Der Wert der Einfachheit

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Bürokratie und der Zwang, sich neuen technischen Entwicklungen anzupassen, verkomplizieren unser Leben unnötig. Sie kosten uns andauernd Teile unserer Lebenszeit – und Nerven. Die Zumutung wachsender Komplexität in unserem Leben ist auch profitgetrieben. Sie schafft Arbeitsplätze für die Verkomplizierer und macht uns vom rettenden Eingreifen von „Experten“ abhängig. Vereinfachung müsste zum politischen Ziel erklärt werden. So lange das nicht der Fall ist, sollte jeder für sich versuchen, sein Leben zu „entschlacken“. Wolf Schneider

In so vielem geht es mir sehr gut: Liebe, Sexualität, berufliche Erfüllung, doch auch ich habe „Problemzonen“. Die erste ist die Verwaltung meines Lebens mit Zahlen, Daten, Terminen und Finanzen, der Vekehr mit Behörden, die An- und Abmeldungen, das Ausfüllen von Anträgen und Formularen, kurz gesagt: die Bürokratie. Der zweite ist die Technik, die ich für mein Leben brauche: Auto, Computer, Smartphone und anderes. Zu oft funktionieren die Geräte nicht, und zu hoch ist der Aufwand für sie, der oft die durch sie erhoffte Erleichterung übersteigt: die richtige Wahl beim Einkauf, die Zeit für die Einrichtung und das Erlernen der Anwendung, die Instandhaltung und unvermeidlichen Reparaturen, das regelmäßige Updaten und schließlich die Entsorgung.

Auf beide Bereiche verwende ich viele Stunden meiner Lebenszeit. Bei der Verwaltung meines eher minimalistischen, unterdurchschnittlich komplizierten Lebens denke ich oft an das Fazit jener britischen Krankenschwester, die so viele Menschen in den letzten Wochen und Stunden ihres Lebens begleitet hat und darüber ein Buch schrieb, was diese Menschen in ihren letzen Stunden, auf ihr Leben zurückblickend, bereuten. Keiner von ihnen hatte bereut, nicht mehr Stunden im Büro verbracht zu haben, wahrscheinlich auch nicht mit dem Studieren eines Manuals oder dem Rebooten eines Handys oder Computers.

Technik intelligent anwenden

Autoreifen sind enorm flexibel und belastbar, sie sind eine Meisterleistung der auf das Kultobjekt Auto bezogenen Chemie – und des Kapitalismus, der durch harten Wettbewerb zu Höchstleistungen anspornt. Warum wendet man diese Technik nicht auf Stoßstangen an? So wie die Go-Carts auf den Jahrmärkten könnten alle Autos in einem standardisierten Abstand von der Straße von solchen Gummis umgeben sein. 90% aller Bagatellschäden am Blech, die schon bei minimaler Berührung von zwei PKWs zu mehreren tausend Euro Schadensumme führen können, gäbe es dann nicht mehr. Warum gibt es keine Gesetze, die das verlangen? Weil die KfZ-Werkstätten dann weniger Umsatz hätten und die Autos nicht so schnell im Wert altern würden, was Umsatzeinbußen bei den Verkäufen von Neuwagen zur Folge hätte. Der ganze Industrieumsatz würde zurückgehen, die Heilige Kuh des unablässigen Wachstums würde berührt, die Arbeitsplätze, ach ja die Arbeitsplätze … wie wäre es mit KZs für die Langzeitarbeitslosen, dann hätten wir doch wieder ein paar Arbeitsplätze für die Aufseher??? Darf denn keine ganzheitliche Intelligenz den deregulierten Kapitalismus mehr in Frage stellen, ihn zähmen und einschränken?

Nicht nur die fehlende Wende unserer Zivilisation in Bezug auf die Klimakrise kann mich Hartcore-Optimisten zum Zyniker machen, auch das Fehlen von Einfachheit als politisches Ziel.

Weltverschwörung der Dummheit?

Nur eine Kleinigkeit? Kürzlich habe ich zur Auflösung der Connection AG eine Überweisung von ein paar hundert Euro in die Schweiz machen müssen. Der Versuch hat mich ein paar Stunden gekostet und war nicht von Erfolg gekrönt. Auch mein lokaler Banker, der in die Sache eine weitere halbe Stunden investierte, konnte mir dabei nicht helfen. Finanztransaktionen von Mega-Summen, die zudem noch nicht mal besteuert werden (Tobin-Steuer), wickeln Schweizer Banken in Sekundenbruchteilen ab, aber als Kleinunternehmer ein paar hundert Euro in die Schweiz zu überweisen, das geht nicht. In hundertausenden von Details machen bürokratische Regeln uns das Leben schwer. Eine Weltverschwörung von Profiteuren kann ich darin jedoch nicht erkennen, allenfalls eine Weltverschwörung der Dummheit.

BA und MA in Vereinfachung

Wenn mich etwas ärgert, versuche ich erstens herauszufinden, was das mit mir zu tun hat. Zweitens überlege ich, wie ich es ändern kann. In diesem Falle, nachdem der Geldtrainsfer in die Schweiz ohne berittenen Boten für mich nicht herstellbar war: Wie kann ich Menschen bewusst machen, dass es eine bessere Art des Lebens gibt, in der wir uns weniger mit Verwaltung und Technik beschäftigen müssen? Wir müssten dazu unsere Verwaltungen vereinfachen und die Technik so anwenden, dass sie unser Leben erleichtert und nicht zusätzlich belastet.

Eine Partei, welche die Reduzierung der Bürokratie ins Programm nimmt – und die dazu auch fähig ist und nicht zu diesem Zweck eine weitere Kommission gründet – wäre mehrheitsfähig, meine ich.

Es sollte Studiengänge zum »Vereinfacher« geben. Und weil die meisten Vereinfacher nur Methoden finden, die alles nur noch mehr komplizieren, braucht gerade dieser Studiengang Meditation. Ein Vereinfacher muss fähig sein, die Abwesenheit von etwas zu ertragen, die Löcher und Lücken, das Nichts, die Leere – ein solcher Mensch muss meditieren können. Probleme lassen sich nicht auf der Ebene lösen, auf der sie entstanden sind, sagte schon Einstein. Wie kommt man auf die Metaebene, von der aus man das Problem lösen kann? Durch eine Änderung des Standpunkts, der Perspektive, des Bewusstseins. Kann es denn sein, dass für Bürokraten Meditation und Transzendenz noch wichtiger sind als für Theologen? Rathäuser und Landratsämter mit Räumen der Stille und 30 min Yoga, ehe die Arbeit beginnt? Das Sakrale muss das Profane durchdringen. Theologie wäre dann überflüssig, und die Lehrstühle für Theologie könnten durch Lehrstühle für Vereinfachung ersetzt werden.

Der akademische Titel des FA (Fool of Arts), den ich vor Jahren als Abschluss meines damaligen Jahrestrainings eingeführt habe, hat sich leider noch nicht durchgesetzt. Dort ginge es dann um die Fiktivität jedweder Identifikation.

Lachen und Weinen

Als Ausdruck einer weit verbreiteten Verzweiflung und Konzeptlosigkeit gegenüber unserem Natur und Psyche ruinierenden Wirtschaftssystem haben Witzfiguren heutzutage nicht nur auf den Bühnen der Medien, sondern auch in der Politik Konjunktur. Dazu gehören Narren und Joker wie Silvio Berlusconi, dessen Stern schon gesunken ist, ebenso wie Donald Trump und Boris Johnson, deren Appeal erst noch sinken wird. Sie haben nicht die Größe echter Narren wie der Schauspieler und Filmemacher Charlie Chaplin oder der Komiker Jón Gnarr, der sich 2010 aus Jux zur Bürgermeisterwahl von Rejkjavik, der Hauptstadt von Island, stellte, zu seiner eigenen Überrraschung gewählt wurde und dann bis 2014 eine famos effektive und populäre Amtszeit aufs Parkett legte. Oder der Schauspieler und Komiker Wolodymyr Selenskyj, der seit Mai Präsident der Ukraine ist, gewählt mit 73%! der Stimmen – ich hoffe, dass er sich als Narr wahrer Größe erweist, im Gegensatz zu den ersten drei genannten, persönlich unreifen Komikern und Schaustellern, die den Wert der Ernsthaftigkeit nicht kapiert haben.

Bei der entwickelten Form des Narren ist der Gegenpol des Witzes, die Ernsthaftigkeit und Standhaftigkeit in die Persönlichkeit integriert. Solche Narren sind keine Chamäleons, keine Fähnchen im Wind. Sie sind Narren nicht im Sinne von Idioten, sondern im positiven Sinn des Begriffs. Sie haben Humor und echtes, nicht nur imitiertes Mitgefühl, denn ihre emotionale Identität wurzelt in einer Tiefe, wo Lachen und Weinen sich begegnen.

Komisch oder tragisch?

Als eher tragisch empfinde ich, dass empathielose Psychopathen wie Trump, Bolsonaro, Erdogan und Boris Johnson in unserer neoliberalen Weltgesellschaft so leicht in hohe Ämter gelangen. Sei es durch skrupellose Machtausübung, sei es durch die bei uns üblichen Auswahlverfahren, die einer wirklich Demokratie nur ähneln.

Ist Lachen gut? Es ist gut für unsere Gesundheit, sagt das Lachyoga, und das stimmt wohl auch. Lachen ist aber nicht immer ein Zeichen von persönlicher Reife, wie folgende Studie über das Lachen von Männern über sexistische Witze nahelegt.

Aufrüttelnd finde ich Peter Sellars Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele. Er interpretiert dort Mozarts Oper Idomeneo, in der ein machtbesessener Herrscher durch seinen Sohn abgelöst wird, als Sinnbild für den Aufstand der Jüngeren gegen uns Ältere, die der nächsten Generation eine ruinierte Erde hinterlassen werden.

Was kann uns noch retten? Suizidale Patienten können durch eine psychedelische Therapie gerettet werden, weiß Rick Doblin, der Gründer von MAPS, denn er hat das gründlich erforscht. In einem TED-Talk deutet er an, dass auch die suizidale menschliche Zivilisation auf Planet Erde in letzter Minute vielleicht noch auf diese Weise gerettet werden könnte.

Oder rettet uns eine Erkenntnis des Narrativs als identitätsgestaltende Kraft? Dem würde ich eine Chance geben. Wie uns Mythen und Erzählungen verdummen und fanatisieren, aber auch inspirieren und überhaupt erst zur Kooperation befähigken, obwohl und weil sie nicht die Realität abbilden, wird in diesem genialen Interview mit dem Historiker Harari sehr gut dargelegt. Wer nur einen der diesmal sehr vielen Links meines Rundbriefs anklicken will, wähle diesen, es lohnt sich.

Radikal sein, aber nicht extrem

In einem Kommentar zu meinem Rundbrief über die Abschaffung der Religionen (»ab ins UNESCO Museum«), bat mich ein Leser, ich möge doch bitte nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Das unnennbare Kind aka der brennende Dornbusch ist jedoch nur dann im Trockenen, genauer: im Ganzen aufgelöst, behaupte ich, wenn man das Badewasser ganz ausschüttet. Die Essenz von Jesus, Buddha, Zen und Sufismus, den Taoisten und Existenzialisten ist radikal. Ohne radikale Infragestellung von sich selbst und den Religionen führt kein Weg zu Weisheit und zu einer Liebe, die mehr ist als ein Kuhhandel.

Wir müssen radikal sein, das heißt, wir müssen bis zur Wurzel gehen. Extremismus, nein danke – die Weisheit wohnt im Zentrum, in der Mitte. Radikalismus aber ist nötig, denn um zur Mitte zu kommen braucht es radikalen wurzelsuchenden, wurzelforschenden und -findenden Mut.

 

Wolf Schneiders Homepage: www.connection.de

Anzeige von 4 kommentaren
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    Volker
    Antworten

    In so vielem geht es mir sehr gut: Liebe, Sexualität, berufliche Erfüllung (…)

    Boah, muß halt mal gesagt werden, dafür spende ich ein dickes Lob, kehre Frust zusammen und suche mir einen Psychologen.

    So wie die Go-Carts auf den Jahrmärkten könnten alle Autos in einem standardisierten Abstand von der Straße von solchen Gummis umgeben sein.

    Oh Gott! Schon mal in einem Go-Kart gesessen und von allen Seiten angerempelt geworden? Keine gute Idee, lockt nur mehr Rambos an – Bleifuß und Gummi.

    Eine Partei, welche die Reduzierung der Bürokratie ins Programm nimmt – und die dazu auch fähig ist und nicht zu diesem Zweck eine weitere Kommission gründet – wäre mehrheitsfähig, meine ich.

    Geht nicht. Mit einem Schlag hätten wir 80% Arbeitslosigkeit zu vermelden, so viele Beamte*tinnen gibt’s bei uns, die Dich, mich, unser Deutschland aufopfernd verwalten.

    Nebenbei: Habe alles Unnötige über Bord geworfen was mich belasten könnte, bin Minimalexistenzler pur, beim Anblick eines 50 Euro-Scheins ruf ich sogar den Notarzt.

    Ist Lachen gut?

    Neulich überholte mich eine Dame mit Rubensfigur auf E-Bike und lachte dabei, das fand ich nicht gerade witzig, nahm’s allerding mit Humor und hechelte hinterher ++lachflasht++.

    Radikalismus aber ist nötig, denn um zur Mitte zu kommen braucht es radikalen wurzelsuchenden, wurzelforschenden und -findenden Mut.

    Radikaler Wurzelschnaps. Ich kenne einen Euli, der hätte dazu noch viel zu sagen.
    Somit einen lieben Gruß an Eulenfeder von mir.

  • Avatar
    Bettina
    Antworten
    Der Fortschritt liegt nicht in der Technik,
    nicht in Zahlen und Figuren,
    nicht im Messbaren,
    nicht im Beweis.

    Das Wesentliche liegt
    jenseits von Algorithmen,
    jenseits von allem Messbaren,
    jenseits von Ratio und der Vernunft.

    Es ist die Poesie der Liebe,
    als Spur in den Sand gezogen,
    im Hauch des Windes schon enteilt…
    als Weg ein Glück des Lebens.

    „Niemand kann die Liebe binden,
    es ist schwer, mit dir zu leben,
    schwerer, ohne dich zu sein…“  (KW)
    beschreibt sie doch
    den Augenblick des Glücks.

    PABLO NERUDA –
    Ti manderò un bacio con il vento –
    Omaggio a Pablo Neruda
    https://youtu.be/sKaCKTdEeYA

     

  • Avatar
    heike
    Antworten
    Mit der Einfachheit einfach man selbst zu sein, gibt es ein Problem: Manche sind noch etwas, sind noch da, wenn sie alle gesellschaftlich auferlegten oder genutzten Hierarchien abwerfen, sich nicht mehr über Kleidung definieren, keine Machtansprüche über andere mehr erheben – und manche gibt es dann scheinbar nicht mehr.

    Jemand der sich die Gewohnheit zu eigen gemacht hat, der Herr über eine Gruppe anderer Menschen zu sein, der existiert nicht mehr, wenn sein Machtanspruch erlischt.

    Deshalb versuchen Mächtige immer, ihre Macht zu erhalten.

     

  • Avatar
    heike
    Antworten
    Zur Zeit erlebe ich die Schaffung neuer Machtstrukturem, die zum Ziel haben, die Menschen zu kontrollieren. Das geht mir auf die Nerven. Man sollte sich bilden, dem anderen Zuhören, lernen sich auszudrücken und verständlich zu machen.

    Und man sollte den Menschenschindern und Ausbeutern das Handwerk legen und nicht deren Opfer noch einmal zum Opfer machen und doppelt und dreifach „bestrafen“.

    Ich will nicht, dass wir Menschen am Boden liegen lassen und erst recht will ich nicht, dass das zu einer Normalität unseres Staates wird (was es wohl schon zu sein pflegt).

    Leute, die Strukturen aufbauen und Menschen in Not mitnehmen, ohne dass diese ihre Würde verlieren und so Stück für Stück zum Aufbau eines Wissens und Selbstvertrauens beitragen, die tun, was getan werden muss. Das finde ich wirklich gut.

    Menschen, die sich um andere Menschen nur vor dem Aspekt des eigenen Vorteils und der Nutzbarmachung deren Ressourcen für sich selbst kümmern, sind eigntlich erbärmlich und sollten nicht mehr in unsere Zeit passen.

    Und das Geschrei solcher Personen nach einem starken Mann, der jetzt wieder Ordung in die Gesellchaft bringen soll, der zeigt nur an, wie hilflos sie neuen Formen des Zusammenlebens gegenüberstehen, bei denen sie auf sich selbst zurückgeworfen sind, und sich nicht mehr hinter vorgeschobenen Hierarchien verstecken können.

    Abgesehen davon kann man jedem den Boden unter den Füßen wegziehen … aber darum geht es nicht. Es geht darum, einander zu helfen.

    Und man muss verstehen und akzeptieren, dass Menschen verschieden sind. Manche Menschen sind schüchtern, manche lustig, manche traurig, manche ruhig, manche laut.

     

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