Die Diktatur der Wenigen

 in FEATURED, Politik, Spiritualität, Wirtschaft

Vandana Shiva

Eine Lokalisierungsbewegung kann die Untergrabung der Demokratie durch die Ultrareichen beenden. Exklusivabdruck aus „Eine Erde für alle!“. Die Menschheit steht an einem Scheideweg ihrer Evolution. Entweder entscheiden wir uns dafür, uns auf dem vom einen Prozent in den letzten 500 Jahren vorgezeichneten Weg weiter auf unser Aussterben zuzubewegen, oder wir entscheiden uns dafür, als Mitglieder der Erdengemeinschaft die Samen der Zukunft zu säen. Wir tun es im Bewusstsein und in der Überzeugung, dass unser Aussterben nicht unvermeidlich ist, dass wir das Potenzial haben, einen anderen Weg zu gehen, der von unserem Engagement für eine friedliche Koevolution mit anderen Arten und Kulturen geprägt ist. Entweder werden wir Frieden mit der Erde schließen und unser zukünftiges Überleben sichern, indem wir uns bewusst werden, dass wir auf der Erde und Teil von ihr sind, oder wir stehen als Menschheit vor unserem Aussterben, wobei wir Millionen anderer Arten ebenfalls ausrotten. Entweder werden wir Frieden mit der Vielfalt schließen oder das von der Vielfalt gewebte gemeinsame Gefüge zerstören und damit die Bedingungen für unsere weitere Existenz zunichtemachen. Vandana Shiva

 

Wir können uns bewusst für den Weg des Einsseins entscheiden, indem wir unsere Verschiedenheit leben und feiern, die durch die Bande des Mitgefühls, der wechselseitigen Abhängigkeit und der Solidarität miteinander verbunden sind; oder wir können für kurze Zeit von dem 1 Prozent versklavt leben, indem wir die Ohnmacht und Ausgrenzung verinnerlichen, die es erzeugt. Dann haben wir Angst vor Veränderungen und klammern uns an eine illusorische Sicherheit.

Denn inzwischen wird unsere reale ökologische Sicherheit untergraben ebenso wie unsere reale soziale Sicherheit, die auf realen Beziehungen beruht; auf Beziehungsgeflechten, die durch eine Politik der Spaltung, des Hasses und der Angst zerstört werden. Es ist die Wahl zwischen „Freiheit durch Einssein“ oder „Sklaverei für das 1 Prozent“ ― zwischen „am Leben bleiben“ und „Ausrottung«.

Dass das Reale wieder Geltung bekommt, ist zu einer Voraussetzung für das weitere Überleben und die Entwicklung unserer Spezies geworden. In Illusionen zu leben, ist ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können. Wir müssen uns bewusst werden, dass die Regenerierung des Planeten und die Rückgewinnung der Menschlichkeit nicht zwei verschiedene Ziele sind, die auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden: Denn die Erde und die menschliche Gesellschaft sind in einem untrennbaren, lebendigen, farbenfrohen Gewebe des Lebens miteinander verwoben.

Sich von dem 1 Prozent und seinen Konstrukten zu befreien, ist nicht nur möglich, sondern notwendig. Es ist eine ökologische Notwendigkeit, weil uns die Weltanschauung der Trennung in Verbindung mit der Illusion einer grenzenlosen Ausbeutung der Natur an einen ökologischen Abgrund drängt. Es ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit, weil die Welt des 1 Prozents die 99 Prozent gefügig macht und unsere vielfältigen Schöpfungen, Potenziale und Möglichkeiten auslöscht.

Es ist eine demokratische Notwendigkeit, weil die Herrschaft des 1 Prozents eine gewalttätige Diktatur ist. Sie zerstört unsere Grundfreiheiten und die Freiheit aller Wesen, sich in einer miteinander verbundenen Welt, in einer Erdenfamilie zu entwickeln. Sie ist eine soziale Notwendigkeit, weil die Welt des 1 Prozents unser soziales Wesen, unsere Gemeinschaften und unser Gemeingut zerstört, indem sie alles privatisiert und das Gemeingut einhegt, indem sie uns auf Konsumenten reduziert und uns auf der Grundlage von Geschlecht, Rasse und Religion spaltet.

Es ist eine menschliche Notwendigkeit, weil die Teilhabe an einer Welt grenzenloser Gier, Gewalt und Macht und grenzenlosen Profits uns unserer Menschlichkeit beraubt. Sowohl die 1 Prozent-Herrscher als auch die 99 Prozent entbehrlicher Menschen verlieren ihre Menschlichkeit. Gier, Angst und Hass gehen Hand in Hand und verstärken sich gegenseitig.

Die vergangenen viereinhalb Jahrzehnte galt meine Arbeit der Erhaltung der Ressourcen der Erde. Auf meinem intellektuellen Weg überwand ich den mechanistischen Verstand. Mein Engagement galt der Schaffung lebendiger Volkswirtschaften auf der Grundlage von Gewaltlosigkeit und echter Schaffenskraft; galt echten Demokratien auf der Grundlage echter Freiheit und lebendigen Kulturen, die auf Liebe und Mitgefühl gründen.

Dabei habe ich mich immer an Indiens Kampf für die Befreiung vom British Empire orientiert und mich von den Lehren Gandhis inspirieren lassen. Sie ermutigten mich, in Zeiten der Hoffnungslosigkeit zu handeln; Räume zu öffnen, wenn alles aussichtslos schien; Mitgefühl und Solidarität zu kultivieren in Zeiten von Gier, Angst und Hass; unsere Macht zurückzufordern, wenn uns gesagt wird, dass Macht das Monopol derjenigen ist, die ihre (falsche) Macht allein vom Geld ableiten.

Auch wenn sich die Zeiten geändert haben, bleiben die Muster der Kolonialisierung gleich: Gewalt, Zerstörung der Freiheiten und Wirtschaft der Menschen, Übernahme von Dingen, die ihnen nicht gehören, Eintreiben ungerechter Abgaben, Schaffung von Konstrukten des Teilens und Herrschens.

Auch die Muster von Befreiung und Freiheit sind beständig, sie säumen den Weg zum Wiedererstehen des Realen.

Die Ketten der Unfreiheit sind heute global. Sie kontrollieren jede Dimension unseres Lebens durch ein gefestigtes System, das vom mechanistischen Verstand und der Geldmaschine entworfen wurde. Die Kontrolle wird durch die Konstruktion von Illusionen ausgeübt, durch Konvergenz und Konzentration, durch das Auferlegen von Gesetzen, die das freie Funktionieren der Geldmaschine ermöglichen, weil Alternativen, die auf wirklicher Freiheit beruhen, verboten sind.

Die drei Prinzipien Gandhis, die der Mahatma im Laufe der Geschichte seiner Kämpfe und für die Durchsetzung von Freiheitsrechten herauskristallisierte, waren meine Inspiration. Swaraj: Selbstorganisation, Selbstbestimmung, Freiheit als Autopoiesis; Swadeshi: Selbstversorgung und Schaffung lokaler Ökonomien; und Satyagraha: die Kraft der Wahrheit, des kreativen zivilen Ungehorsams.
Swaraj ― das Wiedererstehen der wirklichen Freiheit für alle Wesen

Weil wir keine isolierten, atomisierten Teilchen, sondern miteinander verbundene Wesen sind, ist Freiheit unteilbar. Sie beruht auf Beziehung und ist mit allem verbunden. Die menschliche Freiheit ist untrennbar mit der Freiheit der Erde und den Rechten aller ihrer Wesen verbunden. Der Mensch ist weniger frei, wenn er die Natur und ihre Rechte missachtet. Die menschliche Freiheit ist unteilbar, sie schließt die Freiheit aller Hautfarben, Glaubensrichtungen, Geschlechter und Kulturen ein. Freiheit ist Selbstorganisation, Autopoiesis (= Prozess der Selbsterneuerung und -erhaltung eines Systems). Der Mangel an Freiheit äußert sich in einer von außen aufgezwungenen Uniformität: Allopoiesis (Fremdbestimmung und -steuerung).

Swaraj, Selbstbestimmung, Selbstverwaltung, ist die Grundlage echter Freiheit in Natur und Gesellschaft, die auf der untersten Ebene beginnt und sich von dort auf höhere Ebenen ausdehnt, weil sie das Gedeihen biologischer und kultureller Vielfalt ermöglicht. Swaraj bestimmte die indische Freiheitsbewegung, die sich nicht nur für politische, sondern auch für wirtschaftliche Freiheit einsetzte. Gandhis Hind Swaraj war für mich das beste Vorbild für reale Freiheit in Hinblick auf die Industrialisierung und das Empire. Dieses Prinzip ist für das Streben nach Freiheit in Zeiten der Dominanz von Konzernen noch wichtiger geworden. Gandhi schrieb Hind Swaraj 1909, vor mehr als 100 Jahren, auf dem Weg von England nach Südafrika. Es wurde zuerst in den Kolumnen der Indian Opinion in Südafrika veröffentlicht; in der Ausgabe von 1921 schrieb er Folgendes als „Erläuterung“:

Meiner Meinung nach ist es ein Buch, das man in die Hände eines Kindes legen kann. (…) Es lehrt Liebe anstelle von Hass. Es ersetzt Gewalt durch Aufopferungsbereitschaft. Es stellt Seelenkraft gegen rohe Gewalt …“

Für Gandhi ist reale Zivilisation jene Verhaltensweise, die die Menschen auf den Pfad einer guten Lebensführung lenkt; und auf dieser Grundlage definierte er Freiheit: „Es ist Swaraj, wenn wir lernen, uns selbst zu regieren.“

Das ist Autopoiesis im politischen Kontext.

Seiner Meinung nach ist eine Gesellschaft, die auf Swaraj gründet, eine echte Demokratie, da sie auf der Erkenntnis beruht, dass die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Sie beruht auf Lok Shakti, auf der Macht des Volkes. Swaraj beinhaltet nicht nur die periodische Rechenschaftspflicht der Regierung über Wahlen (die ohnehin von Big Money korrumpiert worden sind), es beinhaltet vielmehr die Freiheit von Herrschaft, Zwang und institutionalisierter Gewalt, welche einer zentralisierten Regierungsführung immanent ist.

Er vertrat die Auffassung, dass „Demokratie im Wesentlichen die Kunst und Wissenschaft bedeuten muss, die gesamten physischen, wirtschaftlichen und spirituellen Ressourcen aller verschiedenen Teile des Volkes im Dienste des Gemeinwohls für alle einzusetzen“.

Gandhi war mit dem modernen Staat zutiefst unzufrieden, da er von der Gesellschaft abgetrennt, zentralisiert, bürokratisch, von Vereinheitlichung besessen und vom Geist der Gewalt durchdrungen war. Er war der Ansicht, dass alle vorherrschenden Regierungsformen den modernen Staat als gegeben betrachten und nur unterschiedliche Organisationsformen desselben darstellen. Deshalb seien sie von Natur aus unfähig, seine strukturellen Mängel zu beheben.

Die Philosophie der partizipatorischen direkten Demokratie und des demokratischen Pluralismus weiß, dass unterschiedliche Gemeinschaften unterschiedliche Interessen haben und dass sie alle bei der Gestaltung des nationalen Rechts und der nationalen Politik legitime demokratische Rechte auf Teilhabe und Selbstbestimmung haben. Sie weiß, dass die repräsentative Demokratie unzureichend ist, um in der Ära der Globalisierung die Interessen der Menschen zu schützen.

Unter dem Einfluss von Konzernen handeln Regierungen zunehmend in deren Interesse. Die politische Macht spiegelt heute das oberste 1 Prozent der Wirtschaftspyramide wider, welche die 99 Prozent und mit ihnen die Erde und ihre Arten vernichtet.

Der Staat mutiert zu einem Konzern, der sich für das Wohlergehen der Konzerne einsetzt, jedoch die Menschen und den Planeten den Folgen des wirtschaftlichen, ökologischen und klimatischen Zusammenbruchs überlässt. Unsere Herausforderung besteht darin, nach Wegen zu suchen, um das herrschende politische System vom ausbeuterischen und nicht nachhaltigen Wirtschaftsmodell abzubringen.

Die Forderung nach ihren demokratischen Rechten wurde von indigenen Völkern zum Ausdruck gebracht: als das selbstbestimmte Recht auf landwirtschaftliche Biodiversität durch ihr Recht auf pflanzengenetische Ressourcen und das selbstbestimmte Recht auf nachhaltige Landwirtschaft. In Systemen, die durch patriarchalische Unterdrückung von Frauen, Vorherrschaft der Städte über ländliche Gebiete und die Herrschaft von Kolonisatoren über indigene Völker gekennzeichnet sind, erfordert der demokratische Pluralismus dringend die Einbeziehung von Gemeinschaften, die bisher ausge­schlossen waren. Dies würde mit Sicherheit sowohl die von inneren Ungleichheiten geprägten Gesellschaften als auch die Regierungs­strukturen in diesen Ländern verändern.

Die Philosophie des demokratischen Pluralismus ist sich auch des antidemokratischen Charakters von zentralisierten Nationalstaaten bewusst. Auf diesem beruhte in der Vergangenheit der staatliche Protektionismus. Gleichzeitig sieht sie das Aufkommen des Konzern­protektionismus und des Konzernüberwachungsstaates als reale Bedrohung der demokratischen Rechte und der wirtschaftlichen Lebensgrundlagen in jedem Land an. Bei dieser Betrachtungsweise erfordert der Kampf gegen eine solche Rekolonialisierung die Neuer­findung der nationalen Souveränität durch demokratische Prozesse, um nationale Systeme zu schaffen, die in Partnerschaft mit den lokalen Gemeinschaften handeln, um den natürlichen Reichtum und das geistige Erbe des Landes sowie die Selbstorganisation der Menschen zu schützen.

Volksbewegungen fordern, dass die Macht nicht in den Institutionen zentralisierter Nationalstaaten konzentriert werden darf. Vielmehr muss diese in der gesamten Gesellschaft und unter einer Vielzahl von Institutionen gerecht verteilt sein, mit mehr Macht auf lokaler Ebene, die von lokalen Gemeinschaften und ihren Institutionen kontrolliert wird. Während die derzeitige Macht von der zentralisierten Kontrolle der Nationalstaaten übergeht auf die noch zentralisiertere Kontrolle globaler Konzerne und globaler Institutionen, wie der Welthandelsorganisation WTO, der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds IWF, drängt die demokratisch gesinnte Bevölkerung auf eine stärkere Lokalisierung, sowohl politisch als auch ökonomisch.

Politische Lokalisierung bedeutet, dass mehr Entscheidungen auf den lokalen Raum übertragen werden. Politische Dezentralisierung und Lokalisierung und Gandhis Swaraj bedeutet Kreislauf-Demokratie, in der die Macht in der Gesellschaft zirkuliert.

Teilhabe ist ein zentrales Element dieser neuen Demokratie, einer integrativen Demokratie für alle Menschen ― unabhängig von Klasse, Geschlecht, Religion und Rasse. Sie besteht nicht bloß aus Repräsentanten.

Sie beruht auf täglicher Teilhabe, nicht nur auf einer Abstimmung alle vier oder fünf Jahre. Sie beruht auf der Sorge für das Land und die Natur; auf der Teilhabe an Gemeinschaften und ihrer Pflege, Gemeinschaften, die mit Kraft und Solidarität handeln, um die Erde und die Gesellschaft zu schützen, wenn überall um uns herum die Demokratie untergraben wird.

Die alte Demokratie, die auf gewählten Repräsentanten beruht, entzieht dem Volk die direkte Macht. Angesichts von Landnahme, der Zerstörung der Lebensgrundlagen und der Zerrüttung unserer lebenserhaltenden Systeme und demokratischen Rechte, lässt sie den Menschen immer weniger Macht, ihr Land, ihr Leben, ihre Lebensgrundlagen und ihre Freiheiten zu schützen.

Wir müssen die Saat echter Freiheit in unserer Vorstellungskraft und in unserem täglichen Leben durch unser tägliches Handeln und in unseren zahlreichen vielfältigen Beziehungen säen. Die Saat der Freiheit liegt in unserem Denken und in unseren Händen. Swaraj, die selbstorganisierte Freiheit, beginnt tief in jedem von uns und schafft die Möglichkeit der Zusammenarbeit und die Kultivierung selbstverwalteter Gemeinschaften. Sie ermöglicht einen Umschwung von Mangel, Konkurrenz und Angst zum gemeinsamen Aufbau von Überfluss durch Teilen.

Das Wiedererstehen des Realen beginnt damit, dass wir aus den unsichtbaren Gefängnissen ausbrechen, die von dem 1 Prozent institutionalisiert wurden, und uns unserer Verbundenheit mit anderen Wesen und anderen Menschen bewusst werden, uns unseres Potenzials innewerden, in Partnerschaft mit der Natur und unserer Gemeinschaft etwas aufzubauen, zu gestalten und zu produzieren.

Das erste Gefängnis ist der mechanistische Verstand, der unsere Weltsicht zergliedert, unsere Intelligenz und Kreativität leugnet, unser Potenzial und unser Wesen klein macht und die Natur und uns lähmt und beides auf Rohstoffe für die Geldmaschine reduziert. Die Veränderung unseres Denkens über die Welt ist der wichtigste Schritt zur Umgestaltung unseres Lebens und der Welt, von der wir ein Teil sind. Das Wiedererstehen des Realen beginnt mit der Erkenntnis der Wirklichkeit als lebendige Realität und lebendige Intelligenz.

Es liegt an uns, die Artenvielfalt, den ökologischen Raum und die Freiheit aller Spezies zu schützen. Das „Wilde“ ist die Fähigkeit zur Selbstorganisation allen Lebens, der vielfältigen Arten der Erde und der Erde selbst als lebender Organismus. Dies ist das Bewusstsein, das Kulturen und Gemeinschaften, Volkswirtschaften und Demokratien, Wissenschaften und Technologien prägen muss. In der heutigen Ordnung, die immer noch von dem 1 Prozent dominiert wird, ist die Erdengemeinschaft auf die menschliche Gemeinschaft reduziert worden. Die Menschen als Erdenbürger mit Pflichten und Rechten wurden durch Konzerne ersetzt, die weder der Erde noch der Gesellschaft gegenüber Pflichten haben, sondern nur das unbegrenzte Recht, beide auszubeuten. Konzernen wurde eine Rechtspersönlichkeit zuerkannt, und deren Rechte löschen nun die Rechte der Erde und der Menschen auf die Ressourcen der Erde aus.

Die wichtigste demokratische Fragestellung, die in Indien und auf der ganzen Welt im Zusammenhang mit der von der Geldmaschine entfesselten Zerstörung auftaucht, ist die nach den Rechten der Erde, der Menschen und der Demokratie, insbesondere der am stärksten ausgegrenzten und verwundbarsten. Überall auf der Welt organisieren sich Gemeinschaften, um die Rechte der Erde zu verteidigen.

Wir können es uns nicht mehr leisten, Trennungen und Mauern zwischen Wissenssystemen, Wirtschaftssystemen und politischen Systemen zu schaffen. Wir können nicht mehr in Einzelteilen denken und handeln. Wir müssen die Wirtschaft mit der Demokratie und die Wirtschaftsdemokratie mit der Erddemokratie verbinden.

Das Erkennen von Verbundenheit und das Knüpfen von Verbindungen ist unser Zugang für die Schaffung einer neuen Welt, die auf Freiheit beruht, damit alles Leben in Wohlergehen gedeihen kann.

Swaraj in unserer Zeit ist Erddemokratie. Als eine Menschheit zu denken und zu handeln ist heute ein wirtschaftliches und politisches Gebot. Wenn wir Erddemokratie praktizieren, die auf lebendiger lokaler Demokratie beruht, ist das Prinzip auf alle Gesellschaften und alle Gemeinschaften anwendbar. In einer Erddemokratie können die Menschen nicht gedeihen, wenn die Erde, die sie ernährt, zerstört wird. In einer Erddemokratie kann eine Spezies andere nicht ausbeuten oder ausrotten; ein Geschlecht, eine Rasse oder eine Religion kann nicht „besser“ sein und anderen die Freiheit, den Respekt und die Würde absprechen, die ihr gutes Recht sind.

Die Menschen in Indien und auf der ganzen Welt reagieren mit einer neuen Politik der „Lokalisierung“ und Selbstbestimmung. Sie engagieren sich für eine aufgeklärte Haltung, die die Globalisierung in ihren ökologischen und sozialen Kontext stellt. In einer Region nach der anderen, in der ausländische Investitionen die lokalen Ressourcen von den Überlebensbedürfnissen lokaler Gemeinschaften auf den grenzenlosen Appetit globaler Märkte umlenken, stellen die Menschen die Investitionen auf den Prüfstand ökologischer und sozialer Verantwortung. Sie definieren die Prinzipien der Regierungsarbeit auf Grundlage der dezentralisierten Demokratie neu.

Die Herrschaft der Weltbank und der WTO hat eine Herrschaft überstaatlicher Institutionen mit sich gebracht, die dem einseitigen Interesse des Handels und des 1 Prozents dienen, jenseits und außerhalb der demokratischen Kontrolle der Menschen. Während sich der Staat in der Ära des „Freihandels“ von Gesetzen für Umwelt und Soziales zurückzieht und diese im Namen von „Handelserleichterungen“ ausgesetzt werden, organisieren sich Gemeinschaften, um die kommerzielle Tätigkeit zu regulieren: Sie machen ihr demokratisches Recht geltend, über die Verwendung ihrer Ressourcen zu entscheiden. Sie definieren Demokratie in Bezug auf die Entscheidungen der Menschen in ihrem täglichen Leben neu. Sie definieren die Nation neu in Bezug auf das Land und die Menschen, die reich an Vielfalt sind.

Der Trend zur Lokalisierung entstand tatsächlich zur gleichen Zeit wie der Trend zur Globalisierung. Wenn Globalisierung die unternehmensgetriebene Agenda für Kontrolle ist, dann ist Lokalisierung die gegenläufige Agenda der Bürger für den Schutz der Umwelt und für die Sicherung des Überlebens und der Existenzgrundlage der Menschen.

Da es keine Regulierung durch nationale Regierungen gibt, schaffen die Bürger eine neue Politik zur Einführung ökologischer Grenzen. Die Lokalisierung hat eine immanente Umweltkomponente für die Kontrolle lokaler Ressourcen und das Eigentumsrecht daran, eine Entscheidungskomponente für die Nutzung dieser Ressourcen und eine wirtschaftliche Komponente, die sich der Zerstörung der lokalen Wirtschaft durch die globale Wirtschaft und den internationalen Handel widersetzt.

Lokalisierungsbewegungen führen zu einem neuen ökologischen Protektionismus der Menschen, der sich grundlegend von dem Protektionismus der Konzerne unterscheidet, bei dem alle Institutionen der Gesellschaft ― Gerichte, Polizei und Regierungsstellen ― ausgenutzt werden, um die Interessen der transnationalen Konzerne zu schützen.

In jedem Sektor sind die größten multinationalen Konzerne nun gezwungen worden, anzuerkennen, dass für ein demokratisches Funktionieren die Zustimmung der Bürger und nicht nur der Regierungen erforderlich ist. Coca-Cola wurde diese Botschaft in Plachimada in Kerala überbracht. Monsanto erhält diese Botschaft jedes Mal, wenn es versucht, der indischen Regierung GVO-Saatgut und Patente auf Leben aufzunötigen.

Ob es nun um Fischerei oder Aquakultur geht, um giftige Pflanzen oder Giftimporte, um die Landnahme für Fabriken oder um Immobilien, Freihandel und das Eindringen von transnationalen Konzernen, die die Lebensgrundlage, die Ressourcen und die Gesundheit der Menschen bedrohen: Lokale Gemeinschaften und Graswurzelbewegungen leisten Widerstand.

Während ihr Widerstand von Dorf zu Dorf, von einem Investitionsstandort zum anderen, Widerhall findet, entsteht eine neue Umweltphilosophie, die auf der demokratischen Dezentralisierung und der Kontrolle über die natürlichen Ressourcen beruht. Der Druck der Bevölkerung zwingt die Regierung dazu, sich wieder ihrer Rolle als Schutzmacht des öffentlichen Interesses und des natürlichen und kulturellen Erbes des Landes inne zu werden. Die Lokalisierung entwickelt sich als Gegenmittel zur Globalisierung und zur hemmungslosen kommerziellen Gier. Sie behauptet sich wieder als die demokratische Option der Zukunft.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Eine Erde für alle! – Einssein versus das 1 %“ von Vandana Shiva.

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