Der geringste Bruder

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Es ist leicht, zu denen freundlich zu sein, die erfolgreich und beliebt sind, die im Licht stehen. Der Prüfstein unserer ethischen Integrität ist jedoch, wie wir uns zu denen stellen, die im Schatten stehen, den Erniedrigten und Beleidigten – denen, die gar nicht in der Lage wären, unserer Misshandlung etwas entgegenzusetzen. Jeder und jede mag sich etwas anderes unter den „geringsten Brüdern“ vorstellen, von der das Evangelium spricht. Sicher ist aber: Allzu gut kommt unsere Gesellschaft nicht weg, wenn man sie an ihrem Ungang mit den Machtlosen und Schwachen misst. Noch immer wird getreten, werden Menschen zu Aussätzigen erklärt, wird ein Machtungleichgewicht dazu genutzt, Menschen brutal und achtlos zu behandeln. Bobby Langer

Man mag vom Christentum halten, was man mag, aber es hat Sätze geprägt, die bleiben. Dazu gehört für mich unbedingt der Satz: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Der lässt sich zum besseren Verständnis in sein Gegenteil wenden: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder angetan habt, das habt ihr mir angetan.“

Ein paar Fragen vorneweg: Hätte es ohne diesen Satz die Französische Revolution gegeben? Oder die russische Oktoberrevolution? Wäre ohne ihn der Kommunismus entstanden oder der gelegentliche Heldenmut von Menschen, die Juden vor dem Holocaust retteten? Hätte es die Arbeiterbewegung, die Frauenrechtsbewegung, die Eine-Welt-Bewegung gegeben? Wären Gewerkschaften gegründet worden? Und: Warum verliert heute die Gewerkschaftsbewegung zunehmend an Bedeutung? Weil es die „Geringsten der Brüder“ nicht mehr gibt?

Der Satz hat einen moralischen Standard gesetzt. An den mag sich zwar keiner der modernen Mächtigen mehr erinnern, aber NOCH gilt er. Also vergnüge man sich mit der Vorstellung, es gäbe eine „Geringsten-Partei“. Für wen müsste sie sich engagieren? Ein paar Vorschläge: Um die Obdachlosen? Um die Straßenkinder? Um die Einsamen auf Intensivstationen? Um die in Pflegeheimen verkümmernden Demenzpatienten? Um die Alleinerziehenden? Um die Psychiatriepatienten. Um die Menschen, die sich vergeblich um die Anerkennung ihrer Berufskrankheit bemühen? Um die Geschlagenen und Vergewaltigten? Um die Landlosen und Zeitarbeiter? Um die Sklavenarbeiter/innen für die Konsumgüterindustrie? Um die in engen Zimmern eingepferchten Arbeitsmigrant/innen und die im Winter Frierenden? Um die Hungernden und Verhungernden überall auf der Welt?

Die „Geringsten-Partei“ – es könnte nicht anders sein – wäre eine internationale Partei. Sie würde nur einen Satz aus dem deutschen Grundgesetz zu ihrem Slogan machen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und sie würde (!) nicht mit sich darüber diskutieren lassen, dass Entwürdigung ein subjektiver Begriff ist, einer der mit Herabsetzung, Demütigung und dem Gefühl von Hilflosigkeit und Verlassenheit einhergeht. Sie würde den Satz „Was ihr dem geringsten meiner Brüder angetan habt, das habt ihr mir angetan“ zum Prüfstein einer Demokratie machen, die dieses Namens würdig ist. Und sie würde den Begriff des Pflichtanwalts durch den des Ehrenanwalts ersetzen und diesem das gleiche Honorar zubilligen wie seinem Kontrahenten. Vermutlich gäbe es in der Geringsten-Partei auch laute Stimmen, die die reichsten 100 der Welt zugunsten eines großzügigen Grundeinkommens enteignen würden. Damit wäre dann nämlich für die Gerechtigkeit ein kleiner, aber feiner Anfang gemacht.

Aber zurück aus der Utopie in die Wirklichkeit mit der Frage: Wer sind wir, wenn Jesu Satz nur mehr Zierrat für Sonntagspredigten ist? Ja wirklich: Wer sind wir dann? Auf welchem moralischen Grund stehen wir? Gibt es überhaupt noch einen moralischen Grund? Oder versinken wir nicht längst in einem moralischen Morast?

Und ein klein wenig der Wirklichkeit angepasst, müsste sich Jesu Satz nicht mehr nur auf Menschen beziehen, sondern auf die gesamte Mitwelt, auf Insekten beispielsweise oder das mangels Humuseintrag absterbende Bodenleben. Das hat nämlich mit den Geringsten den größten Nenner gemeinsam: Es ist unsichtbar.

Showing 3 comments
  • Volker
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    Es ist leicht, zu denen freundlich zu sein, die erfolgreich und beliebt sind, die im Licht stehen.

    Äh ja …. wie das denn? Die kenn ich doch gar nicht, weil sie mich nicht kennenlernen möchten, da ich eben nicht so beliebt bin – bei denen da oben –, keine Lichtgestalt eben, eher ein Schatten von unten. Die, da oben, die erfolgreichen Beliebten, würden mich niemals auch dazu einladen, aus ihren Abfallcontainern zu Speisen, oder mir eine Pfanddose schenken, damit ich Relevanz zeigen kann, beweisen, dass ich der Depp im Dunkeln bin. Für wen denn, für diffuse Gestalten etwa, die sich grinsend einen Guten machen, und sich lachend die Bäuche schon klopfen, wenn einer von unten zur Tafel schleicht?

    Keine Sorge. Ich reesch mich net widder uff.

  • Hope
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    Ja, alles sehr schrecklich in diesem Land. Das sind halt alles Massenmörder, alles alte kranke Säcke, die noch einmal die Welt verändern wollen bevor sie abkratzen: Schwab, Gates, Wieler, Spahn, Drosten, Merkel, Lauterbach, Söder, Steinmeier, Schröder (der, mit dem Hartz). Ach, da gibt es noch ganz viele Handlanger mit der Spritze in der Hand, die mit Corona eine neue Weltordnung schaffen wollen. Nur: Die wissen schon, dass sie bereits zu Massenmörder geworden sind, können aber damit derzeit noch gut leben. Geschichte wiederholt sich halt, nicht 1:1, aber 1:2 wobei die 2 für Global steht. Der Papst Franziskus, der ist übrigens auch für die Gen-Spritze und für eine neue Weltordnung. Ich finde das gut, denn dann brauchen wir den Klerus nicht mehr mit all seinen Pädophilieskandalen. Und die ganzen Reichtümer der Kirche werden dann an die Armen verteilt. Ich wusste gar nicht, dass ich mit einem gefälschten Jesus mein ganzen Leben verarscht worden bin:

    https://www.youtube.com/watch?v=7ACv_U5AROE

  • Ulrike Spurgat
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    Meine hoch geschätzten Kollegen sind wie jedes Jahr und wie in jeder Nacht, ab Mitte Oktober mit dem Kältebus zu unseren Mitmenschen unterwegs, zu den obdachlosen Menschen die immer und zu jeder Jahreszeit auf der Straße leben. Es sind ca. 50 000 von ca. einer Million obdachloser Menschen, die auf stillgelegten Bahnhofen, in Hauseingängen, auf Parkbänken und auch unter Brücken ihren schwersten Kampf, nämlich den des Überlebens kämpfen müssen, vor allem des nachts. Ein freundliches Wort, eine Umarmung, ein heißes Getränk, warme Decken und Winterbekleidung und auch eine kleine Tasche mit Medikamenten und Hygieneartikel darf nicht fehlen, und das zaubert ein kleines Lächeln auf die vom harten Leben gezeichneten Gesichter.

    Es wird härter, noch härter zu dieser Jahreszeit erzählen meine Kollegen bei einer Tasse Kaffee, und ich sehe ihnen an, wie nahe ihnen das Leid und die Not unserer Mitmenschen geht. Viele sind in Corona Zeiten „verloren gegangen“ , sie sind weg, und niemand weiß wo sie sind. Bedrückende Informationen, und dabei ist erschütternd, wenn ich die Ignoranz und die Gleichgültigkeit vieler Leute, die unterwegs sind sehe. Sie scheinen froh darüber zu sein, dass es sie nicht betrifft, denn wer will in Hartz 4, obdachlos und arm sein. Das will keiner, und so macht man sich flugs den schlanken Fuß um ja nicht mit der Not des anderen Menschen konfrontiert zu werden. Was für ein erbärmliches Armutszeugnis !

    Dabei geht mir des öfteren durch die Gedanken, was das für mutige Menschen sind, die für jeden Cent Danke sagen, der in ihren ÖKO Plastikbecher fällt. Sie halten Tag ein und Tag aus, dass man sie ablehnt, dass man sie verachtet, dass man sie, wie kürzlich wieder geschehen zusammen schlägt, und dass man sie beschimpft, sie sollen doch arbeiten gehen.

    Das sind auch „die Geringsten Brüder“. Merkwürdig aber bleibt, dass sich eine Gesellschaft allzugerne auf das „Christentum“, in all seinen Schattierungen bezieht, und die Bergpredigt auch allzugerne genannt wird.

    Kürzlich sind zwei große Kirchenkritiker gestorben: Uta Ranke-Heinemann und nun ist der Vorname von …. Küng entfallen.

    Glauben und Kirche einfach gesagt können zwei völlig voneinander unterschiedlicher Bewertungen unterliegen, und auch Zuordnungen.

    Uta Ranke-Heinemann war eine bemerkenswerte Frau, die rebellisch, sehr klug und gewitzt in einer beständigen Fehde mit dem Papst sich befand.

    Küng, wie auch Ranke-Heinemann hinterlassen große Lücken, denn Menschen mit Haken und Kanten werden weniger in einer durchgetackteten Zeit, dennn kritisches Denken ist nicht nur unerwünscht, sondern wird von all den politischen Kleingeistern bekämpft.

    Thomas Müntzer, 1525

    „Die Herren machen das selber, daß ihnen der arme Mann feyndt wird. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun. Wie kann es die Länge gut werden?

    S0, ich das sage, muß ich aufrührisch sein! Wohlhin!

    Hochverursachte Schutzrede (1525)

    Thomas Müntzer war der Anführer der aufständischen Bauern und Plebejer. Ursprünglich war Müntzer ein Anhänger Luthers. Im Gegensatz aber zu Luther leitete Müntzer den Volksflügel der Reformation, der sich nicht mit einer Kirchenreform zufrieden geben wollte, sondern politische und ökonomische Veränderungen forderte.

    Seine revolutionäre Auffassung drückte er in religiös-mystischer Form – ähnlich den Taboriten – , deren Ideen er teilte, begründete er aber die Notwendigkeit , die Gütergemeinschaft einzuführen, mit Hinweis auf das Neue Testament. Müntzers Lehre war jedoch keine Wiederbelebung der Taboritenlehre. So ging er von der Kritik am Katholizismus zur Kritik am allgemeinen Christentum über, und die Forderung der Reinheit der biblischen Lehre rückte bei ihm auf den zweiten Platz und wurde durch die Forderung einer direkten Beziehung zu Gott ersetzt. Dabei hatte die Gottesauffassung Müntzers nichts mit dem Christentum gemein, ja war überhaupt weit vom religiösen Sinn dieses Begriffs weit entfernt. Die Annäherung des Menschen an Gott betrachtete er als Erwachen der guten moralischen Eigenschaften im Menschen. Der Mensch wird der Gottheit ähnlich, daß in ihm die Vernuft erwacht.

    1525 wurde Müntzer von einer fürstlichen Übermacht gefangen genommen, grausam gefoltert und hingerichtet.

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