Droht eine Orbanisierung Griechenlands?

 In FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

175. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Widersprüchliches ist diesmal zu vermelden: gute Nachrichten zu unserer Hilfsaktion und erste bedenkliche Nachrichten aus Griechenland selbst. Letztere sollten um so entschiedener Anlaß sein, uns diesen Negativtendenzen in den Weg zu stellen.  Holdger Platta

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

was uns selber betrifft, die Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“, eine wirklich gute Nachricht vorweg! Obwohl wir uns schon wieder auf die Monatsmitte zubewegen, haben wir in der letzten Woche ein außergewöhnlich gutes Ergebnis erzielt: 8 Spenderinnen und Spender überwiesen 780,- Euro an uns. In der Vorwoche waren das „nur“ 205,- Euro gewesen, 4 SpenderInnen hatten für dieses Ergebnis gesorgt. Natürlich erfüllt uns dieses Spendenhoch (das sogar das des Monatsanfangs mit knapp 600,- Euro deutlich übertrifft) mit großer Dankbarkeit! Und ich werde gleich auch darzustellen haben, dass neuer Bedarf für neue Hilfen aufs deutlichste existiert. Aber das verwundert ganz bestimmt niemanden von uns.

Tassos Chatzatoglou hat mich ausführlich über diese neuen Notfälle informiert. Zunächst zu Nikoletta K. von der Insel Tinos, deren Ehemann Psaradelis K. wir vor einigen Jahren mit Geldhilfe unterstützt hatten wegen mehrfacher Gesundheitsprobleme. Als psychische Probleme hinzutraten, konnten wir nicht mehr weiterhelfen. Psaradelis K. verließ seine Frau. Und Nikoletta K. schlägt sich seither mit ihren zwei Kindern alleine durch – mehr schlecht als recht. Zwar arbeitet sie derzeit – zeitlich befristet als Reinigungskraft in einem Hotel –, aber sie wird, wie in dieser Branche für einheimische Arbeitskräfte üblich, nur schlecht bezahlt – wir berichteten schon mehrfach über diesen Skandal in der Tourismusbranche Griechenlands –, und es haben sich zahlreiche unbezahlte Rechnungen angehäuft. Noch konnte uns Tassos den genauen Fehlbetrag nicht nennen, aber selbstverständlich helfen wir in diesem Fall.

Was den zweiten Notfall betrifft, so gebe ich an dieser Stelle Tassos Chatzatoglou selber das Wort. Es handelt sich um einen 27jährigen Mann aus Argalasti am Pilion, der über viele Jahre hinweg Menschen in seiner Umgebung half, nicht zuletzt, wenn Reparaturbedarf an deren Häusern bestand, und sich bei dieser Arbeit eine Asbestose zuzog. Tassos Chatzatoglou zu diesem Fall:

„Asbestose? – Dabei handelt sich um die sogenannte Asbestlunge, eine Erkrankung der Lunge, die durch Einatmung und Ablagerung von Asbeststaub in den Atemwegen entsteht. Dabei kann es zu Vernarbungen des Lungengewebes aber auch zu Lungenkrebs kommen. Eine Behandlung in Griechenland ist nicht möglich, in Israel jedoch gibt es Spezialisten, die mit der Behandlung der Krankheit vertraut sind. Der Fall wurde durch Kostas an mich herangetragen. Kostas war vor der Krise Mathematik-Professor an der Universität in Athen. Er war ein Freund von Evis verstorbenem Bruder, und auch wir kennen ihn persönlich. Von deutschen Urlaubern hat Kostas erfahren, dass die IHW Griechen in Not hilft. Mein Name wurde erwähnt, als Helfer der IHW vor Ort. Kostas hat mich direkt angesprochen. In Argalasti sammeln die Dorfbewohner derzeit für die Behandlung des beliebten jungen Mannes. Vielleicht können auch wir etwas dazu beisteuern, dass die Behandlung schneller erfolgen kann. Eventuell kennt aber auch eine unserer Leserinnen bzw. einer unserer Leser einen Spezialisten in Deutschland, Österreich oder der Schweiz oder wo auch immer, der dem Mann kostenlos helfen kann, denn in Griechenland bestehen nach wie vor Engpässe in der medizinischen Versorgung.“

Lasst mich die letzte Bemerkung von Tassos noch einmal aufgreifen: nicht nur dringende Geldhilfe ist für den Erkrankten angesagt. Vielleicht gibt es in Eurem Kreis Leserinnen oder Leser, die mit einem Arzt-Tipp weiterhelfen können. Information dann bitte umgehend an mich – gerne auch unter meiner persönlichen Mailanschrift platta-marggraf@web.de. Danke für diese gegebenenfalls ganz besondere Unterstützung schon jetzt!

Damit möchte ich noch einmal zurückkommen auf das Ergebnis der Parlamentswahlen vor einer guten Woche (am 7. Juli des Jahres) in Griechenland, und zwar deshalb nochmal, weil ich am vergangenen Mittwoch teilweise nur mit noch ungesichertem Zahlenmaterial zu informieren vermochte. Zuvor aber in eigener Sache eine Korrektur:

Fälschlicherweise gab ich – für den Beginn der Amtszeit SYRIZA (Anfang 2015) – eine Gesamtarbeitslosenziffer von 40 Prozent an (die – immerhin doch das – die SYRIZA- Regierung auf knapp unter 20 Prozent abzusenken vermochte). Nun, ich hatte da Ziffern der Jugendarbeitslosigkeit mit der Gesamtarbeitslosigkeit durcheinandergebracht. In Wirklichkeit belief sich die Gesamtarbeitslosigkeit in Griechenland zu diesem Zeitpunkt auf „nur“ 28 Prozent. Ich bitte, mein Versehen zu entschuldigen. Doch damit zum endgültigen Wahlergebnis in Griechenland:

Die siegreiche „Nea Dimokratia“ (ND) kam auf 39,85 Prozent (und verfügt nunmehr, Dank der Besonderheiten im griechischen Wahlsystem, über die absolute Mehrheit der Mandate im neuen Parlament – über 158 der insgesamt 300 Sitze).

Die SYRIZA landete, deutlich abgeschlagen, auf Platz 2, mit 31,53 Prozent beziehungsweise 86 Sitzen, gefolgt von der sozialdemokratischen Partei Kinal (Nachfolgeorganisation der PASOK) mit 8,10 Prozent bzw. 22 Sitzen im Parlament. Die KKE, die Marxisten-Leninisten in Griechenland, bekam von 5,3 Prozent der griechischen Wählerinnen und Wähler ihre Stimme und wird im neuen Parlament mit 15 Abgeordneten vertreten sein. Bestätigt hat sich leider auch der Einzug der Rechtspopulisten in den griechischen „Bundestag“, der „Elliniki Lysi“ (der „Griechischen Lösung“), mit 3,7 Prozent (Abgeordnetenzahl 10). Und auch die neue Partei des vormaligen Finanzministers der SYRIZA Yanis Varoufakis, die Mera25, hat es tatsächlich ins griechische Parlament geschafft: 3,44 Prozent aller abgegebenen gültigen Stimmen entfielen auf sie, und sie werden mit 9 Abgeordneten im neuen Parlament vertreten sein.

Vorletzte Nachricht zu diesem Themenkomplex: bestätigt hat sich zum Glück die Prognose, dass die faschistische Chryssi Avgi, die „Goldene Morgenröte“ (deren Mitglieder gerne auch mal den Hitlergruß zeigen!), nicht mehr im neuen Parlament vertreten sein wird: sie erhielt lediglich noch 2,93 Prozent aller abgegebenen gültigen Stimmen. Und zuallerletzt: trotz des heißen Ferienwetters lag die Wahlbeteiligung relativ hoch bei 57,92 Prozent (höher als bei den Septemberwahlen 2015).

Was nun die Wahlversprechungen der neuen Regierung unter Kyriakos Mitsotakis betrifft, so fängt die Sache nicht sehr erfreulich an. Entgegen früherer Versprechungen, die Regierungs“mannschaft“ erheblich verkleinern zu wollen, gehören dem neuen Kabinett Mitsotakis 51 Mitglieder an, die Frauen mit 5 Vertreterinnen in der Regierung dabei aufs deutlichste unterrepräsentiert. Beifall bekam die neue Regierung aus fast allen Ländern der Europa-Union, besonders lächerlich dabei die Äußerung des EU-Wirtschafts- und Währungskommissars Pierre Moscovici: die Europäische Union werde stets an der Seite des griechischen Volkes stehen (so nachzulesen in der „Griechenland Zeitung“, GZ, vom letzten Mittwoch, dem 10. Juli des Jahres).

Verschweigen möchte ich aber nicht, dass auch manche inländischen Kommentare reichlich töricht klangen. Mitsotakis teilte den Griechen mit, sein Ziel sei es, „das Leben jedes Griechen zu verbessern“ (dazu gleich noch was in einem Kommentar von Tassos Chatzatoglou zur neuen Regierungspolitik!). Tsipras meldete sich mit dem Versprechen zu Wort, man werde nunmehr „mit größerer Erfahrung arbeiten“ und sich für die Rechte der einfachen Leute und sozial schwach gestellten Bevölkerungsschichten einsetzen (dito in der GZ vom 10. Juli zitiert). Man fragt sich, wieso das während der letzten 4 Jahre nicht geschah – abgesehen von der Periode der Wahlgeschenke im vergangenen Quartal. Und auch die Äußerung von Yanis Varoufakis dürfte wohl kaum ganz ernst zu nehmen sein (so bedauerlich das auch ist). Er teilte der Öffentlichkeit mit, dass der Prozentsatz der Mea25 im Parlament zwar klein sei, aber „groß genug, um vieles zu verändern“! Wie das seine 9 Abgeordneten bewerkstelligen wollen in einem Parlament mit 300 Mandatsträgern und konfrontiert mit der absoluten Mehrheit der ND-Regierung, dürfte wohl bis auf weiteres sein Geheimnis sein.

Womit ich auch bei der Kommentierung von Tassos Chatzatoglou bin, aus der ich im Folgenden zitieren möchte. Auf den Punkt gebracht, könnte man sagen: es droht eine Orbanisierung der Verhältnisse in Griechenland, eine Veränderung der Demokratie in Griechenland in Richtung Autokratie. Tassos Chatzatoglou:

„Meiner Meinung nach tendiert die neue Regierung zu einem autoritären Regierungsstil. Bis zum Regierungswechsel war der Geheimdienst dem Innenministerium unterstellt, das staatliche Fernsehen und der Rundfunk dem Kulturministerium. Als erste Handlung der neuen Mitsotakis-Regierung wurden Geheimdienst, Fernsehen und Rundfunk dem Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis persönlich unterstellt. Gleich am Montag, unmittelbar nach der Vereidigung, verkündete der Regierungssprecher diese Entscheidung des Ministerpräsidenten. Darauf hin sind die bisherigen Direktoren von Fernsehen und Rundfunk zurückgetreten. Bald werden wir nur noch Lobeshymnen über die gute Arbeit der neuen Regierung hören. Jede Information, die an die Presse weitergegeben wird, ist ab sofort mit Vorsicht zu betrachten.
(…)
Der nächste Schritt der ND-Regierung ist es, den erwirtschafteten Überschuss von 38 Milliarden Euro den Banken zu geben, anstatt in das Gesundheitssystem zu investieren. Ich wünsche mir, dass ich mit meiner Einschätzung falsch liege. (…) Aber Tatsache ist: diese Regierung besteht aus reinen Technokraten, die sich im Dienste des Finanzkapitals einen Namen gemacht haben. Auch Junta-Anhänger und erklärte Antisemiten sind dabei.“

Ich weiß, ein sehr widersprüchlicher Griechenland-Bericht diesmal! Einem hocherfreulichen Ergebnis, was unsere Hilfsaktion betrifft, stehen bereits jetzt so manche Hiobsbotschaften gegenüber, die aus Griechenland selber kommen. Für uns kann das nur Anlass sein, weiterzumachen mit unserer Aktion: in der Gestalt von Hilfe und Kritik! Und genau das werden wir auch tun!

Deshalb erneut mein Aufruf zu Spenden für unsere Hilfsaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“.

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“ auf das Konto:

Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer, wie gesagt, noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V. “, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „GR-IHW“ versehen. Es sei wiederholt: wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets
Euer Holdger Platta

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