Disruptiv, aber strikt gewaltfrei

 In FEATURED, Politik, Umwelt/Natur

Ab 15. April ruft die deutsche Sektion von Extinction Rebellion zu Aktionen des zivilen Widerstands auf. „Extinction Rebellion versteht den Menschen als Mitbewohner, als Teil der Natur. Wir sagen: We are nature defending itself. Wir berufen uns unter anderem auf Mahatma Ghandi, Martin Luther King oder Nelson Mandela. Wir bezwecken vor allem eine Störung des Alltags und werden dazu bewusst Gesetze brechen, allerdings komplett gewaltfrei.“ Interview mit Pressesprecherin Hannah Elshorst.  Bobby Langer

Mit euren Aktionen beruft ihr euch ja auf eine globale Notsituation. Die beschreibt ihr mit drei Worten: „Aufstand oder Aussterben“. Anhand dieser Diagnose erklĂ€rt ihr der Regierung die Rebellion und leistet zivilen Ungehorsam. Ist das soweit richtig?

Hannah: Ja. Wir tun das, weil es Aufgabe der Regierung gewesen wĂ€re, diese Notsituation zu verhindern. Das kann nicht in der Hand von irgendwelchen Gutmenschen liegen. Dazu ist die Aufgabe viel zu groß. Ich erinnere an den Eid der Bundeskanzlerin: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden 
 werde.“ Das hat weder sie getan noch die diversen Koalitionen wĂ€hrend ihrer Amtszeit.

Ihr stellt der Regierung Forderungen. Wie sehen die aus?

Es sind nur drei Forderungen, aber die haben es in sich:

  1. Die Regierungen legen die Wahrheit ĂŒber die tödliche Bedrohung durch die ökologische Krise offen und revidieren alle politischen Entscheidungen, die der BewĂ€ltigung der Krise entgegenstehen. DarĂŒber hinaus kommunizieren die Regierungen und Medien gemeinschaftlich die absolute Dringlichkeit eines Wandels, einschließlich dessen, was Einzelpersonen und Gemeinden dafĂŒr tun mĂŒssen.
  2. Die anthropogenen Emissionen von Treibhausgasen werden bis 2025 auf Netto-Null reduziert und unser ökologischer Raubbau mit allen zur VerfĂŒgung stehenden Mitteln eingedĂ€mmt und – wenn möglich – revidiert. Zentrale Zielsetzung der kĂŒnftigen Gesellschaft ist es, die klimatische Entwicklung des Planeten zu stabilisieren und dabei allen Menschen und weiteren Arten, zuvorderst den am stĂ€rksten gefĂ€hrdeten, maximalen Schutz zu bieten.
  3. Eine Bürger*Innenversammlung muss einberufen werden, welche die Umsetzung der Klima- schutzmaßnahmen kontrolliert und sicherstellt.

Ist die ErklĂ€rung eines globalen Notstands nicht riskant? Vermutlich werden euch Regierungsvertreter erklĂ€ren: „Stimmt nicht, diese Notsituation gibt es gar nicht“. Zieht das Euch nicht die Argumentationsgrundlage weg?

Von der Vernichtung bedroht: Korallenriffe

Hannah: Wir können uns da auf den IPPC-Report* berufen. Es gibt keine seriösere Quelle als die. Wir halten das Wort „Klimawandel“ fĂŒr eine gefĂ€hrliche Verharmlosung. Was wir haben, ist eine Klimakrise. Wenn wir uns die wissenschaftlichen Fakten angucken, dann können wir 2025 einen eisfreien Sommer in der Arktis haben. Zwischen 2030 und 2050 werden wir die 1,5 Grad erreicht haben. Da bedeutet zum Beispiel, dass 80 Prozent der Korallenriffe absterben, bei den viel wahrscheinlicheren 2 Grad sind es schon 99,9 Prozent. Wissenschaftlich spricht man hier von Kipppunkten, die einen Weg zurĂŒck unmöglich machen. Die jeweiligen RĂŒckkoppelungseffekte sind enorm. Zum Beispiel könnte auf den Golfstrom sich dramatisch verĂ€ndern oder sogar zusammenbrechen. Dann wĂŒrde ein Teil Europas unbewohnbar werden. Extinction Rebellion versteht den Menschen als Mitbewohner, als Teil der Natur. Wir sagen: We are nature defending itself. Wie sehr alles zusammenhĂ€ngt, lĂ€sst sich gut am Beispiel der sterbenden Korallenriffe verdeutlichen**: Wenn die komplett absterben, dann fehlt die Nahrungsgrundlage fĂŒr viele kleine Fische. Damit bricht die Nahrungskette fĂŒr grĂ¶ĂŸere Fischarten zusammen und somit auch die Nahrungsgrundlage fĂŒr viele Millionen Menschen. Dann wird „KlimaflĂŒchtling“ das Wort des 21. Jahrhunderts werden. Die Weltbank schĂ€tzt, dass bis 2050 voraussichtlich schon jeder 9. Mensch von der Klimakatastrophe zur Flucht gezwungen werden wird. Das sind dann rund eine Milliarde Menschen.

Mal angenommen, eure Argumente sind stark und fundiert. Warum fĂŒhrt das zwanglĂ€ufig zu Aktionen zivilen Ungehorsams? GĂ€be es nicht auch andere Möglichkeiten, auf die Dringlichkeit der Lage aufmerksam zu machen.

Hannah: Alle anderen Möglichkeiten wurden und werden versucht. Große Organisationen haben Jahrzehnte lang da Energie reingesteckt. Die haben auch viel erreicht, aber nicht genug, um die jetzige Notsituation zu verhindern oder unsere Lebens- und Wirtschaftsweise so Ă€ndern, dass eine Umkehr vorstellbar ist. TatsĂ€chlich nimmt das klimaschĂ€digende Potenzial unsere Gesellschaft von Jahr zu Jahr zu. Alle anderen Wege, die Fahrt gegen die Wand zu verhindern, haben versagt.

Ziviler Ungehorsam – kannst du mal definieren, was das bedeutet?

Hannah: Wir berufen uns unter anderem auf Mahatma Ghandi, Martin Luther King oder Nelson Mandela. Wir bezwecken vor allem eine Störung des Alltags und werden dazu bewusst Gesetze brechen, allerdings komplett gewaltfrei. Wir wollen eine Situation herstellen, die nicht mehr ignorierbar ist. Fridays for Future ist eine wunderbare Bewegung, gefĂŒhrt von mutigen jungen Menschen, aber selbst sie können vom Großteil der Gesellschaft doch ziemlich angenehm ignoriert werden. Man diskutiert ĂŒber die Aktionen der SchĂŒler*innen, aber letztlich tangieren sie niemanden wirklich. In vielen Teilen der Erde leiden die Menschen jetzt schon unter extremen klimatischen Auswirkungen, siehe Mosambik. Wir wollen in Deutschland jetzt zu dem Störfaktor werden, welcher der Klimawandel hier wahrscheinlich erst in 20 Jahren sein wird. Dabei schreiben uns aber keiner politischen Richtung zu. Vielmehr wenden wir uns an alle. Denn die Klimakrise betrifft jeden.

Ihr betont an verschiedenen Stellen, gewaltfreier Widerstand gehöre zu den Grundlagen eures Handelns. Warum eigentlich?

Hannah: Alle Untersuchungen zeigen, dass Gewaltfreiheit die Voraussetzung fĂŒr den Erfolg unserer Aktionen ist. Die Leute, die Extinction Rebellion grĂŒndeten, haben sich teilweise Jahrzehnte lang mit verschiedenen Bewegungen des 20. Jahrhunderts beschĂ€ftigt. Dabei war gewaltfreier, ziviler Ungehorsam die erfolgreichste Methode, tatsĂ€chlich VerĂ€nderung zu bewirken. Wir wollen unseren Widerstand positiv gestalten. Wir wollen, dass es eine gute Stimmung wĂ€hrend unserer Aktionen gibt und die auch bleibt. Gewaltfreier Widerstand nĂ€hrt Hoffnungen und macht Spaß, Gewalt macht Angst.

Also muss niemand Angst haben, dass die Rebellinnen und Rebellen von Extinction sein Auto anzĂŒnden oder seine Scheiben einschlagen?

Hannah: Auf gar keinen Fall. Wir haben ein no-blaming-no-shaming-Prinzip. Kein Individuum ist an sich böse, kein Polizist, kein Manager, kein Soldat. Niemand ist schuld an dem System, wir alle wurden nur hineingeboren. Im Gegenteil, es ist systembedingt, dass die Leute so handeln, auch schÀdlich handeln, wie sie es nun mal tun. Also muss das System geÀndert werden.

Ihr werdet bei euren Aktionen zwangslÀufig mit der Polizei in Konflikt geraten. Wie beugt ihr vor, dass da niemand ausrastet?

Wir wollen Situationen kreierten, in denen eine Gewaltstimmung gar nicht erst aufkommen kann. Eher ist Fröhlichkeit angesagt. Wir machen auch Deeskalationstrainings. Auf den Aktionen sind außerdem Leute von uns dabei, die nur darauf achten, gewaltvolle Situationen zu vermeiden. Unsere klare gewaltfreie Positionierung schreckt schon viele ab, die zu gewaltsamen Handlungen neigen. Keine Gewalt gegen Personen oder privates Eigentum.

Seid ihr darauf vorbereitet, dass agents provocateurs bei euch eingeschleust werden und zu Gewalt greifen oder provozieren, um euch in Misskredit zu bringen?

Hannah: Wir rechnen nicht damit. Im Endeffekt liegt unser Hauptaugenmerk darauf, dass die Stimmung nicht kippt und solche Leute keine Chance haben. Aber natĂŒrlich werden wir in ein paar Wochen mehr wissen.

Ganz gleich, wie gut ihr euch vorbereitet habt, es kann einfach sein, dass es zu Gewalt kommt. Was dann? Habt ihr einen Plan?

Wir haben oft darĂŒber gesprochen, aber wir haben keine eindeutige Lösung dafĂŒr. Klar ist: Wer gegen unsere zehn Prinzipien verstĂ¶ĂŸt, handelt nicht im Namen von Extinction Rebellion und hat nicht verstanden, worum es geht. Wir sind ĂŒberhaupt nicht elitĂ€r, sondern wollen uns fĂŒr alle Menschen aus allen Schichten öffnen und ihnen die Chance geben, sich auf die Situation einzustellen, in der wir nun mal sind. Das Wohl der Menschen liegt uns am Herzen, nur darum geht es. Ohne die Menschen machen unsere Aktionen ĂŒberhaupt keinen Sinn.

Habt ihr einen schriftlichen Konsens? Und falls ja: Wo lassen sich eure Prinzipien nachlesen?

Unsere Prinzipien findet man unter https://extinctionrebellion.de/uber-uns

Unseren Aktionskonsens hier: https://extinctionrebellion.de/aktionskonsens-2

————–

*siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BCnfter_Sachstandsbericht_des_IPCC

** siehe: https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/meere/lebensraum-meer/02888.html

Kommentare
  • Avatar
    Stefan
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    Hey, Danke fĂŒr euer klasse Engagement!
    Wenn ich vom Bodensee (bei Lindau) trotz Mangel an weltlichen GĂŒtern etwas beitragen kann lasst es mich wissen!
    LG
    der foodsaver@leb-vegan.de

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