Die bagatellisierte Revolte

 In FEATURED, Politik (Inland)

Gipfelpunkt der „68er-Aufarbeitung“ 2007: der Film „Das wilde Leben“

Von Christian Klar bis Uschi Obermaier – In Film und Fernsehen leben Erinnerungen an die 68er-Bewegung wieder auf. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den politischen Motiven der Protagonisten wird dagegen tunlichst vermieden. Kein Wunder: Die Parallelen zwischen damals und heute sind so offensichtlich, dass die unter der jüngsten politischen Entwicklung stöhnenden Bürger auf dumme Gedanken kommen könnten. Anmerkung der Redaktion: dieser Artikel wurde ursprünglich für den 40. Jahretag des Jahres 1968 verfasst. Grundsätzlich sind die dort angestellten Betrachtungen aber heute noch gültig. In den Zeiten der „konservativen Revolution“ eines Alexander Dobrinth geht es von Seiten der Etabierten immer noch vor allem darum, die 68er-Bewegung zu bagatellisieren oder auf ihre (realtiv wenigen) Gewaltausbrüche zu reduzieren, um einer gefürchteten neuen Revolte vorzubeugen. (Roland Rottenfußer)

Die USA führen einen von vielen als ungerecht empfundenen Krieg, der Tausenden das Leben kostet – unterstützt von devoten Solidaritätsadressen der deutschen Regierung. In Deutschland selbst regiert eine große Koalition – eine wirkliche Opposition findet nicht mehr statt. In Südamerika kommt es zu dramatischen politischen Umbrüchen. Die Ausbeutung der so genannten Dritten Welt durch die reichen Länder des Nordens führt zu Hunger, Unterernährung und vermeidbarem sozialem Elend. An den Universitäten werden die Studenten mit vorgefertigten Denkergebnissen gemäß den Erfordernissen der Wirtschaft zurechtgebogen. In der Bevölkerung herrscht noch immer eine Grundstimmung dumpfer Lethargie und devoter Obrigkeitshörigkeit. Dass vieles faul ist in der Republik, scheint die meisten Bürger nicht zu stören, ja sie scheinen es nicht einmal zu bemerken. Nur innerhalb einer kleinen Avantgarde besonders sensibler und kritischer Zeitgenossen beginnt es zu rumoren …

In welchem Jahr befinden wir uns? Nein, nicht 2018. Gehen Sie im Gedanken 51 Jahre zurück. 1967 regierte unter Kiesinger und Brandt eine große Koalition, die USA waren in einen mörderischen Krieg in Vietnam verwickelt. Auch sonst war einiges ähnlich wie heute. Noch Anfang 1967 hatte kaum jemand geahnt, dass ein „Schwellenjahr“ nahe bevorstand, das noch Jahrzehnte später als Legende gelten und einer ganzen Generation ihren Namen geben sollte: 1968.

Tatsächlich war schon in den Jubiläumsjahren 2007/2008 einiges an „Aufarbeitung“ geboten. Der Film „Das wilde Leben“ hat die Biografie des „68er-Sexsymbols“ Uschi Obermaier zum Thema, die keine Geringeren als Rainer Langhans, Mick Jagger und Keith Richards beglückt haben soll. In einem bunten Bilderbogen wird Hippie-Atmosphäre auf die Leinwand gezaubert: Kommunen-Mief, freie Liebe, Drogen, Groupie-Leben und Indientrip. Die echte Uschi Obermaier zeigte sich denn auch vom fertigen Film sehr angetan: „Dieses Feeling der Sixties und Seventies kommt toll rüber, und auch die Message ‚Glaub an deine Träume’, die für mich so wichtig ist“, sagte sie in einem Interview für „Cinema“. Leider wird mit Uschis Schicksal ein Randaspekt der 68er-Bewegung zur Hauptsache hochstilisiert, und „Glaub an deine Träume“ ist eine Weisheit, die man auch in spirituell verbrämten Geldvermehrungs-Ratgebern finden kann.

Langhans denkt zu kurz

Mit-Kommunarde und Ex-Lover Rainer Langhans gab indes im Szene-Magazin „connection“ zum Besten: „Die richtige Revolution ist nicht, das Äußere zu verändern, sondern das Innere ins rechte Lot zu bringen. Wenn das Innere in einem nicht so guten Zustand ist, manifestiert sich das immer auch im Äußeren.“ Zur Unterschichtendebatte sagte Langhans: „Die Leute sind ja nicht wirklich arm. (…) Diese Leute sind geistig nicht genug entwickelt, deswegen können sie mit dem Materiellen nicht gut umgehen.“ Und über das Verhältnis zwischen Politik und Privatleben: „Politik ist eigentlich am wichtigsten dort, wo sie im Unbewussten wirkt, also im Unterleib.“ Man kann Rainer Langhans nicht vorwerfen, zu angepasst zu sein. Unbeirrbar langhaarig und dem Vernehmen nach in „lockerer Wohngemeinschaft“ mit vier Frauen lebend, ist er sich in gewisser Weise treu geblieben.

Es wäre auch unsinnig, in ihm den Vertreter der 68er-Generation zu sehen (er hat das selbst nie für sich beansprucht). Doch eine bestimmte Strömung innerhalb der Bewegung kann man an ihm recht gut studieren: den Weg vieler ehemaliger Polit-Aktivisten in die Spiritualität. Diese Wendung nach innen hat natürlich eine Kehrseite: An die Stelle der gesellschaftspolitische Analyse treten nun oft Mentaltrainingsfloskeln wie „Die Veränderung beginnt in dir“. Leider beginnt die Veränderung bei den meisten spirituell Erwachten nicht nur im Privaten, sie endet auch dort. Wenn die Verantwortung für das eigene ökonomische Situation überwiegend dem „Bewusstsein“ des Einzelnen aufgebürdet wird, liegt dies ganz in der Logik des neoliberalen Phrasenrepertoires. Insofern dürfte „das Establishment“ über die neuerlichen philosophischen Versuche des ehemaligen Pudding-Attentäters keineswegs schockiert sein, es darf sich vielmehr über Schützenhilfe von unerwarteter Seite freuen.

Street Fighters auf Werbefeldzug

Noch mehr zur Farce geworden ist die rebellische Attitüde der im Film gezeigten Altrocker Jagger und Richards. Die Rolling Stones hatten sich seit den 80er-Jahren als Pioniere der gesponserten Tournee hervorgetan und die Zusammenarbeit mit großen Markenfirmen zum Zwecke gegenseitiger Bereicherung auf groteske Weise vorangetrieben. Sie ließen zu, dass man sich ihrer rebellischen Attitüde bediente, um Firmen wie Jovan, Tommy Hilfinger und VW ein „cooles“ Image zu verleihen. „Die Band als Markenerweiterung“, spottete die Globalisierungskritikerin Naomi Klein.

Die Legende besagt, dass sexy Mick am 17. März 1968 an einer Anti-Vietnam-Demonstration in London teilgenommen und, bewegt von dem Erlebnis, daraufhin den Hit „Street Fighting Man“ geschrieben habe. Aus dem „Straßenkampf“ ist für die Stones inzwischen eine unübertreffbar zynische Kalkulation mit dem gestiegenen Marktwert von Nonkonformität geworden. Neben dem Bild Che Guevaras auf T-Shirts und Tassen ist die Stones-Zunge zur meistverbreiteten Ikone folgenlosen Revoluzzertums geworden. Serge Halimi bemerkte in diesem Zusammenhang: „Es kommt auch vor, dass ebenso, wie die Werbefachleute die Themen des Protests oder der Rebellion zu kommerziellen Zwecken wiederverwerten, ehemalige Rebellen ihr (…) Profil nutzen, um in die neuen Kleider der Herrschaft zu schlüpfen. (…) Der Marktteilnehmer verkauft Rebellion, der Rebell lobt den Markt.“

Joschkas Vorher-Nachher-Show

Der Prototypen des staatstragend gewordenen Ex-Rebellen ist mit Sicherheit Joschka Fischer. Schon mit seinem Turnschuhauftritt 1985 bei der Vereidigung zum hessischen Umweltminister hat er das Bürgerschreck-Image seiner Generation auf eine sehr äußerliche Ebene der Provokation abgesenkt und zudem ein peinliches Signal der Ignoranz gegenüber jüngsten ökonomischen Entwicklungen gegeben. Seine Schuhmarke Nike wurde wenig später zum Synonym für unmenschliche und ausbeuterische Arbeitsbedingungen in asiatischen „Sweatshops“ (Produktionskasernen für Billigarbeiter). Wenn man es schon mit Symbolen hat, dann zeigt sich die Bekehrung vieler früherer Jünger Che Guevaras und Ho Chi Minhs zur Marktwirtschaft an diesen Turnschuhen recht gut.

Wie viele seiner Altersgenossen deutete Fischer seine Biografie zu einem Entwicklungsroman um, der ihn „durch Nacht zum Licht“ neoliberaler und bellizistischer Angepasstheit führte. Joschka Fischer hat wesentlich zu dem öffentlichen Eindruck beigetragen, die 68er-Bewegung sei – und zwar gerade wegen gewisser Teilerfolge – heute abgehakt und bereit für die Mottenkiste der Geschichte, abgeheftet irgendwo zwischen Peter Kraus und der Fußball-Weltmeisterschaft 1974. So lobte Fischer die große Revolte der Jahre 67 und 68 quasi aus der Geschichte heraus. In eine Art medialer „Vorher-Nachher-Show“ profilierte er sich als gereifter, zur Vernunft gekommener Staatsmann auf Kosten des „dummen Jungen“, der er damals war. Nach den Enthüllungen von Ulrike Meinhofs Tochter Brigitte Röhl, die ihn auf alten Fotos als „Street Fighting Man“ und Steinewerfer entlarvt hatte, konnte Fischer seine finstere Vergangenheit zwar nicht mehr leugnen, er nutzte die Passvorlage aber geschickt für eine „Ich war jung und musste mir die Hörner abstoßen“-Legende.

Die 68er treten von der Bühne ab

Mit ihrem erstaunlich bereitwilligen Abtritt von der politischen Bühne 2005 brachten Fischer und Schröder den berühmten „Marsch“ der 68er „durch die Institutionen“ quasi offiziell zum Abschluss. Das Experiment „68er an der Macht“ war beendet. Und zwar – zur Erleichterung der Spießer jeglicher Couleur – ohne dass die befürchteten Krankheitssymptome Idealismus, Authentizität und fundamentale Gesellschaftskritik jemals ernsthaft zum Ausbruch gekommen wären. Schröder und Fischer verkörperten die Impulse der 68er nicht nur in entschärfter, für die ökonomistischen „Grundwerte“ des Staates unschädlicher Form, sie haben diese Impulse teilweise durch wortgewaltige Umdeutung bis zur Unkenntlichkeit pervertiert. „Krieg ist die realpolitische pazifistische Konsequenz“, hatte Fischer angesichts des Kosovo-Konflikts gesagt. Ebenso waren Polit-Machismo und Männerklüngel für das rot-grüne Führungsduo offenbar die realpolitische feministische Konsequenz, verschärfter marktradikaler Kapitalismus die realpolitische soziale Konsequenz.

„Wer mit 20 kein Idealist ist, hat kein Herz; wer mit 40 immer noch Idealist ist, keinen Verstand“, lautet ein wohlfeiles Sprichwort. Fischer, Cohn-Bendit und die anderen 68er versuchen den Eindruck zu erwecken, dass ihre Umfaller-Biografien quasi einer Naturnotwendigkeit entsprechen, einem Lebensgesetz, das jeder Alterstufe zwangsläufig die ihr angemessenen Verhaltensmuster aufprägt: Für die Jugend ziemt sich unreifes rebellisches Gehabe, für das Alter abgeklärte Anerkennung dessen, was ist. Dabei beweisen die Biografien großer Schriftsteller wie Norman Mailer oder Noam Chomsky, die schon ’68 dabei waren und heute ebenso profilierte wie bissige Bush-Kritiker sind, dass man auch altern kann, ohne brav die Milch der frommen (neoliberalen) Denkungsart zu schlürfen. Führende deutsche Wissenschaftler wie Hans-Peter Dürr und Künstler wie Reinhard Mey sind „mit dem Alter“ in ihrer Gesellschaftskritik sogar schärfer geworden.

„Waren andere Zeiten damals“

„Waren andere Zeiten damals. Wir hatten alle noch Ideale“. So karikierte Konstantin Wecker den Dialog zweier zahm gewordener Alt-68er in einem Bühnensketch. „Wir wollten die Welt verändern“, sagt der eine. „Und jetzt hat die Welt dich verändert“, erwidert der andere. Der Alt-Hippie mit ergrauter John-Lennon-Frisur ist in einer alles ironisierenden Postmoderne zum Stereotyp geworden, für manche zur Witzfigur. Ebenso wie der von revolutionären Zeiten schwärmende, über die unpolitische Jugend lamentierende APO-Opa. Dabei hat keine nachfolgende Altersgruppe – weder die 50-jährigen, noch die 40-jährigen, geschweige denn die 30-jährigen – wieder einen solch ausgeprägten, sperrigen und leuchtkräftigen Typus hervorgebracht.
Die Zeit der Restauration, der allmählichen Selbstauflösung der 68er-Bewegung muss für die Beteiligten traumatisch gewesen sein.

Wecker hat der Zeitstimmung Mitte der 70er-Jahre in seinem Lied „Frieden im Land“ beredten Ausdruck verliehen: „Die Schüler schleimen wieder um die Wetter. Die Denker lassen Drachen steigen. Utopia onaniert im Seidenbette. Die Zeiten stinken und die Dichter schweigen.“ Allerdings schwiegen und schweigen nicht alle. Wenn in den Medien gern gewisse systemkonform vernünftelnde Ex-68er vorgeführt werden, wird damit auch der Eindruck erweckt, es gäbe gar keine Angehörigen dieser Generation mehr, die ihren alten Idealen treu geblieben sind. Das trifft nicht zu, ich kenne außer Wecker noch andere 60-jährige, die in höchstem Maße „echt“ geblieben sind, ihre Namen haben nur keinen so prominenten Klang.

Port Huron – die Initialzündung

Es hat schon seinen Grund, warum man uns in den Medien eine fundierte Auseinandersetzung mit der 68er-Bewegung, ihren Widerstandsformen und ihren politischen Motiven im Moment nicht gerade aufdrängt. Schon ein relativ flüchtiger Blick in die Geschichte der 60er-Jahre vermittelt den Eindruck einer aufregenden, bis zum Bersten mit schöpferischer Spannung erfüllten Zeitepoche, die – vor allem, was ihre Missstände betrifft – viele Parallelen mit der unseren aufweisen.

Als Initialzündung der internationalen Studentenrevolte wird die Erklärung von Port Huron angesehen, die 1962 von Studenten der SDS (Students für a Democratic Society) unter der Federführung des damals nur 23-jährigen Studenten Tom Hayden verfasst wurde. „Wir sind Menschen dieser Generation, aufgewachsen in Universitäten, erfüllt vom Unbehagen an der Welt, die einmal unsere sein wird.“ Das Papier richtet sich weiter gegen die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in den USA, gegen die Atomrüstung, den weltweit Zerstörung schürenden militärisch-industriellen Komplex, die neue Armut (so hieß es schon damals) und die Unterernährung von zwei Dritteln der Menschheit. Der Aufruf endet mit den Worten: „Wenn es scheint, dass wir, wie vielfach gesagt worden ist, das Unerreichbare suchen, dann erklärt, dass wir dies tun, um das Unvorstellbare zu verhindern.“

Blumen, Brüste, brennende Bescheide

Fünf Jahre später, am 21. Oktober 1967 kommt es zu einem spektakulären „Marsch auf Washington“, der in einer symbolischen Besetzung des Pentagon durch Gegner des Vietnamkriegs gipfelt. Unter den mindestens 75.000 Demonstranten waren zwei junge Männer namens Norman Mailer und Noam Chomsky. Die wichtigsten Ereignisse, hier in den Worten der Historikerin Ingrid Gilcher-Holtey wiedergegeben: „Es gelingt einem selbsternannten ‚revolutionären Kontingent’ von SDS-Mitgliedern, die Absperrgitter zu überwinden und durch einen Seiteneingang in das Pentagon einzudringen. Die amerikanische Flagge wird vom Fahnenmast gezogen. Zwischen Polizisten und Soldaten, die das Pentagon bewachen, sowie den Demonstranten, die der Vorhut gleich in das Bollwerk einzudringen suchen, bewegen sich Hippies, die mit den Worten „Kommt zu uns“ den Soldaten Blumen in die Gewehrläufe stecken und sie mit bloßen Busen oder einem öffentlichen Liebesakt zu provozieren versuchen.“

Die Eindringlinge im Pentagon wurden verhaftet, die Aktion setzte sich aber mit einer eindrucksvollen Nachtwache vor dem US-Verteidigungsministerium fort: „Ein paar tausend blieben. Friedenspfeifen herumreichend, die mit Haschisch gefüllt sind, durchwachten sie die Nacht. Lagerfeuer werden unter Verwendung der Holzbarren entfacht, die das Gelände vor dem Pentagon absperren sollten. (…) Unter denen, die ausharren, befinden sich aber auch viele, die einen Musterungsbescheid in der Tasche tragen. Mit fortschreitender Dunkelheit werden diese Bescheide angezündet. Sie verbrennen in Sekundenschnelle, sind aber als kleine helle Fackeln weit sichtbar in der Nacht.“ Diese Beschreibungen vermitteln das Bild einer Zeitstimmung, deren Kühnheit, Ereignisdichte und gleichsam vibrierend Intensität uns heute wie eine Botschaft von einem fernen Planeten vorkommt. Eine heruntergeholte amerikanische Flagge, verbrannte Einberufungsbescheide, Sex und Blumen im Angesicht einer Front hoch gerüsteter Sicherheitskräfte – das erscheint heute mehr als kühn.

Christians Klar-Sicht

Im Jubiläumsjahr 2007 erfährt man leider wenig von der 1967 in ihre heiße Phase eintretende Studenten-Revolte. Dafür umso mehr von der Ereignissen 10 Jahre später, im berüchtigten „Deutschen Herbst“ 1977. Ein großer Aufreger ist in diesen Tagen die geplante Freilassung der Ex-Terroristen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt. In Talkshows schlagen die Wellen hoch und man spricht von einem kollektiven Trauma, das die Bundesrepublik Deutschland möglicherweise noch nicht verarbeitet hat. Obwohl die Fernsehsendungen explizit den Tätern gewidmet sind, tritt immer irgendjemand auf, der sich beklagt, es werde zu wenig über die Opfer geredet. Das ist eine verständlicher Einwand, aber noch auffälliger ist für mich, dass über ein Thema in all diesen Sendungen mit Sicherheit nicht gesprochen wird: über die Motive der damaligen Täter. Da wird der Eindruck einer merkwürdig unmotivierten, historisch quasi im luftleeren Raum schwebenden Lust am Töten erweckt.

In einer Grußbotschaft aus dem Gefängnis hatte Christian Klar noch im Januar 2007 geschrieben: „Aber wie sieht das in Europa aus? Von hier aus rollt weiter dieses imperiale Bündnis, das sich ermächtigt, jedes Land der Erde, das sich seiner Zurichtung für die aktuelle Neuverteilung der Profite widersetzt, aus dem Himmel herab zu züchtigen und seine ganze gesellschaftliche Daseinsform in einen Trümmerhaufen zu verwandeln. Die propagandistische Vorarbeit leisten dabei Regierungen und große professionelle PR-Agenturen, die Ideologien verbreiten, mit denen alles verherrlicht wird, was den Menschen darauf reduziert, benutzt zu werden.“ Man kann sich darüber streiten, ob Klar in der Rolle des Moralisten glaubwürdig ist. Aber ich finde es eher wohltuend, dass uns Klar das peinliche Schauspiel eines zur Weltanschauung Guido Westerwelles konvertierten Wendehalses erspart. Und: Nicht alles, was von der „falschen“ Person ausgesprochen wird, muss deshalb notwendigerweise falsch sein.

Bedenklich ist lediglich, dass Klar aufgrund dieser Meinungsäußerung eine Hafterleichterung verweigert wurde und dass Bayerns Innenminister Beckstein daraufhin im Widerspruch zu rechtsstaatlichen Gepflogenheiten lebenslange Haft gefordert hat. Bedenklich ist außerdem, dass etablierte Politiker sogleich versuchten, eine Gedankenverbindung zwischen Klar und Positionen der Linkspartei herzustellen, um jede Kapitalismuskritik in die Nähe von Mord und Totschlag zu rücken. Dasselbe Schicksal wie heute der Linkspartei ist auch der 68er-Bewegung widerfahren. Sie wird gern als etwas interpretiert, was dem Terrorismus der 70er-Jahre in ähnlicher Weise vorausgegangen ist wie Hitlers Marsch auf die Feldherrenhalle den Gaskammern.

So schreibt Stefan Aust in seinem Sachbuch-Klassiker „Der Baader-Meinhof-Komplex“: „Jener blutige ‚Deutsche Herbst’ markiert den Gipfelpunkt eines Weges in die Gewalt, der mit zunächst friedlichen Protesten gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam begonnen hatte.“ Die Methode, mit der die Berliner Studentenbewegung von 1967 und 1968 hier diffamiert wird, ist sehr subtil. Wo nichts nachzuweisen ist, soll beim Leser wenigstens eine unklare gedankliche Verknüpfung hängen bleiben. Ist jemandem, der Eier auf eine amerikanische Botschaft wirft, nicht auch die Entführung einer Passagiermaschine zuzutrauen?

Gewaltlosigkeit bedeutet nicht Lethargie

Was sollte für uns Nachgeborene eigentlich die Konsequenz aus den entsetzlichen Vorfällen von 1977 – etwa der Erniedrigung und Ermordung von Hanns-Martin Schleyer – sein? Etwa völlige politische Lethargie? Oder sollten wir uns alle dienstbeflissen zu Schleyers grundfalschem Diktum bekehren, „Kapital“ müsse „bedient werden“? Ich meine, die einzig sinnvolle Konsequenz sollte sein, dass wir uns zu einer Gewaltlosigkeit bekennen, die, wie Martin Luther King sagte, „nicht sterile Passivität bedeutet, sondern eine machtvolle moralische Kraft darstellt, die zu gesellschaftlichen Veränderungen führt.“ Gandhi, Martin Luther King und die Aktionen gegen Shell, McDonald und Nike in den 90er-Jahren haben Standards in punkto gewaltfreiem Widerstand gesetzt, an die man anknüpfen könnte.

Selbstverständlich legen Staat und Wirtschaftsführer keinen gesteigerten Wert darauf, dass gewaltfreie Widerstandsformen einen größeren Bekanntheitsgrad erlangen, speziell, wenn es sich um erfolgreiche Widerstandsformen handelt. Schon eher darf Widerstand gezeigt werden, wenn er wie im Fall von Sophie Scholl mit der Patina einer längst abgehakten historischen Epoche überzogen ist. „Nun haben sie euch zur Legende gemacht, euch in Unwirklichkeiten versponnen. So ist uns, um den Vergleich gebracht, das schlechte Gewissen genommen“, hatte Konstantin Wecker über die Weiße Rose geschrieben. Und: „Wer aufrecht geht, ist in jedem System nur historisch hoch angesehen.“

Dutschkes unbequeme Fragen

Warum also die merkwürdig einseitige kleine 68er-Renaissance in unseren Medien? Die Botschaft ist klar: Wenn die 68er-Bewegung hauptsächlich aus Uschi (Obermaier) und Christian (Klar) besteht, wird sie einerseits bagatellisiert, andererseits in die Nähe des Terrors gerückt. Wobei man mit „Terror“ heutzutage ein Assoziationsfeld von Mogadischu bis zum 11. September 2001 abdeckt. Wie die Legende vom Zauberlehrling scheint der Weg „der“ 68er in den Terrorismus zu beweisen: Weckt niemals Kräfte, die ihr am Ende nicht mehr beherrschen könnt. Wir haben es ja schon immer gewusst: gemäßigt und angepasst währt am längsten.

Während Brigitte und Christian als Schreckgespenster ihre mediale Auferstehung feiern, glänzt Uschi mit Hippie-Romantik und sexueller Freizügigkeit. Die Szenen, die der Film aus der Kommune 1 zeigt, widerlegen dabei wie nebenbei die „Absurdität“ jeder über die bürgerliche Ehe hinausgehenden sexuellen Experimentierfreude. Rebellion erscheint im Uschi-Film als vollkommen unmotiviertes Gebaren einiger spät pubertierender Jünglinge. Man erfährt nichts darüber, worauf die publikumswirksam inszenierten Straßenproteste eigentlich abzielten.

Hätte man statt Uschi das Leben von Rudi Dutschke verfilmt, so wäre es unvermeidbar gewesen, gewisse Fragen zu stellen. Der Studentenführer, der 1979 an den Spätfolgen eines Attentats starb, hatte gesagt: „Wir in einer autoritären Gesellschaft aufgewachsenen Menschen haben nur eine Chance, unsere autoritäre Charakterstruktur aufzubrechen, wenn wir es lernen, uns in dieser Gesellschaft zu bewegen als Menschen, denen diese Gesellschaft gehört, denen sie nur verweigert wird durch die bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse.“ Das Zitat von Dutschke stellt die Machtfrage in der Demokratie: Wem gehört die Gesellschaft? Ist die Politik dafür da, den Menschen zu dienen, oder verhält es sich umgekehrt? Wie steht es heute mit dem Verfassungsgrundsatz, alle Gewalt gehe vom Volk aus? Und was geschieht, wenn die Regierenden den klar artikulierten Willen der Bevölkerungsmehrheit (etwa in Fragen der Gentechnik und der Teilnahme an US-Angriffskriegen) hartnäckig ignorieren, weil sie längst ganz anderen Herren dienen als dem Volk, auf dessen Wohl sie vereidigt sind?

Die Furcht vor der Freiheit

Im „heißen“ Mai 1968 stellte sich der große Jean-Paul Sartre im „Nouvel Observateur“ hinter die Rebellierenden von Paris, indem er sagte: „Das Interessante an eurer Aktion ist, dass sie ‚Die Phantasie an die Macht’ bringt. (…) Etwas ist aus euch hervorgegangen, was erstaunt, Unruhe schafft und alles ablehnt, was aus unserer Gesellschaft das gemacht hat, was sie heute ist. Das ist es, was ich als die Ausdehnung des Feldes des Möglichen bezeichnen würde. Verzichtet nicht darauf.“ Sartres Ansprechpartner war damals Daniel Cohn-Bendit. Man reibt sich die Augen und fragt sich, ob das wirklich derselbe Daniel Cohn-Bendit ist, der heute im Europaparlament eine neoliberale Politik abnickt und im Kosovo-Krieg den Einsatz deutscher Bodentruppen gefordert hatte. Ist heute Phantasie an der Macht oder eher Phantasielosigkeit? Hat sich das Feld des Möglichen ausgedehnt oder hat es sich nicht eher entsetzlich verengt?

Wenn wir begreifen würden, dass Rudi Dutschke, Tom Hayden und die anderen Aktivistinnen und Aktivisten von ’68 uns beunruhigend nahe sind, wie Brüder und Schwestern, nur durch einen Wimpernschlag historischer Zeit von uns getrennt, dann müssten wir uns vielleicht unbequeme Fragen stellen:

Warum waren die damals so mutig, und warum sind wir es heute nicht mehr? Gibt es in unserer Zeit etwa weniger, wogegen zu protestieren wäre?

Letztlich ist es die Botschaft aus Konstantin Weckers berühmter 68er-Hymne „Willy“, die uns Nachgeborene an dieser Zeit zugleich reizt und beunruhigt. Es ist auch diese Botschaft, von der Medien und Politiker durch selektive Inszenierung von 68-Versatzstücken gern vermeiden wollen, dass wir sie hören: „Freiheit, Wecker“, sagt der von Neonazis erschlagene Willy in diesem Lied, „das heißt sich vor nichts und niemand fürchten.“ Es ist unsere Furchtlosigkeit, die eine wirtschaftshörige Machtelite mit erodierender demokratischer Legitimation am meisten fürchtet.

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