Deo gratias: Die unscheinbare Willkommenskultur

 In Spiritualität, Thomas Quartier

Klosterpförtner im Kapuzinerkloster, Passau

„Willkommenskultur“ ist ein Begriff, der zum Glück seit 2015 im kollektiven Sprachschatz angekommen ist. Selbst gutwillige Menschen betrachten es aber oft noch immer als eine besondere Gnade ihrerseits, Fremden die Tür zu öffnen. Zu wenig wird gesehen, was der Ankömmling dem Öffnenden geben kann. In Klöstern herrscht sei Jahrhunderten eine ganz unspektakuläre Willkommenskultur. Einen Schutz- und Hilfesuchenden einzulassen wird dort als heiliger Akt verstanden und steht unter dem besonderen Schutz Gottes. Bruder Thomas Quartier, Angehöriger einer benediktinischen Mönchsgemeinschaft in den Niederlanden, erinnert an diesen Brauch, der heute auch eine politische Dimension hat. (Thomas Quartier osb)

Unter all den zahlreichen Plädoyers für die vielen, die heute an die Tore Europas klopfen, ist ein Statement für mich das kraftvollste von allen. Es kommt aus einer völlig unerwarteten Richtung: von einem alten Mönch, der die Pforte seines Klosters bewacht. Wenn es läutet, antwortet er konsequent nach altem monastischen Brauch: “Deo gratias”. Gott sei Dank tut er das! Er folgt damit nicht nur seiner Lebensregel, die Benedikt von Nursia, der Vater des westlichen Mönchtums, im sechsten Jahrhundert in Italien verfasste: einem Kontext, der durchaus dem unseren glich, was die Mobilität ganzer Volksgruppen betrifft. Nein, er praktiziert, was bei der Bewachung der europäischen Grenzen oft vergessen wird: dass das Öffnen der eigenen Pforte eine heilige Pflicht ist, die man nicht einfach als naive Gutgläubigkeit abtun kann.

Heilige Grundlagen sind in der Menschheitsgeschichte seit jeher für konkretes Handeln bestimmend gewesen, und genau darum muss man sie pflegen. Nichts anderes tut der alte Mönch: öffnen, ohne viel Aufhebens. Das ist eine völlig unscheinbare Willkommenskultur, denn viel mehr als die magischen Worte „Gott sei Dank“ sagt er nicht. Das ist auch nicht nötig, denn damit ist zunächst einmal alles gesagt. Aus der heiligen Überzeugung, dass man kein Recht hat, auch nur irgendwo Tür, Tor oder Grenze für sich zu beanspruchen. Als ob man anderen einen Gefallen tun oder gar eine Gunst erweisen würde, wenn man sie hereinlässt. Wenn die persönlichen oder gesellschaftlichen Umstände dazu führen, dass an eine Pforte geklopft wird, dann ist das immer ein Geschenk, eine Gunst, aber für alle Beteiligten. Trotz aller widrigen Umstände, denen Reisende gerade heute ausgesetzt sind, und trotz aller Mühen für die bereits Einheimischen. Die einzige passende Antwort ist Dank. Die unscheinbare Willkommenskultur ist – ganz monastisch – bescheiden, weder himmelhochjauchzend noch niedergeschlagen, sie ist ganz einfach dankbar, wie sich das gehört, wenn man beschenkt wird!

Um ein Geschenk aber wirklich zu schätzen zu wissen, ist eine gute Absicht oder eine noch so gut gemeinte Mühe nicht immer genug. Beides kann schnell wieder abflauen, wie sich bei den vielen aufsehenerregenden Initiativen im letzten Jahr gezeigt hat: Die öffentliche Willkommenskultur verschwindet irgendwann, droht sogar in Apathie umzuschlagen. Was bleibt, ist die unscheinbare Willkommenskultur, wenn man an ihrem Fundament arbeitet, wenn man immer wieder bereit ist, sich vom heiligen Prinzip anspornen zu lassen: dass Menschen sich immer “mit sich beschenken” (K. Wecker: Revolution), wenn sie sich begegnen. Ein heiliges Fundament kann bei diesem Beschenken behilflich sein.

Genau das lerne ich von jenem alten Mönch: dass man nicht selber zu bestimmen hat, ob der andere nun willkommen ist oder nicht. Dass jedes Willkommen daher auch kein Verdienst ist, sondern eine Selbstverständlichkeit, und zwar bedingungslos. Wenn Menschen an die Klosterpforte des Alten klopfen, bekommen sie vielleicht genau dieses Gefühl. Keine Extras, aber auch kein Geziere. Wenn sie seine Stimme hören, dann bringt er damit nur eines zum Ausdruck: dass er Menschen am Leben seiner Gemeinschaft teilhaben lässt. Was daran “heilig” ist? Nun, dass er nicht den Neuankömmlingen dafür dankt, dass sie gekommen sind, sondern Gott: Deo gratias! Das Heilige der Begegnung macht jede Situation außergewöhnlich, auch wenn sie noch so unscheinbar erscheint. Darum spürt auch mancher Gast an der Pforte, dass es nicht nötig, ja unangemessen ist, dem Mönch für seine Gastfreundschaft zu danken. Er sagt dann zuweilen: „Dankt nicht mir, dankt Gott!“

Und dann wird zusammen geschaut, wer wo im Kloster seinen Platz findet. Das ist sicher nicht jeder: mancher flüchtet schon nach kurzer Zeit aus der Klosterkultur. Aber auch das ist kein Problem. Denn man gibt jedem das Gute mit, das man anzubieten hat: ein Brot für unterwegs. Der Mönch an der Pforte wird niemandem eine Träne nachweinen. Andere Klöster gibt es genug. Vielmehr wird er tun, was seine Mönchsregel vorschreibt: jedem die „angemessene Ehre“ erweisen, egal wie er aussieht, woher er kommt oder wohin er geht. Übertriebener Enthusiasmus ist ebenso schädlich für diese Ehre wie Feindseligkeit. Als ob man froh sein müsste, dass man willkommen ist. Es ist heilige Pflicht, dass man sich der Begegnung angemessen verhält, als Ankömmling und als Einheimischer. Beide empfangen sich gegenseitig – in einer gegenseitigen Gastfreundschaft. Wer das nicht tut, hat scheinbar vergessen, dass die Dankbarkeit nur „heilig“ denkbar und dankbar ist. Dafür benutzt der alte Mönch das Wort „Gott“. Natürlich, im politischen Diskurs und im sozialen Handeln hat dieses Wort ganz sicher nicht immer etwas verloren. Für mich ist es ein kraftvolles Symbol für die Heiligkeit der gegenseitigen Gastfreundschaft. Diese übersteigt die Logik menschlichen Miteinanders und lebt von der Magie des Moments. So wie wir alle leben, weil wir Teil eines großen wunderbaren Ganzen sein dürfen, wie immer wir es nennen, erfahren oder erahnen.

Und genau darum gibt mir das Danken des alten Mönchs zu denken: was sagt uns seine unscheinbare Geste in Zeiten, in denen Grenzen geschützt werden und nicht Menschen? Die Aufgabe für alle verantwortlichen Menschen besteht nach meinem Dafürhalten unmissverständlich darin, die Heiligkeit der Situation ans Licht zu bringen, die heiligen Prinzipien nicht einzufordern, sondern sie dankbar anzunehmen. Denn darauf basiert menschliche Begegnung. Dafür braucht man weder Mönch, noch Theologe, noch klassisch religiös zu sein. Wohl ist ein Gespür dafür vonnöten, dass gerade in politisch schwierigen Situationen über eine Dimension unserer Lebenswirklichkeit nachgedacht werden muss, die man nicht in Strategien einfangen kann: Dann darf man keine Moralpredigt halten, sondern man tut das Unscheinbare. Darüber nachzudenken und das Bewusstsein dafür wachzuhalten, ist die Aufgabe des alten Mönchs an der Klosterpforte. Und meine Aufgabe ist es, von ihm zu erzählen – mit hoffentlich vielen Lesern seine Mission zu teilen, die so gar nicht missionarisch ist. Natürlich sagt er uns nichts, was wir in den unzähligen Beiträgen, Diskussionen und Demonstrationen des letzten Jahres nicht schon zigmal gehört hätten. Genau genommen demonstriert er selber, an seinen Platz. Dadurch kann er unseren Blick schärfen, gerade durch seine unscheinbare Willkommenskultur. Das Herz spricht dann eine ganz schlichte Sprache: Deo gratias, was immer man darunter verstehen mag. Jeder Mensch ist ein Geschenk für den anderen: auf den griechischen Inseln und in unserer kleinen Abtei in den Niederlanden.

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