Der Symbol-Wahn

 in FEATURED, Politik

Ukraine-Flaggen, Regenbogen-Flaggen, Nationalhymnen, das Kreuzzeichen… Symbole sind in einer Kultur tief verwurzelt. In letzter Zeit besetzen sie den öffentlichen Raum noch stärker als zuvor. Ein Symbol ist meist ein klar verständliches Zeichen, das für ein diffuses Abstraktum steht. Wenn z.B. 11 Männer im Rahmen einer Weltmeisterschaft bolzen, so ist es „Deutschland“, das gewinnt oder verliert. Auch Fahne und Hymne stehen für Deutschland. Wer sie missachtet, missachtet gleich die Würde einer ganzen Nation. In manchen Ländern werden die nationalen Symbole fast wie ein Fetisch gebraucht, in anderen – insbesondere in Deutschland – springt man eher achtlos mit ihnen um. Generell scheint es schwierig zu sein, nicht für irgendetwas zu „stehen“. Selbst Tennisspieler, die eigentlich nur für sich alleine antreten, werden flugs für die Nation verreinnahmt. Und bekanntlich waren wir auch alle mal Papst. Eine launige Betrachtung über den Sinn und Unsinn der Gewohnheit, alles symbolisch ausdrücken zu wollen. Volker Freystedt

 

Wir haben in den letzten Jahren zunehmend den Begriff „Fassadendemokratie“ gehört, gelesen oder auch selbst gelegentlich benutzt. Was aber soll damit zum Ausdruck gebracht werden? Eine Fassade bedeutet ursprünglich das Antlitz, das man der Welt zeigt. Und wie jeder aus Erfahrung weiß, entspricht ein Lächeln nicht unbedingt der inneren Verfassung des Menschen, der es einem zeigt. In Teilen Asiens wurde das Lächeln zur Selbstverständlichkeit, was nichts anderes bedeutet als: in den meisten Fällen ist es nicht „echt“. Und niemand erwartet bei Gebäuden, dass alle Seiten dem Standard entsprechen, den die Fassade zur Straßenseite darbietet. Dieses „Mehr-Scheinen-als-Sein“ ist uns also zum Teil vertraut, und wir nutzen es auch gerne einmal selbst – es ist eben auch nützlich, macht das Leben einfacher.

Doch wie so vieles, kann auch das Fassadenprinzip missbraucht werden. Nämlich dann, wenn man damit den Zwang verbindet, so tun zu müssen, als handele es sich nicht um eine Fassade, also etwas Vorgeschobenes, das etwas Unschöneres verdeckt. Diese Gefahr des Missbrauchs besteht besonders bei Symbolen, die ja per se „für etwas stehen“, „etwas repräsentieren“ sollen, das sie aber selbst nicht sind, wo also erst ein Konsens geschaffen werden muss über das, WAS man sich allgemein darunter „vor-zu-stellen“ hat. Auch die Basis unserer Verständigung, unsere Sprache, beruht auf diesem Konsensprinzip. „To call a spade a spade“, sagt man in England, „die Dinge beim Namen nennen“. Aber das macht nur Sinn, wenn alle sich das Gleiche unter dem Wort „Spaten“ vorstellen können.

Eine Grundvoraussetzung dafür ist einerseits die gemeinsame Erfahrung (jeder hat schon mal einen Spaten benutzt oder zumindest gesehen, wie er benutzt wurde), andererseits (bei Symbolen) die Gewöhnung: Der Anblick des Kreuzes bewirkt bei einem gläubigen Kirchgänger etwas anderes als bei einem Atheisten.

Deshalb ist es wichtig, Symbole möglichst häufig in Erinnerung zu rufen, um ihre Bedeutung zu verbreiten und dann nicht verblassen zu lassen.

Davon wurde nach meiner Beobachtung in letzter Zeit geradezu inflationär Gebrauch gemacht. Warum wohl?

Symbole, soweit das Auge reicht!

Hier einige Beispiele, beobachtet im Rahmen von internationalen, weltweit übertragenen Sportereignissen:

  1. Um zu zeigen, dass man für Frieden und gegen den „blutigen Angriffskrieg“ Putins auf die Ukraine ist, wird in sämtlichen Stadien „Frieden“ auf Englisch und Russisch (Peace – Mir) gezeigt. Einige deutsche Bundesligisten gestalteten gar den Anstoßkreis (der ja eine Funktion erfüllt und keine Dekoration darstellt) durch zwei zusätzliche Striche zum Peace-Zeichen um! Und der FC Bayern München nahm als Eckfahnen die ukrainischen Farben blau-gelb – mehr geht kaum!
  2. Oder doch: schließlich will auch die LGBTQ-Szene bedient werden – also erstrahlte beim Länderspiel Deutschland gegen England die Allianz-Arena in München in den Regenbogenfarben!
  3. Dann gab und gibt es ja noch die Black-Lives-Matter-Symbolik: Kurz vor dem Anpfiff knien sich die Spieler auf einem Bein kurz hin. In England machen das offenbar alle Vereine, aber nicht alle Nationalmannschaften, die gegen England antreten, machen da mit – was dann zu Pfiffen vieler englischer Zuschauer führt.

National(ismus)?

Und da sind wir bei einem der interessantesten Fassadenthemen angelangt: DIE NATION!

Bei Länderspielen und internationalen Turnieren (wie aktuell der „UEFA Nations League“) repräsentieren jeweils 11 aktive Spieler plus einige Einwechselspieler eine ganze Nation.

Um das auch unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen, gibt es (außer einheitlichen Trikots) die NationalFLAGGE und die NationalHYMNE, die beide vor Spielbeginn zum Tragen kommen.

Und bei letzterer gibt es bemerkenswerte Unterschiede zu beobachten!

Zum einen: Wie viele der 11 Spieler einer Nationalmannschaft singen die Hymne mit? Und mit welcher Intensität? Wenn jemand Probleme mit der Hymne hat – liegt es daran, dass er sich mit dem Text der Hymne nicht identifizieren kann, oder liegt es an mangelnder Identifikation mit der Nation, für die man sich ja anscheinend einzusetzen bereit erklärt hat?

Es geht um die Verpackung, nicht um den Inhalt!

Wenn jemand z.B. mit der früher gesungenen ersten Strophe der deutschen Hymne Probleme hatte („Deutschland über alles in der Welt“) – vollstes Verständnis! Aber „Einigkeit und Recht und Freiheit“ nicht über die Lippen zu bringen?

Wie anders hingegen die Italiener! Ein völlig veralteter („Helm des Scipio“), ungegenderter („Brüder Italiens“) und blutrünstiger („Bereit zum Tod“) Text – und alle singen inbrünstig mit! ALLE – nämlich auch die Fans. Offenkundig achtet niemand auf den Inhalt, es zählt rein die Symbolik, die Fassade, hinter der sich alle vereint fühlen können.

Die Franzosen hingegen sind in der Marseillaise zwar nicht bereit zum Tod, aber zum Töten („mit unreinem Blut die Furchen tränken“).

Diese zum großen Teil über hundert oder gar über zweihundert Jahre alten Texte können eigentlich nur gesungen werden, wenn niemand wirklich auf die Bedeutung achtet – ähnlich wie bei der kirchlichen Liturgie. Es handelt sich also um ein Ritual, sprich: die Fassade zählt, nicht der Inhalt.

(Nebenbei: die Spanier sind da fein raus – ihre Hymne kommt ohne Text aus….)

Doch nicht nur für die Italiener ist ihre Hymne das Symbol der Einheit und des Stolzes; für Portugiesen, Ungarn und viele, viele andere Nationen gilt dies ebenso.

Beim Spiel Wales gegen die Ukraine (!) kündigte der Stadionsprecher die heimische Hymne mit den Worten an: „Sing it loud, and sing it proud!“ Und so geschah es.

Apropos Ukraine: Da die Waliser das Spiel gewannen, nehmen sie und nicht die Ukrainer an der nächsten Fussball-WM teil! Was wohl bedeutet, dass die Ukraine nicht (als Parallele zum ESC) Fussballweltmeister werden kann! Es sei denn, die Fifa führt so etwas wie den „Weltmeister h.c. (humanis causa) ein… Sorry für die Abschweifung!*

Während man in Italien nur kurz von „La Nazionale“ spricht, wenn man die Fussball-Nationalmannschaft meint, und in der Schweiz geradezu liebevoll noch weiter abgekürzt wird zu „Nati“ – Aussprache: „Na.tsi“ (!), wurde in Deutschland die Nation aus dem Begriff verbannt. Nichts emotional Verbindendes ist erwünscht, man ist eine reine Zweckgemeinschaft zur Erzielung von Erfolgen – man ist „Die Mannschaft“. An Beliebigkeit nicht zu überbieten, denn als Mannschaft bezeichnen sich so viele Ansammlungen mehrerer Personen, sogar in manchen Industriebetrieben.

Darf man stolz sein auf seine Nation?

Und so tritt dann sogar bei der NATIONS League aus Deutschland nur „Die Mannschaft“ an, und ziert sich zum Teil auch noch, stolz von „Einigkeit, und Recht, und Freiheit“ zu singen, während andere loud & proud ihre Heimat besingen und sich nicht scheuen, diese notfalls bis in den Tod zu verteidigen…

Dazu passt ja auch das Bild einer deutschen Kanzlerin, die auf einer Bühne die deutsche Nationalflagge neben sich sieht, sie ergreift und verärgert in eine Ecke wirft. Reaktion in den Medien? Aufschrei? Nichts.

Wenn damit wenigstens ein Fassadenabbau verbunden wäre, ließe sich ja mal beobachten, ob nicht doch etwas Gutes daran ist. Aber es werden ja ständig neue Fassaden aufgebaut, aktuell die von „Toleranz und Vielfalt“. Doch der Blick hinter die Fassade, der zum Beispiel von den Fans (von Fanatikern!) geboten wird, wenn Spieler der „gegnerischen Mannschaft“ an der Eckfahne beworfen, beschimpft, oder mit dem Laserpointer geblendet werden, zeigt deutlich, dass Fassaden meist dazu dienen, die Realität zu leugnen und Missstände zu vertuschen.

Ginge es nicht auch ohne Symbolik?

Warum nicht wenigstens dort auf Symbole verzichten, wo sie sowieso fehl am Platz sind? Ein Beispiel sind die großen Tennisturniere, wo die Profis antreten, um für sich Preisgelder und Ranglistenpunkte zu erspielen, nicht für ihr Land. Warum also werden sie überhaupt als Spanier, als Deutsche etc bezeichnet? Als Russland mit Sanktionen belegt wurde, wurden Spieler und Spielerinnen mit russischem Pass entweder (wie für das kommenden Turnier in Wimbledon) ganz ausgesperrt, oder wie vor kurzem bei den French Open damit „bestraft“ (wofür eigentlich?), dass neben ihrem Namen keine Nationalflagge gezeigt wurde. Es spielte also Medvedev (–) gegen Cilic (Kroatien).

Die russischen Spieler dürften mehr darunter gelitten haben, ein Match verloren zu haben, als auf ihre Nationalflagge verzichten zu müssen. Und die russischen Fans wussten auch so, wer Landsmann oder Landsfrau ist – der ganze Symbolcharakter geriet somit zur peinlichen Farce. Und welche Ironie: da in Wimbledon nicht alle Weltranglistenspieler/innen antreten dürfen, werden keine Ranglistenpunkte vergeben – was nun dazu geführt hat, dass ausgerechnet Daniil Medvedev, dessen Nationalität nicht erwähnt werden darf, nun aufgrund der vergangenen Spiele an die Spitze der Weltrangliste gerückt ist!

 

*Disclaimer: Ich habe nichts gegen „die Ukraine“, ich differenziere aber zwischen den Ukrainern, die (im eigenen oder fremden Interesse) Krieg führen lassen, denen, die diesen Krieg ausführen, und denen, die darunter leiden. Diesem Teil der ukrainischen Bevölkerung gilt mein Mitgefühl. Ich habe aber etwas gegen die Nicht-Ukrainer, die undifferenziert für „die Ukraine“ sind, ukrainische Fahnen schwenken und spenden, ohne zu wissen, bei wem letztlich das Geld ankommt! Und die ignorieren, dass es Ukrainer gibt, die glühende Verehrer Hitlers und der SS sind.

Showing 2 comments
  • Volker
    Antworten
    Hatte mir ernsthaft schon überlegt, beim Radeln, also beim Abstrampeln generell, Flagge  zu zeigen , damit ich von nix oder sonst nix überrollt werde. Weiß morgens nie, ob ich – rein zufällig – von einer schwarzen Limousine hops genommen werde, weil ich für gewisse Leute als mutmaßlicher Lumpen-Radler im Notizbuch geführt werde.

    So ne knallgelbe Flagge mit heraushängender Zunge wie Einstein, oder eine Piratenflagge, aber ohne Knochen, dafür herum flatternde Friedenstauben.

  • Piranha
    Antworten
    „Der Symbol-Wahn“

    Potemkinsche Dörfer eben.

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