Ein Eisvogel betrachtet mich

 in FEATURED, Gesundheit/Psyche, Politik

Corona-Tagebuch, Teil 14. Zu den wenigen positiven Aspekten dieser politisch eher überschatteten Monate gehört die üppig sprießende Natur, seit Tagen meist von Sonne überglänzt. Zum Glück wohnt unser Autor Götz Eisenberg offenbar in einem fantastischen Biotop, in dem sich seltene Tiere wie Kormorane und Eisvögel tummeln. Und er hat ein Gefühl für all diese Schönheiten. Was aber tun die meisten „Normalbürger“, wenn sie Tieren und Pflanzen begegnen? Tiere werden meist verscheucht, Pflanzen abgesäbelt. Eine tendenziell nekrophile Ordnungsliebe zeigt sich, letztlich die Angst vor „zu viel Lebendigkeit“. Ob da ein Zusammenhang mit der extremen Ängstlichkeit vieler Zeitgenossen wegen Corona besteht, einer Ängstlichkeit, die bewirkt, dass man den Atem oder – Gott bewahre! – den Speichel entgegenkommender Menschen selbst auf mehrere Meter Entfernung fürchtet wie den Tod selbst – nun jeder Leser, jede Leserin mag eigene Schlussfolgerungen ziehen. Götz Eisenberg

Am Sonntag bin ich in Stewart O´Nans Roman „Emily, allein“ auf eine Passage gestoßen, wo er schildert, wie Emily mit Hilfe einer Nachbarin die Batterie des Olds auflädt, der seit dem Tod ihres Mannes Henry unbenutzt in der Garage stand. Da fiel mir siedend heiß ein, dass auch ich mein Automobil seit Wochen nicht bewegt habe. Am Montagvormittag versuchte ich, das Auto zu starten, aber es klickte nur matt und tat keinen Mucks. Mein Freund Wolfgang, der wegen Corona nicht viel zu tun hat, kam vorbei und er gab mir Starthilfe. Nun musste ich, damit sich die Batterie auflädt, eine Weile umherfahren. Ich fuhr über die Dörfer zu meinem alten Freund Harald, der in einem Dorf hinter dem Dünsberg eine KFZ-Werkstatt betreibt. Am Tor ein Schild, das auf die Sicherheitsvorschriften wegen Corona hinwies.

Jonas, sein Sohn, schraubte in der Garage an einem Auto herum. Ich bat ihn, zu prüfen, ob meine Batterie noch etwas hergibt. Er schloss ein Gerät an und testete die Batterie. Die sei noch vollkommen in Ordnung, ich solle noch eine Runde um den Dünsberg drehen und dann sei alles wieder okay. Nach einer Viertelstunde stellte ich das Auto in Hohensolms ab und ging auf vertrauten Wegen spazieren. Vor dreißig Jahren hatten Freunde hier ein Haus erworben, in dem sie bis zu ihrer Trennung lebten. Ich hatte manchmal im Sommer, wenn sie wegfuhren, das Haus gehütet, und kenne daher die Gegend recht gut. Einmal hatte sich bei einem Abendessen ihr vielleicht zweieinhalbjähriger Sohn in das unterste Fach eines Bücherregals gelegt. Alle lachten über das Kind und rätselten, was es damit zum Ausdruck bringen wollte. Ich deutete seine kleine Inszenierung so: Beide Eltern waren Schriftsteller und hatten ihrem Kind signalisiert, dass ihnen Bücher mehr bedeuteten als ihr Kind. Dass sie es nur als Buch akzeptieren könnten. Also verwandelte sich das Kind in ein Buch, in der vagen Hoffnung, sie würden es aus dem Regal holen und in ihm lesen. Die Eltern wussten mit der Pantomime ihres Sohnes nichts anzufangen und wiesen meine Deutung als überspannt zurück. Wenig später trennten sie sich. Der erwachsen geworden Junge und Mann irrt ziellos durchs Leben. Rastlos auf der Suche nach Anerkennung. Mit Büchern hat er nichts am Hut.

Ich ging den Berg hinunter und setzte mich an einem Fischteich in die Sonne. Ich schaute zu, wie ein Kormoran auf Tauchgang ging. Dann setzte er sich am gegenüberliegenden Ufer auf einen Baum und spannte seine Flügel auf, um sie zu trocknen. Hummeln brummten umher und flogen die Frühlingsblumen ab. Auch den Hummeln setzt die Spritzerei arg zu, aber hier gibt es noch ein paar. Ich war umgeben von Polstern aus blauen Veilchen, weißen Buschwindröschen und gelben Blüten des Scharbockskrautes. Die Luft war erfüllt von Vogelgezwitscher. Ein Eisvogel landete auf dem Geländer der Anglerhütte, neben der ich saß. Er hatte die Ruhe weg und betrachtete mich mit seinen klugen Augen. Ich las weiter in der Pest und stieß auf eine Stelle, in der der Arzt Rieux sich mit dem Journalisten Rambert über dessen Pläne unterhält, aus der pestverseuchten Stadt zu fliehen. Rieux sagt, er schäme sich die Stadt zu verlassen und ihn und die anderen zurückzulassen, worauf Rieux erwidert, man brauche sich nicht zu schämen, wenn man das Glück vorzieht. „Ja“, sagt Rambert, „aber man kann sich schämen, wenn man ganz allein glücklich ist.“ Ungefähr das wollte ich am Ende der Passage über Blaise Pascal sagen.

Am Ufer des Teiches standen junge Brennnesseln. Unter Zuhilfenahme einer Plastiktüte pflückte ich eine ordentliche Portion, aus der abends einen Spinat zubereiten wollte. Dann ging ich zum Wagen zurück und fuhr nach Hause. Ein wunderbarer Corona-Tag lag hinter mir.

In ein paar Tagen endet meine alkoholfreie Zeit. Seit vielen Jahren nutze ich die Fastenzeit, um zu testen, ob ich noch Herr der Lage bin; ob ich noch trinke, oder schon getrunken werde, um einen berühmten Satz von Charles Baudelaire zu paraphrasieren. Im Getränkemarkt meines Vertrauens weicht eine Frau panisch zurück, als ich mich der Kasse nähere. Abwehrend hebt sie beide Hände und hält die Hände schützend vor ihr Gesicht. Es fehlt nicht viel, und sie bekreuzigt sich. Dabei bin ich meterweit von ihr entfernt. Die Corona-Pandemie gibt Leuten Gelegenheit, ihr Sozialphobie offen auszuleben und als adäquates Verhalten auszugeben. In solchen Augenblicken fällt mir eine Bemerkung des vor einem halben Jahr verstorbenen ungarischen Schriftstellers György Konrád ein: „Das große Streben nach einem langen und glücklichen Leben ist eine Art Selbstmord. Wer sich dem Trinken, dem Essen, der Karriere hingibt, den wird das Trinken, das Essen oder die Karriere umbringen, den Tollkühnen die Tollkühnheit, den Vorsichtigen die Vorsicht.“

Der renommierte Angstforscher Professor Bandelow sagte neulich in einer Talkshow, das Hamstern sei in der menschlichen DNA verankert. Na, dann kann man wohl nicht dagegen machen! So ein Mann bildet Studierende aus.

Auf dem Lahnuferweg sitzt ein Tagpfauenauge und sonnt sich. Ich stehe vor ihm und bestaune die Schönheit der Zeichnung seiner Flügel. Wie bemalte Kirchenfenster. Da kommt eine Joggerin vorbeigehechelt und scheucht den Schmetterling auf. Der schwirrt um sie herum und begleitet sie ein paar Meter. Statt sich darüber zu freuen, findet sie das lästig und schlägt nach ihm.

In den Schrebergärten entlang der Lahn wird gemäht, was das Zeug hält. Aus jedem zweiten Garten brüllt ein Rasenmäher. Vor Ostern muss unbedingt nochmal gemäht werden. Kaum wagt sich ein Grashalm ans Licht, wird er auch schon guillotiniert. Macht man es nicht, wird man von den Nachbarn scheel angesehen. Es könnten ja Samen von „Unkraut“ über den Zaun geweht werden und sich im eigenen Vorzeigegarten breitmachen! In einem Interview sagte der Vogelforscher und Naturfreund Peter Berthold auf die Frage, was er von Deutschlands Gärten halte: „Zu über 90 Prozent sind das Psychopathengärten mit runtergehobeltem Psychopathenrasen. Es ist eine Frechheit, ein Stück des von Gott gegebenen Landes so zu missbrauchen! Wenn ich Kaiser von Deutschland wäre, würde ich ein Dekret erlassen: Ab 1. Januar 2019 hätte jeder Garten so und so bepflanzt zu sein, und wer das nicht macht, dem wird der Garten weggenommen. Dann bekämen andere Leute den Garten, zum Beispiel Flüchtlinge, die würden da Gemüse anbauen, Zwetschgen, Äpfel – wunderbar. Wenn alle Gärten naturnah wären, dann hätten wir deutschlandweit einen Biotopverbund.“

Ich sitze auf meinem Baumstamm an der Lahn und lese. Wenn ich den Blick vom Buch hebe und über eine geflutete Auenwiese gleiten lasse, sehe ich gegenüber im Schilf einen Schwan brüten. Seit Tagen liegt die Schwänin auf ihrem Gelege. Über einen Monat lang harrt sie dort mit einer stoischen Geduld aus. Während sie brütet, gründelt ihr Gatte in Sichtweite auf dem Wasser vor ihr. Ich habe das Gefühl, dass er sie stets im Auge behält. Schwäne sind sich angeblich ein Leben lang treu. Und ein Leben lang heißt bei Schwänen mitunter siebzig Jahre. Vom Schwanen-Paar geht eine große Ruhe aus, die auf mich übergeht.

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    Volker
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    Und ein Leben lang heißt bei Schwänen mitunter siebzig Jahre.

    Mein lieber Schwan, die haltens ja lange zusammen aus.

    🙂

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    ert_ertrus
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    Nekrophile Psychopathen bilden offensichtlich die Mehrheitsbevölkerung Tschlands: derzeit täglich zu beobachten. Jeder Einkauf wird zum Horrortrip. Ein Gutes haben die Masken schon: man wird nicht mehr mit so vielen hässlichen verbissenen Fratzen konfrontiert. Man könnte zum Antideutschen werden, hätte man nicht ein wenig Kultur im Leib. Und Nietzsche hat Recht behalten: Unter Deutschen – in schlechter Gesellschaft …

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    Gerold Flock
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    Könnte ich nicht in der Natur lesen. Die Natur lässt mich nicht lesen. – Die Natur ist viel zu spannend. – Da eine Kreuzotter…da ein Biber…da beruhigendes Vogelgezwischer und Windrauschen…KONZENTRIERE DICH  AUF DIE GERÄUSCHE DER WELT! (Don Juan und Carlos Castaneda) da ein Reh… da schon wieder so eine lästige Corona-Stechmücke. – Da das bescheuerte Gehupe und Getute von der Bahn in der Ferne.

    Ich lese nur Zuhause.

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