Die Exorzistin

 in FEATURED, Kurzgeschichte/Satire, Monika Herz, Politik, Spiritualität

Das Böse besiegen – das wünschen sich die meisten. Aber viel schöner wäre es doch, wenn das Böse aufhören würde, böse zu sein. Gewalt müsste dann nicht mehr mit Gegengewalt beantwortet werden. Wer Übles getan hat, würde einfach damit aufhören, würde bereuen, und wir könnten alle damit beginnen, die Wunden zu heilen, die geschlagen wurden. Für die meisten verkörpert derzeit Wladimir Putin das Böse. Ist er wirklich selbst „so“, oder ist der Teufel in ihn gefahren? Wenn letzteres zutrifft, dann wäre die logische Vorgehensweise ein Exorzismus. Wir kennen das ja aus einschlägigen Gruselfilmen. Unsere Autorin ist ausgebildete Heilerin. Wer wäre also besser dafür prädestiniert? Und da sich Putin aus unverständlichen Gründen weigerte, die Autorin im Kreml einzulassen – im Gegensatz zu Gerhard Schröder, dessen Besuch ja gar nicht brachte –, musste sie eben aus der Ferne auf ihn einwirken. Sie ersann dazu ein kleines Ritual, für dessen Durchführung sie viel Mut aufbringen musste. Es fand an einem besonders erhabenen Ort und mit der Unterstützung der Heiligen Maria statt, deren Segen ja nie schadet. Beobachten Sie in den nächsten Wochen die Nachrichten, ob sich die Wirkung des Exorzismus nicht allmählich zeigt…! Monika Herz

 

Exorzismus heißt ja, den Teufel auszutreiben, soviel ich weiß. Obwohl ich die Existenz des Teufels bereits in jungen Jahren ausdrücklich verneint hatte, erhielt ich den Auftrag, eine solche Teufels-Austreibung durchzuführen. Da ich einer alten Heiler*innen-Traditionslinie angehöre, die seit Jahrhunderten, irgendwo verborgen, trotz grausamer Verfolgung überlebt hatte, wurde ich von meinem Auftraggeber offenbar für kompetent genug erachtet. Es war einer dieser Sonder-Aufträge mit sehr genauen Anweisungen, was ich zu tun hätte. Allerdings so kurz vor der durchzuführenden Aktion, dass ich gar nicht recht zum Nachdenken kam.

Mein Auftraggeber war felsenfest von der Existenz des Teufels überzeugt und sah ihn in vielerlei Gestalten. Es war nicht der erste Auftrag dieser Art gewesen. Zum Ausgleich für meine Dienste bescherte mir der Auftraggeber, der seinen wahren Namen niemals nannte und in verschiedenen Pseudonymen mit mir in Kontakt trat, ein einigermaßen angenehmes Leben.

Der neueste Auftrag lautete, den Teufel Putin auszutreiben. Putin sei vom Teufel besessen oder möglicherweise der Teufel selbst. Mich beeindruckte das wenig, da ich ja die Existenz des Teufels generell abstritt.

Wer oder was soltel das denn sein? Der Teufel in Gestalt von Putin? Wenn Putin ein Mensch ist, kann er dann gleichzeitig der Teufel sein? Wenn Putin kein Mensch ist, schaut er jedenfalls einem Menschen verdammt ähnlich.

Was ist der Unterschied zwischen Mensch und Teufel? Gibt es überhaupt einen Unterschied? Und ist es nur bei Putin allein so, dass er etwas Teuflisches an sich hat. Was genau unterscheidet Putin von mir? Die richtige Antwort auf die letzte Frage lautet: Ich kann nicht per Knopfdruck Atombomben zünden. Jedenfalls habe ich gehört, dass Putin das kann. Ich bin froh, dass ich das nicht kann. Deshalb muss ich mich und meine Familie auch nicht vor möglichen Killern verstecken.

Ich nahm den Auftrag also an. Was hätte ich auch sonst tun sollen?

Am 11.03.2022, also um 12 Uhr beim Glockenklang, befand ich mich mit X – ein Freund würde zum vorgegebenen Zeitpunkt mit den erforderlichen Schlüsseln kommen, hieß es – bereits auf dem Dachboden einer der berühmtesten Wallfahrtskirchen des Landes. Es war eine 400 Jahre alte Dachkonstruktion, stabil und lange haltbar. Die Treppen und Gänge wurden immer verwirrender, je höher ich stieg. Es war wirklich wie im Film.

Schließlich eine Luke. X musste sich sehr anstrengen, die Luke zu öffnen – dann:

Hinauf und Hinaus
Den Gebetsteppich ausgerollt
Worte gesprochen

Und zu den Worten die weiße Fahne gehisst.

Hiermit erkläre ich den Welt-Frieden!

Nur dieser eine Satz!

Mit der Kraft der Ahnen unsichtbar hinter mir gesprochen!

Mit dem Bergmanns-Stock des Großvaters die weiße Fahne gehisst!

Damit war der Teufel ausgetrieben!

Ja. So schnell kann‘s gehen.

Es scheint einfach gewesen zu sein. Doch so einfach ist es in Wirklichkeit nicht, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein, wenn es sich um das Dach einer berühmten Wallfahrtskirche 1000 m über dem Meer handelt – noch dazu in der Nähe der ältesten Bergwarte und einer der antiken Sternwarten der Welt.

Diese Symbol-Kraft ist unschlagbar! Das muss doch mal jemand würdigen! Wenn es sonst niemand tut, dann würdige ich es halt selber. Was tut man nicht alles in der Not!

Ob sich der Akt wohl wiederholen lässt? Mit Beweisfoto? Wie gesagt, die Aktion war kaum vorbereitet. Die Fotografin wurde zu spät eingeweiht und hat zwar die 12 Uhr-Glocken aufgenommen, aber nicht zum Dach hinaufgeschaut, sondern hinunter ins Tal. Es gab auch keinen Teufel zu sehen, der von den Winden davongetragen worden wäre.

Es gibt noch einen Grund, warum die Aktion doch nicht ganz so einfach war, wie sie aussieht. Ich leide nämlich seit meiner Kindheit an Höhenangst. Ursprünglich war ich besonders gern auf dem Kirschbaum herumgeklettert. Aber meine Mutter – eine Kriegs-Traumatisierte – hatte große Angst gehabt und hat diese Angst, unbewusst natürlich, auf mich übertragen. Seither habe ich Höhenangst. In den schlimmsten Zeiten war es so, dass ich Panikattacken bekam, wenn ich auch nur daran dachte, auf einen Balkon zu treten. Der Ort der Deklaration befand sich, wie gesagt, etwa 1000 m über dem Meer. Auf der Spitze eines sehr steilen Daches. Deshalb war es für mich durchaus eine besondere Tat.

Das Teufel-Austreiben selbst konnte man nicht so richtig sehen. Es war eher ein Gefühl. Das ging einher mit einer Freude, da oben zu stehen und zu tun, was ich zu tun hatte. Den Gebetsteppich ausrollen, darauf stehen, die Fahne schwenken. Den Satz sagen.

Und guat is.

Die Deklaration des Weltfriedens! Hallo!

Nein, das ist kein Scherz! Als Künstlerin darf ich das.

Ihr meint, dass Putin nicht den Eindruck macht, als wäre der Teufel aus ihm ausgetrieben? Und vom Weltfrieden ist auch nicht wirklich viel zu spüren?

Na, wartet es ab. Manches dauert eben länger, bis es sich manifestiert. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht es gibt Verhandlungen. Meine Deklaration wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Vor allem wenn viele mit ihren Gebeten und guten Gedanken beitragen. Jeder tut eben an seinem Platz, was er kann.

„Und, war das alles?“ So werden mich vielleicht meine Enkelkinder einmal fragen.

„Ja“ werde ich sagen. „Das war alles! Ich war sehr glücklich. Weil ich meine Angst so gut überwunden hatte. Und weil ich wusste, dass das jetzt zu tun ist, und weil es vollkommen klar war, dass ich für den Weltfrieden da hinaufmusste. Oder durfte. Ich war stolz auf mich. Und dann war da auch diese Gewissheit! Ich wusste, dass ich das Richtige tat und dass es die Wahrheit war.“

 

Showing 2 comments
  • Freiherr
    Antworten
    Grandios !

    Die weiße Fahne oben auf dem Hohen Peißenberg geschwenkt

    “ und guad is ! “ – alles wieder gut, alles in Ordnung u.s.w im boarischen Sprachgebrauch.

    Da ALLES eine Wirkung hat bleibt auch diese Friedensaktion nicht ohne.

    Ich habe ja auch ähnliches vollbracht, auf meinem Balkon bin ich direkt auf ca. 900 Meter “ und da Russ is ned weid… „, den von einer Shamanin finanzierten Vogelbeerschnaps aufgemacht und zwischen 2 kräftigen Zügen “ gebts a Ruah engs Deppm ! “ ausgerufen…

     

  • Mo
    Antworten
    Und schallendes Gelächter antworte ihnen von weit her!

    Und sie jubelten der Freiheit zu mit ihren weißen Fahnen,

    während sie so taten,

    als würden sie den Frieden rufen!

    Ha!

    Wenn ihr wüßtet, wo ich wirklich stand!

    Tausend Meter über dem Meer…

     

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