Die Satanismus-Formel 1/2

 In Politik (Inland), Roland Rottenfußer, Spiritualität, Wirtschaft
In Polanskis Film "Rosemary's Baby" sind Satanisten "normale" Leute der feinen Gesellschaft.

In Polanskis Film „Rosemary’s Baby“ sind Satanisten „normale“ Leute der feinen Gesellschaft.

Die versteckte Agenda des Neoliberalismus. Wir sind nicht böse, wir stehen über derartigen moralischen Vorurteilen. Wir sind friedlich, aber wenn uns jemand angreift, schlagen wir mit aller Macht zurück. Wir glauben nicht an einen Gott oder an Vergeltung im Jenseits; der Wille des Menschen selbst ist oberster Maßstab. Wir glauben an eine natürliche Rangordnung, die den Menschen aufgrund von Stärke und Leistung ihren Platz in der Gesellschaft zuweist. Wer schwach ist, hat keinen Anspruch darauf, den Starken ihre Energie rauben zu dürfen. Jeder ist für sein Schicksal selbst verantwortlich, weshalb Mitgefühl nur schadet. Eigentlich ganz „normale“ Ansichten, oder? Diese und andere Leitsätze prägen aber die Weltanschauung des Satanismus nach Anton LaVey. Auch ohne dass der Teufel beschworen wird, ist dies die unausgesprochene Agenda unserer Epoche, besonders des neoliberalen Kapitalismus. Und sie ist verteufelt erfolgreich. (Roland Rottenfußer)

„Ohne künstliche Regeln gibt es eine natürliche Ordnung innerhalb einer Gesellschaft, aber deren Entwicklung wird von den Vorstellungen behindert, dass die Menschen gleich sind, gleiche Rechte hätten und dass die Fähigen eine Art moralische Verpflichtung hätten, die weniger Fähigen und Unfähigen mitzutragen. Dies schränkt nicht nur die Fähigen in ihrer Entfaltung ein, sondern nimmt den weniger Fähigen auch jede Motivation, sich selbst um ihr Leben zu kümmern und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.“ (Lars Peter Kronlob in „Die Philosophie des Satanismus“.)

Es wird in der öffentlichen Selbstdarstellung des Neoliberalismus selten so ungeschminkt gesagt, aber diese Sätze umreißen das dominierende Paradigma unserer Epoche. Im ersten Teil dieses Abschnitts wird die Gleichheit der Menschen radikal in Frage stellt, ein Abschied von der Ära der Demokratie und des Sozialstaats. Im zweiten Teil beweinen sich die Systemgewinner selbst als Opfer der Verlierer, ohne dass reflektiert wird, wie es zu ungleicher Verteilung von Geld, Posten und Fähigkeiten kommen konnte. Eine naturgegebene Rangordnung soll demnach nicht künstlich durch falsche Rücksichtnahme eingeebnet werden. Im dritten Teil zeigt sich der quasi pädagogische Anspruch des „Förderns und Forderns“. Soziales Mitgefühl würde den „Unfähigen“ nur die Chance nehmen, selbst eigenverantwortlich an ihrem Schicksal zu basteln. „Jeder ist eines Glückes Schmied“, und wer schlecht geschmiedet hat – selbst schuld.

Fasziniert las ich im letzten Jahr dieses Buch über den Satanismus, geschrieben nicht von einem Kritiker oder Analysten, sondern von einem Befürworter dieser Geisteshaltung. Ich hatte geglaubt, ich würde von Teufelsanbetung und Schwarzen Messen erfahren, erwartete, in eine Gruselwelt à la „Rosemarys Baby“ einzutauchen. Gefunden habe ich eine eher nüchterne Aufzählung von Denkgrundlagen, die man – stünde nicht „Satanismus“ auf dem Buchumschlag – ebenso gut als Kompendium des Wirtschaftsliberalismus hätte lesen können. Zunächst ein paar Klarstellungen:

1. Es geht mir in diesem Artikel nicht darum, die reale Existenz eines Satans oder Teufels zu behaupten. Ich selbst glaube nicht daran – und Satanisten auch nicht, wie wir noch sehen werden. Also keine „Dämonisierung“ des Neoliberalismus im buchstäblichen Sinn (so als glaubte ich, dass buchstäblich der Teufel einer Margret Thatcher, einem Graf Lambsdorff oder Gerhard Schröder souffliert hätte). Vielmehr geht es mir darum, Merkmale einer ökonomistischen, materialistischen und sozialdarwinistischen Weltanschauung herauszuarbeiten, die ich für bedenklich halte.

2. Es geht mir nicht darum, vor dem Satanismus zu warnen. Der Name, den sich die Bewegung gegeben hat, ist für die meisten Warnung genug. Speziell in den sehr aufgeklärten Kreisen, in denen wir uns bewegen, ist die Gefahr, dass jemand zum Satanisten wird, wohl gering. Es wird sich bei näherer Untersuchung eher zeigen, dass Satanismus „normaler“ und uns näher ist als wir gemeinhin denken.

3. Unter Satanismus verstehe ich in diesem Zusammenhang eine Weltanschauung, wie sie von Anton LaVey als festes System entwickelt wurde. Ich kann in diesem Zusammenhang also nicht jeglichen Teufelsglauben, jede Form von „Teufelsanbetung“ mit einbeziehen, auch nicht abweichende Spielarten wie etwa die Philosophie Aleister Crowleys, die weitaus esoterischer ist (obwohl es da natürlich Ähnlichkeiten gibt wie etwa das Postulat absoluter Freiheit von moralischen Einschränkungen).

Eine Quelle für meinen Artikel ist auch Carl Amerys Begriff der „Hitler-Formel“. Amery versuchte, ein Denkmuster aus seinem üblichen Zusammenhang (der Geschichte des Nationalsozialismus) herauszulösen und damit klar zu machen, dass es in weniger offensichtlicher Form auch anderswo herumspukt und zur Bedrohung für die Menschlichkeit werden könnte. Amerys Buch heißt „Hitler als Vorläufer“. Die „Hitler-Formel“ besagt ungefähr, dass in einer Welt begrenzten Raums und begrenzter Ressourcen nicht genug Platz für die Bedürfnisse aller da sei. Daher müsse eine Elite sinnvoll selektieren und dabei notfalls auch überkommene moralische Vorurteile über Bord werfen – im Interesse derer, denen sie das Lebensrecht zugesteht. Man braucht nicht lange zu suchen, um Spuren dieses Denkens bis in die aktuelle Tagespolitik hinein zu entdecken. Man denke etwa an die „Das Boot ist voll“-Panik, die beim Thema Zuwanderung in rechts gerichteten Kreisen aufkommt.

Die „Satanismusformel“, die ich hier als Begriff vorschlage, besagt in der Kürze folgendes:

1. Wir sind nicht böse, wir stehen vielmehr über derartigen moralischen Kategorien.

2. In einem gott- und sinnentleerten Universum ist sich der Mensch selbst der einzige ethische Orientierungspunkt.

3. Es ist richtig und erlaubt, seinen Egoismus auszuleben, Altruismus ist Heuchelei.

4. In einem gesunden gesellschaftlichen Organismus ist die Herausbildung von Schichten und Klassen unvermeidlich.

5. Es besteht für den Starken keinerlei Verpflichtung, den Schwachen mit „durchzuziehen“, weil dies beide Seiten in ihrer Entwicklung behindern würde.

6. Wir greifen niemanden unnötig an, wenn wir herausgefordert werden, wehren wir uns aber mit aller gebotenen Brutalität.

7. Aufgabe staatlicher Institutionen ist es, die Handlungsfreiheit der Starken gegenüber dem Neid der Schwachen zu stützen.

Schon diese kurze Aufstellung macht deutlich, dass die „Satanismus-Formel“ das politische und ökonomische Handeln einzelner „erfolgreicher“ Menschen sowie generell der herrschenden Kräfte unserer Gesellschaft entscheidend bestimmt. Speziell in der Politik der „christlichen“ Parteien findet sich interessanterweise ein Gutteil davon wieder – nicht offiziell natürlich, aber faktisch. Allenfalls mag an der Liste überraschen, dass ich dergleichen als „Satanismus“ bezeichne – erscheint es doch eher als blanke Normalität im kapitalistischen Alltag. Ich werde aber durch Zitate aus „satanistischen“ Quellen belegen, dass es bei derartiger Normalität durchaus mit dem Teufel zugeht.

Das erste (und überraschendste) was man in Lars Peter Kronlobs Buch erfährt, ist, dass es um den Satan im Satanismus eigentlich gar nicht geht. Anton LaVey „sah Satan als Prinzip und Metapher, aber auch als die verborgene Kraft in der Natur, die eine ständige Veränderung bewirkt und den Menschen seit Beginn seiner Existenz dazu angetrieben hat, ständig Neues zu entwickeln und den Fortschritt voranzutreiben.“ Eine Metapher, kein realer Höllenfürst mit Hörnern, das klingt beruhigend.

Nur allzu vertraut klingt auch die folgende Beschreibung: LaVay „forderte den Satanisten auf, sein eigener Gott zu sein, die eigene Macht nicht länger nach außen abzugeben und die Verantwortung für das eigene Leben in vollem Umfang zu übernehmen.“ Wir finden dergleichen sehr häufig in der Selbstermächtigungs- und Selbstoptimierungs-Esoterik. Dort wird Eigenverantwortung gepredigt und eine moderne Spielart der Populärmagie. Man solle sich das Gewünschte – etwas Reichtum oder erfüllende sexuelle Beziehungen – einfach mit Hilfe seiner Vorstellungskraft kreieren, die Realität folge dann den Gedanken. Eigenverantwortung ist aber auch das Mantra des Neoliberalismus, der die Daseinsvorsorge für die Bürger individualisieren und einen Entsolidarisierungseffekt erzielen möchte.

Sehr entscheidend im Satanismus ist der Entschluss, keine Maßstäbe für Richtig und Falsch gelten zu lassen, die von außen kommen (z.B. von einem religiösen Regelwerk). Nur ein schwacher Mensch findet in ethischen Regeln einen Vorwand, „die Verantwortung an andere abzugeben oder die Schuld bei anderen zu suchen, wenn etwas in seinem Leben nicht funktioniert. Die Ablehnung dieser infantilen Verhaltensmuster, die von einer unreifen Persönlichkeit und Opfermentalität zeugen, ist ein wichtiger Teil dessen, was einen Satanisten von anderen Menschen unterscheidet. Es ist ein grundlegender Bestandteil des Satanismus, dass jedes Lebewesen für seine Handlung verantwortlich erachtet wird.“

Wir kennen übrigens den Begriff „Opferbewusstsein“ ebenfalls aus der esoterischen Ratgeberliteratur. Damit sind nicht nur Wehleidigkeit und Passivität gemeint, sondern die Annahme, dass überhaupt irgendetwas anderes als man selbst Ursache der eigenen Lebenssituation sein könne. Insbesondere Elternhaus, Milieu, Vererbung und gesamtgesellschaftliche Umstände dürfen demnach nicht mehr als „Entschuldigungen“ für eigenes Versagen herangezogen werden. Menschen in sozialen und psychischen Notlagen agieren quasi unter einer Käseglocke, die sie von allen äußeren Einflüssen abschirmt. In dieser isolierten Situation haben sie sich für falsche, nicht Erfolg versprechende Verhaltensweisen „entschieden“, weshalb sie die Folgen ihres Versagens auch allein tragen müssen.

Wichtig ist, festzustellen, dass Satanismus nicht einfach der Glaube an den Teufel als „Gegengott“ ist, vielmehr repräsentiert er die Abwesenheit einer Religion im herkömmlichen Sinn des Wortes, den radikalen Verzicht auf Glauben und Transzendenz. „Satanismus ist die einzige Religion der Welt, die vollständig auf das Diesseits ausgerichtet und ausschließlich weltlicher Natur ist. Den zentralen Kern bildet der Satanist als sein eigener Gott und die Hingabe an das Leben im Hier und Jetzt, anstatt der Abgabe der eigenen Macht und Verantwortung aufgrund des Glaubens an ein höheres Wesen und die Befolgung von dessen Regeln und Geboten.“

Das klingt zunächst nachvollziehbar, sogar sympathisch, denn viel Schindluder ist mit der Behauptung getrieben worden, jemand (ein „Prophet“) wisse genauestens über den Willen Gottes Bescheid. Viel Missbrauch auch mit der Entwertung des Hier und Jetzt zugunsten eines wolkigen „Jenseits“. Es ist interessant, festzustellen, dass uns nicht aus jeder Äußerung von Satanisten sogleich ein abstoßender Schwefelgeruch anweht. Der Unterschied zu einem humanistischen Atheismus, wie ihn auch viele Linke teilen, besteht jedoch darin, dass Satanisten die Freiheit, die sie sich nehmen, nicht für solidarisches Handeln nutzen, sondern vielmehr als Vorwand für die Verweigerung von Solidarität. Wir können dies am deutlichsten im folgenden Zitat erkennen: Der Satanist „glaubt nicht an den Mythos der Gleichheit und betrachtet andere Menschen nicht als seine ‚Brüder und Schwestern‘, sondern orientiert sich an den Gesetzen der Natur, in welcher derjenige überlebt und weiterkommt, der seine Fähigkeiten besser zu nutzen weiß.“

Der Werbeslogan des erfolgreichen Folter-Horror-Films „Saw III“ lautete: „Hast du das Leben verdient?“ Ein sadistischer Psychopath erlegt seinen Opfern in diesem Film grausame Prüfungen auf, die nur der „Stärkste“ überleben kann. Eine Werbeanzeige der Turnschuhfirma Nike prunkte mit dem Slogan: „Wer Mitgefühl will, muss woanders suchen“. Schließlich tat sich Ex-SPD-Chef Müntefering, ganz in „Saw“-Manier, mit dem Ausspruch hervor: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Generell zielt der von politischen und ökonomischen Interessengruppen inspirierte Zeitgeist darauf ab, das „Recht auf Leben“, das in zivilisierten Gesellschaften als unantastbar galt, aufzuweichen und durch ein „Recht der Lebensfähigen und Tüchtigen auf Leben“ zu ersetzen. Durch den Rost fällt, wer im „Kampf uns Dasein“ unterliegt – nur gerecht und ganz natürlich, oder?

Da war das christliche Abendland doch schon mal weiter – vor allem, nach dem Schock, den die Euthanasieprogramme der Nazis, die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bekannt wurden, ausgelöst hatten. „Täglich RM 5,50 kostet den Staat ein Erbkranker“, heißt es auf einem NS-Propaganda-Plakat. „Für RM 5,50 kann eine erbgesunde Familie 1 Tag leben“.

Morgen lesen Sie in diesem Webmagazin den zweiten Teil des Artikels „Die Satanismus-Formel“

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