Die Nachbarn verstehen (4)

 In Allgemein, Frank Nonnenmacher, Politik (Ausland)

Die Bedeutung des 11. November und der „monuments aux morts“ in Frankreich. Der Toten des Krieges gedenken, ohne den Krieg selbst zu verherrlichen und ohne in übertriebenem Nationalgefühl zu schwelgen – das ist keine einfache Angelegenheit. In Frankreich, traditionell einem sehr nationalbewussten Land, werden kriegerische Erfolge besonders gern gefeiert, speziell auch der Sieg über Deutschland 1918. Frankkreich-Freund Frank Nonnenmacher war in einem Dorf, das eine alternative Gedenkkultur entwickelt hat, eine die zum Frieden mahnt und zum „Nie wieder!“. (Frank Nonnenmacher)

Frage ich deutsche Freunde, was ihnen zum 11. November einfällt, reagieren die meisten ratlos. Viele wollen mich verbessern, sagen: „9. November“ und verbinden damit die Verkündung der ersten deutschen Republik 1918 oder das Novemberpogrom 1938. In Frankreich weiß hingegen jedes Kind, dass der 11. November der Tag „des Waffenstillstandes“ bzw. des „Sieges über Deutschland“ 1918 ist. Im Ersten Weltkrieg starben 1,4 Millionen französische Soldaten, im Zweiten „nur“ 250 000. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden in fast allen 36 000 Gemeinden Frankreichs „monuments aux morts“ (Denkmale für die Toten) errichtet. Es gibt überhaupt nur 612 Gemeinden in Frankreich ohne monument aux morts, sei es weil es tatsächlich keine Kriegstoten gab oder auch – in sehr seltenen Fällen – weil linke lokale Mehrheiten kein Denkmal für den Krieg der Dynastien und Imperialisten errichten wollten. In Sprachgebrauch und Bewusstsein der Franzosen ist „la grande guerre“ (der große Krieg) der erste und nicht der zweite Weltkrieg. In keinem anderen Land der Welt existiert eine dermaßen große Zahl von Denkmälern, die an den Krieg erinnern, wie in Frankreich.

Der 11. November ist seit 1922 ununterbrochen und unumstritten neben dem 14. Juli der zweite nationale Feiertag und steht in seiner Bedeutung eher hinter als neben dem 8. Mai. Deutsche Touristen sind eher selten im November in Frankreich. Deshalb haben auch die meisten ein Ritual noch nicht erlebt, das in jeder Stadt und in fast jeder noch so kleinen Gemeinde Frankreichs in ähnlicher Weise seit nun bald 100 Jahren abläuft. An jedem 11. November versammeln sich die lokalen Honoratioren am monument aux morts, der Bürgermeister (seltener eine Bürgermeisterin) hält eine mehr oder weniger patriotische Ansprache, eine Schülerin der lokalen Schule liest ein Gedicht, wahlweise einen Soldatenbrief oder einen kurzen literarischen Text, wobei man oft den Eindruck hat, dass die bemühte Ernsthaftigkeit des Vortrags sich nicht unbedingt mit der reflexiven Durchdringung des Textes auf gleicher Höhe befindet. Heftiger Beifall ist dennoch gewiss. Einer oder mehrere „anciens combattants“ (wörtlich: alte Kämpfer) halten Regimentsfahnen hoch und das offizielle Grußwort des Staatssekretärs im Verteidigungsministerium für die „anciens combattants“, der für die Erinnerungszeremonien verantwortlich ist, wird verlesen. Dann wird die Marseillaise gesungen, und der Bürgermeister lädt zu einem „vin d’honneur“ (Umtrunk) in den Gemeindesaal ein.

nonnemachersoldatendenkmal2In den Jahren nach den Kriegen dominierte eine antideutsche Grundstimmung die Gedenkzeremonien. Inzwischen hat sich der Charakter der Ansprachen zum 11. November deutlich verändert. Geblieben ist die Verehrung derjenigen Vorfahren, die „pour la patrie“ (für das Vaterland) oder „pour la France“ (für Frankreich) gestorben sind. Auch die Inschriften kennen bis heute nur französische Opfer der Kriege. Dennoch werden in den heutigen Reden extrem nationalistische Töne seltener und es kann passieren, dass inzwischen die deutsch-französische Freundschaft erwähnt und das „nie wieder“ betont wird. Mir ist es mehrfach passiert, dass meine Anwesenheit als Deutscher bei der Zeremonie besonders begrüßt wurde.

Noch wochenlang nach dem 11. November erscheinen in den Tageszeitungen kurze Artikel mit großem Foto. Zwar sind sowohl Inhalte wie Bilder austauschbar, aber die meist monopolistischen Zeitungen müssen vor allem auf dem Land die Interessen ihrer Leserinnen und Leser bedienen, und da ist es wichtig, dass über das Ereignis eines jeden Dorfes – mit Bild und Namen – berichtet wird.

In „meinem“ Dorf aber hat es noch nie eine Zeremonie zum 11. November gegeben. Es gehört zu den wenigen Gemeinden, in denen es kein monument aux morts gibt. Was es gibt, ist ein rühriger Kulturverein, der sich 2012/2013 als die 100. Jährung des Beginns des Ersten Weltkrieges bevorstand, mit der Frage eines angemessenen Gedenkens befasste. Mein Freund Guy betrieb intensive Heimatgeschichtsforschung und entdeckte tatsächlich zwei Fälle, die auf Grund von Kriegsverletzungen nach 1918 verstorben sind, aber offiziell als „morts pour la France“ (gestorben für Frankreich) anerkannt sind. Jetzt wollte er für unser Dorf auch ein monument aux morts oder wenigstens eine Erinnerungstafel. Der Bürgermeister und die meisten Menschen waren strikt dagegen. Die Motive der Ablehnung hatten weniger pazifistischen Hintergrund, sondern bestanden in der Befürchtung, mit einer solchen verspäteten Aktion alle vorangegangenen Generationen indirekt der Ignoranz und Untätigkeit zu bezichtigen.

Nach langem Hin und Her kamen wir innerhalb unseres Kulturvereins überein, den 11. November als „11 novembre autrement“ (der andere 11. November) und als „journée pour la paix“ (Friedenstag) zu begehen. Damit war dann auch Christophe, unser Bürgermeister, einverstanden. Das ist wichtig, denn in einem französischen Dorf ist jede öffentliche Aktivität, die ein breites Echo sucht, auf die Kooperation mit dem Bürgermeister angewiesen.

Zum ersten Mal fand der „11 novembre autrement“ 2014 statt. Von den Dorfbewohnern wurden auf unsere Bitten hin zahlreiche persönliche Dokumente (Erinnerungsstücke, vor allem Fotos und Briefe von und an Soldaten) gebracht und ausgestellt. Auch Briefe von Evas Großvater wurden – mit Übersetzung – gezeigt und besonders beachtet, war doch die ganz einfache Erkenntnis offensichtlich, dass die Soldaten auf allen Seiten weder von nationalem Pathos erfüllt, noch am Heldentum interessiert waren, sondern vor allem die Schrecken des Krieges überleben wollten. Am Nachmittag gab es zwei Vorträge: Roger, ein französischer Historiker und Dorfbewohner, und ich als Deutscher hielten je ein Referat über die jeweilige Erinnerungskultur. Die anschließenden Debatten zeigten, dass der fremde Blick auf das Eigene und der Blick auf das Fremde erhebliche Selbstreflexionsprozesse auslösen und zu mehr Verständnis führen können.

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2015 fand dann der 11. November unter dem Motto „cinéma pour la paix“ statt. Wir zeigten und diskutierten drei Filme:
„Die Brücke“ von Bernhard Wicki, der in Frankreich völlig unbekannte deutsche Antikriegsfilm von 1959, von dem noch nicht einmal eine synchronisierte französische Fassung existiert. Auch hier war die fremde Perspektive für die französischen Zuschauer Anlass für einfühlsame Gespräche. Trotz großer emtionaler Betroffenheit gelang ein Übergang zur Erörterung der Ursachen des Militarismus.

„Sentiers de la gloire“ (deutsch: Wege des Ruhms; engl.: Paths of Glory), mit Kirk Douglas als Colonel Dax in der Hauptrolle. Es geht um einen französischen Offizier, der „seine“ Männer vor der willkürlichen Militärjustiz schützt. Es gab heiße Diskussionen um die Frage, ob dies überhaupt ein Antikriegsfilm ist, denn der Held (Colonel Dax) wird als der Inbegriff des „guten Soldaten“ gezeichnet, der zwar gegen Militärwillkür und Profilierungssucht der Generäle Stellung nimmt, aber am Ende, nachdem die schlimmsten Scharfmacher enttarnt sind, guten Gewissens mit „seinen Männern“ das Kriegshandwerk fortsetzt.
Schließlich „Joyeux Noël“ (deutsch: Frohe Weihnachten) von 2005, ein Film der die tatsächlichen Begebenheiten von Weihnachten 1914 erzählt als deutsche, französische und englische Soldaten sich über die Schützengräben hinweg sich kennenlernten, verbrüderten, schließlich Fußball spielten und Weihnachten feierten. Als dies in den Stabsführungen bekannt wurde, wurden die niederrangigen Offiziere, die dabei mitgemacht hatten, von ihren jeweiligen Vorgesetzten bestraft, die Einheiten auseinander gerissen, der Krieg fortgesetzt.

Für den diesjährigen 11. November hat unser Kulturverein wieder einen anderen Zugang gewählt: „artistes pour la paix“ (Künstler für den Frieden). Wir haben Künstler aufgefordert, speziell für diese Ausstellung ein zu dem Motto passendes Werk zu schaffen und uns zur Verfügung zu stellen.

Ich bin selbst gespannt auf das Resultat und werde darüber dann in meinem nächsten Beitrag berichten.

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