Das Glück der einfachen Dinge

 In CD-Tipp, FEATURED, Roland Rottenfußer

Annett Kuhrs CD „Sommerlandtraum“ ist eine Ausnahmeproduktion in der Liedermacherszene, handwerklich glänzend gemacht, dichterisch inspiriert und musikalisch im guten Sinne „konservativ“. Statt auf Kritik und Agitation zu bauen, strahlen diese Lieder ein großherziges Einverstandensein mit den Dingen des Lebens aus. Kuhrs gelassene und biophile Welthaltung steckt an und beglückt den Hörer auf stille Weise. (Roland Rottenfußer)

„Wie ein sanfter Pinselstrich“ kommen diese Lieder daher, da erscheint nichts „dick aufgetragen“, höchstens einmal surreal verspielt. Unwillkürlich denkt man beim Hören an Reinhard Meys Selbstcharakteristik: „Die Welt liebt nur die grellen Schilder, doch dein Pastell begreift sie nicht“. An den Meister des Liedermacherfachs erinnern bei Annett Kuhrs Musik auch die gütige, lebenskluge Grundausstrahlung und der konzentrierte Wille zu schreibhandwerklicher Präzision. Meisterhaft auch das liebevoll ausgemalte Detail, Ausdruck der Achtsamkeit der Künstlerin für die „kleinen“ Dinge, die in Wahrheit oft die großen sind und deren feine, dankbare Wahrnehmung dem Leben Erfüllung schenken kann.

 

Annett Kuhr wurde 1964 in Singen geboren. Sie startet ihre Karriere als Musikerin u.a. mit jiddischen Liedern, ist Musiktherapeutin und ausgebildeter Clown, gründete und leitete eine Kulturwerkstatt für Menschen mit Behinderung. Insgesamt sieben CDs hat sie bisher herausgebracht, trat über 20 Jahre solo und in verschiedenen Ensembles auf, führte Regie bei einer musikalischen Theaterproduktion, erhielt eine Reihe von Preisen für ihr Chansonschaffen.

 

„Alles was laut und nichtig ist, findet mich nicht“, singt Annett im Eingangslied von den „einfachen Dingen“ – ein charakteristischer Satz für sie. Die Liedermacherin kennt das melancholische Glück des Sich-Begnügens, wenn sie in „Hiddensee“ das Ende einer Feriensaison beschreibt:

 

„Da ist so vieles, was zu sagen ich doch nicht vermag.

Wie eine ferne Melodie umspielt es meinen Tag.

Und öffnet leise etwas in mir, Schicht für Schicht…

– und ich wehr mich nicht.“

 

Schon dieser letzte Satz – „Ich wehr mich nicht“ – , erscheint aus politischer Sicht unkorrekt. Darin zeigt sich Hingabe und der Verzicht darauf, von allem, was einem widerfährt, selbst die Ursache sein zu wollen. Symbolisch dafür steht „Der Weg durchs Moor“, die deutsche Fassung des englischen Lieds „Across the moor“ von Nadia Birkenstock. Hier, wo ein schmaler Plankenpfad zwischen Kiefern und Schilf durchführt, „gab’s ja nur den einen und sonst keinen anderen Weg.“ In einer multioptionalen Welt erscheint es für die Seele wohltuend, festgelegt zu sein. Nicht wählen zu dürfen – besser: nicht wählen zu müssen – macht den Geist frei, um die mannigfaltigen Schönheiten am Rande wahrzunehmen: den Libellenflug oder das Heidekraut in der Abendsonne.

 

So sind es immer wieder die landschaftlichen Miniaturen, die an „Sommerlandtraum“ bestechen – ausgeführt mit einer Sprachkunst, die in der Liedermacherszene selten ist. Kuhrs Landschaftsbeschreibungen sind fast nie deutend, immer aber deutlich. Aus der Vertiefung in das reizvolle Detail erwächst für den Hörer, der der Autorin darin folgt, ein friedvoller und unaufgeregt liebevoller Gemütszustand, wie hier im Lied „Regen“:

 

„Grüne Wellen gleiten glatt und seidig

Über Moos, das sich geschmeidig

Auf den Steinen hebt und senkt.

Jetzt kreuzt ein schwarzer Ast,

er wird umwoben, wird getaucht und wird gehoben

und in Silberglanz getränkt.“

 

Ein Tipp für Leser und Hörer: nicht zu viel nachdenken, das Beschriebene einfach vor seinem inneren Auge entstehen lassen. Besonders eindrucksvoll gerät dabei „Sommerland“, das (fast) das Titellied der ganzen CD „Sommerlandtraum“ ist – ironischerweise mit zwei Schneemännern auf dem Cover. Annett Kuhr beschreibt darin den Sommer ihrer Kindheit – und den zivilisationsbedingten Verfall dieser Kindheitswelt in direkter Anspielung auf das Bienen-, Insekten- und Vogelsterben. Hier gesellen sich zum Flirren und Gleißen des Sommers auch dunkle Kontraste:

 

Die Hitze kroch über die Hügel, die Sonne stand hoch

Und der Schatten war knapp.

Die Dorfmitte glich einem Tiegel, die Zeit wurde zäh,

sie zog Fäden, riss ab.

Und endete jäh in der kleinen Kapelle,

in der der Gekreuzigte hing

und wo dich bisweilen bereits auf der Schwelle

im Dunkeln ein Flüstern empfing.

Den Rosenkranz beteten ältere Frauen,

ihr flehender Murmelgesang

webte, voll Demut und Grauen, Furcht und Vertrauen,

dunkle Gespinste aus Klang.

 

Die Dichterin drängt dem Hörer hier keine Symbolik auf, es steht ihm jedoch frei, eine solche in ihre Verse hineinzuinterpretieren. Im Ganzen ist der Liederzyklus eine „Sommerreise“, die sich ein Stück in den Herbst hinein erstreckt. Jedenfalls dominieren in den von der Liedermacherin selbst geschriebenen Texten die Landschafts- und Jahreszeiteneindrücke. Abwechslung bieten vor allem die beiden „Gastbeiträge“, die von dem Songwriter und Kabarettisten Christoph Stählin getextet wurden. Hier sticht vor allem „Die Mehrheit“ heraus, die es sogar auf die Liederbestenliste geschafft hat.

 

Wer stürzt den Tyrannen? Die Mehrheit.

Wer stürzt die Mehrheit? Die Mehrheit.

Gegen wen darf man nichts sagen? Die Mehrheit.

Wer schweigt? Die Mehrheit.

Wer fühlt sich nicht zuständig? Die Mehrheit.

Wer spielt im Lotto? Die Mehrheit.

Wer verliert? Die Mehrheit.

 

Ansonsten lässt Annett Kuhr als Co-Autoren und -Komponisten nur Joseph von Eichendorff und Johann Sebastian Bach ran. Darunter macht sie es nicht. Als „Farbtupfer“ kündet ihr Lied „Träume und Katzen“ von einer stilistisch etwas anders gearteten „frühen“ Annett Kuhr. Aus dem Jahr 2004 stammend, malt das Lied surreal anmutende Bilder, geradezu träumerisch-poetischen Nonsens:

 

Ich hab vom Markt geträumt,

ich träumte von meinem Stand.

Ich hatte kein Obst, kein Gemüse, nichts weiter,

als bunte Schachteln zur Hand.

Darin verborgen lagen die Träume der Kunden,

die kamen zu mir.

Ich nahm einen Traum und reichte ihn rüber,

sie zahlten mit roten Katzen dafür.

 

Musikalisch dominiert auf „Sommerlandtraum“ die liedermachertypisch „dahinplätschernde“, unaufdringliche, jedoch mit Präzision gespielte Begleitgitarre, die Annett Kuhrs besonnen klingender Altstimme genug Raum zur Entfaltung lässt. Allerdings sorgen reizvolle Arrangement-Details an der einen oder anderen Stelle für Auflockerung. Etwa die kurzen stoßartigen Choreinlagen in „Regen“, die das Fallen der Tropfen symbolisieren sollen. Ebenso das Cello (Merle Weißbach) und das Sopran- oder Altsaxophon (Volker Basler) als Zweitinstrument in einigen Liedern. In zwei weiteren dominiert der Flügel (Herwig Rutt bzw. Annett Kuhr) statt der Gitarre.

 

Eine stattliche Anzahl von 10 Musikerinnen und Musikern sind auf der CD dabei, alle Könner ihres Fachs. Die Melodienbögen biedern sich nicht als „Ohrwürmer“ an, sind aber dennoch, wie z.B. in „Hiddensee“, auf unaufdringliche Weise inspiriert und fügen sich mit den Texten zu manchem schönen Klangmoment zusammen. Obwohl man spürt, dass diese Lieder auf der Gitarre entstanden sind und dass die Künstlerin sie auch jederzeit allein auf der Bühne performen könnte, hat Annett Kuhr die zusätzlichen Chancen, die sich aus einer Studio-Produktion ergeben, hier doch klug genutzt und dem „Pastell“ ihres Liederzyklus einige leuchtende Farbakzente hinzugefügt.

 

Der Hörer bleibt nicht „erschüttert“, aber sanft angerührt und gleichsam mit geschärften Sinnen zurück wie nach einem Regenguss, wenn das Sonnenlicht sich, alles schöner modellierend, auf die erfrischte Landschaft legt.

 

„…und es scheint uns einmal mehr,

all die nassen Wiesen seien grüner,

und die Welt ein wenig weiter als vorher.“

 

Annett Kuhr: Sommerlandtraum, 2017 Annett-Kuhr stimme&musik, Bestellnummer: CD AK1705

www.annettkuhr.de

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