Die Furie des Verschwindens

 In FEATURED, Kultur, Politik

Über die Bedeutung von Bücherorten für das soziale Immunsystem der Stadt. Öffentliche, frei zugängliche Orte sind Herzzentren von Gemeinden, sind Treffpunkte und Geborgenheitsorte, deren Qualität vor allem in gewachsener Vertrautheit besteht. Buchhandlungen und Stadtbüchereien bieten zusätzlich den Anreiz geistiger Nahrung. Keine Selbstverständlichkeit im Smartphone- und Facebook-Zeitalter, in dem eher das Ego Nahrung bekommt und die schlechten Eigenschaften von Menschen schamlos bewirtschaftet werden. Gerade dieses schönen Bücherorte aber verschwinden nach und nach. Sie rechnen sich nicht mehr…  Götz Eisenberg

Es ist eine Erfahrung, die wir immer häufiger machen: Man dreht etwas kurz den Rücken zu und wenn man sich wieder rumdreht, ist es verschwunden. War da nicht neulich noch ein Papiergeschäft, dort ein Blumenladen? Standen da vor kurzem nicht noch Bäume? Dieser Tage wird uns das mit dem Antiquariat in der Bahnhofstraße so gehen. Nach sieben Jahren werfen die Betreiber das Handtuch. Der Laden ernährte sie eher schlecht als recht und nur um den Preis einer intensiven Selbstausbeutung. Sie empfanden den Laden mehr und mehr als Mühlstein um ihre Hälse und erhoffen sich von seiner Schließung ein Mehr an Freiheit und Zeit für Dinge und Tätigkeiten, die ihnen wichtig sind. Zum Beispiel für ihr politisches Engagement und das Lesen von Büchern.

Mich schmerzt die Schließung, weil sie mich eines wichtigen sozialen und emotionalen Bezugspunktes beraubt. In den letzten Jahren führte mich mein Weg mindestens einmal am Tag ins Antiquariat. Ich genoss das Fluidum der Bücher, schlenderte durch die schier endlosen Regalreihen, unterhielt mich mit den Betreibern des Ladens, genoss es, wenn die hauseigene Katze mir um die Beine strich. Man konnte einer Menge interessanter Menschen dort begegnen. Unangepassten, eigensinnigen Leuten meist, die höchstens mit einem Bein auf dem Boden der sogenannten Tatsachen stehen und den Kopf voller Flausen haben. Bücherlesern und Bücherliebhabern, die die Gesellschaft von Büchern der Gesellschaft der allermeisten Menschen vorziehen. Läden wie dieser sind mehr als Räume, in denen Geschäfte getätigt werden. Es sind Orte der Begegnung, Treffpunkte. Ein Antiquariat ist ein Zufluchtsort für vom Aussterben bedrohte Bücher und Menschen.

Aber nicht nur wir Büchermenschen verlieren etwas durch die Schließung des Antiquariats, auch die Stadt wird ärmer. Eine Stadt, die mehr sein will als eine Ansammlung von Häusern und Geschäften, benötigt etwas, das man als urbanes Element bezeichnen kann. Dieses ist aufs Engste mit der Sphäre der Öffentlichkeit verknüpft. Öffentlichkeit braucht Platz, nicht-kommerzialisierte Räume, sie muss sich ausdehnen, hin- und her fluten können. Sie braucht Cafés, in denen Zeitungen ausliegen, kleine, fast dörfliche Inseln der Besinnung, sie braucht den kleinen Laden, wo man einander kennt. Und sie benötigt Buchhandlungen, Antiquariate, frei zugängliche Bibliotheken und Theater, die den Geist mit Nahrung versorgen. Durch die Entwicklung der Städte in den letzten Jahrzehnten ist dieses urbane Element fast vollständig zerstört worden. Nicht die amerikanischen oder englischen Flugzeuge, sondern die Kapitalisierung des Bau- und Wohnungsmarktes haben die urbane Substanz der Städte beinahe ruiniert. Das, was da durch Kommerzialisierung und Privatisierung des öffentlichen Raumes zerstört worden ist, lässt sich nicht dadurch wiederherstellen, dass man ein Stück Altstadt und ein paar Fachwerkfassaden wiederherstellt. Verloren gegangene Urbanität kann nicht als Folklore künstlich wiederhergestellt werden.

Demokratie basiert auf Mündigkeit und kritischer Urteilsfähigkeit, das heißt der Fähigkeit, sich seines Verstandes ohne Anleitung durch andere zu bedienen. Solche Haltungen erwirbt man durch Lesen und intellektuellen Austausch. In den vergangenen Jahren haben Millionen Deutsche, darunter auch das Gros der Studierenden, sich entschieden, keine Bücher mehr zu lesen und sich stattdessen voll und ganz ihren Smartphones zu widmen. Laut Statistik holen sie diese im Schnitt alle 18 Minuten aus der Tasche, was aber eine trügerische Zahl ist, weil es nach meiner Beobachtung jede Menge Leute gibt, die ihre Smartphones keinen Augenblick aus den Augen lassen. Der Facebook-Mitbegründer Sean Parker sagte unlängst, die Plattform sei von Anfang an so konzipiert gewesen, die anthropologische Sehnsucht ihrer Nutzer, von anderen Bestätigung zu erfahren, in Verweildauer umzuwandeln, die dann wiederum die Anzeigenkunden interessiert und auf diese Weise Facebook Gewinn bringt. Um ein Maximum an Nutzerzeit herauszuschlagen, fördern die Algorithmen der Social-Media-Plattformen all jene Emotionen, die Menschen am längsten am Bildschirm halten. Das sind Angst, Hass und Schadenfreude. Das sind nicht gerade Tugenden, die demokratisches und solidarisches Verhalten begünstigen. Es ist eine bittere Ironie, dass die Fähigkeit, einen sinnvollen Gebrauch vom Internet zu machen, nicht aus dem Internet stammt, sondern vom Lesen und analogen Weisen der Orientierung.

Damit schließt sich der Kreis. Wie die Menschen leben wollen, findet seinen Ausdruck auch in der Gestaltung ihrer Stadt. Eine Stadt, in der lebendige Menschen unter demokratischen Bedingungen leben wollen, braucht Bücherorte – nicht nur Handy-Läden, Shopping-Malls und Fastfood-Lokale. Bücherorte sind Teil eines sozialen Immunsystems, eines Geflechts von sozialen Bindungen und Kontakten, das Menschen ebenso dringend benötigen wie das körperliche Immunsystem. Das Vorhandensein und die Qualität beider haben großen Einfluss darauf, ob wir körperliche und seelische Abwehrkräfte mobilisieren können. In unserer durchökonomisierten Welt ist alles „in die Funktionale gerutscht“, wie Brecht sagte. Umso dringender benötigen wir Orte, an denen das Unzeitgemäße und Nicht-Funktionale überleben kann.

Ich kann mir ein Leben in einer Welt, in der nicht mehr gelesen wird, nicht vorstellen und halte eine Welt ohne Bücher auch nicht für nicht lebenswert. In letzter Zeit ist viel von einem generellen Schwund der Empathie und vom Verlust des Mitgefühls bei Kindern und Jugendlichen die Rede. Schon entwickeln Kinder- und Jugendpsychiater Präventionsprogramme, die man aus den Therapieversuchen mit sogenannten Psychopathen kennt, die keinen Zugang zu ihren Gefühlen und denen anderer haben. Wie sieht jemand aus, der traurig ist? Wie ein Mensch, der sich ekelt? Wie einer, der zornig ist? Wie kann man jemand trösten? Empathie und Achtsamkeit sollen eingeübt werden. Ich habe Zweifel, ob eine synthetische Nachproduktion von Einfühlungsvermögen gelingen kann. In der Sonntagsausgabe der FAZ vom 23. Dezember 2018 stieß ich auf einen Artikel von Melanie Mühl mit dem Titel „Die Bildung des Herzens“. Dort benennt die Autorin einen Grund für den beklagten Empathie-Verlust, der in der öffentlichen Debatte viel zu wenig beachtet wird:

„Beobachtet man Mütter und Väter auf dem Spielplatz oder beim Schieben des Kinderwagens, kommt es einem allerdings oft so vor, als ginge es ihnen häufig darum, durch Spiegelung die Bindung zu ihrem Smartphone zu stärken, anstatt zu ihrem Kind.“ Die Fähigkeit, uns in andere einfühlen, mit ihnen mitzufühlen und unser Verhältnis zu ihnen in richtiger Perspektive zu sehen, mag zwar in uns angelegt sein, aber sie bildet und formt sich vor allem in sehr frühen Spiegelungserfahrungen und im Umgang mit zur Einfühlung fähigen Eltern oder anderen Bezugspersonen. Besser oder schlechter – und unter extrem widrigen Bedingungen eben auch gar nicht. Es gibt eine andere, weniger künstliche Möglichkeit, die Ausbildung der Fähigkeit zu Empathie zu fördern. Sie ist nämlich eine Gratisbeigabe des Lesens von guten Romanen. Dabei lernt man ganz nebenbei, die Welt aus der Perspektive anderer wahrzunehmen und sich in fremde Lebensläufe hineinzuversetzen. Wer nicht möchte, dass Gewalt und Grausamkeit überhand nehmen, muss ein vitales Interesse daran haben, dass weiter gelesen und vorgelesen wird und Bücherorte erhalten bleiben. Sie sollten unter Kulturschutz gestellt werden.

 

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er ist Mitinitiator des Gießener Georg-Büchner-Clubs. Eisenberg arbeitet seit Jahren an einer „Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“, deren dritter Band unter dem Titel „Zwischen Anarchismus und Populismus“ im Oktober im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erschienen ist.

Anzeige von 4 kommentaren
  • Goodman
    Antworten
    Ah, wie sehr stimme ich jedem einzelnen Wort zu. Wie vielen Buchhandlungen und Antiquariaten habe ich schon nachgeweint. Aber man steht ihrem Schließen hilflos gegenüber! Und die Handynerds werden ja nicht weniger…
    • Imago
      Antworten
      Folgendes bitte nicht falsch, bitte nicht als herabsetzende Kritik verstehen!

      Zu (Zitat) „Wie vielen Buchhandlungen und Antiquariaten habe ich schon nachgeweint …“:

      Immer häufiger werden mir solche (mir eigentlich durchaus verständlichen) KLAGEN einfach zuviel; ich verstehe sie dann KAUM NOCH ALS BERECHTIGTE KRITIK (die sie tragischerweise ja eigentlich durchaus auch beinhalten), sondern als eine (bei allen möglichen Gelegenheiten) immer wieder fortgesetzte LITANEI VON KLAGEN, die dann leider oft auch noch im Umfeld die bei vielen offenbar oftmals ohnehin schon recht depressiven Tendenzen nur noch weiter verstärkt. Allseits zunehmende mehr oder weniger depressiv klingende KLAGELIEDER aber werden uns aber wohl kaum dabei helfen, diese nun ohnehin schon so verkorkste Welt – endlich einmal – in eine bessere zu verwandeln!

      Spielen wir etwa noch immer das letztlich trostlose alte „Warten auf Godot“ (und wenn ja, ist es dann dabei wirklich hilfreich und nötig, die gesamte Enzyklopädie des Grauens durch das ständige Hinzufügen von weiteren Klagegesängen auch noch mehr und mehr zu erweitern) oder sollten/können wir nicht doch besser dafür sorgen, daß endlich einmal ein weitaus erfreulicheres, von deutlich mehr Entschlossenheit und Mut handelndes Stück auf den Spielplan kommt?

       

  • Goodman
    Antworten
    Ja, da mögen Sie recht haben. Was schlagen Sie vor? Was soll man tun? Die Antiquariate mit der Rente von 800 Euro selbst übernehmen?
    • Imago
      Antworten
      Solches gemeinsam mit anderen Gleichgesinnten und auch mit Hilfe von Sponsoren zu tun, könnte beispielsweise ein gangbarer Weg sein (vorausgesetzt man findet solche Leute in seiner Umgebung).

      Bei meiner kritischen Anmerkung oben ging es mir aber um etwas ganz Anderes, was mir noch immer ziemliche Sorgen macht, nämlich darum, daß viele kritische Berichte leider nur allzu oft bald zu einem Anlaß für gemeinsam durchgeführte „Klageveranstaltungen“ werden und daß damit dann – zwar ein wenig „Nestwärme“ bei den Teilnehmern erzeugt wird, vielen dabei aber oftmals nicht auffällt, wie man sich so im Lauf der Zeit gegenseitig zu einer immer depressiveren, oft auch immer pessimistischeren und Alles in Allem daher oft auch immer mehr Kraft raubenden Weltanschauung „ermuntert“.

      Ich selbst überlege mir beim Schreiben sehr oft, was ich schreibe bzw. wie ich es schreibe (ob ich beim Beschreiben irgendwelcher Mißstände ins Klagen bzw. zu sehr ins Klagen verfalle). Es gibt auf dieser Welt bereits jetzt schon ganz gewiß viel Beklagenswertes (auch für mich); es macht für mich jedoch einen deutlichen Unterschied, ob ich mich in kritischer Weise dazu äußere und mir dabei auch meines eigenen Tuns bewußt bin, oder dabei von meinem eigenen Ärger und Schmerz übermannt womöglich immer mehr ins Klagen verfalle.

      Mit dem Klagen „rennt“ man bis heute offenbar bei sehr vielen Menschen stets  sozusagen „offene Türen ein“, denn Anlaß zum Klagen gibt es längst mehr als genug und schnell bilden sich dann auch schon regelrechte Klagegemeinschaften. Ich bezweifle aber ganz entschieden, daß die dann gemeinsam vorgetragenen „Klagegesänge“ zu einer Verbesserung unserer Lebensumstände beitragen, das dabei ursprünglich angestrebte Vorwärts wird dabei meinen Beobachtungen nach leider nur allzu oft – zu einem lange Zeit von vielen Teilnehmern dann oft erst einmal weitgehend unbemerkten – Abwärts!

       

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