Die Anbahnungsphase des Faschismus

 in FEATURED, Politik (Inland)

Clara Zetkin

Sich mit der Weimarer Republik zu  befassen, ist derzeit ein sehr erhellendes Unterfangen. Wie konnte es dazu kommen, dass die Unmenschlichkeit alle Hürden überrannte und in einem vergleichsweise humanen Umfeld Fuß faßte? Für alles gab es natürlich Vorläufer und einen gesellschaftlich-ideologischen Nährboden. Militarismus, Schwarze Pädagogik und die Sehnsucht nach einer „starken Hand“ lebten hinter der demokratischen Fassade der ersten deutschen Republik weiter. Und auch mit dem Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ hörten diese geistigen Strömungen nicht auf zu existieren. Wie aber schafften es wenige Menschen, sich mit so viel Mut und Hellsicht gegen das Unrecht zu stemmen, dass wir ihre Namen noch heute mit großer Achtung nennen? Die Autorin porträtiert in ihrem historischen Rückblick vor allem zwei von ihnen: Carl von Ossietzky und Clara Zetkin. Ullrike Spurgat

1871, nach der Gründung des Zweiten Reiches, schreibt Georg Herwegh:
„Ein Amboß unter einem Hammer 
geeinigt wird Altdeutschland stehen
Dem Rausche folgt ein Katzenjammer
daß euch die Augen übergehen.“
An den grausamen Ersten Weltkrieg, 1914-1918 von Deutschland angezettelt, das sinnlose Abschlachten und Morden von Millionen von Menschen, erinnert Hannes Wader in dem Antikriegslied „Es ist an der Zeit“, dessen drängende Botschaft der menschlichen Verletzlichkeit endlich einen festen Platz und dem grausamen Tod für Kapital und Vaterland so ein Stückchen menschliche Würde zurückgibt.
Die Weimarer Republik diente von 1919-1933 der ideologischen, ökonomischen und militärischen Restauration des gerade geschlagenen deutschen Militarismus und war im Grunde nichts anderes als der Übergang vom Kaiserreich zu Hitlers Großdeutschland, dem „Dritten Reich“.  Sie war arbeiterfeindlich im allgemeinen, kommunistenfeindlich im besonderen.
Carl von Ossietzky, Herausgeber der Weltbühne, war für seine spitze Feder, seinen Sarkasmus, seine Pointen und seinen analytischen Verstand bekannt, der einige das Fürchten lehrte. Und so traf es sich, dass er unter anderem Käthe Kollwitz und Albert Einstein kennenlernte, wie auch August Bebel und Ernst Thälmann, die seine Agitation: „Nie wieder Krieg“ unterstützten. Ossietzky lehnte mit einer bemerkenswerten Konsequenz den Militarismus, aber insbesondere das Militär ab. Man muss bedenken, dass es nicht nur die Wehrmacht war, die damals militärisch auftrat. Im ganzen Land bildeten sich Freikorps mit entlassenen und desillusionierten Weltkriegssoldaten. Himmler, Hitler und Hess gehörten solchen Freikorps an, trieben ihr Unwesen brutal und zielgerichtet gegen Andersdenkende und hetzten gegen die Sowjetunion.
Ossietzky, wie auch Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Erich Mühsam, Arnold Zweig und Egon Erwin Kisch – sie verkörperten eine Haltung, die man heute schmerzlich vermisst. Sie waren radikale Demokraten, Kommunisten, Linke und politisch denkende Mitarbeiter in der Weltbühne. Und sie schrieben gemeinsam gegen den fortschreitenden Faschismus und den Zeitgeist an.
Ossietzky veröffentlichte in der vielbeachteten Berliner Volkszeitung 1923:
„Wo die Männer versagen, da ruft man nach dem Mann. Der Faschismus, der überall anders, überall in neuer nationaler Vermummung auftritt, weist in allen Ländern den einen Wesenszug nach: die Sehnsucht nach dem Diktator. Die erschlafften Völker suchen nach einem Hirn, das für sie denkt, nach einem Rücken, der für sie trägt.“
Carl von Ossietzky, Chefredakteur der Weltbühne, wurde wegen eines Artikels gegen die verbotene Aufrüstung der Reichswehr verhaftet und zu achtzehn Monaten Gefängnis verurteilt. Er weigerte sich im Vorfeld, dem Wunsch seines Freundes und Mitstreiters Kurt Tucholskys nachzukommen und – wie der Mitangeklagte und Flugzeugexperte Kreiser – Deutschland auf dem schnellsten Wege zu verlassen. Am 10. Mai 1932 veröffentlichte er in „Die Weltbühne“ folgende Worte:
„Ich beuge mich nicht der in roten Sammet gehüllten Majestät des Reichsgerichts, sondern bleibe als Insasse einer preußischen Strafanstalt eine lebendige Demonstration gegen ein höchstinstanzliches Urteil, das in der Sache politisch tendenziös erscheint und als juristische Arbeit windschief.“
Am 28.2.1933 wurde er, wie auch Erich Mühsam, Kommunisten, linke Sozialdemokraten, Anarchisten und politisch Andersdenkende in einer der vielen Nacht-und-Nebel-Aktionen verhaftet. Die Nazis verschleppten ihn nach Esterwegen. Die 15 Lager im Emsland galten als „Test“ für Auschwitz, Buchenwald und Bergen Belsen. Den schmächtigen, kleinen Mann,  der schwere körperliche Arbeit nicht gewohnt war, zwang man täglich ins Moor, wo er schuften musste bis zum Umfallen. „Sonderbehandlung“ war ein Begriff, den die Nazis benutzten, um zu umschreiben, dass Häftlinge wie Ossietzky – genannt „Bonzen-Häftling“ – und auch Erich Mühsam – genannt der „Rote Jude“, denn Mühsam war Anarchist und Jude – zusätzliche Folterung erleiden mussten.
Bereits im September 1930 waren die Faschisten mit 18,3 Prozent zweitstärkste Fraktion im Reichstag. (1928: 2,6 Prozent) Unter allen Umständen wollten die Faschisten die Eröffnung des Reichstags durch die KPD-Abgeordnete Clara Zetkin am 30.08.1932 verhindern. „Wenn sie es wagen sollte“, so die Drohung, wolle man ihr „einen gehörigen Denkzettel“ verpassen. Die Eröffnung fand statt. Die fünfundsiebzigjährige kranke und fast blinde Alterspräsidentin Clara Zetkin ließ sich nicht einschüchtern und nahm ihren Präsidentenstuhl ein. Die rechte Seite, alle in braunen Uniformen, tobte. Das braune Heerlager der faschistischen Landsknechte, das Clara Zetkin den Tod geschworen hatte, erstarrte, als sie zu sprechen begann:
„Meine Damen und Herren! Der Reichstag tritt in einer Situation zusammen, in der die Krise des zusammenbrechenden Kapitalismus die breitesten werktätigen Massen Deutschlands mit einem Hagel furchtbarster Leiden überschüttet. (…) Das Gebot der Stunde ist die Einheitsfront aller Werktätigen, um den Faschismus zurückzuwerfen, um damit den Versklavten und Ausgebeuteten die Kraft und die Macht ihrer Organisationen zu erhalten, ja sogar ihr physisches Leben. Vor dieser zwingenden geschichtlichen Notwendigkeit müssen alle fesselnden und trennenden politischen, gewerkschaftlichen, religiösen und weltanschaulichen Einstellungen zurücktreten. ALLE BEDROHTEN, ALLE LEIDENDEN, ALLE BEFREIUNGSSEHNSÜCHTIGEN GEHÖREN IN DIE EINHEITSFRONT GEGEN DEN FACHISMUS UND SEINE BEAUFTRAGTEN IN DER REGIERUNG!“
Das Grauen geht weiter und der deutsche Faschismus als eine Zäsur in die Menschheitsgeschichte ein. Aber auch das lebendige Feuer, das auf immer brennt für ein „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!“.
Mich beschäftigte bei meiner Arbeit an diesem Text vor allem die „schwarze Pädagogik“, die im Faschismus eine besondere Bedeutung hatte. Nahtlos hat man sie in die junge Republik nach 1945 übernommen, und so wurden über 800 000 angeblich „verwahrloste“, „kriminelle“, „asoziale“ Kinder und Jugendliche – vornehmlich aus der Arbeiterklasse – ihrer Würde, ihrer Entwicklungsmöglichkeiten, ihrer Hoffnungen und ihrer Wünsche ans Leben beraubt. In die bis heute berüchtigten geschlossenen Erziehungsanstalten warf man sie ohne jeden erkennbaren Grund, überließ sie dort ihrem Schicksal und gab sie in die braunen Hände ehemaliger KZ-Aufseher und unausgebildeter Frauen und Männer, die so in Brot und Arbeit gekommen sind.
Dazu aber später mehr.
Showing 22 comments
  • Die A N N A loge
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    Vielen Dank für den guten Artikel mit dem klar zusammengestellten Überblick über die politische Situation, die den Übergang zum Faschismus bildete. Was für eine mutige Rede von Clara Zetkin!

    Noch ist mir nicht klar, was sich genau hinter dem Begriff „schwarze Pädagogik“ verbirgt. Ich warte gespannt auf die nächsten Folgen des Artikels!

    Wenngleich ich weiß, dass wir heute fern des Faschismus als Staatsmacht sind, so frage ich mich mit Sorge, was unser Schulsystem für den Bestand des unabhängigen Widerstandsgeists eigentlich tut. Der unbequeme Geist, der  unabhängig und unangepasst denkt und handelt, ist der Garant dafür, dass  verkrustete Strukturen aufgebrochen werden.

    Ich hatte das Glück, in Schule und Universität den zeitlichen Rahmen zu finden, der notwendig war, um über den Tellerrand hinauszuschauen, mich über Politik auszutauschen und, wenn notwendig, aufzubegehren und einzubringen, bis hin zum großen, landesweiten Unistreik in Niedersachsen.

    Wie sehr hätte ich meinem Sohn diese Erfahrung gegönnt, doch das Bildungssystem hat sich im Laufe einer Generation dermaßen gestrafft und verschult, dass den Schülern und Studenten kaum Luft zum Atmen bleibt.

    „Schneller-höher-weiter“

    So lautet die Devise unserer Wirtschaft.

    und im Dienste dessen werden unsere Kinder zu einheitlichen Pommes geschnitzt. Vergessen bleibt die unbequeme Wahrheit, dass eine gelebte Demokratie den Widerstand, das nicht angepasste braucht.

    https://youtu.be/YR5ApYxkU-U

    • Ulrike Spurgat
      Antworten
      Liebe Bettina,

      danke für deinen durchdachten Kommentar.  Klara Zetkin war eine mutige  entschlossene und kämpfende Frau. Diese mutige Rede – sie hat so einige gehalten – liegt fast neunzig Jahre zurück. Ein Wimpernschlag in der Geschichte und unvergessen.

  • heike
    Antworten
    „NIe wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“, waren die Aufrufe, nachdem der Katzenjammer nach dem 2. Weltkrieg eingetreten war. „Von deutschem Boden soll nie wieder Krieg ausgehen.“ das Vorhaben.

    Und gerade eben habe ich das moma eingeschaltet, und Frau Kramp-Karrenauer noch dieses Satzfetzen sagen hören: „…. , dass wir darüber nachdenken müssen, inwieweit wir Aufgaben übernehmen müssen, die wir bisher den USA überlassen haben.“

    Ich weiß nicht genau, ob es dabei ausschließlich um den Einsatz in Afganistan ging, oder ob generell die Rolle Deutschlands in der NATO eine andere werden soll.

    Jedenfalls sollte man meiner und  der Meinung vieler anderer friedenswilliger Menschen daran festhalten, dass sich Deutschland an Kriegshandlungen nicht beteiligt. Ich bin auch immer noch der Meinung, dass es sinnvoller wäre, ein europäisches Verteidigungsbündnis zu gründen, welches gemeinsam Angriffe auf europäisches Territorium abwendet, als unbedingt in der Nato zu verweilen und diese endlose Rüstungsspirale wieder von vorn beginnen zu lassen. Aber dazu fehlt wohl der Mut. Und das wohl aus zweierlei Gründen: zum einem werden Sanktionen aus den USA die Wirtschaft betreffend befürchtet und zum anderen hat man wohl Angst, eher zur Zielscheibe von kriegerischen Angriffen zu werden, wenn man die USA nicht im Rücken weiß. Ich bin mir nicht sicher, wie wahrscheinlich es wäre.

    Dann gibt es noch einen dritten Grund – und der ist wohl das Geldverdienen an der Rüstung.

    Jedenfalls weiß ich, dass ich keine Partei wählen werde, die einer Erhöhung der Rüstungsausgaben innerhalb der NATO zustimmt. Dass man die Armee nicht völlig abschaffen kann, ist mir klar – aber klar ist auch, dass es einfach auch global gesehen und in die Zukunft gerichtet wichtig ist, einen Schnitt zu machen und aggressive militärische Angriffe, die auf andere Völjker gerichtet sind, vollständig einzustellen und auch zu ächten. Deutschland hat ca. 60 Millionen Tote im 2. Weltkrieg auf dem Gewissen.

    Wieviele Tote die USA in ihren zahlreichen Angriffskriegen weltweit schon auf dem Gewissen haben, hat wohl noch keiner zusammengezählt.

  • heike
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    Heute scheint es im Fernsehen ja viel um Afghanistam zu gehen. Jedenfalls erhaschte iich vorhin auf dem ndr noch ein kurzes Gespräch zwischen Moderator und einem, der wohl mit einem höheren Dienstgrad im Afghanistankrieg unterwegs war.

    Dessen Einschätzung lautete, dass man diesen Krieg nicht gewinnen kann, wenn man die Clanverflechtungen und -strukturen nicht beachtet. Ach nee. Er bedauerte die gefallenen deutschen Soldaten. Er fand es schade, dass man diesem Land nicht zu Freiheit und Demokratie verhelfen konnte.

    Ich fand das alles sehr verlogen. Ich glaube nicht, dass deutsche Soldaten wirklich aus der inneren Überzeugung und dem Wollen heraus, in Afghanistan eine freiheitliche Ordnung aufzubauen, in diesen Krieg gezogen sind. Sie haben es getan, weil sie verpflichtet wurden und weil sie damit in kurzer Zeit relativ viel Geld verdienen konnten. Das Risiko war bekannt. Da kann man sie hinterher natürlich als Helden und Freiheitskämpfer feiern, damit die Eltern der toten Söhne (und Töchter, falls auch Soldatinnen dabei ermordet wurden) nicht ganz so traurig sind, und diesem Tod noch einen Sinn verleihen können, aber letztendlich war es ein völlig sinnloses Sterben, da so eben keine demokratischen Verhältnisse geschaffen werden, und dieses Ansinnnen  sowieso nur ein Vorwand ist, um sich geostrategische Vorteile in der Welt zu verschaffen.

     

    • Cetzer
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      „Sie haben es getan, weil sie verpflichtet wurden und weil sie damit in kurzer Zeit relativ viel Geld verdienen konnten.“

      Und Orden, ein Vorrücken im Beförderungsstau und für einen Teil: Weil sie legal töten konnten. Preisfrage: Was sollte man ehrlicherweise einem Jugendlichen raten, der fragt, welchen Beruf er ergreifen soll, um seinen Tötungstrieb zu befriedigen, ohne im Knast zu enden?

      „ein Vorwand ist“

      Die letzte wirklich 100% ehrliche Kriegserklärung wurde in der späten Bronzezeit abgegeben (von einem Anfänger).

       

      • heike
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        „Die letzte wirklich 100% ehrliche Kriegserklärung wurde in der späten Bronzezeit abgegeben (von einem Anfänger).“

         

        🙂 und dazu ein Gesicht mit zwei weinenden Augen ….

         

        Die Menschen lügen zu viel. Manche oder viele vielleicht noch wirklich aus Unwissenheit. Aber irgndwann werden die Lügen so offensichtlich werden, auch vor ihnen selbst, dass man sie nicht mehr aussprechen kann, und dann kann man diesen alten Stiefel auch nicht mehr weitermachen, dann kann man nicht mehr in andere Länder einfallen und sie angeblich befreien, dann kann man andere Menschen auch nicht mehr ausbeuten.

        Ich habe mir mal wieder ein von Gregor Gysi geschriebenes Buch (Marx & wir, erschienen 2018) zur Hand genommen:

        „Im August 1990 erklärte der bundesdeutsche Arbeitsminister Norbert Blüm in Gdansk: „Karl Marx ist tot, Jesus lebt.“ Schon damals konnte ich über diesen Spruch nur den Kopf schütteln. Dass Jesus und Gott leben müssen, auch Buddha, Allah und jener Ewige, dessen Namen die Juden aus Ehrfurcht vor Gott nicht aussprechen – das war auch einem Atheisten wie mir seit jeher klar. Aber Norbert Blüm war damals bei weitem nicht der einzige, der das Ende der Geschichte gekommen sah und meinte, es mit solchen Sprüchen begleiten zu müssen. Heute, ich bin sicher, würde er seine Worte nicht wiederholen.“

        Kurz nach der Wende, der Übernahme der DDR, dem Zusammenbruch des Sozialismus im Osten, waren manche Menschen wohl der Meinung, dass nun das Gute (Jesus) gesiegt hätte, und Karl Marx und mit ihm die Träumer von einer kommunistischen Gesellschaft endgültig verloren hätten.  Bei Gregor Gysi geht es jetzt so weiter:

        „Alles, was ich von ihm höre (also von N. Blüm, e.A.) und lese, spricht dafür, dass er inzwischen weiß, dass Jesus nur mit Karl Marx zusammen leben kann.“

        Ich finde das gut. Der Dalai Lama sagte ja auch von sich, dass er ein Marxist ist (etwas scherzhaft natürlich, aber um den Hintergrund wissend, dass die Beendigung der Ausbeutung das Ziel der Menschheit sein wird, das „Paradies“, welches angestrebt wird, das Beenden des Leidens, welches dadurch entsteht, dass der eine auf die Kosten des anderen lebt.

        In einem anderen Abschnitt des Buches fasst Gregor Gysi sehr schön die Ansichten von Marx zusamen:

        „Vom Klassenkampf ist es begrifflich nicht weit zur Revolution. Aber eben wirklich nur begrifflich, denn Marx´ bekanntes Zusammenbruchstheorem darf ja wohl kaum auf unsere Gegenwart angewendet werden. Es besteht aus drei Komponenten: der These von der zunehmenden Konzentration und Zentralisation des Kapitals, der These von der Verelendung der Massen und damit verbunden, der These vom unweigerlich aufplatzenden Protest der Mehrheit gegen die wenigen Mehrwertaneigner.

        Marx vertrat die Thesen sehr explizit im „kommunistischen Manifest“, etwas abgeschwächt im „Kapital“. Für die proletarische Revolution argumentierte er, weil es gelte, die „Geburtswehen“ der neuen Gesellschaft abzukürzen. Aber zugleich kamen ihm Zweifel: Erwüchse der Aufstand aus Verelendung, nehme er zwangsläufig die Gestalt von Grobheit, Gewalttätigkeit, ja Barbarei an. Und es schauderte ihn. Je eher die Arbeiterklasse also in der Lage sei, eine revolutionäre Umgestaltung durchzuführen, gewissermaßen noch mit Sicherheitsabstand zum besinnungslos tobende Zorn, desto besser für alle. Aufschlussreich, dass Marx und Engels es gerade in den fortgeschrittenen Demokratien des Westens sogar für möglichhielten, diesen Übergang in eine sozialistische Gesellschaft mit friedlichen Mitteln zu gestalten – unter Nutzung der demokratischen Institutionen.“

         

        • Ulrike Spurgat
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          Eigentlich wollte ich mich nicht weiter dazu äußern, aber den Wendehals Gysi mit Marx in Zusammenhang zu bringen ist aber eine Antwort wert.

          Und natürlich kann man Marx mit dem heute in Verbindung bringen müssen,man muss es sogar, aus meiner Sicht,  denn niemand anderes hat das Kapital so begriffen und analysiert wie Karl Marx, mit seinem Mitstreiter Friedrich Engels. Das Kapital erklärt erklärt das System des Kapitalismus und wie z.B. der Mensch als Ware zur Ware wird,…. und im „Manifest der kommunistischen Partei“ klingt die INTRNATIONALE.

          Über bürgerliche Revolutionen, die keine proletarischen Revolutionen sind hat Marx ausführlich im „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ folgendes geschrieben: Ausgewählte Schriften, Seite 229

          „Bürgerliche Revolutionen wie die des achtzehnten Jahrhunderts , stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich, Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten zusammengefaßt, die Ekstase ist der Geist jedes Tages: aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die Resulate ihrer Sturm und Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt.

          Proletarische Revolutionen dagegen , wie die des neunzehnten Jahrhunderts , kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zrück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche ihre Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem zurück vor den unbestimmten Ungeheuerlichkeiten ihrer eignen Zwecke, BIS DIE SITUATION GESCHAFFEN IST, DIE JEDE UMKEHR DER UNMÖGLICH MACHT, UND DIE VERHÄLTNISSE SELBST RUFEN:

                               HIC RHODUS, hic salta! 

                               Hier ist die Rose, hier tanze !

           

                              

                             

           

      • heike
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        In eigenen Worten:

        Wenn es keine staatliche Regulierung gibt, dann wird sich das Vermögen und die Produktionsmittel in den Händen von immer weniger Menschen ansammeln und alle anderen werden immer mehr verarmen (was gegenwärtig passiert). Also muss/kann der Staat dagegen steuern, indem er Gesetze erlässt, die die Reichen zu einem Ausgleich zwingen, z.B. durch Vermögenssteuern oder überhaupt Steuern auch für globale Unternehmen (da fällt mir das Beispiel von McDonalds ein, der in Tübingen keine Steuer auf sein Einweg“geschirr“ zahlen wollte). Aber scheinbar gibt es sehr viele globale Unternehmen, die keine Steuern zahlen und einen derartigen Reichtum angesammelt haben, dass sie damit Gerichtsprozesse gegen Städte und sogar ganze Staaten führen können, die diese gar nicht mehr mit finanzieren können.

        Die elegantere, von Marx bevorzugte Lösung dieses Problems wäre es, wenn der Staat jetzt eingreift und Gesetze schafft, die diese Unternehmen nicht mehr umgehen können und welche die Menschen vor zu extremer Ausbeutung schützen. Dazu gehört auch eine Festlegung eines Mindestlohnes, der ein gutes Auskommen sichert.

        Je nachdem, in welchem Ausmaß der Staat diese Gesetze zum Schutz seiner Bevölkerung erlässt, nennt man diesen Staat dann einen Staat, der die soziale Marktwirtschaft umsetzt und einen sozialen Kapitalismus praktiziert oder einen sozialistischen Staat.

        Wir brauchen also Regierungsparteien, die die Arbeiter, Bauern , Handwerker und auch die Künstler, Lehrer, Intellektuellen – also alle Schaffenden – davor schützen, durch das Kapital ausgeblutet zu werden.

        Dazu müssen die Menschen aber auch die Parteien unterstützen und wählen, die das vorhaben.

  • heike
    Antworten

    Wie konnte es dazu kommen, dass die Unmenschlichkeit alle Hürden überrannte und in einem vergleichsweise humanen Umfeld Fuß faßte?

    Da ich mir auch gerne meine eigenen Gedanken mache, versuche ich mich mal an der Beantwortung dieser Frage, bevor ich den Artikel lesen werde.

    Wie konnte es dazu kommen, dass die Gräueltaten des Nationalsozialismus und des 2. Weltkrieges Realität werden konnten? Ich denke schon, dass es daran lag, dass für Viele zunächst ein Hoffnungsschimmer am Horizont erschien, dass sie wieder Arbeit, und damit Geld und Essen hatten, dass auch diejenigen, die vorher ganz unten in der Gesellschaft angesiedelt waren, eine besondere Aufmerksamkeit erfuhren, da sie jetzt gewertschätzt wurden, da sie ja einem besonders hochwertigem Volk entstammten.

    Dazu kam, dass man jetzt „wusste“, woher die Übel in der Welt stammten: nämlich von den Juden und den Bolschewiken. Endlich, endlich schien man seinem Joch entkommen zu können, die Lösung lag auf der Hand (Vernichtung der Juden und Bolschewiken und Raumeroberung für das „Volk ohne Raum“), dazu eine enthusiastische, burschikose Stimmung, diejenigen, die sich gegen diese neue Freiheitssehnsucht des deutschen Volkes wandten, wurden in ihre „Schranken“ verwiesen, was für sie bedeutet, keine Arbeit oder nur unterbezahlte Drecksarbeit zu bekommen, die sonst niemand machen wollte (zum Beispiel Totengräber oder Latrinenputzer); diejenigen, die sich ganz offensichtlich dagegen stellten, wurden zusammengeschlagen, ins Gefängnis oder KZ gesteckt oder einfach so umgebracht. Damit war man die Nörgler los und der Rest des Volkes (der da seine Bedenken gegen die Nationalsozialisten hatte) gewarnt. Alle anderen waren in wunderbarer Aufbruchstimmung, denn die Versprechungen und Verheißungen waren groß.

    So würde ich die obenstehende Frage beantworten. Und jetzt lese ich mir den Artikel durch.

  • heike
    Antworten
    So, und jetzt nach dem Lesen des Artikels noch ein Letztes. Zunächst vielen Dank für die schönen Zitate, die u.a. ziemlich gut zusammen, vor welcher „Kippsituation“ man damals stand. Clara Zetkins

    „Meine Damen und Herren! Der Reichstag tritt in einer Situation zusammen, in der die Krise des zusammenbrechenden Kapitalismus die breitesten werktätigen Massen Deutschlands mit einem Hagel furchtbarster Leiden überschüttet. (…) Das Gebot der Stunde ist die Einheitsfront aller Werktätigen, um den Faschismus zurückzuwerfen, um damit den Versklavten und Ausgebeuteten die Kraft und die Macht ihrer Organisationen zu erhalten, ja sogar ihr physisches Leben. Vor dieser zwingenden geschichtlichen Notwendigkeit müssen alle fesselnden und trennenden politischen, gewerkschaftlichen, religiösen und weltanschaulichen Einstellungen zurücktreten. ALLE BEDROHTEN, ALLE LEIDENDEN, ALLE BEFREIUNGSSEHNSÜCHTIGEN GEHÖREN IN DIE EINHEITSFRONT GEGEN DEN FACHISMUS UND SEINE BEAUFTRAGTEN IN DER REGIERUNG!“

    zeigt den eigentlich guten Weg an, nämlich dass Ausbeutung nicht beendet wird, indem man sie einfach an andere weiter gibt, sondern indem man ganz damit aufhört, sich an der Erniedrigung anderer zu erhöhen und zu bereichern.

    Zur angekündigten Fortsetzung über die schwarze Pädagogik des Nationalsozialismus fiel mir ein, dass es heutzutage schon Eltern gibt, die es für schwarze Pädagogik halten, wenn ihre Kinder in der Schule über den Klimawandel, seine Folgen unde die Möglichkeit seiner Eindämmung aufgeklärt werden.

    Und an diesem Beispiel sieht man, dass die von rechten Kreisen betriebene Gleichsetzung der gegenwärtigen Regierung mit der des nationalsozialistischen Faschismus der 1930er Jahre schon sehr gut in die Köpfe weniger denkender und leicht zu beeinflussender Menschen gerieselt ist – was eine wirklich große Gefahr darstellt.

    • Ulrike Spurgat
      Antworten
      Danke, liebe Heike für deine Mühen dem wichtigen Zitat von Klara in deinem Kommentar Bedeutung zu geben, sich damit gründlich auseinanderzusetzen, und frei nach Kant, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.
  • heike
    Antworten
    Wenn ich mich mit Leuten über den Klimawandel unterhalte, bekomme ich immer wiede zu hören, dass es nicht gut sein kann, wenn man diesen mit Hilfe von Elektroautos bekämpfen will, die mit Batterien ausgestattet sind, für deren Rohstoffgewinnung Kinder unter erbärmlichen Bedingungen in Bergwerken arbeiten müssen. Da haben sie auch recht. Wenn das wirklich so ist, dann kann man diese E-Autos nicht auf den Markt bringen.
    Ich habe mich damit bisher fast nicht beschäftigt. Es wäre interessant, dazu aktuelle Expertenmeinungen zu hören (von Greenpeace oder anderen Investigativjournalist*innen). Vielleicht kann mir ja jemand der Leser*innen hier eine vertrauenswürdige Quellenangabe dazu mitteilen.
    Und gibt es nicht gewisse Qualitätsstandards für die Gewinnung und Herstellung von Produkten, die nach Deutschland eingeführt werden dürfen – z.B. dahingehend, dass Produkte, die durchKinderarbeit entstanden sind, nicht importiert werden dürfen?
  • heike
    Antworten
    Und bei diesen ganzen Diskussionen, die zur Zeit geführt werden – und es ist richtig, sie zu führen – ist es wichtig,n dass wir die Liebe nicht vergessen, weil nur sie es schaffen wird, dass Befreiung und ein glückliches Leben für alle möglich sein kann.

    Weil ich finde, dass dieses Gedicht gut in unsere Zeit passt, möchte ich es hier wiedergeben.

    Friedrich Schiller

     

    DER TRIUMPH DER LIEBE

    Eine Hymne

     

    Selig durch die Liebe

    Götter – durch die Liebe

    Menschen Göttern gleich?

    Liebe macht den Himmel

    Himmlischer – die Erde

    Zu dem Himmelreich.

     

    (Eigentlich reicht schon diese erste Strophe – aber der Vollständigkeit halber werde ich dann gleich noch die restlichen nachliefern.)

  • heike
    Antworten
    So, hier ist jetzt das ganze Gedicht:

    Friedrich Schiller

    DER TRIUMPH DER LIEBE

    Eine Hymne

     

    Selig durch die Liebe

    Götter – durch die Liebe

    Menschen Göttern gleich!

    Liebe macht den Himmel

    Himmlischer – die Erde

    Zu dem Himmelreich.

     

    Einstens hinter Pyrrhas Rücken,

    Stimmen Dichter ein,

    Sprang die Welt aus Felsenstücken,

    Menschen aus dem Stein.

    Stein und Felsen ihre Herzen,

    Ihre Seelen Nacht,

    Von des Himmels Flammenkerzen

    Nie in Glut gefacht.

     

    Noch mit sanften Rosenketten

    Banden junge Amoretten

    Ihre Seelen nie –

    Noch mit Liedern ihren Busen

    Huben nicht die weichen Musen

    Nie mit Saitenharmonie.

     

    Ach! Noch wanden keine Kränze

    Liebende sich um!

    Traurig flüchteten die Lenze

    Nach Elisium.

     

    Ungegrüßet stieg Aurora

    Aus dem Schoß des Meers,

    Ungegrüßet sank die Sonne

    In den Schoß des Meers.

     

    Wild umirrten sie die Haine,

    Unter Lunas Nebenscheine,

    Trugen eisern Joch.

    Sehnend an der Sternenbühne

    Suchte die geheime Träne

    Keine Götter noch.

    *

    Und sieh! Der blauen Flut entquillt

    Die Himmelstochter sanft und mild,

    Getragen von Najaden

    Zu trunkenen Gestaden.

     

    Ein jugendlicher Maienschwung

    Durchwebt, wie Morgendämmerung,

    Auf das allmächt´ge Werde

    Luft, Himmel, Meer und Erde.

     

    Des holden Tages Auge lacht

    In düst´rer Wälder Mitternacht,

    Balsamische Narzissen

    Blüh´n unter ihren Füßen.

     

    Schon flötet die Nachtigall

    Den ersten Sang der Liebe,

    Schon murmelte der Quellen Fall

    In weiche Busen Liebe.

     

    Glückseliger Pygmalion!

    Es schmilzt! Es glüht dein Marmor schon!

    Gott Amor Überwinder!

    Umarme deine Kinder!

    *

    Selig durch die Liebe

    Götter – durch die Liebe

    Menschen Göttern gleich.

    Liebe macht den Himmel

    Himmlischer – die Erde

    Zu dem Himmelreich.

    *

    Unter gold´nem Nektarschaum

    Ein wollüst´ger Morgentraum

    Ewig Lustgelage

    Flieh´n der Götter Tage.

     

    Thronend auf erhab´nem Sitz

    Schwingt Chronion seinen Blitz,

    Der Olympus schwankt erschrocken,

    Wallen zürnend seine Locken –

    Göttern läßt er seine Throne,

    Niedert sich zum Erdensohne,

    Seufzt arkadisch durch den Hain,

    Zahme Donner untern Füßen,

    Schläft, gewiegt von Ledas Küssen,

    Schläft der Riesentöter ein.

     

    Majestätische Sonnenrosse

    Durch des Lichtes weitren Raum,

    Leitet Föbos gold´ner Zaum,

    Völker stürzt sein rasselndes Geschosse;

    Seine weißen Sonnenrosse,

    Seine rasselnden Geschosse

    Unter Lieb´ und Harmonie

    Ha! Wie gern vergaß er sie!

     

    Vor der Gattin des Chroniden

    Beugen sich die Uraniden,

    Stolz vor ihrem Wagenthrone

    Brüstet sich das Pfauenpaar,

    Mit der gold´nen Herrscherkrone

    Schmückt sie ihr ambrosisch Haar.

     

    Schöne Fürstin! Ach die Liebe

    Zittert mit dem süßen Triebe

    Deiner Majestät zu nah´n.

    Und von ihren stolzen Höhen

    Muß die Götterkönigin

    Um des Reizes Gürtel flehen,

    Bei der Herzenfeßlerin.

    *

    Selig durch die Liebe

    Götter – durch die Liebe

    Menschen Göttern gleich.

    Liebe macht den Himmel

    Himmlischer – die Erde

    Zu dem Himmelreich.

    *

    Liebe sonnt das Reich der Nacht,

    Amors süßer Zaubermacht

    Ist der Orkus untertänig,

    Freundlich blickt der schwarze König,

    Wenn ihm Ceres Tochter lacht,

    Liebe sonnt das Reich der Nacht.

     

    Himmlisch in die Hölle klangen

    Und den wilden Hüter zwangen

    Deine Lieder, Thrazier –

    Minos, Tränen im Gesichte,

    Milderte die Qualgerichte,

    Zärtlich um Megärens Wangen

    Küßten sich die wilden Schlangen,

    Keine Geißel klatschte mehr,

    Aufgejagt von Orpheus Leier

    Flog von Tityon der Geier,

    Leiser hin am Ufer rauschten

    Lethe und Kozytus, lauschten

    Lauschten deinen Liedern Thrazier,

    Liebe sangst du Thrazier.

    *

    Selig durch die Liebe

    Götter – durch die Liebe

    Menschen Göttern gleich.

    Liebe macht den Himmel

    Himmlischer – die Erde

    Zu dem Himmelreich.

    *

    Durch die ewige Natur

    Düftet ihre Blumenspur,

    Weht ihr gold´ner Flügel.

    Winkte mir vom Mondenlicht

    Afroditens Auge nicht,

    Nicht vom Sonnenhügel,

    Lächelte vom Sternenmeer

    Nicht die Göttin zu mir her,

    Stern, und Sonn und Mondenlicht

    Regten mir die Seele nicht,

    Liebe Liebe lächelt nur

    Aus dem Auge der Natur

    Wie aus einem Spiegel!

     

    Liebe rauscht der Silberbach,

    Liebe lehrt ihn sanfter wallen,

    Seele haucht sie in das Ach

    Klagenreicher Nachtigallen –

    Liebe Liebe lispelt nur

    Auf der Laute der Natur.

     

    Weisheit mit dem Sonnenblick,

    Große Göttin tritt zurück,

    Weiche vor der Liebe.

    Nie Erobrern, Fürsten nie

    Beugtest du ein Sklavenknie,

    Beug´ es itzt der Liebe.

     

    Wer die steile Sternenbahn

    Ging dir heldenkühn voran

    Zu der Gottheit Sitze?

    Wer zerriß das Heiligtum,

    Zeigte dir Elisium

    Durch des Grabes Ritze?

    Lockte sie uns nicht hinein,

    Möchten wir unsterblich sein?

    Suchten auch die Geister

    Ohne sie den Meister?

    Liebe Liebe leitet nur

    Zu dem Vater der Natur,

    Liebe nur die Geister.

     

    Selig durch die Liebe

    Götter – durch die Liebe

    Menschen Göttern gleich.

    Liebe macht den Himmel

    Himmlischer – die Erde

    Zu dem Himmelreich.

     

    (Wenn Menschen mehr lieben würden, gäbe es auch keinen Faschismus.)

  • heike
    Antworten
    Der Dalai Lama setzt die Messlatte für uns heutige Menschen im Übrigen nicht ganz so hoch an. Er findet, es ist schon ausreichend, sich in Mitgefühl und Gewaltlosigkeit zu üben.

    Und wenn sich das jeder Mensch auf dieser Erde zur Aufgabe machen würde, dann würde die Menschheit zu einer Menschheitsfamilie zusammenwachsen und es gäbe auch keine Unterdrückung mehr.

    Aber es gebe eine sich selbst auferlegte Einschränkung hinsichtlich des Verbrauchs an Ressourcen materieller Art und auch menschlichen Potentiales.

    Und für mich ist das keine Utopie, sondern der einzige Weg, der zu einer Gesellschaft führt, in der jeder nach seinen Fähigkeiten und Anlagen zum Wohle seiner Mitmenschen tätig sein kann – was manche auch Kommunismus nennen, wenn damit einhergeht, dass Geld zur Bezahlung und zum „Anreiz“ zum Arbeiten nicht mehr benötigt wird – aber das ist noch ein langer Weg, und ob die Menschheit diesen überhaupt schafft, steht noch in den Sternen, vielleicht in tausend Jahren, aber nur, wenn jetzt sehr Viele damit beginnen würden.

    Trotzdem, ist das der richtige Weg, denn eine gewaltsame „Klassenüberwindung“ wird es nicht geben, da sich die durch Gewalt an die Macht Gebrachten wiederum durch Gewalt vor den von ihnen Regierten schützen müssten.

    Es geht nur durch Einsicht und die persönliche Entwicklung eines jeden Menschen, ausgehend von dem Ausgangszustand, in dem er sich gerade befindet.

     

  • ak
    Antworten
    Danke für diesen inpirierenden Text.

    Einen Gedanken möchte ich gerne noch anfügen. War es nicht so dass ziemlich zu Beginn des deutschen Faschismus, der Begriff „Volksgesundheit“ eine sehr große Rolle spielte. T4 – unter Beteiligung der Mediziner und der Wissenschaft. Und man unterschied zwische unwertem und schäflichen Existenzen, und eine Bedrohung ausmalte, die nur mit der Separierung und Verhinderung der Fortpflanzung abgewendet werden könne. Wenn ich es richtig im Kopf habe wurden 800 Tsd. Zwangssterilisationen durchgeführt. Hebammen wurden angewiesen „Missbildungen“ zu melden, „Schwachsinnigen“ und „Asozialen“ das Recht auf Leben abgesprochen. Zeitgleich wurde der Patriotismus und die Überhöhung des Deutschen als Trost geboten.

    Mag sich jeder seine Gedanken in Bezug auf die heutigen Narrative machen. Ich behalte meine heute mal für mich.

    An dieser Stelle ein Zitat:

    „Für die Deutschen aber war der „Frieden mit den Nazis“, und darauf lief die Entwicklung letztlich hinaus, intern, und nichts als intern. Das war die eigene Sache! Und dabei hat es nie wirklich und ernsthaft zur Debatte gestanden. Gerechtigkeit zu finden und Sühne zu üben. Zur Debatte gestanden haben immer nur die Mittel und Wege, mit deren Hilfe die direkten und indirekten, die moralischen und die strafrechtlichen Tätergruppen davonkommen konnten. Dazu gehörten Verantwortungsabstinenz und das rückhaltlose Bekenntnis zu ihr; blanke Lügen, gegenüber sich selbst und den Nachkommen, und blanke Furcht vor Vergeltung- wenngleich Letztere nur über eine kurze, aber ungeheuer einrägsame Strecke. Im Spiele sind dort, wo NS-Gesinnung endlich überwunden wurde, blockierende Scham, oft ein ganzes Leben lang; wo NS-Gesinnung verblieb, ein Gemisch aus Trotz und Wut, das jede Bereitschaft ausschloss, Haftung zu übernehmen. Fast einer ganzen Nation gemeinsam aber war, nach außen ein anderes Ich als das gestrige vorzuweisen, ohne doch das alte Ego im Innern gründlich verbergen zu können. Darum die Maske.“

    Ralph Giordano,  Die Zweite Schuld. Neuausgabe K&W 2000 S. 216

    • Ulrike Spurgat
      Antworten
      Viele weitere Kapitel über das Grauen und die Entmenschlichung dieses dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte müssen wieder und wieder geschrieben werden.

      Was du völlig zu Recht in deinem Text ansprichst, liebe a.k. ist von solch außerordentlicher Wichtigkeit, dass nur ein neuer Artikel dem so einigermaßen gerecht werden könnte, obwohl ich nach schaue, ob ich etwas finde, mit dem du was anfangen kannst.

      Es wird aber ein bisschen dauern.

      Leider ist von der Literatur, die ich habe, nur noch wenig heute zu bekommen, denn nach 1989 gabe es eine Bücherentsorgung, die ich mit der Bücherverbrennung vergleiche. Vieles an Literatur über diese Zeit habe ich aus der DDR und der Sowjetunion erwerben können. Dieses ist von unschätzbarem Wert, und ich teile dieses Wissen sehr gerne.

       

       

    • Ulrike Spurgat
      Antworten
      …das Programm spinnt mal wieder.

      Wollte sagen, dass ich nachsehen werde, ob ich etwas zum Thema, dass du ansprichst finde. Informtion dazu gibt es dann.

    • heike
      Antworten

      „Für die Deutschen aber war der „Frieden mit den Nazis“, und darauf lief die Entwicklung letztlich hinaus, intern, und nichts als intern. Das war die eigene Sache! Und dabei hat es nie wirklich und ernsthaft zur Debatte gestanden. Gerechtigkeit zu finden und Sühne zu üben. Zur Debatte gestanden haben immer nur die Mittel und Wege, mit deren Hilfe die direkten und indirekten, die moralischen und die strafrechtlichen Tätergruppen davonkommen konnten.

      Ich glaube, dass das der Weg sein wird, auf dem die Menschheit zu Frieden finden wird. Vergebung und nicht Vergeltung. Auch wenn das kein Freibrief sein soll für Mörder und Menschen, die in voller Absicht und Bösartigkeit anderen Schaden zufügen.

      Es gibt ja diese Weisheit, dass Gutes Gutes hervorbringt und Schlechtes Leid. Wenn man damit aufhören kann, anderen Menschen Schlechtes anzutun, dann wird irgendwann alles Schlechte aus den Menschen verschwunden sein.

       

       

      • ak
        Antworten
        eben nicht liebe Heike, eben nicht, denn die Maske ist eine der Verlogenheit und des Nichteingestehens. Du hast es nicht verstanden. Schade.
  • heike
    Antworten
    Ok, ak, 🙂 ich habe es schon verstanden, wohl nur den dritten Schritt vor den zweiten beschrieben, der, da habt ihr völlig recht, nicht unter den Tisch fallen darf:

    also nach dem Begehen des Verbrechens: 1. Schuld eingestehen, 2. Strafe dafür erhalten und verbüßen, und dann, 3. Vergebung ….

    In der DDR, in der ich geboren und aufgewachsen bin (Jg. 72), gab es keine Nazi-Lehrer und keineNazi-Richter, weil in unserem damaligen Staat Nazis direkt nach dem Krieg verurteilt wurden sind und danach auch keine Führungspositionen mehr besetzen konnten. Die DDR hat den Schritt, um den die Linken in Westdeutschland über viele Jahre lang kämpfen mussten, innerhalb kurzer Zeit vollzogen, weshalb das im Bewusstsein der DDRler quasi als eine Selbstverständlichkeit erscheint. Die es aber nicht war, wie das Gespräch (danke für deinen Einwurf), zeigt.

    Meine Generation hat sich mit dem Nationalsozialismus wirklich nur noch im Geschichtsunterricht auseinander gesetzt. Es gab da kein unterschwelliges Gefühl, dass wir die Töchter und Söhne von Verbrechern sind, im Gegenteil. Und das hatten wir letztendlich der rigerosen Abrechnung mit dieser Zeit durch unsere Eltern und Großeltern zu verdanken – aber ganz verschwunden ist dieses Gedankengut trotz allem nicht aus den Köpfen der Menschen, oder konnte doch zumindest bei einigen sehr rasch wieder belebt werden, wie es schon kurz nach der „Wende“ 1989 sichtbar wurde – leider. Warum auch immer das so ist. Ich kann das nicht nachvollziehen.

    Ja, man sollte Täter, wenn man ihrer habhaft wird, nicht ungeschoren davon kommen lassen, wie es leider mit Großverbrechern gegen die Menschlichkeit, die auch in unserer Zeit noch ganze Kriege anzetteln und massenhaft Menschenleben auf dem Gewissen haben, immer noch geschieht. Ich stimme dir zu, das wurde aus meinem Kommentar nicht deutlich.

    Ich finde es auch immer noch grauenhaft, wie die Folterknechte des Pinochet-Regimes ohne Folgen für ihre Grausamkeiten unbehelligt weiter leben konnten, während ihre Opfer ein Leben lang mit den Verstümmelungen leben mussten (oder gleich ganz tot waren).

    Westdeutschland wollte nach dem 2. Weltkrieg ohne Schuldeingeständnis unter der Obhut Amerikas einfach weitermachen als relativ große Macht in Europa und der Welt.

    Die DDR hat sich von  den Verbrechern, die Faschismus und Krieg zu verantworten hatten, losgesagt und  – „unter der Obhut“ ist hier wahrscheinlich die falsche Redewendung – eher relativ gleichberechtigt an der Seite der Sowjetunion einen Staat aufgebaut, in dem Faschisten nichts zu suchen hatten.

    Ich finde, dass war eine große Leistung. Und hart erkämpft und erlitten von Tausenden, die dafür ihr Leben geben mussten und es gaben, weil sie es leid waren als Sklaven ihrer Herren zu schuften. Das ist, glaube ich, nur noch sehr wenigen Menschen im Bewusstsein.

     

  • heike
    Antworten
    Und es sollte so etwas wie ein persönliches Schuldgefühl bei den Tätern entstehen, ein Gefühl für das Unrecht, dass sie anderen angetan haben, auch die Umstände bedacht, die zu den Taten führten. Es sollten den Tätern ihre ideologischen Verblendungen bewusst werden können, damit sie im eigenen Innern so etwas wie „die Wahrheit“ finden können, den guten Kern des Menschen, den es bei jedem Menschen gibt. Solche schlimmen Taten können nur aus Hass begangen werden – und wie entstand dieser Hass? Was nährte ihn? Damit die Täter nicht mit einer Maske leben müssen, müssen sie sich selbst neu ordnen können – und das wiederum ist nur in einer Atmosphäre der Versöhnung möglich.

    Das Unrecht muss erkannt werden, damit es benannt, dann verarbeitet und überwunden werden kann.

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