Eilmeldung: Der Angriff der türkischen Armee auf Rojava steht kurz bevor

 In FEATURED, Friedenspolitik, Politik

Unter dem Hashtag #RISEUP4ROJAVA werden laufend die Orte und Termine für Protestaktionen gegen den drohenden Angriffskrieg veröffentlicht.

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg  der türkischen Armee auf die demokratische Selbstverwaltung im nordsyrischen Rojava wird vermutlich in den nächsten 24 Stunden erfolgen. Davor haben US-Offizielle die kurdischen und arabischen Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) gewarnt. Das Kriegsziel Erdogans ist eine Vernichtung der kurdisch-arabischen Autonomie in Rojava und ein kompletter Bevölkerungsaustausch in der Region. Es droht eine humanitäre und politische Katastrophe, deren Folgen nicht nur für Millionen  Menschen in der Region verheerend werden. Krieg, Zerstörung, das Wiedererstarken des IS und eine islamistische Besatzungspolitik sowie eine dramatische Fluchtbewegung. Aus aktuellem Anlass veröffentlicht HdS deshalb einen Kommentar von Martin Glasenapp, der als ehemaliger Mitarbeiter der unabhängigen Hilfsorganisation medico international häufig in Rojava war und der per Twitter laufend über die Situation berichtet. Dazu haben wir weitere informative Artikel und Links zusammengestellt. Martin Glasenapp

 

„Der türkische Präsident Erdoğan will mit seinem Einmarsch das kurdisch-arabische Rojava (Nordost-Syrien) in eine Zone des Terrors und Flüchtlingselends verwandeln. In den Jahren 2011 bis 2015 habe ich immer wieder für medico international im syrischen Rojava gearbeitet. Wir haben mit Hilfe der kurdischen Zivilgesellschaft in der Türkei und in Syrien Medikamente und eine Blutbank ins umkämpfte Kobanê gebracht. Die Türkei, die zuvor an anderen Orten ihre Grenztore nach Syrien für die Schlächter des IS aus Tschetschenien, Europa und der arabischen Welt offen gehalten hatte, versuchte Kobanê mit allen Mitteln zu isolieren. Die vom IS belagerte kurdische Grenzstadt blieb auch nach ihrer militärischen Befreiung im Februar 2015 für internationale Hilfe von der Außenwelt abgeschnitten.

In den syrisch-kurdischen Gebieten trafen wir Kurdinnen und Kurden aus der Türkei, dem Irak, aus dem Iran und aus Europa. Wir trafen Freiwillige aus Hamburg und London, aus Istanbul und Diyarbakır, wir tranken Tee mit Peshmergas aus dem kurdisch-irakischen Erbil und jungen Frauen aus dem kurdischen Sanandadsch im Iran. Sie alle waren gekommen, um der Bevölkerung gegen den IS-Terror beizustehen. Es ging ihnen nicht allein um das kurdische Überleben in Syrien. Wenn sie von „unserem Kurdistan“ sprachen, meinten sie weniger einen eigenen Staat mit Grenzen und Gesetzen, sondern die Idee einer demokratischen Gesellschaft aller unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Minderheiten. Ihr Rojava (kurdisch: „Der Westen“) in Syrien war nie ein Stammeskrieg oder ein nationalistischer Wahn, sondern ein Angebot: aus der vorherrschenden religiösen wie ethnischen Vernichtungslogik der Region und dem staatlichen Zwang zur Assimilierung auszusteigen.

Türkische Journalisten twittern diese Karte als Kriegsziel.: Der Angriff auf die Kurden in Nord-Syrien wird erfolgen: US-Offizielle erwarten Einmarsch der Türkei innerhalb 24 Stunden. Die Türkische Armee und ihre islamistischen Söldner-Milizen stehen vor Tal Abyad und Ras al Ain.

Wenn dieser militärische Einmarsch der Türkei mit ihren sunnitisch-islamistischen Milizen so stattfindet, wie ihn Erdoğan angekündigt hat, dann werden nicht nur Häuser, Felder und eine intakte Infrastruktur zerstört, dann wird nicht nur eine demokratische Selbstverwaltung vom Krieg zerrieben zu werden. Dann droht auch eine jahrhundertealte multiethnische und multireligiöse Gemeinschaft ausgelöscht zu werden. Was die Osmanen in der Form nicht wollten, was weder Atatürk noch Assad vollständig gelang, könnte Erdoğan jetzt vollbringen: Die vollständige Arabisierung der Region. Sie käme allerdings nicht in der Gestalt eines brutalen säkularen Autoritarismus, wie es die Baath-Ideologie unter der Assad-Familie in Syrien oder Saddam Hussein im Irak propagierte, sondern diesmal in ihrer fundamentalistisch-atavistischen Form: Frauen werden aus dem öffentlichen Leben verbannt, die Scharia wird Gesetz, religiöse Minderheiten verfolgt und uralte Kirchen werden brennen.

„Geht und sagt den Ungläubigen, dass die Armee Mohammeds zurückgekommen ist“: Das AKP-Revolerblatt Yeni Akit zur Operation der türkischen Armee gegen die syrischen Kurden.

In den syrischen Städten östlich des Euphrat leben kurdische, arabische, aramäische, armenische und yezidische Bevölkerungen. Sie alle waren bisher die Leidtragenden des IS-Terrors, über zehntausend ihrer Kämpferinnen und Kämpfer starben im Widerstand gegen den internationalen Dschihadismus. Jetzt werden sie vom Westen im Stich gelassen und drohen, Opfer einer endgültigen Vertreibung zu werden.

Die Geschichte der Kriege im ehemaligen Jugoslawien hat uns gelehrt: Zerstörte Gebäude und Straßen lassen sich wieder Instand setzen: Aber wenn eine multiethnische und multireligiöse Bevölkerung einmal vertrieben wird, kommt das alte gemeinschaftliche Leben niemals wieder zurück. Kommt es zum großen Krieg, werden die Christen und Yeziden in Rojava mehrheitlich versuchen, nach Europa zu flüchten. Den Kurden bleiben wieder nur die Berge und ihr Widerstand. Wenn in Rojava das kurdische Experiment einer kommunalen Demokratie jenseits von Nation und Staat zerstört wird, bleiben die gewalttätigen Folgen nicht auf das syrische Territorium begrenzt.“

Martin Glasenapp veröffentlicht laufend aktuelle Nachrichten per Zwitter:
https://twitter.com/martinglasenapp?lang=de

Weitere aktuelle Berichte und Nachrichten auf deutsch veröffentlicht die kurdische Nachrichtenagentur anf unter:
https://anfdeutsch.com/

Der Türkei-Korrespondent des Spiegel Maximilian Popp schreibt heute:

„Die Türkei sieht den Weg frei für einen Militäreinsatz im Nordosten Syriens. Präsident Erdogan will dort nicht nur die Kurdenmiliz YPG vertreiben, ihm schwebt ein kompletter Austausch der Bevölkerung vor.“ Weiterlesen unter
https://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-recep-tayyip-erdogan-will-in-den-krieg-gegen-die-kurden-ziehen-a-1290532.html

Anita Starosta, Mitarveiterin der Hilfsorganisation medico international warnt in der Frankfurter Rundschau vor einer humanitären und politischen Katastrophe nach einem Einmarsch der türkischen Armee:
https://www.fr.de/meinung/berlin-deckt-ankaras-kampf-13076639.html

 

 

 

Anzeige von 3 kommentaren
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    Volker
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    Mich wundert gar nicht mehr. Die Irren haben alle einen Freibrief für Mord und Totschlag, aufgerüstet mit Tötungstechnik made in Deutschland sogar, und Idioten in Uniform finden es völlig normal, sich als willige Meute schwanzwedelnd missbrauchen zu lassen. Während Steinmeier & Co. den üblichen Bullshit verbreiten, verrecken Menschen oder werden vertrieben, mit freundlichen Grüßen bundesregierender Mittäter, friedlich-demokratisch-menschenverachtend.
    Sie ernten sogar Beifall für ihr Handeln, wundern sich allerdings darüber, dass Faschisten mitregieren, der braune Rattenschwanz Vernichtungsfantasien folgt und Todeslisten führt.
    Die Menschheit stellt sich kollabierend die Überlebensfrage, während der fortschreitende Untergang dazu noch durch Kriege beschleunigt wird, die gerade- oder später stattfinden. Man übt schon bald Vernichtung vor Russlands Grenzen, der Wahnsinn verselbständigt sich von Tag zu Tag, abgesegnet-beschlossen sowie beweihräuchert.

    Nebenbei überlegen sich alle Irre, wie sich Kriegsflüchtlinge gerecht verteilen- oder abweisen lassen.

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      Piranha
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      Du hast so Recht; man könnte stundenlang kotzen…
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    Peter Boettel
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    Und wo bleiben in diesem Fall die Sanktionen der EU und der Aufschrei, wie er gegen Putin bei der – nichtmilitärischen  und von einer späteren Abstimmung bestätigten – Übernahme der Krim bei der Politik und den „Qualitätsmedien“ erfolgt ist?

    Die Stellungnsahmen von Maas u.a. erfolgen mehr oder weniger mit der gleichzeitigen Entschuldigung, dass sie sich über diese militärische Invasion entrüsten.

    Aber Merkel ist Erdogan schon immer in den A… gekrochen, egal, ob er Menschen eingesperrt, Medien kassiert, den IS unterstützt oder sich sogar in deutsche Politik eingemischt hat.

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