Der Heilige Abend

 in FEATURED, Kurzgeschichte/Satire

Soll man etwas – auch etwas Grausames – nur deshalb tut, weil es „alle“, vielleicht sogar „schon immer“ getan haben? V.C. Herz spielt diesen Gedanken an einem etwas schrägen Beispiel durch: einem erfundenen Weihnachtsbrauch, von dem die meisten Leserinnen und Leser sicher noch nichts gehört haben. Kleiner Tipp: der Verzehr einer Weihnachtsgans ist nicht gemeint. Der ist ja bekanntlich normal.  V.C. Herz

Es klingelt an der Tür. 11:57 Uhr. Der Postbote kommt das Treppenhaus hoch geeilt. Ich laufe ihm entgegen, damit er nicht so weit gehen muss. Gegen eine Unterschrift händigt er mir dann das lang ersehnte Paket aus. Das war wirklich Rettung in letzter Minute. Ich hatte in dem ganzen Weihnachtsstress ganz vergessen, ein Geschenk für meinen Vater zu kaufen. Zum Glück fand ich noch einen Onlineshop, der mir gestern Abend noch eine Lieferung bis 12 Uhr heute Mittag versprach. Und die Zusage wurde eingehalten – Respekt!

Ich öffne das Paket, und wie bestellt befindet sich darin das Geschenk für meinen Vater – bereits verpackt. Ich lege es zu den anderen Geschenken und schaue nach meiner Frau. Sie ist im Badezimmer und macht sich hübsch. „Jetzt können wir los!“, sage ich zu ihr und gebe ihr einen Kuss auf die Wange. 20 Minuten später sitzen wir im Wagen, unterwegs zu ihren Eltern. So machen wir das jedes Jahr an Weihnachten: ein Tag bei ihren Eltern, ein Tag bei meinen, und ein Tag nur für uns.

Ich parke in der Einfahrt vor dem Haus meiner Schwiegereltern. Die Sonne lacht, was untypisch ist für den Heiligen Abend. Aber umso besser. Nach einer kurzen Umarmung und einem schnellen Tässchen Kaffee ziehen wir wieder unsere Schuhe an und gehen raus an die frische Luft. Ab in die Sonne! Wenn das Wetter schon einmal gut ist, sollte man es schließlich auch mitnehmen.

Beim Spaziergang durch den Wald sehen wir ein Reh, ein Eichhörnchen und einen Spatz. Es war eine ausgezeichnete Idee, einen Spaziergang zu machen. Wieder zuhause angekommen, duftet es bereits köstlich nach Apfel, und meine Schwiegermutter holt für jeden einen Bratapfel aus dem Backofen. Plötzlich klingelt es an der Tür: meine beiden Schwager, zusammen mit ihren Frauen. Schön, die Familie mal wieder zusammen zu haben.

Nach dem Bratapfel helfen die Frauen meiner Schwiegermutter in der Küche für das Abendessen, während wir Männer eine Runde Karten spielen. Seit meiner Kindheit spiele ich dieses Spiel, es ist ein absoluter Klassiker: Schafkopfen. Warum das so heißt, weiß ich allerdings nicht. Muss ich bei Gelegenheit im Internet recherchieren. Mir fällt dazu nur ein, dass es etwas mit dem Köpfen von Schafen zu tun haben könnte. Aber das passt einerseits nicht zum Spiel, andererseits hört es sich extrem brutal an. Merkwürdiger Name.

Es ist so weit, das Essen ist angerichtet. Wir setzen uns alle an die reich gedeckte Tafel, meine Frau schenkt allen Wein ein. Als Vorspeise gibt es eine köstliche Maronensuppe. Zum Hauptgang schmackhafte Petersilienkartoffeln mit Seitanstreifen und einer fantastischen Senfsauce. Als Nachtisch wird für jeden eine große Schüssel Obstsalat serviert. Alle sind satt, alle sind froh und zufrieden. Ein Gedicht!
Mein Schwiegervater dankt allen dafür, dass sie gekommen sind, dankt den Damen für das köstliche Essen und beendet das Festmahl, indem er aufsteht, den Stuhl meiner Schwiegermutter nach hinten zieht und ihr mit der Faust ins Gesicht schlägt. Er schubst sie von ihrem Stuhl und beginnt nach ihr zu treten, während sie am Boden liegt. Meine Schwager beginnen ebenfalls auf ihre Frauen einzuschlagen. Nach ein paar Minuten schaut mich mein Schwiegervater ganz verwirrt an. „Willst du deine Frau nicht auch verprügeln?“, fragt er mich ganz entsetzt.

„Nein Danke, ich möchte keine Frauen schlagen“, erwidere ich selbstsicher. „Oh, ich wusste nicht, dass du noch immer auf diesem Trip bist. Aber du wirst doch zumindest zu Weihnachten eine Ausnahme machen, oder? Man darf es schließlich nicht übertreiben, an Weihnachten kann man sich ruhig mal etwas Außergewöhnliches leisten! Wir Männer haben doch schließlich schon immer Frauen geschlagen.“

Ich schüttle den Kopf. „Nein, auch an Weihnachten mache ich da keine Ausnahme. Wir schlachten ja auch nicht ausnahmsweise heute ein Rind. um es zu essen. Obwohl Menschen früher ständig Rinder getötet haben, ist die Gesellschaft zum Glück vor hundert Jahren zu der Einsicht gekommen, dass es unnötig und brutal ist, Tiere zu töten. Und genauso finde ich es unnötig und brutal, Frauen zu schlagen. Auch an Weihnachten.“

Mein Schwiegervater sieht mich entsetzt an. „Das kann man überhaupt nicht vergleichen, die Tiere haben wir schließlich nicht nur verprügelt, sondern getötet, du vergleichst Äpfel mit Birnen! Aber wenn du meinst, ich bin da tolerant, jeder soll das handhaben wie er will!“ In dem Moment, als er den Satz beendet hat, tritt er meiner Schwiegermutter noch einmal heftig in die Bauchgegend. „Also ich könnte darauf ja nicht verzichten …“, murmelt er, während er seinen Gürtel auszieht und ausholt. So hätte ich ihn gar nicht eingeschätzt 😉

Comments
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    Ruth
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    Tucholsky: „Satire darf alles.“

    Diese wunderschöne Schilderung eines Weihnachtsfestes – so anrührend!

    Männer mit einem „zärtlichen Gefühl“ und mit einer innigen Liebesfähigkeit, da klopft Heilig Abend gern der „gute Freund und Helfer“ an die Tür!

    O welch ein Hochgefühl – „mann“ komplettiert die Statistik!

    Es war ein schönes Fest, weil die „dumme Gans“ zart geklopft wurde!

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