Der innere Rebell

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Ging für ihr Gewissen bis zum Äußersten: Sophie Scholl

Ging für ihr Gewissen bis zum Äußersten: Sophie Scholl

Was wir «Gewissen» nennen, zeigt uns an, ob wir im Einklang mit dem Ganzen handeln. Es ist mehr als ein Organ für Konformität, das uns zurückpfeift, wenn wir aus der Herde ausscheren. Im Gegenteil bringt es uns oft in Konflikt mit Eltern, Politik und gesellschaftlichen Normen. Manche setzen sogar ihr Leben aufs Spiel für eine wolkige Vorstellung von Integrität. Warum? Ohne ein Gefühl für unsere Verbundenheit, also ohne Gewissen, können wir auf Dauer nicht existieren. (Roland Rottenfußer)

Jedes Zeitalter hat seine eigenen Gewissenshelden. In Deutschland verband man den Begriff lange Zeit vor allem mit Martin Luther. Der weigerte sich vor Gericht, seine Angriffe gegen den Papst zu widerrufen, «weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist.» In der Nachkriegszeit ist Sophie Scholl zum Prototypen der Gewissensheldin avanciert. Im 4. Flugblatt der Widerstandsbewegung «Die Weisse Rose» heisst es: «Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen.»

Im Jahr 2008 dachten Deutsche, wenn sie «Gewissen» hörten, zuerst an Dagmar Metzger. Die Abgeordnete der hessischen SPD weigerte sich damals, für die Kandidatin ihrer eigenen Partei, Andrea Ypsilanti, zu stimmen – weil diese angekündigt hatte, mit der Linken zu paktieren. Das Ergebnis dieser Gewissenstat: Roland Koch, der Rechtsaussen der CDU, bekannt für Wahlkämpfe mit ausländerfeindlichen Parolen, blieb Ministerpräsident. Die neoliberale Presse jubelte und baute Frau Metzger zur reinsten Verkörperung demokratischer Tugenden auf. Abgeordnete sind «nur ihrem Gewissen unterworfen», heisst es im deutschen Grundgesetz. Andererseits sind sie «Vertreter des ganzen Volkes» – beides wären hehre Werte, wenn sie wirklich praktische Politik bestimmen würden.

Die Wahrheit ist ernüchternd: Die konservative Metzger hat sich schlicht dem neoliberalen Projekt mehr verpflichtet gefühlt als der Sozialdemokratie, für die sie offiziell stand. Sie hat jene Wähler enttäuscht, die gehofft hatten, ihr Kreuzchen bei der SPD führe zu einer sozialeren Politik. Metzgers Gewissenstat wurde so zum Kernstück eines machtpolitischen Überraschungscoups des Kapitals. Die Gewissensfreiheit für Abgeordnete ist eine gute Sache. Was aber, wenn dieses Gewissen «zufällig» meist neoliberal tickt, wenn es zur Treue gegenüber Vermögensbesitzern und fortgesetztem Sozialabbau mahnt?

So hat sich der Gewissensbegriff gewandelt: Wurde er bei Luther noch sehr stark mit «Gottes Stimme» identifiziert, empfanden es moderne Helden wie Sophie Scholl eher als autonome Instanz im Innersten des Menschen. Noch älter als diese beiden Versionen ist aber wahrscheinlich das Bindungsgewissen. Bert Hellinger versteht darunter eine mahnende Stimme, die die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe sicherstellt. «Überall, wo es Bindungen gibt, gibt es automatisch eine spontane Wahrnehmung: ‚Was gilt hier, damit ich dazugehören darf, und was muss ich tun und lassen, damit ich meine Zugehörigkeit nicht verliere?’ Das Wahrnehmungsorgan für diese Art der Wahrnehmung ist das Gewissen. Daher hat einer, der mehreren Gruppen angehört, auch verschiedene Gewissen.»

Den Wahrheitsgehalt von Hellingers Aussage kann man leicht nachprüfen. Jemand ist beruflich engagiert und Familienvater. Vernachlässigt er den Betrieb, hat er ein schlechtes Gewissen gegenüber seinem Chef; arbeitet er dagegen bis spät in die Nacht, hat er ein schlechtes Gewissen gegenüber seinen Kindern. Auch der Verrat an der «Volksgemeinschaft» konnte etwa im Dritten Reich eine Quelle von Gewissensbissen sein. Eine solche Denkweise lebt heute wieder auf, wenn fremdenfeindliche Demonstranten, etwas in Dresden „Volksverräter“ skandieren, weil die Merkel-Regierung ihnen ausnahmsweise einmal nicht unmenschlich genug agiert. Paradoxerweise konnte es jemanden in Gewissensnot bringen, einen Feind nicht zu töten, einen versteckten Juden nicht zu verraten usw. Das Bindungsgewissen erwies sich oft als stärker als jede wolkige Vorstellung von Humanität.

Die Bindungen, die uns an die Wertvorstellungen unserer Eltern ketten sind wohl die stärksten, die es gibt. Was wir als Kinder gehört haben, prägt sich so tief ein, dass wir selbst das Ergebnis plumper Manipulation später als unser «Ureigenes» empfinden. Sigmund Freud machte das Gewissen am «Überich» fest. Was wir an Normen und Regeln von unseren Eltern mitbekommen haben, verinnerlichen wir. Das im Unterbewusstsein gespeicherte Abbild des mahnenden Vaters wirkt dann selbst in Abwesenheit des realen Vaters als strenger Zuchtmeister.

Wer im katholischen Raum vergisst, sich beim Betreten einer Kirche mit Weihwasser zu bekreuzigen, wird vielleicht ein leises Erschrecken fühlen: «Das tut man nicht». Das schlechte Gewissen ist hier das Ergebnis von hunderten kleiner Manipulationen durch Eltern, Nachbarn und Pfarrer, die sich im Kopf festgesetzt haben. Wendet sich der so Konditionierte als Erwachsener von der Kirche ab, kann das Bekreuzigen dennoch als Zwangshandlung weiterleben. Omar Khadr, der aus einer Familie von Al-Kaida-Kämpfern stamm, trieb sein Bindungsgewissen dazu, schon mit 15 Jahren in Afghanistan gegen die Amerikaner zu kämpfen. Seine Bewacher in Guantanamo Bay folterten ihn dann ebenso «gewissenhaft». Vielleicht entsprach ein solches Verhalten den Vorstellungen ihrer Eltern von einem «guten Amerikaner».

Wie es scheint, ist das Gewissen ein nebulöses, beliebig formbares Ding, das wir zu Unrecht mit «Standfestigkeit» identifizieren. Sollten wir das Gewissen nicht ganz aus dem Fundus unserer positiven Werte streichen? Friedrich Nietzsche brandmarkte in seiner Schrift «Zur Genealogie der Moral» das schlechte Gewissen als autoaggressiven Akt. Der Mensch, so Nietzsche, sei voll natürlicher, destruktiver Impulse: Feindschaft, Grausamkeit, Lust an der Zerstörung. Werden diese Impulse durch eine rigide Moral gehemmt, wenden sie sich gegen ihren Urheber. Er quält sich dann dauernd mit Skrupeln und entwickelt ein schlechtes Gewissen. «Mit ihm aber war die grösste und unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des Menschen am Menschen, an sich: als die Folge einer gewaltsamen Abtrennung von der tierischen Vergangenheit.» Das Gewissen als «grösste Erkrankung» – ist dieses Urteil gerecht?

Für mich fühlte sich die «Stimme des Gewissens» tatsächlich wie eine Krankheit an. Nach meinem Studium hatte ich dringend ein Praktikum in einem Buchverlag gesucht. Ich fand es in einem bekannten Münchner Grossverlag. Wie sich nach wenigen Tagen herausstellte, war dessen politisches Programm jedoch rechtslastig (es war naiv, dies nicht schon vorher recherchiert zu haben). Ein berüchtigter Bestseller war «Ich war dabei», in dem Franz Schönhuber beschönigend über seine Zeit bei der Waffen-SS berichtete. Schönhuber war damals gerade dabei eine rechtspopulistische Partei, die Republikaner, aufzubauen und galt als potenziell gefährlichster Mann Deutschland.

Ich «rang» ein Wochenende lang mit mir und fühlte mich von meinem Gewissen regelrecht belästigt. Ich erinnere mich daran wie an eine Art Fieber, die mich überfiel. Ich glaubte, plötzlich nicht mehr die Wahl zu haben und fühlte mich wie «fremdbestimmt», obwohl ich eigentlich höchst selbstbestimmt handelte. Am nächsten Morgen sagte ich meiner Vorgesetzten rund heraus, dass ich den Verlag sofort verlassen würde – wegen Schönhuber. Alle im Verlag reagierten verständnisvoll, aber ich hatte mich damit einer wertvollen beruflichen Chance beraubt. Ich erinnere mich an folgende Überlegung: Würde ich im Verlag bleiben und dort «Karriere» machen, wäre mein gesamtes künftiges Berufsleben mit einem Makel behaftet. Hätte ich dagegen in Zukunft Schwierigkeiten, im Beruf Fuss zu fassen, so wäre dieses Scheitern zumindest als Folge einer «Heldentat» zu entschuldigen. Ein bisschen spielte auch das «Bindungsgewissen» eine Rolle. Denn durch den Job fühlte ich mich in meiner Zugehörigkeit zur Gruppe der Antifaschisten in Frage gestellt. In meinen Tagebüchern von damals steht ein Satz von Konstantin Wecker: «Denn wer sich fügt, der fängt bereits ganz insgeheim zu lügen an.»

Das «Bindungsgewissen» versucht persönliche Nachteile zu vermeiden (den Ausschluss aus der Gemeinschaft). Richtig interessant wird es erst, wenn jemand aus Gewissensgründen bewusst einen Nachteil in Kauf nimmt – im äussersten Fall sogar den Tod. Das Buch «Die Macht des Gewissens» von S. Fischer-Fabian erzählt hierzu ein paar erschütternde Geschichten. Etwa das eines Bauernsohns aus dem Sudentenland, der sich weigerte, der SS beizutreten. Er schreibt im Februar 1944 an seine Eltern: «Ich muss Euch heute eine traurige Nachricht mitteilen, dass ich zum Tod verurteilt wurde, ich und Gustav G. Wir haben es nicht unterschrieben zur SS. (…) Wir beide wollen lieber sterben als unser Gewissen mit so Greueltaten beflecken.»

In solchen Fällen hat man das Gefühl, dass «höhere menschliche Fähigkeiten» am Werk sind. Normalerweise erstrebt der Mensch Glück und will Leid vermeiden – eine Binsenweisheit, die z.B. vom Dalai Lama ständig wiederholt werden. Wie kommt es dann, dass Menschen so eklatant gegen ihre eigenen Interessen verstossen? Dass sie für eine Idee von «anständigem Handeln» sogar ihr Leben geben? Von einem «Opfer» zu sprechen, ist heute nicht sehr modern. Viele versuchen, klaren Entscheidungen auszuweichen. Politiker wollen beweisen, dass «Ökonomie und Ökologie keine Gegensätze sind». Firmen versuchen Gewinne mit einem ethischen Wertekanon zu verbinden. Vegetarier legen Wert darauf, dass umweltfreundliche Ernährung auch fantastisch schmeckt. Es mag meistens möglich sein, ein guter Mensch zu sein und zugleich ein gutes Leben zu führen. Aber vor dem absoluten Opfer, das der Bauernsohn aus dem Sudetenland gebracht hat, erscheint unser «normales» Verhalten doch recht halbherzig. Manchmal fordert das Gewissen eine Entscheidung.

Was ist das Gewissen – autonome Instanz oder bloss «moralische Eitelkeit»? «Gottes Stimme» oder eher die kapitalistischer Interessengruppen? Antrieb zu heldenhafter Selbstaufopferung oder nur Abdruck fremder Wertvorstellungen im eigenen Geist? Ich will zum Schluss noch eine eigene Definition von «Gewissen» zur Diskussion stellen. Ich nenne es ein «Organ für die Ganzheit». Philosophen, Mystiker und Quantenphysiker sagen übereinstimmend, dass die Welt eine Einheit ist. Wir, alle Lebewesen und die unbelebte Materie, gehören untrennbar zusammen. Erstaunlich ist nur, wie die Illusion von Trennung entstehen konnte. Das Wissen um die Ganzheit sagt uns, dass wir nicht andere Menschen, Tiere oder die Umwelt verletzen können, ohne dabei zugleich uns selbst zu verletzen.

Dieses Wissen ist uns aufgrund kultureller Prägung nicht immer bewusst zugänglich; unbewusst lebt es aber durchaus in uns: als Ge-Wissen. Manchmal zeigt es sich in Form eines intuitiven Unbehagens, das auftritt, wenn wir die Ganzheit verletzt haben. Wir nennen es «schlechtes Gewissen». Als «gutes Gewissen» bezeichnen wir dagegen das angenehme Gefühl, dass das eigene Handeln mit dem Wohl des Ganzen übereinstimmt. Im Gegensatz zum Bindungsgewissen, kann das Gewissen als Organ der Ganzheit durchaus gegen die Normen der eigenen sozialen Gruppe rebellieren. Das Ganzheitsgewissen hat seinen Sitz in einem «innersten Bezirk» des Menschen. Es war da, bevor die Manipulationen von Eltern, Milieu und Zeitgeist greifen können und ist deshalb von diesen unabhängig. Wir müssen das Ganzheitsgewissen nicht erst erwerben, wir müssen nur die Ablagerungen entfernen, die es verdecken.

Diese Art von Ganzheitsgewissen brauchen wir heute dringender denn je. In einer Zeit, in der scheinbar niemand etwas dabei findet, die Armen auszuplündern, Tiere zu quälen und die Ressourcen des Planeten zu verschwenden. In der Krieg und Folter ihre Renaissance als Mittel der Politik feiern und organisierter, legaler Betrug zur Normalität geworden ist. In der eine schläfrige Mehrheit nichts dabei findet, wenn der globale Süden seiner Existenzgrundlagen beraubt wird, jedoch Härte fordert, wenn Not leidende Menschen dieser Regionen dann Hilfe suchend vor unserer Tür stehen. Wir müssen nicht nur unsere Sensoren für die Verletzung der Ganzheit schärfen, sondern auch den Mut in uns stärken, destruktiven Kräften zu widerstehen. Ein Gewissen, das keine praktischen Folgen hat, bleibt in unfruchtbarer Grübelei stecken. Gewissen-haft zu sein meint keine egozentrische Fundamentalopposition. Es resultiert aus der Erkenntnis: «Es geht nicht nur um mich.»

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