbrauchte zahlreiche Kinder, darunter auch seinen eigenen Sohn . …

    So weit zur die Heiligkeit des damaligen “ Heiligen Vaters“ : Johannes Paul II. …

    Hildegard

     

     

     

     

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    Ursula Mathern
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    Es freut mich sehr, dass in diesem Lied die Befreiungstheologie wieder ins Bewusstsein gehoben wird!

    Würde die Radikalität der christlichen Botschaft wieder entdeckt, was für eine Unterstützung könnte daraus erwachsen für die für unser aller Überleben auf diesem Planeten notwendige grundlegende ökonomisch-ökologisch soziale Transformation!

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