«Die Flüsse, die wir einmal befahren haben, führen kein Wasser mehr»

 in FEATURED, Politik (Inland)

Autor Götz Eisenberg

„Ich verstehe die Welt nicht mehr“ ist ein Lieblingszitat Götz Eisenbergs aus Hebbels Drama „Maria Magdalena“. Tatsächlich bewegen sich die Dinge der Politik und des Alltags in eine beklagenswerte und teilweise absurde Richtung. Der sorgfältige Beobachter Eisenberg macht dies an einer Reihe von „Kleinigkeiten“ fest: Wenn die Luftverschmutzung zu schlimm wird, erhöht man die Grenzwerte; Digitalisierung wird uns als Naturgewalt aufgeschwatzt – statt als von Menschen gestaltbare und auch verhinderbare Entscheidung; ein Lehrer starrt während einer Gedenkveranstaltung für die Reichspogromnacht 1938 auf sein Smartphone… Oberflächlich haben diese Vorgänge nichts miteinander zu tun. Aber es sind Vorboten einer uns immer fremder werdenden Realität. (Götz Eisenberg)

Am Donnerstag hat ein Gericht Fahrverbote für bestimmte ältere Dieselfahrzeuge in Essen und Gelsenkirchen angeordnet. Davon ist auch ein Abschnitt der Autobahn A 40 in Essen betroffen. Wie reagiert die Politik? Man will die Grenzwerte für CO2 anheben, um die Fahrverbote zu umgehen, ein Trick, auf den Angela Merkel zugunsten ihres Parteifreundes Bouffier im Hessischen Wahlkampf bereits zurückgegriffen hat. Viele Unternehmen stelle das Fahrverbot vor erhebliche Probleme, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Fritz Jaeckel. Das geforderte Fahrverbot schränke die Mobilität von Unternehmen wie auch die ihrer Mitarbeiter spürbar ein und habe deutliche Auswirkungen auf den Handel und seine Kunden, kommentierte Jaeckel das Urteil.

Kant wird sich angesichts dieser Argumente im Grabe rumdrehen. Kant war der Meinung: Wenn die Menschen mit dem Sittengesetz wenig anfangen können, wenn ihr Alltagshandeln mit ihm kaum etwas zu tun hat, dann spricht dies gegen das, was sie tun, nicht gegen das, was sie tun sollten. Es ist nicht das Sittengesetz, das geändert werden muss, sondern das Handeln der Menschen. Also im Fall der Luftverpestung hätten wir unsere Praxis zu ändern und Sorge zu tragen, dass die Normen erfüllt werden. Nicht die Grenzwerte müssen angehoben werden, sondern die Autos so eingerichtet werden, dass sie den geltenden Grenzwerten gerecht werden. Genau das Gegenteil plant die Politik. Mit der Änderung des Bundesimmissionsschutzgesetzes will die Bundesregierung erreichen, dass Diesel-Fahrverbote nur dann kommen, wenn der europäische Grenzwert besonders stark überschritten wird. Außerdem sollen manche Fahrzeuge trotz Fahrverbot weiter in Städten fahren dürfen.

 

Wir müssen uns auf die Digitalisierung vorbereiten und sehen, dass wir mit ihr klarkommen, heißt es allenthalben. Die Menschen müssen sich auf große Veränderungen einstellen. Kein Mensch fragt: Wollen wir das überhaupt? Muss das sein? Die Digitalisierung kommt über uns mit der Wucht eines Naturprozesses, wie das Erdbeben von Lissabon. Sie verkörpert gewissermaßen die nächste Stufe der Evolution, die wir zu erklimmen haben. Die Digitalisierung kommt, ob wir es wollen oder nicht. Das Gegenteil ist richtig. Alles, was von Menschen gemacht wird, kann auch von ihnen geändert werden. Und die Digitalisierung gehört natürlich zu den menschengemachten Dingen, die veränderbar sind. Das Kapital auf seiner Suche nach neuen Verwertungsmöglichkeiten erschließt die digitale Welt, aber, wenn wir das nicht wollen, sondern für unmenschlich halten, müssen wir sie nicht betreten und uns darauf einlassen. Es ist also im Grunde ganz einfach: Die Verhältnisse sind, obwohl sie sich verselbständigt haben und ein gespenstisches Eigenleben führen, von Menschen gemacht und also auch von Menschen änderbar.

In einem Abschnitt der Minima Moralia, der „Sur l’eau“ überschrieben ist, schrieb Adorno: „Wenn hemmungslose Leute keineswegs die angenehmsten und nicht einmal die freiesten sind, so könnte wohl die Gesellschaft, deren Fessel gefallen ist, darauf sich besinnen, dass auch die Produktivkräfte nicht das letzte Substrat des Menschen, sondern dessen auf die Warenproduktion historisch zugeschnittene Gestalt abgeben. Vielleicht wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung überdrüssig und lässt aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen. Einer Menschheit, welche Not nicht mehr kennt, dämmert gar etwas von dem Wahnhaften, Vergeblichen all der Veranstaltungen, welche bis dahin getroffen wurden, um der Not zu entgehen, und welche die Not mit dem Reichtum erweitert reproduzierten. Genuss selber würde davon berührt, so wie sein gegenwärtiges Schema von der Betriebsamkeit, dem Planen, seinen Willen Haben, Unterjochen nicht getrennt werden kann. Rien faire comme une bête, auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen, »sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung« könnte an Stelle von Prozess, Tun, Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der dialektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden. Keiner unter den abstrakten Begriffen kommt der erfüllten Utopie näher als der vom ewigen Frieden. Zaungäste des Fortschritts wie Maupassant und Sternheim haben dieser Intention zum Ausdruck verholfen, so schüchtern, wie es deren Zerbrechlichkeit einzig verstattet ist.“

 

Schüler und Lehrer des Gießener Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums haben am 80. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 einen Mahngang veranstaltet. In Zeiten wie diesen, da sich der Antisemitismus erneut ausbreitet und die Fremdenfeindlichkeit grassiert, ein Projekt, das man gar nicht genug loben kann. So etwas ist ein probates Mittel, auch jüngere Schüler an solche Themen heranzuführen und sie zu dafür sensibilisieren, dass man Anstrengungen unternehmen muss, damit sich so etwas wie die Pogrome von 1938 und der nachfolgende industriell betriebene Massenmord nicht wiederholen. Der Gießener Anzeiger berichtete in seiner Ausgabe vom 10. November über diesen Mahngang. Über dem Bericht prangt ein Foto, auf dem der imponierend große Demonstrationszug auf seinem Weg in die Innenstadt zu sehen ist. An der Spitze sieht man Schüler, die ein Transparent tragen. Links neben dem Transparent ist ein Erwachsener zu sehen, ich vermute, dass es sich um einen Lehrer der Schule handelt, wegen seiner exponierten Stellung im Zug vielleicht sogar um ein Mitglied der Schulleitung. In seiner linken Hand trägt er ein Smartphone, dem seine Aufmerksamkeit gilt. Jedenfalls ist sein Blick darauf gerichtet. Wartet er auf eine Nachricht  aus der Klinik, in der sein Kind gerade zu dieser Stunde operiert worden ist? Liegt sein Vater im Sterben? Benötigt er sein Handy als Navigationsgerät? Da ich das alles nicht annehme, gehe ich davon aus, dass er sich der medialen Resonanz des Mahngangs in den sogenannten sozialen Netzwerken versichert oder seine Whatsapp-Nachrichten checkt. Der Grund seines Blicks auf das Smartphone ist im Grunde genommen auch vollkommen unerheblich. Die Geste ist angesichts des Anlasses der Demonstration für sich genommen unangemessen und unsensibel. Alle auf dem Foto sichtbaren Schülerinnen und Schüler verzichten für die Dauer der Veranstaltung auf das Gerät, mit dem sie ansonsten ja verwachsen sind. Man kann sich vorstellen, dass man heutige Schüler nur nach stundenlanger moralischer Belehrung und strengsten Ermahnungen zu einem Handyverzicht bewegen kann.

Man wird ihnen eingeschärft haben, dass es peinlich wäre, wenn in der Presse Fotos erscheinen, auf denen Schüler zu sehen sind, die während des Mahngangs daddeln. Umso schlimmer das Verhalten dieses Lehrers, der seiner Vorbildfunktion grob missachtet. Als Präsident Macron ein Handyverbot an französischen Schulen erließ, ordnete er parallel dazu an, dass alle Kabinettsmitglieder vor Beginn der Sitzungen am Eingang des Elysée-Palastes ihre Smartphones in einen Safe eischließen müssen. Das Signal, das dieser Lehrer aussendet, lautet: „Regeln, auf die wir uns für diesen Tag geeinigt haben, gelten nur für die Schülerinnen und Schüler, nicht für mich.“ Dieses Verhalten ist, wie man es auch dreht und wendet, alles andere als demokratisch. Und genau das sollte den Schülern ja an diesem Tag als Gegengift gegen Autoritarismus und Menschenverachtung vermittelt werden. Diese Doppelmoral und dieser Herrenzynismus sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Demokratie mehr und mehr ins Hintertreffen gerät und Menschen bei scheinbaren Alternativen Zuflucht suchen.

 

Am Freitag habe ich in einem dieser Bücherschränke, in die man gelesene Bücher stellen kann, ein Bändchen von Rosana Rossanda gefunden und gleich zu lesen begonnen. Sie reiste Anfang der 1960er Jahre im Auftrag der italienischen KP, in deren Zentralkomitee sie bis zu ihrem Ausschluss aus der Partei saß, nach Spanien, um sich ein Bild vom Kampf gegen Franco zu machen. Sie fuhr zunächst nach Barcelona, wo sie sich auch mit Genossen von der CNT treffen wollte. „Gibt es die hier?“, fragte sie. „Ja, aber mit Kommunisten reden sie nicht.“ „Mit wem reden sie?“, fragte sie weiter. „Mit niemandem“, erhielt sie zur Antwort. Sie redeten dann doch mit der italienischen Genossin. Man traf sich in einem abgelegenen Dorfgasthaus. Die CNT war einmal die stärkste Kraft Spaniens gewesen, mit anderthalb oder gar zwei Millionen Mitgliedern. „Wie viele seid ihr, wollt ihr mir das verraten?“, fragt Rossana nach einer Weile. „Wir sind fünfundachtzig.“ „Fünfundachtzig, wo?“ „Fünfundachtzig insgesamt, hier in Katalonien, praktisch nur hier in Barcelona.“ Ihre Organisation war zerstört. „Es ist sehr schwer, zu fünfundachtzig zu sein“, fügte der CNT-Genosse hinzu. „Wahrscheinlich haben wir viele Fehler begangen.“ Und: „Die Jungen kommen nicht zu uns. Sie verstehen uns nicht.“

Diese Passage hat mich sehr angerührt. Sie beschreibt auch mein heutiges Gefühl. Wir sind Übriggebliebene. Die Flüsse, die wir einmal befahren haben, führen kein Wasser mehr.

 

Kunstweg Dünsberg, Skulptur von Matthes I. von Oberhessen: „Noahs Irrtum“. Ich bin dutzende Male an dieser Skulptur vorbeigegangen, bis ich mich plötzlich in ihr erkannte. „Eisenbergs Scheitern“ nenne ich sie seither. Foto: Götz Eisenberg

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