Die Propagandamacher

 In FEATURED, Medien, Politik

Kriegspropaganda, Erster Weltkrieg

Kriegsrechtfertigende Ideologien, vorbreitende Propaganda, aggressive Maßnahmen unterhalb der Schwelle militärischer Gewalt – Kriegspropaganda ist nichts Neues, doch sie hat weltweit eine neue Qualität angenommen, zeigt Ulrich Teusch in seinem neuen Buch „Der Krieg vor dem Krieg. Wie Propaganda über Leben und Tod entscheidet“. Ein Auszug aus dem Buch.  Ulrich Teusch

Als in den 1970er Jahren in der ehemaligen britischen Kolonie Rhodesien (dem heutigen Simbabwe) der Konflikt zwischen der weißen Rebellenregierung unter Ian Smith und der schwarzen Guerilla eskalierte, berichtete selbstverständlich auch der Londoner Daily Telegraph aus dem Kriegs- und Krisengebiet im Süden Afrikas. Sein Korrespondent in Salisbury hieß Brian Henry. Was jedoch nur wenigen Lesern des Telegraph bekannt gewesen sein dürfte: Brian Henry war identisch mit dem Rhodesien-Korrespondenten der Daily Mail, Peter Norman. Dieser Peter Norman wiederum berichtete auch für den Guardian, dort allerdings unter dem Namen Henry Miller. Im wirklichen Leben steckte hinter all diesen Korrespondenten ein rhodesischer Journalist namens Ian Mills, der – wer hätte es gedacht? – auch für die BBC tätig war.1

Eine skurrile Geschichte, aus der man eine hübsche Erklärung für die viel beklagte Homogenisierung der Medien ableiten könnte. Etwas anders und ernster verhält es sich mit einem gewissen Guy Sims Fitch. Er war amerikanischer Staatsbürger und mag älteren Lesern vielleicht noch in Erinnerung sein. In den 1950er  und 1960er Jahren war Guy Sims Fitch ein angesehener und produktiver Journalist. Er schrieb zahlreiche sachkundige Artikel zu ökonomischen Fragen, die in sechs verschiedenen Sprachen und somit fast auf der ganzen Welt verbreitet wurden, auch in deutschen Zeitungen.

Fitch war tief überzeugt von der segensreichen Wirkung privater amerikanischer Investitionen allüberall, warb für freie Märkte und den ungehinderten Zugang zu ihnen als probates Mittel zur Gestaltung der internationalen Beziehungen – Fitch, ein liberaler Geist im Kalten Krieg. Jedoch: Guy Sims Fitch hatte ein Problem. Er existierte gar nicht. Er war eine Erfindung der United States Information Agency (USIA), also des Propagandaarms der US-Regierung.2

Wie viele und welche Autoren unter dem Decknamen Guy Sims Fitch Propagandastücke im Interesse der USA verfassten, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob noch weitere fiktive Journalisten vom Schlage des Guy Sims Fitch existierten – man darf es zumindest vermuten. In amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften publizierte Fitch übrigens nicht. Die USIA durfte ihre Aktivitäten nur im Ausland entfalten; Propaganda im eigenen Haus war untersagt. Natürlich fand solche im Ausland verbreitete Desinformation dennoch oft ihren Weg in die USA, dann zum Beispiel, wenn Nachrichtenagenturen die Propaganda aufgriffen und sie in die US-Medien zurückspielten.

Anders als heute, wo man gerne mit gefälligen Euphemismen wie »strategische Kommunikation« arbeitet, fanden die Mitarbeiter der USIA während des Kalten Kriegs nichts dabei, das Produkt ihrer Tätigkeit als Propaganda zu bezeichnen. Sie waren sogar stolz darauf und überzeugt, einer guten Sache zu dienen, glaubten sie sich doch in einem heroischen Abwehr-kampf gegen die kommunistische Gefahr zu befinden. Bei einzelnen Projekten hat die USIA folgerichtig mit der CIA zusammengearbeitet. Auch im Falle von Guy Sims Fitch darf man unterstellen, dass die CIA über dessen fiktiven Charakter Bescheid wusste.

Das Konstrukt Guy Sims Fitch führt natürlich den Journalismus ad absurdum und steht in denkbar schärfstem Gegen-satz zu echtem Journalismus, wie ihn zum Beispiel in den USA Edward R. Murrow verkörperte. Viele erinnern sich wehmütig an Figuren seines Schlages, von denen sich im verflachten und angepassten Medienbetrieb unserer Tage immer weniger finden. Murrow hat sich bleibende journalistische Verdienste im Zweiten Weltkrieg und sodann in der McCarthy-Ära erworben. Der 2005 veröffentliche Spielfilm „Good Night and Good Luck“ (mit George Clooney als Ed Murrow) erinnert an diese heroische Zeit. Woran er freilich nicht erinnert, ist die Tatsache, dass der berühmte und geschätzte Ed Murrow gegen Ende seiner Karriere dem Journalismus Adieu sagte und von 1961 bis 1964 Chef jener Propagandaorganisation USIA wurde, für die wiederum auch Guy Sims Fitch wirkte. Murrow machte also Propaganda, und zwar handfest. So entwickelte er zum Beispiel für die Regierung Kennedy Ideen, wie man einen Aufstand in Kuba anstacheln könne.

Ed Murrow und Guy Sims Fitch – ein ungleiches Paar und doch ziemlich beste Freunde? „Les extrêmes se touchent“, wie die Franzosen sagen – die Extreme berühren sich. In der Welt der Propaganda ist nichts unmöglich.

Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre kam in der US-amerikanischen Gesellschaft einiges zusammen: Protest-bewegungen ­unterschiedlicher Art, Rassenunruhen, schockierende politische Morde, der verlorene Krieg in Indochina, der Watergate-Skandal, der erzwungene Rücktritt des Präsidenten Nixon. Das Land steckte in einer Krise: eine misstrauische Bevölkerung, eine verunsicherte politische Führung, eine (verglichen mit heute) ziemlich aufmüpfige und unberechenbare Medienwelt. Untersuchungsausschüsse des Kongresses brachten einiges ans Tageslicht, was man vielleicht schon vermutet hatte, aber nun bestätigt fand, etwa zu den Machenschaften des Geheimdienstes CIA.

In den 1980er Jahren dann die Trendwende. Mit Ronald Reagan bezog ein Mann das Weiße Haus, der (wie die Thatcher-Regierung in Großbritannien) einem ungezügelten Kapitalismus das Wort redete. Den Staat schnitt er dort zurück, wo man ihn dringend gebraucht hätte, und stärkte ihn dort, wo man gut und gerne auf ihn hätte verzichten können. Nach Jahren der Entspannung befeuerte Reagan erneut den Kalten Krieg. Vor allem befürchtete er, Zentralamerika könnte zu einem »sowjetischen Brückenkopf« werden.

Gerade in dieser Frage jedoch gingen viele seiner Landsleute nicht mit Reagan konform. Sie sahen im amerikanischen »Hinterhof« brutale Oligarchen am Werk, die ihre skrupellosen Sicherheitskräfte einsetzten, um Priester, Nonnen, Gewerkschafter, Studenten oder Bauern abzuschlachten. Reagan und seine Berater erkannten, dass sie diese Wahrnehmungen umkehren mussten, wollten sie eine dauerhafte Finanzierung für die Streitkräfte von El Salvador, Guatemala und Honduras erreichen oder für die nicaraguanischen Contra-Rebellen, also jene von der CIA organisierte paramilitärische Truppe, die gegen die sandinistische Revolutionsregierung kämpfte. Diese Auseinandersetzung ließ sich nur erfolgreich gestalten, wenn es gelänge, den US-Kongress, die Medien und die Bevölkerung mit ins Boot zu holen.3

Am Anfang beschränkte sich die Regierung eher auf ad-hoc-Maßnahmen gegen die missliebige Berichterstattung einzelner Journalisten wie die des New York Times-Korrespondenten Raymond Bonner. Ab etwa 1982 nahmen die Aktivitäten dann systematischere Formen an. Was man in früheren Zeiten ungeschminkt als Propaganda bezeichnet hätte, hieß nun anders. Die Rede war jetzt von Public Diplomacy, Psychological Operations (Psyops), von Perception Management (Wahrnehmungsmanagement), Smart Power, Soft Power etc. Da Steuergelder nicht eingesetzt werden durften, um die eigene Bevölkerung gezielt mit Propaganda zu bearbeiten oder auf Kongressabgeordnete Einfluss zu nehmen, sahen sich die Lenker und Einflüsterer der öffentlichen Meinung nach privaten Finanzierungen um. Eine Rolle in diesem Zusammenhang spielte offenbar Rupert Murdoch, der schon an früherer Stelle erwähnte rechte Medienmagnat australischer Herkunft. Er verfügte über enge Beziehungen zur konservativen britischen Premierministerin Margaret Thatcher (später auch zum Labour-Premier Tony Blair) und war im Januar und Juli 1983 Gast von Ronald Reagan im Weißen Haus. Beim zweiten Treffen, also im Juli, wurde er interessanterweise vom damaligen Chefredakteur der Londoner Times begleitet (die Times war erst seit zwei Jahren das prestigeträchtigste Stück im wachsenden Medienimperium Murdochs). Reagan sah in Murdoch einen politischen Verbündeten und eine wertvolle Finanzquelle für private Gruppen, die ihre Propagandaaktivitäten mit denen der US-Regierung koordinierten.4

Im Januar 1983 unterzeichnete Reagan die National Security Decision Directive 77. Sie verfolgte das Ziel, die Public Diplomacy in Angelegenheiten der nationalen Sicherheit zu stärken (das heißt: deren Organisation, Planung und Koordination). Der Präsident ordnete die Bildung einer speziellen, beim Nationalen Sicherheitsrat angesiedelten Planungsgruppe an, um Propagandakampagnen zu steuern. Den Vorsitz der Gruppe übernahm Walter Raymond Jr., ein routinierter CIA-Mann, der im Geheimdienst für verdeckte Operationen zuständig gewesen war und eine enge Verbindung zum damaligen Chef der CIA, William Casey, unterhielt. Eine der wichtigsten Aktivitäten der Planungsgruppe konzentrierte sich in einem neuen Büro, das sich Office of Public Diplomacy for Latin America nannte, beim Außenministerium angesiedelt war, aber unter Kontrolle des Nationalen Sicherheitsrats stand.

Als einige Jahre später der Iran-Contra-Skandal untersucht wurde, enthielt der Abschlussbericht auch einen Kapitelentwurf, der die gerade skizzierte Public-Diplomacy-Geschichte aufarbeitete. Er wurde allerdings aufgrund eines Deals zwischen Republikanern und Demokraten nicht veröffentlicht. So blieb der amerikanischen Bevölkerung zunächst verborgen, dass die Reagan-Regierung durch die Einrichtung eines geheimen Mechanismus dafür Sorge getragen hatte, den Kongress, die Medien und die Öffentlichkeit in ihrem Sinne zu manipulieren.5

In den 1980er-Jahren bauten die USA auch ihre Fähigkeiten im Bereich »psychologischer Operationen« (Psyops) deutlich aus. Ursprünglich galten Psyops als militärische Technik. Sie sollten eine feindliche Macht durch Lügen, Verwirrung und Terror unterminieren. Die Reagan-Regierung zeigte sich jedoch überzeugt, dass Psyops auch in Friedenszeiten erforderlich seien und zudem die amerikanische Öffentlichkeit selbst ein-beziehen müssten. Oberst Alfred R. Paddock Jr. bezeichnete in einem einflussreichen Papier vom November 1983 (»Milita-rypsychological Operations and US Strategy«) Psyops als das einzige Waffensystem, das in Friedenszeiten, während eines Kriegs sowie nach dessen Beendigung einzusetzen sei. Im März 1984 stimmte Reagan der National Security Decision Directive 130 zu. Sie erlaubte Psyops auch in Friedenszeiten, falls die Regierung eine Bedrohung der nationalen Interessen geltend machen konnte.

Ende Juli 1986 wurde offiziell ein Psychological Operations Committee (POC) eingesetzt, an dem der Nationale Sicherheitsrat, das Außen- und das Verteidigungsministerium, die CIA und die US Information Agency beteiligt waren. Das POC beschäftigte sich in den Folgemonaten vor allem mit Mittelamerika – El Salvador, Guatemala, Honduras, Costa Rica, Panama, Nicaragua –, aber auch mit den Philippinen, wo 1986 der langjährige und von den USA unterstützte Diktator Ferdinand Marcos gestürzt worden war.

Die frühen Aktivitäten auf den Gebieten der Public Diplomacy oder des Perzeptionsmanagements wurden also schon nach einigen Jahren mit einer Psyop-Bürokratie zusammengeschlossen. Und zur anfänglichen Zusammenarbeit mit privaten Unterstützern (wie Murdoch) oder etablierten und scheinbar unabhängigen Organisationen (wie dem überwiegend von der US-Regierung finanzierten Freedom House, das sich der weltweiten Förderung liberaler Demokratien verschrieben hat) trat die Gründung völlig neuer Organisationen hinzu. Dieser Trend setzt sich bis in die Gegenwart fort und scheint sich im Zeichen des Kampfes gegen angebliche russische Propaganda sogar noch zu verstärken. Es handelt sich um eine regelrechte Wachstumsindustrie. Immer neue Akteure treten auf den Plan, immer neue Querverbindungen und Netzwerke entstehen, sodass man als interessierter Beobachter vor lauter Bäumen kaum noch den Wald sieht. Die wohl wichtigste Neugründung der Reagan-Ära war das National Endowment for Democracy (NED), das seit 1983 ohne Unterbrechung von dem Neokon-servativen Carl Gershman geleitet wird. CIA-Direktor Casey hatte die Gründung des NED forciert, und sein Mann im Nati-onalen Sicherheitsrat, Walter Raymond, stand Carl Gershman mit Rat und Tat zur Seite.6

Obwohl vom US-Kongress mit über 100 Millionen US-Dollar pro Jahr finanziert, steht das NED vielerorts im Ruf der Unabhängigkeit. Manche glauben sogar, es handele sich um eine Nichtregierungsorganisation. Doch nichts könnte abwegiger sein. Faktisch ist das NED ein Propaganda- und Regimewechselinstrument der Regierung in Washington. Der einstige CIA-Mann Philip Agee sagte, das NED tue auf anspruchsvollere Weise das, was die CIA früher mit ihren vergleichsweise altmodischen verdeckten Operationen zu erreichen versuchte. Und auch Allen Weinstein, ein Gründungsmitglied des NED (und wie viele Neokonservative ein früherer Trotzkist), bestätigte 1991 gegenüber der Washington Post: »Ein großer Teil dessen, was wir heute machen, hat die CIA vor 25 Jahren verdeckt getan.«7

Am 26. September 2013 hatte Carl Gershman in einem Gastkommentar für die Washington Post die Ukraine als »den größten Preis« bezeichnet. Das Land sei ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg nach Moskau. Putin könne am Ende als Verlierer dastehen, meinte der stets zuversichtliche Gershman, und zwar nicht nur im »nahen Ausland«, also in der Ukraine, sondern auch in Russland selbst.8

Im Sommer 2018 trat Gershman bei einer Anhörung des US-Kongresses auf. Begleitet wurde er von zwei weiteren Anwälten des Regimewechsels und der Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten: Daniel Twining vertrat das dem NED angeschlossene und den Republikanern nahestehende International Republican Institute (IRI), Kenneth Wollack das entsprechende, den Demokraten verbundene National Democratic Institute (NDI). Während der Anhörung feierten die drei ihre jüngsten Erfolge in Malaysia, Armenien oder Nicaragua und zeigten sich guten Mutes, auch schwierigere Projekte, wie Russland, China oder Nordkorea auf längere Sicht zu einem guten Ende führen zu können.9 In Nicaragua, wo es 2018 zu erheblichen inneren Unruhen kam, hat das NED seit 2014 insgesamt 4,1 Millionen Dollar investiert.

Aus Sicht des 2018 verstorbenen Investigativjournalisten Robert Parry, der die Herausbildung der Reaganschen Propagandamaschine aufgrund der in den vergangenen Jahren freigegebenen Dokumente rekonstruiert hat, hat sich der Prozess der propagandistischen Formierung unter den nachfolgenden Präsidenten bruchlos fortgesetzt. Insbesondere die journalistische Zunft und die Mainstream-Medienlandschaft seien inzwischen dermaßen angepasst und »auf Linie«, dass im Grunde keine besonderen Bemühungen staatlicherseits mehr erforderlich seien. Es würde ein Lächeln auf William Caseys oder Walter Raymonds Gesicht zaubern, sagt Parry, wenn die beiden sehen könnten, wie reibungslos das von ihnen erdachte System inzwischen funktioniert. Journalisten müssen nicht mehr speziell bearbeitet, unter Druck gesetzt oder schikaniert werden – sie sind alle schon an Bord. Dieser Befund gilt auch, wie wir noch sehen werden, für den Journalismus in Zeiten eines Präsidenten vom Schlage Donald Trumps. Soweit sich hier medialer Widerstand bemerkbar macht, richtet er sich jedenfalls nicht gegen die vertrauten Grundlinien amerikanischer Außen- und Sicherheitspolitik.10

Anfang Februar 2009, zu Beginn der Präsidentschaft Barack Obamas, veröffentlichte die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) eine umfangreiche Recherche zu den Propagandaaktivitäten des Pentagon. Die wichtigsten Ergebnisse11: Zwischen 2004 und 2009 ist der Etat des Pentagon für Öffentlichkeitsarbeit (im weitesten Sinn) innerhalb und außerhalb der US-Grenzen um 63 Prozent gestiegen. Im Jahr 2009 gab das Ministerium 4,7 Milliarden US-Dollar für solche Zwecke aus. Davon gingen 1,6 Milliarden in die Bereiche Rekrutierung und Werbung, gut eine halbe Milliarde in den Bereich Public Affairs, mit dem das US-amerikanische Publikum angesprochen wird, und knapp eine halbe Milliarde für »psychologische Operationen«, die aufs Ausland zielten. Hinzu kamen die Personalkosten für diese Aufgaben, 2,1 Milliarden US-Dollar. Die tatsächlichen Ausgaben dürften noch höher ausgefallen sein, da viele Budgets der Geheimhaltung unterliegen. Besonders problematisch ist der Bereich Public Affairs, weil es zum damaligen Zeitpunkt untersagt war, die amerikanische Öffentlichkeit zum Objekt von Propaganda zu machen. Im Jahr der AP-Studie, also 2009, beschäftigte das Pentagon 27 000 Mitarbeiter für die Bereiche Rekrutierung, Werbung und PR.

Auf einer stillgelegten Luftwaffenbasis in San Antonio, Texas, residiert der Joint Hometown News Service. Hier betätigen sich Pentagon-Mitarbeiter als »Journalisten«. Ihre Beiträge erscheinen in diversen Medien, ohne dass für deren Nutzer erkennbar wäre, wo das jeweilige Produkt herkommt. Der AP-Recherche zufolge plante der Joint Hometown News Service für das Jahr 2009 insgesamt 5400 Presseartikel, 3000 Fernsehbeiträge und 1600 Radio-Interviews. Die Aktivitäten in San Antonio, so die AP-Recherche, sind nur ein kleiner Mosaikstein im schnell wachsenden Medienimperium des Pentagon, das inzwischen größer und mächtiger ist als viele amerikanische Medienunternehmen.

Kurz nach der Veröffentlichung der AP-Studie trat der damalige Chef der Nachrichtenagentur, Tom Curley, an die Öffentlichkeit und kritisierte den Ausbau des Pentagon zu einer »weltweit füh­renden Propagandamaschine«. Curleys Ausführungen bezogen sich auf die gerade zu Ende gegangene Bush-Ära und waren offenbar von der (irrigen) Hoffnung getragen, dass sich unter Obama Grundlegendes ändern werde. In seiner Rede an der University of Kansas beklagte Curley auch Menschenrechtsverletzungen des US-Militärs. Er zitierte mehrere Fälle, in denen Journalisten vom amerikanischen Militär in Kriegsgebieten widerrechtlich festgehalten worden waren; im Irak sei ein Fotoreporter sogar mehr als zwei Jahre lang inhaftiert gewesen. Unbequeme Journalisten seien im Irak und in Afghanistan schweren Repressionen ausgesetzt worden. Das Militär übe Druck auf unabhängige Berichterstatter aus. Dabei arbeite man offenbar auch mit Drohungen. »Führende Kommandeure hätten ihm [Curley, U.T.] zu verstehen gegeben, dass man ›die AP und ihn zerstören wird, wenn er und die Nachrichtenagentur weiterhin auf journalistische Prinzipien bestehen‹ würden.«12

Was den staatlichen Druck auf Journalisten angeht, ist kein Unterschied zwischen republikanischen und demokratischen Regierungen zu erkennen. Unter Clinton wurde es für diejenigen, die amerikanischer Propaganda nicht folgen wollten oder sie konterkarierten, geradezu tödlich. So während des Kosovokriegs 1999, als die NATO zwei Cruise Missiles auf den Weg schickte, um die Studios des serbischen Fernsehens in Belgrad zu zertrümmern. 16 Journalisten wurden getötet. Die Bush-Regierung wiederum hatte es auf den Sender Al Jazeera abgesehen. Im November 2001 wurde das Büro des Senders in Kabul von einer US-Rakete getroffen; im April 2003 traf es die Büros in Bagdad, wobei ein Reporter getötet wurde.13 Dass es sich, wie die US-Regierung behauptete, um unbeabsichtigte Angriffe handelte, ist unwahrscheinlich. Immerhin deutet ein 2005 an die Öffentlichkeit gekommenes Al Jazeera Bombing Memo darauf hin, dass George W. Bush sogar die Überlegung anstellte, die Al-Jazeera-Zentrale im katarischen Doha zu bombardieren; der britische Premier Blair hat ihn aber von dieser Idee wieder abgebracht.14

Unter Obama erlangte 2017 der Countering Disinformation and Propaganda Act (CDPA) Gesetzeskraft; er ist Teil des National Defense Authorization Act (NDAA), das alljährlich den Etat des Verteidigungsministeriums und gegebenenfalls auch die Befugnisse des Militärs regelt. Bereits im 2013 verabschiedeten NDAA hatte Obama zugelassen, dass propagandistische Maßnahmen direkt auf die US-amerikanische Bevölkerung abzielen dürfen. Das war bis dahin zwar offiziell verboten, konnte aber natürlich nicht verhindern, dass die medialen Sprachrohre der Regierung das heimische Publikum mit einer täglichen Propagandadosis versorgten.15

Als Ersatzbegriff für Propaganda ist seit Obamas Zeiten der Euphemismus »strategische Kommunikation« en vogue. In Lettland wurde inzwischen das NATO-Kompetenzzentrum für strategische Kommunikation (STRATCOM) in Betrieb genommen, eine von mittlerweile zahlreichen und kaum noch überschaubaren Initiativen und Programmen unterschiedlichster Träger (NATO, EU, einzelne Staaten, Stiftungen et cetera), die allesamt vermeintliche russische Desinformationen aufdecken sollen. Schon unter Obamas Ägide habe das Konzept der strategischen Kommunikation immer größere Dimensionen angenommen, sagt der renommierte und über jahrzehntelange Berufserfahrung verfügende Kriegsberichterstatter und Dokumentarfilmer Don North: »Die Verhinderung des Informationsflusses ist beispiellos.«16

 

Ulrich Teusch: „Der Krieg vor dem Krieg. Wie Propaganda über Leben und Tod entscheidet“, Westend Verlag, 224 Seiten, 2.4.2019

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quellen und Anmerkungen:

1 Phillip Knightley, The First Casualty, S. 471

2 Die USIA war 1953, als sich der Kalte Krieg auf einen Höhepunkt zubewegte, gegründet worden. 1999 wurde sie aufgelöst, ihre Funktionen leben allerdings andernorts weiter, etwa im Broadcasting Board of Governors (BBG), der für die ans Ausland gerichteten und von der US-Regierung finanzierten Informations- und Meinungsprogramme verantwortlich ist, oder im Büro des Staatssekretärs für Public Diplomacy und Public Affairs.

3 Die folgende Darstellung bezieht sich auf diverse Recherchen des 2018 verstorbenen US-Journalisten Robert Parry. Vgl. u.a. Robert Parry, CIA’s Hidden Hand in »Democracy« Groups, in: Consortiumnews, 8.1.2015; https://consortiumnews.com/2015/01/08/cias-hidden-hand-in-democracy-groups/ Ders., The Orwellian War on Skepticism, in: Consortiumnews, 1.12.2016; https://consortiumnews.com/2016/12/01/the-orwellian-war-against-skepticism/ Ders., How US Flooded the World with Psyops, in: Consortiumnews, 25.3.2017; https://consortiumnews.com/2017/03/25/how-us-flooded-theworld-with-psyops/ Ders., The Legacy of Reagan’s Civilian »Psyops«, in: Consortiumnews, 13.10.2018; https://consortiumnews.com/2017/10/13/the-legacy-of-reagans-civilian-psyops/

4 Robert Parry, Rupert Murdoch: Propaganda Recruit, in: Consortiumnews, 5.10.2015; https://consortiumnews.com/2015/10/05/rupert-murdoch-propaganda-recruit/

5 Robert Parry, The Victory of »Perception Management«, in: Consortiumnews, 28.12.2014; https://consortiumnews.com/2014/12/28/the-victory-of-perception-management/

6 Robert Parry, CIA’s Hidden Hand in »Democracy«-Groups

7 Max Blumenthal, Inside America’s Meddling Machine: The US Funded Group that Interferes in Elections Around the Globe, in: Grayzone, 20.8.2018; https://grayzoneproject.com/2018/08/20/inside-americas-meddlingmachine-the-us-funded-group-that-interferes-in-elections-around-the-globe/

8 Vgl. Robert Parry, The Mess that Nuland Made, in: Consortiumnews, 13.7.2015; https://consortiumnews.com/2015/07/13/the-mess-that-nuland-made/

9 Vgl. Edward Hunt, NED Pursues Regime Change by Playing the Long Game, in: Counterpunch, 6.7.2018;  ttps://www.counterpunch.org/2018/07/06/ned-pursues-regime-change-by-playing-the-long-game/

10 Max Blumenthal, Die »Einmischmaschine« der US-Regierung rühmt sich, in Nicaragua den Boden für den Aufstand zu bereiten, in: Linke Zeitung, 21.6.2018; https://linkezeitung.de/2018/06/21/us-regierung-ruehmt-sichin-nicaragua-den-boden-fuer-den-aufstand-zu-bereiten/ Darin heißt es: US-Regierungsbehörden haben Millionen Dollar dafür ausgeben, »den Grundstein für einen Aufstand gegen Daniel Ortega zu legen«.

11 Robert Parry, The Victory of Perception Management

12 Vgl. zum Folgenden: Chris Tomlinson, Big increase in Pentagon budget for propaganda, in: Flat Earth News, 5.2.2009; www.flatearthnews.net/category/blog/big-increase-pentagon-budget-propaganda

13 Thomas Pany, USA: AP-Chef beklagt den Druck des Militärs auf unabhängige Berichterstatter, in: Telepolis, 9.2.2009; https://www.heise.de/newsticker/meldung/USA-AP-Chef-beklagt-den-Druck-des-Militaers-auf-unabhaengige-Berichterstatter-206637.html

14 Vgl. Jörg Becker, Medien im Krieg – Krieg in den Medien, S. 197 ff.

15 Kevin Maguire und Andy Lines, Exclusive: Bush Plot to Bomb His Arab Ally. Madness of war memo, in: Daily Mirror, 22.11.2005; https://web.archive.org/web/20051128012515/www.mirror.co.uk/news/tm_objectid%3D16397937%26method%3Dfull%26siteid%3D94762%26headline%3Dexclusive–bush-plot-to-bomb-his-arab-ally-name_page.html

19 Jason Hirther, Invisible Empire Beneath the Radar, Above Suspicion, in: Counterpunch, 22.6.2017; https://www.counterpunch.org/2017/06/22/invisible-empire-beneath-the-radar-above-suspicion/

16 Don North, US/NATO Embrace Psy-ops and Info-War, in: Consortiumnews, 2.9.2015; https://consortiumnews.com/2015/09/02/usnato-embrace-psyops-and-info-war/

Anzeige von 5 kommentaren
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    manfred
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    Es gibt keinen gerechten Krieg, es gibt nur den gerechten Frieden.

    Lange noch vor jedem Schuss der fällt, stirbt die Wahrheit als allererstes.

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    heike
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    Zur Zeit rechtfertigt allein die ökonomische Lukrativität die Ausfuhr deutscher Waffen in die Welt für viele Menschen. Dass damit getötet wird/werden kann wird ausgeblendet.

    Erstmalig habe ich  auch in der Tagesschau vernommen, dass Deutschland zu den größten Rüstungsexporteueren der Welt gehört. Die wenigstens scheinen sich daran zu stören. Grund dafür ist folgender Hintergedanke (oder Wahrheit?): Alles was unsere Wirtschaft stärkt sichert unseren Wohlstand.

    Also muss man Wohlstandssicherung betreiben können, die keiner Waffenexporte und Kriege bedarf.

    Man könnte auch mal hochrechnen, wieviel vom Gewinn der Waffenexporte bei jedem einzelnen Bundesbürger hängenbleibt, um diese scheinbar Sicherheit bietende Abhängigkeit von Waffenexporten aus unserem Land in die Welt zu widerlegen.

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    heike
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    Moralisch rechtfertigt natürlich nichts einen Krieg. Bisher hat sich die Weltgeschichte leider nie an Moral gehalten. Es sollte anders werden.
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    Piranha
    Antworten
    Und das sagte 2012 die IG-Metall:

    http://www.taz.de/!5088302/

    Das Friedensforschungsinstitut Sipri:

    https://www.ikz-online.de/wirtschaft/globaler-waffenhandel-nimmt-laut-friedensforschern-weiter-zu-id11587017.html?displayDropdownTop=none&displayDropdownBottom=block

    2014 konnte man in der ZEIT lesen:

    https://www.zeit.de/wirtschaft/2014-08/gabriel-ruestungsindustrie-arbeitsplaetze

    Es war Ernst-August Kiehl, BR-Vorsitzender bei Thyssen-Krupp, der sich lauthals beklagte, dass zu wenige an den Verlust von Arbeitsplätzen dächten, wenn weniger (Mordwerkzeuge) hergestellt würde(n).

     

    Bis dahin hatte ich mir kaum Gedanken über den Widerspruch gemacht  „Gewerkschafter sein und zugleich in einer auf Menschentötung spezialisierten Fabrik“ zu arbeiten. Wie halten diese das aus?

    Noch schlimmer grinst die Teufelsfratze hinter jenen, die in ihren sauberen Uniformen am Schreibtisch sitzen und mit Mausklicks via Drohnen Bomben regnen lassen, Menschen zerfetzen, in die Luft jagen…

    Wie halten diese das aus?

    Oder fahren sie um 17:00 Uhr in ihre schmucken kleinen Vororthäuschen, nehmen Frau und Kinder in den Arm: „heute hat Daddy die Welt für euch ein bisschen sicherer gemacht“, und dabei vergisst, dass in den USA und jeden Tag 200 Menschen ermordet werden (1)

     

    „Soldaten aller Länder, geht nach Hause! Dann haben wir endlich Frieden auf der Welt“

    Ungezählte Male habe ich den Spruch genutzt, nachdem ich den Rubikon-Sticker verteilt und geklebt hatte. Zuletzt gestern an der Bäckereitheke freundlich-deutlich ggü. einem Soldaten und lächelnd nachschob“ „das wärs doch, oder?“  Er stimmte freundlich nickend zu (vielleicht war er auch nur gut erzogen 😉 ), und hinter mir brummte ein alter Mann: „Genau!“

     

    (1) zum Vergleich: in der BRD 2017  – auch wenn hier genauso jeder einzelne einer zu viel war – waren es 406.

     

     

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    heike
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    Im Jahr 2017 hat die Bundesrepublik Rüstungsgüter im Wert von 130 Millionen Euro an die Vereinigten Arabischen Emirate und an Saudi-Arabien geliefert. In den Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und CDU/CSU Anfang 2018 einigte man sich auf einen sofortigen Lieferstopp von Waffen an Staaten, die unmittelbar in den Jemenkrieg involviert waren (sind).  Das war vor einem Jahr. Seitdem hat die Bundesregierung Waffenlieferungen im Wert von 400 Millionen Euro mittels 208 Einzelgenehmigungen an die acht Staaten der von Saudi-Arabien geführten Kriegsallianz (Kuwait, gegen Jemen geliefert.

    Grüne und Linke fordern einen kompletten Exportstopp für Länder der Jemen-Allianz. Auch SPD-Vize wandte sich gegen jegliche Aufweichung der bestehenden Regelung. CDU/CSU sind der Meinung  „ein unilateraler Stopp von Rüstungsexporten ist außen- und sicherheitspolitisch unverantwortlich.“ Diese Meinung äußern sie vor dem Hintergrund, dass dieser Krieg mittlerweile mindestens 56 000 Tote gefordert hat und 80 Prozent der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen ist.

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