Die Satanismus-Formel 2/2

 In Politik (Inland), Roland Rottenfußer, Spiritualität, Wirtschaft
Al Pacino in "Im Auftrag des Teufels"

Al Pacino in „Im Auftrag des Teufels“

Die versteckte Agenda des Neoliberalismus. Wir sind nicht böse, wir stehen über derartigen moralischen Vorurteilen. Wir sind friedlich, aber wenn uns jemand angreift, schlagen wir mit aller Macht zurück. Wir glauben nicht an einen Gott oder an Vergeltung im Jenseits; der Wille des Menschen selbst ist oberster Maßstab. Wir glauben an eine natürliche Rangordnung, die den Menschen aufgrund von Stärke und Leistung ihren Platz in der Gesellschaft zuweist. Wer schwach ist, hat keinen Anspruch darauf, den Starken ihre Energie rauben zu dürfen. Jeder ist für sein Schicksal selbst verantwortlich, weshalb Mitgefühl nur schadet. Eigentlich ganz „normale“ Ansichten, oder? Diese und andere Leitsätze prägen aber die Weltanschauung des Satanismus nach Anton LaVey. Auch ohne dass der Teufel beschworen wird, ist dies die unausgesprochene Agenda unserer Epoche, besonders des neoliberalen Kapitalismus. Und sie ist verteufelt erfolgreich. (Roland Rottenfußer, 1. Teil des Artikels hier)

Sehr wichtig ist die Selbstcharakterisierung des Satanismus als „nicht böse, nicht gut, sondern jenseits von Gut und Böse“. Nietzsche gehört nicht umsonst zu LaVeys Gewährsmännern. Statt „jenseits von Gut und Böse“ könnte man sagen: „natürlich“. Die Natur selbst in der sattsam bekannten sozialdarwinistischen Auslegung ihrer „Gesetze“ dient als Vorlage und Rechtfertigungsgrund für satanistisches Denken, wobei andere Aspekte des Natürlichen ausgeblendet werden: etwa die vielen Beispiele für soziales Verhalten und Kooperation im Tierreich oder die Strategien der Konkurrenzvermeidung bei Pflanzen (die z.B. versuchen, Nischen zu besetzen, die ihnen weitgehend allein gehören). Über Bord muss demzufolge auch das Mitgefühl. „Mit jedem Menschen Mitgefühl zu haben, zu jedem nett zu sein, oder gar jeden zu lieben, wie es der Nazarener von seinen Anhängern forderte, ist auf jeden Fall nicht menschlich, sondern widernatürlich, was sich schon daran zeigt, dass es in den zweitausend Jahren Christentum noch keiner geschafft hat, dessen moralischen Forderungen zu erfüllen. Im Gegenteil ist es natürlich und menschlich, seine begrenzte Zeit, Energie, Aufmerksamkeit, Güte, Freundlichkeit und Liebe denjenigen zukommen zu lassen, die man wertschätzt und die es aufgrund der persönlichen Meinung verdienen. Alles andere ist nur Heuchelei“.

Hier könnte man sehr leicht Verständnis aufbringen. Ist diese Selbstbeschränkung auf das Menschenmögliche nicht einfach sympathisch und ehrlich? Ist es nicht einfach wahr, dass niemand ethische Maximalforderungen wie Feindesliebe und Verbrüderung mit der ganzen Menschheit zu erfüllen vermag? Ist es nicht pure Normalität, freundlich zu den Freundlichen zu sein und seine Aufmerksamkeit auf die Menschen zu konzentrieren, die einem wirklich nah sind? Stutzig macht einzig die Andeutung, einige Menschen könnten Liebe und Freundlichkeit nicht „verdienen.“ An dieser winzigen Einschränkung kann sich in der Folge viel Krieg und Unmenschlichkeit entzünden. Auch in scheinbar harmlosen Äußerungen wird das Selbstverständnis des Satanismus als Anti-Christentum deutlich. Hatte Jesus doch in der Bergpredigt gesagt: „Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner?“

Speziell die Feindesliebe ist somit auch Angriffspunkt der Satanisten: „Satan repräsentiert Vergeltung anstatt Darbieten der anderen Wange“. Ein Satanist mit dem ansprechenden Namen Ragnar Redbeard wird – und zwar durchaus zustimmend – mit Aussagen wie diesen zitiert: „Derjenige, der die ‚andere Wange‘ hinhält, ist ein feiger Hund, ein christlicher Hund. Vergelte Schläge mit Schläge, Verachtung mit Verachtung, Verurteilung mit Verurteilung, mit Zins und Zinseszins.“ Selbst ein oberflächlicher Blick auf die Weltgeschichte – einschließlich aktueller Ereignisse – zeigt, dass dieses Prinzip wohl fast immer das vorherrschende war. Die Realität der Kriege offenbart die grausige Kehrseite dieser scheinbar „gerechten“ Regel. Eine endlose Kette von Tat, Vergeltung und Gegenvergeltung lässt sich damit rechtfertigen. Es ist die Logik der Blutrache. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Bejahung von Zins und Zinseszins, Ursache von viel menschlichem Elend durch Überschuldung.

Die Geschichte kennt ausschließlich Staatenlenker, die – wie Adolf Hitler zu Beginn des Polenfeldzugs – „zurückgeschlagen“ haben. Hasset und tötet eure Feinde – gerade nach dem 11. September 2001 konnten wir die Wirksamkeit dieses Grundsatzes im „christlich-abendländischen Denken“ bestaunen. Nicht nur dass Osama bin Laden und Saddam Hussein, dass die „Charlie Hebdo“-Attentäter tot sind – auch unzählige Unschuldige wurden in Sippenhaft genommen und im Zuge abendländischen „Zurückschlagens“ als Kollateralschäden ausgemerzt. Man versteht nun auch teiweise Autor Kronlob, wenn er die unerträglichen Heuchelei der vermeintlich Guten geißelt. Es wäre ehrlicher für bestimmte Politiker, sich gleich offen zum Satanismus zu bekennen. Das tut aber keiner, weil es einfach scheiße klingen würde. Die richtige Reaktion auf die Heuchelei vermeintlich christlicher Politiker wäre aber nicht „ehrliche“ Unmenschlichkeit, sondern der Verzicht auf jegliche Unmenschlichkeit, wodurch Sprechen und Handeln dann wieder im Einklang wären.

In der Logik der satanistischen Ideologie liegt denn auch die radikale Ablehnung der Demokratie als „indirekte Herrschaft der dümmsten und schwächsten Elemente der Gesellschaft, da diese stets die Mehrheit bilden“. Anton LaVey sagte zu diesem Thema: „Es darf keinen Mythos der Gleichheit für alle geben; das übersetzt sich nur zu Mittelmäßigkeit, wobei die Schwachen auf Kosten der Starken unterstützt werden.“ Ihre tiefe Aversion gegen Mittelmäßigkeit nutzten Satanisten jedoch nicht dazu, den Durchschnitt durch besondere Menschlichkeit zu überragen; vielmehr geht es um Privilegienerhalt für jene Schicht, die sich selbst zur Elite erklärt hat. „Es sollte den Leuten erlaubt werden, auf ganz natürliche Weise Schichten zu bilden, ohne Eingriffe durch Verteidiger der Inkompetenz. Niemand sollte vor den Auswirkungen seiner eigenen Dummheit beschützt werden.“ (LaVey) Natürlich blenden Satanisten (und Neoliberale) gern aus, dass ihre Definitionen von „Leistung“ und „Versagen“ bzw. von „Stärke“ und „Schwäche“ höchst fragwürdig sind. Durch das Zinssystem und andere Ausbeutungsmechanismen wird laufend Geld von den Arbeitenden hin zu unproduktiven Geld- und Anteilseignern vorgenommen. Somit honoriert das Wirtschaftssystem vielfach eher die Dekadenz der untätigen Oberschicht, der Erben und smarten Renditen-Absahner, statt die wirklichen Leistungsträger zu würdigen – etwa eine schlecht bezahlte Altenpflegerin.

Die „Gottlosen“ vergöttern jedoch vor allem eines: den faktischen Erfolg. Galten Geld, gut dotierte Posten und gesellschaftliches Ansehen im Calvinismus als Anzeichen für die Gnade Gottes, so ebnen sie in der Church of Satan den Weg in die höheren Ränge der „Kirche“. „Des weiteren erklärte LaVey, dass der Status einer Person innerhalb der CoS deren Status außerhalb der Organisation reflektieren sollte. Wer Erfolg im echten Leben aufgrund der Anwendung Satanischer Prinzipien hat, sollte daher auch innerhalb der CoS eine entsprechende Position einnehmen.“ Wie draußen, so drinnen. Der Satanismus, der sich gern als die nonkonformistische Weltanschauung par excellence sieht, spiegelt somit getreulich die Verhältnisse im Wirtschaftsleben wider. Oder spiegelt vielmehr das Wirtschaftsleben satanistische Grundsätze?

Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang noch die Rolle des Staates im Denken LaVeys und seiner Anhänger. Auch hier zeigt sich eine für vermeintliche Rebellen erstaunlich spießige Einstellung: „Satanismus steht für ein liberales Law-and-Order-System. Satanisten verstehen verstehen, dass es keine allgemeingültigen oder gar angeborenen Rechte gibt, sondern dass die Bürger eines Staates genau die Rechte haben, welche ihnen vom Staat zuerkannt werden.“ Vereinfacht gesagt: Es gibt kein Naturrecht mehr. Recht ist, was mächtige Politiker für solches erklären. „Die Polizei ist jedoch wohlgemerkt nicht dafür zuständig, die produktiven Bürger in irgend einer Form einzuschränken, sondern ihre Aufgabe liegt darin, zu gewährleisten, dass nicht der Lebensraum der gesetzestreuen Bürger von kriminellen und asozialen Elementen bedroht und verunstaltet wird.“

Oberflächlich betrachtet, kann man diese Haltung nachvollziehen. Beschrieben wird die Aufgabe der Ordnungsmacht, wie sie derzeit vom „Mainstream“ überall gesehen wird. Scheinbar geht es im Satanismus nur um das Verhindern von Bagatelldelikten. Eine Zigarette auf die Straße zu werfen, solle mit einem Bußgeld belegt werden, forderten Teufelskerle. Man kann sich allerdings denken, worauf die Sauberkeitsfanatiker eigentlich hinauswollen. Eine repressive Grundhaltung erzeugt in der Bevölkerung der „Mittelmäßigen“ eine Atmosphäre diffuser Angst vor einer rigiden Obrigkeit. Dies hilft auch, Aufständen gegen die übermäßige Dominanz der „Eliten“ vorzubeugen. Gesindel soll nicht beim Profitieren stören. Aufgabe des Staates ist es für „Stützen der Gesellschaft“ nicht, für Gleichheit zu sorgen, sondern Ungleichheit mit Waffengewalt abzusichern. Nicht Ausbeutung soll eine hochgerüstete Polizei verhindern, sondern drohende Gegenwehr gegen Ausbeutung. Eine solche dienende Rolle des Staates entspricht ganz der Mentalität der globalen Konzern- und Bankeneliten, die die Masse der „Mittelmäßigen“ unterhalb der Gesetzes, sich selbst jedoch darüber zu positionieren versuchen.

Nach diesem kurzen Besuch im Gruselkabinett satanistischer Weltdeutung und nachdem wir festgestellt haben, dass uns vieles daran alles andere als fremd und exotisch vorkommt, ist es Zeit, die Gegenfrage zu stellen: Was wäre eigentlich das Gegenteil der Satanismusformel? Man könnte es so zusammenfassen:

1. Es gibt klare und universelle ethische Richtlinien.

2. Ihre Quelle ist nicht der Mensch selbst, sondern Gott.

3. Das Ego sollte seine Bedürfnisse zurückstellen und dem Bewusstsein der Verbundenheit, dem Mitgefühl Platz machen.

4. Die Menschen sind von gleichem Wert, krasse Ungleichheit der Besitz- und Machtverhältnisse verbietet sich daher.

5. Schwache besitzen ein Recht auf Leben und Würde, sie sollten von den Stärkeren unterstützt werden.

6. Man sollte Böses nicht mit Bösem vergelten, damit der Frieden eine Chance hat und man sich dem Niveau der Täter nicht nach unten angleicht.

7. Aufgabe staatlicher Institutionen ist es, die Schwachen vor der Dominanz der Starken zu schützen.

Abgesehen davon, dass nicht alle an einen Gott glauben, dürften sich die meisten Leser in dieser Weltanschauung wieder finden können. Man kann darin auch die Quintessenz des jüdisch-christlichen Erbes in unserem Kulturkreis sehen. In ähnlicher Weise interpretierte Carl Amery auch seine „Hitler-Formel“. Er sah im Hass der Nationalsozialisten gegen die Juden auch den Hass gegen ein bestimmtes Prinzip, das sie in diesen verkörpert sahen. Ein Prinzip, das die scheinbar naturnahe sozialdarwinistische Härte ihrer Weltsicht aufzuwiegen versuchte durch Erbarmen und Nächstenliebe. Wenn man hier noch ein bisschen weiter denkt, könnte man sogar sagen: durch die Tugenden der Friedfertigkeit, des Nicht-Urteilens und der Sensibilität, die Qualitäten vieler jüdischer Helden vom verträumten Lautenspieler David bis zu Jesus, der jeglichen „Richtgeist“ und jede Gegenwehr gegen das Übel verweigerte. Amery schreibt über Hitler: „Er erklärte den Juden zum Erzfeind der Nachhaltigkeit; aber er meinte die jüdisch-humanistische Botschaft schlechthin – die Botschaft von der Friedfertigkeit, von der Erhaltung des schwachen und gekränkten Lebens, von der Notwendigkeit der Diskussion und des Kompromisses“

Interessanterweise nennt die PEGIDA-Bewegung als eines ihrer Ziele „die Erhaltung und den Schutz unserer christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur“. Was damit wohl gemeint sein kann, wenn gegen die derzeit am meisten ausgegrenzte Minderheit in Deutschland Front gemachte wird: die Muslime. Was damit wohl gemeint sein kann, wenn gleichzeitig eine Verbrüderung der latent fremdenfeindlichen „Mitte“ unserer Gesellschaft mit Rechtsaußen stattfindet? Bei so viel „Abendland“ sieht man wirklich die Sonne der Vernunft und der Menschlichkeit untergehen.

Letztlich kommt man an der peinlichen Wahrheit nicht vorbei, dass sich das „Abendland“ in seiner dominanten Geistesströmung: dem Wirtschaftsliberalismus und seiner egozentrisch-erbarmungsloser Gewinner-Ethik weitgehend der Satanismusformel ausgeliefert hat. Die Sozialdemokratie, die eigentlich ein natürliches Gegengewicht darstellen müsste (ohne zu stark an religiös begründeten Wertesystemen zu hängen) hat auch diesbezüglich fast vollständig versagt und die Satanismusformel für sich übernommen. Sie agiert wie die Unionsparteien nach dem Motto: Sozial ist, was die Eigenverantwortung stärkt (folglich sind wir umso sozialer, je härter wir Menschen behandeln). Wer sich nicht auf diese Logik einlässt, ist interessanterweise die Partei „Die Linke“, die einer säkularen Traditionslinie entstammt und von den Altparteien in Wahlkämpfen gern zum „Gottseibeiuns“ stilisiert wird.

Spuren des gegenteiligen Prinzips und somit Widerstandspotenzial findet sich ebenso bei den gläubigen, nicht gewalttätigen Muslimen: Menschen, die ein klare ethische Richtschnur kennen, als deren Quelle sie die Offenbarung Gottes ansehen, die die Fürsorge für Arme und Schwache als eine Säule ihrer Religion betrachten, die fordern, dass das egoistische Geltungsbedürfnis des Menschen hinter der Hingabe an Gott zurücktreten solle und deren Koran in jedem seiner Kapitel als erstes die Barmherzigkeit beschwört: „Bismillah ar-Rahman ar-Rahim.“

Natürlich ist ein ehrlich empfundener, gewaltloser Islam nicht die einzige positive Weltanschauung, die dem De-facto-Satanismus der momentanen Welt-„Elite“-entgegenzuhalten wäre. Auch die scharfe Kapitalismuskritik von Papst Franziskus oder die friedenspolitischen Äußerungen der ehemaligen Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche Margot Käßmann zeigen eine erfreuliche Gegenströmung. Nicht zuletzt findet das Gegenteil der Satanismus-Formel natürlich in einer humanistischen Linken ihren Ausdruck, die, ohne „göttliche Offenbarung“ als Denkgrundlage zu benötigen, zu ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen ist wie engagierte Vertreter der Religionen. Daher geht es mir in diesem Artikel auch nicht darum, das Kreuzzeichen allein zum Schutz gegen die Dämonen des Neoliberalismus zu erheben, sondern schlicht Menschlichkeit einzufordern, an der vernünftige und liebevolle Personen jeder Couleur auch gegen scharfen Gegenwind immer festgehalten haben.

Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität mit weniger Leistungsfähigen, Pazifismus, Freiheit vor staatlicher Repression – es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir diesen Werten in unserer Gesellschaft nicht wieder mehr Geltung verschaffen könnten!

Hauptquelle: Lars Peter Kronlob: Die Philosophie des Satanismus, Editin Esoterick

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