Ein bemerkenswerter Bericht von Tassos Chatzatoglou

 in FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

208. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Ja, von unserer Spendenaktion gibt es heute sehr Ermutigendes zu berichten. Umso schlimmer hingegen alles, was aus Griechenland selber mitzuteilen ist! Wobei wir mit Tassos Chatzatoglou einen Helfer und Berichterstatter an unserer Seite haben, der kompetenter als so mancher andere über dieses schwerstdrangsalierte Land zu informieren versteht. Ich habe deshalb auch keinen Augenblick gezögert, Tassos Chatzatoglous Mail an mich in den Mittelpunkt meines heutigen Berichtes zu stellen. Eine bestinformierte und eminent eindrucksvolle Schilderung der Verhältnisse in Griechenland wartet also auf Euch. Holdger Platta

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

in die Mitte meines heutigen Berichtes möchte ich eine Mail stellen, die ich von Tassos Chatzatoglou vor wenigen Tagen bekam. Wiederum ein glänzend informierter und höchst eindrucksvoller Text, dessen Qualität in beiderlei Hinsicht darauf zurückzuführen ist, dass Tassos eben selber Grieche ist, ein Mitarbeiter in unserem Helferteam, der kontinuierlich zahlreiche Informationen direkt aus Griechenland erhält, aus Medien dort, aber auch von Freunden und Verwandten, zu denen uns weitestgehend der Zugang versperrt ist – allein schon der Sprachbarrieren wegen (keiner von uns anderen aus dem Organisatorenkreis verfügt im gleichen Maße wie Tassos über Griechischkenntnisse). Aber zunächst – wie gewohnt für Euch – die neuesten Spendenzahlen vorweg.

Wir dürfen wirklich mit Fug und Recht sagen: in den letzten sieben Tagen wurden wir reich mit neuen Hilfsgeldern beschenkt. Sehr bald werden wir also unsere Finanzierungslücke schließen können, die während der letzten Wochen entstanden war. Wirklich ein Anlass für Erleichterung und erneut auch Anlass für Dank an Euch, an die UnterstützerInnen unter den HdS-LeserInnen. Doch konkret:

Im Zeitraum 3. bis 9. März gingen sage und schreibe 1.140,- Euro an Neuspenden auf unserem Hilfskonto ein, überwiesen von 7 HelferInnen an uns. Es waren auch einige sehr hohe Überweisungsbeträge dabei. Wie gesagt: ich danke allen SpenderInnen sehr, und ich tue das natürlich wie immer im Namen des gesamten Organisationsteams. Ein Aufschwung, der außerordentlich ermutigend ist! Und in der Vorwoche konnten wir ja ebenfalls schon dankbar sein – für einen Gesamtbetrag an Neuspenden in der Höhe von 510,- Euro (Anzahl der SpenderInnen 6). Auch das war nicht gerade wenig gewesen.

Womit ich auch schon beim neuesten Bericht von Tassos Chatzatoglou bin. Von meiner Seite aus nur die folgenden Erläuterungen vorweg:

Tassos erwähnt in seinen Mitteilungen, dass er selber so etwas wie ein „reingeschmeckter“ Grieche ist (sein Nachname weist übrigens schon auf diese familiäre Herkunft aus Vorderasien hin – das einstmals ja zu Griechenland gehörte; Izmir beispielsweise, die drittgrößte Stadt in der Türkei, war ursprünglich einmal ein griechischer Seehafen an der Westküste des asiatischen Kontinents. Und zumindest Bibelkundigen – siehe die „Offenbarung des Johannes“! – dürfte auch noch der alte, der griechische Name dieser Stadt bekannt sein: es handelt sich um das vormalige Smyrna, das im 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung von Griechen gegründet worden war). Das von Tassos benutzte Wort „Rum-Griechen“ musste ich übrigens selber erst angoogeln. Es leitet sich ab von türkisch „Osmani Rumlari“, und diese Osmanen griechischer Herkunft wurden erst 1914 bis 1923 vom vorderasiatischen Festland vertrieben. Nebenbei ehrt es Tassos – Ihr werdet es gleich lesen können –, dass er sich aus diesen historischen Gründen für zu befangen hält, sein eigenes Urteil über Erdogan mitzuteilen.

Als zweite wichtige Mitteilung schicke ich vorweg, dass Tassos Chatzatoglou studierter Wirtschaftswissenschaftler ist. Wenn er sich über ökonomische Zusammenhänge und Vorgänge in Griechenland äußert, spricht also durchaus ein Experte zu uns.

Und als dritte Erläuterung vor der Lektüre seines Berichtes teile ich Euch mit, dass mit dem „greisen deutschen Politiker“ ganz offenkundig Wolfgang Schäuble gemeint ist. Ihr erinnert Euch: jener bundesdeutsche Politiker, der mit besonderer Schärfe auf der Durchsetzung des sogenannten „Austeritätsprogramms“ in Griechenland bestand – nachzulesen unter anderem in dem minutiösen Report des vormaligen Finanzministers Yanis Varoufakis von der SYRIZA über die Geschehnisse während der ersten Hälfte des Jahres 2015 (deutscher Titel seines Buches: „Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment“).

Da Varoufakis zahlreiche seiner Gespräche – unter anderem mit Schäuble – mit elektronischer Hilfe aufgezeichnet hatte, kann man sich heute noch ein Bild machen von der gewollten Grausamkeit dieser Menschenverelendungspolitik mit dem Tarnnamen „Austeritätsprogramm“ – vereinfacht gesagt: einer Politik, die Absenkung von Löhnen, Gehältern und Renten erzwang bei gleichzeitiger Anhebung der Lasten für die Bürger und Bürgerinnen in Griechenland. Ursprünglich 13 Prozent Mehrwertsteuer wurden zum Beispiel auf 24 Prozent erhöht, was eine immense Steigerung der Lebenshaltungskosten nach sich zog, und diese Mehrwertsteuer wurde auch ausgeweitet auf Produkte, die vormals befreit waren von ihr – nicht zuletzt auf Produkte, deren Einkauf unvermeidbar ist für den täglichen Überlebensbedarf.

Hier nun also Tassos Chatzatoglous bemerkenswerter Tatsachenbericht:

„Es ist viel in Griechenland geschehen, jeden Tag werden wir mit neuen Nachrichten überschüttet. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll: mit der Invasion der Polizei auf der Insel Lesbos oder mit der Prügelorgie an der griechisch-türkischen Grenze. Erdogan ist ein Kapitel für sich, da lasse ich einen ‚Europäer‘ darüber sprechen, ich als Rum-Grieche, als Grieche, dessen Wurzeln in Klein-Asien liegen, bin vorbelastet.

Die Regierung hat ihr Versprechen eingehalten und Tausende junger Leute in den Polizeidienst aufgenommen. Ohne gründliche Ausbildung wurden Polizisten auf die Insel Lesbos geschickt, um den Bau eines KZ zu sichern. Die griechischen Landbesitzer auf Lesbos wurden brüskiert und zu diesem Zwecke zwangsenteignet. Infolgedessen versammelten sie sich zum Protest bei der Baustelle. Was danach geschah, ist nicht mit Worten zu beschreiben. Es kam, wie es kommen sollte, wenn man jemanden mit der Autorität der Polizeiuniform ausstattet und ohne entsprechend gründliche Schulung gegen die Inselbewohner in Stellung bringt. Die Polizisten benahmen sich wie die Hooligans nach einem verpatzten Spiel. Sie zertrümmerten die Scheiben und Scheinwerfer der Autos der Demonstranten. Die Bilder gingen um die Welt. Dies wird nun ein Nachspiel haben, da viele der Demonstranten gegen die Polizei wegen dieser Vorgehensweise Strafanzeige gestellt haben. Danach wurden die Polizisten von Lesbos abgezogen, da diese nun für den Grenzeinsatz benötigt werden.

Die Grenzen wurden dicht gemacht, die Polizisten haben, wie auf der Insel Lesbos zuvor, freie Hand. Die Entscheidung, welche Art von Gewalt angewendet wird, obliegt der Willkür der einzelnen Polizisten. Erneut gehen hässliche Bilder um die Welt. Die Bilder der Frauen und Kinder, in der Kälte wartend, stimmen mich sehr traurig. ‚Wo bleibt die Charta der EU?‘, dachte ich. Da wird von Solidarität gesprochen, vermutlich ist jedoch das Kapital gemeint. Die können sich verständigen, Preiskartelle bilden, Konsortien, Synergien, alles, was man in den Universitäten lernt. Ich meine, Seifenblasen-Theorien und sonst nichts. Das autoritäre Durcheinander jedoch zeigt die Ratlosigkeit der Regierung in Griechenland: die Außerkraftsetzung des Asylrechts, welche von der EU geduldet wird. Damit katapultiert sich die Regierung Mitsotakis wie schon Orban in die rechte Ecke. Seit dem 4. März flattern griechische Fahnen in den Händen der Identitären aus Österreich und Deutschland (darunter auch der rechtsextreme Aktivist Martin Sellner), die unser Europa ‚verteidigen‘ möchten (Quelle: Rechtsextremer Grenzschutz in Griechenland, Belltower News). Die ‚Hooligans‘ in Polizeiuniform helfen dabei.

Ursula von der Leyen ist ebenfalls vor Ort und verspricht Hilfe für die Grenzsicherung.

Wo war die EU, als das Gesundheitssystem in Griechenland zusammenbrach? Wo war die EU, als griechische Kinder durch Hunger in der Schule ohnmächtig wurden? Wo war und ist die EU, wenn Rentner durch Kürzung ihrer Pensionen nach wie vor in die Obdachlosigkeit gezwungen werden? Die EU war zwar präsent, sie hat auf das Diktat eines greisen deutschen Politikers gehört, und sie hat Milliarden an Euros nach Griechenland geschickt, um die Banken sowie die griechische Politiker-Klasse zu retten, damit diese ihre Macht weiter ausüben können. Auf die griechische Mittelschicht wurde keine Rücksicht genommen. Sie wurde skrupellos vernichtet. Das Resultat sind heute ganz Arme und sehr Reiche, die wie eh und je ihr Vermögen ungehindert weiter vermehren.

Das Asylrecht wurde mit Billigung der EU außer Kraft gesetzt und das, obwohl Mitsotakis und jeder andere griechische Politiker es nicht einmal wagen, einmal aufs Klo zu gehen, ohne die EU um Erlaubnis zu fragen.

Ich frage mich, was noch kommt. Was wird als nächstes außer Kraft gesetzt? Das bisher noch geduldete Übernachten der Obdachlosen in den Parks? Weil wir Griechenland aufpolieren müssen? Die Reisezeit naht. Griechenland muss gestriegelt und gebügelt werden. Die Obdachlosen würden dieses schöne Bild von Griechenland in ein anderes Licht rücken, ebenso wie die vielen herrenlosen Hunde und Katzen, die vor jeder Urlaubssaison auf Teufel komm raus vergiftet werden, damit die zufällig noch verbliebenen Tiere von den Urlaubern wieder aufgepäppelt werden können.

In der griechischen Verfassung wird alles schön geredet, auch das Gleichheitsprinzip ist fest darin verankert, ich würde leise flüstern, das gilt nur, solange man über das nötige Kleingeld verfügt!“

Da Tassos in seiner Mail auch die entsetzlichen Flüchtlingsproblematik in Griechenland erwähnt – insbesondere auf den Inseln dort, aber auch an der griechisch-türkischen Grenze: sogar in der neuesten Ausgabe der „Griechenland Zeitung“ (GZ) wird aufs deutlichste diese Thematik angesprochen, und der GZ-Redakteur Dimos Chatzichristou betont in seinem Kommentar die Verantwortlichkeit der griechischen Regierung wie der EU, was die Lösung dieser Probleme betrifft. Er schreibt unter anderem:

„Es ist an der Zeit, Migranten auf das griechische Festland weiterzuleiten. Viele von ihnen müssen dann in andere EU-Länder übersiedelt werden. Die Zeit für hohle Solidaritätsbekundungen von Seiten Europas ist vorbei. (…) Die einzige Lösung besteht darin, Kontingente von Migranten auf die europäischen Länder zu verteilen.“

Nun, einige von Euch LeserInnen wissen es sicherlich: in meinem HdS-Text vor einigen Tagen, in der halbliterarischen Fantasie Utopia oder: Ich hatte heute Nacht einen Traum, war auch von mir schon diese entschieden humanere Politik beschworen worden. Abhilfe kann nur in menschlicher Hilfe bestehen, zu der das gesamte Europa bereit ist, alles andere ist nur Geschwätz!

Und damit erneut zu meinem Aufruf zu Spenden für unsere Hilfsaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“. Also:
Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“ auf das Konto:

Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer, wie gesagt, noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „GR-IHW“ versehen. Es sei wiederholt: wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets
Euer Holdger Platta

Comments
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    Volker
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    Griechenland wird weiterhin zum Verkauf angeboten und ausgebeint werden. Dafür wird gerade geworben und Investoren stehen schon in den Startlöchern. Und danach gibt es kein Zurück mehr.

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