Ein Wort gegen die Verkümmerung

 In FEATURED, Ludwig Schumann

Sterben ist unvermeidlich. Wir wissen es – haben es zumindest im „Hinterkopf“ -, aber wirklich in unser Leben hineinlassen wollen wir den Tod denn doch nicht. Säuberlich wird er von unserem Alltag abgetrennt, aufbewahrt in einer separaten Schublade ganz unten im Schrank, in die wir nur wenn’s unbedingt sein muss einmal hineinschauen. Autor Ludwig Schumann hatte gerade einen Todesfall in der Familie zu verarbeiten. Er beschreibt, wie das Sterben in einer Familie menschlich gestaltet werden kann: auf eine, wie man leider heute sagen muss, „altmodische“ Art und Weise. (Ludwig Schumann)

 

Kinder gehören in den Kindergarten, Schüler in die Schule, Ungezogene oder Waisen ins Heim, Ausländer ins Asylbewerberheim, Mittelalte auf Arbeit, Alte in den Seniorenstift, Kranke ins Krankenhaus. Sterbende auch. In deutscher Ordnung gibt es für jeden Fall eine Schublade. Damit es den Kindern nicht so gut geht, reicht die Zahl der Erzieher oder Lehrer nicht aus. Damit es den Kranken nicht so gut geht, ist der Personalschlüssel ein Witz. Damit es den Alten nicht so gut geht …, na, die merken sowieso nichts mehr. Und dann gab es einst ja noch die Familie. Vor sehr langer Zeit. Ich habe noch in einem Drei-, kurzzeitg sogar Viergenerationenhaushalt gelebt. Nein, das war nicht einfach. Aber ich habe dabei eine Menge gelernt. Über das Leben und über das Sterben.

Irgendwann kommt er, der Abschied, der letzte. In meiner Kindheit hat man noch in der Familie darüber gesprochen. Da gehörte, auch schon nicht mehr immer, aber häufiger als heute der Tod zum Leben. In der Christenlehre hörte ich zum ersten Mal den Psalm 90: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon … Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (nach der 2017er Lutherbibel)

Das hat mich, den gerade mal 10jährigen Knaben, umgehauen. Das war, als ob einen der Tod auf den Leib geschneidert wurde. Ich kann mich noch erinnern, dass da zwei Seelen in meiner Brust wohnten: Das frühe Wissen, dass jeder Mensch für sich allein stirbt. Und die laute Hoffnung: Ich möchte aber alle, die ich kenne und gut leiden kann, in meiner unmittelbaren Umgebung haben. Sie sollen bei mir sein, wenn ich gehe.

Unlängst mussten wir von meinem Schwiegervater Abschied nehmen. Ich hatte früher schon mit ihm manche Wegstrecke zusammen zurückgelegt. Er, der Kunsterzieher und ich, der Theologe, haben die Bibelwochen gemeinsam vorbereitet. Wir waren oft im Gespräch, wenn es um die Zukunft der Kirchgemeinden ging. Wir haben in und um den politischen Umbruch viel diskutiert. Nun war er durch einen Autounfall (Blitzeis) querschnittsgelähmt. Sein Traum war immer gewesen, dass er seine sieben letzten Jahre zum Malen verwenden könne. Er war ein sehr eigener, überzeugender Landschaftsmaler. Großartige Bilder mit einer ungeheuren Seelentiefe stammen von ihm. Mit einer Riesenkraftanstrengung malte er in seinen letzten beiden Lebensjahren mit der linken Hand (er war Rechtshänder) sieben Bilder, gleichfalls von seltener Meisterschaft. Dann verließen ihn Kraft und Wille. Er kam noch einmal ins Krankenhaus, in der Hoffnung, dass er sich wieder aufbauen ließe. Doch er wollte nicht mehr. Aber die Familie blieb bei ihm. Zeitweise saßen dort fünfzehn Menschen im Zimmer, redeten, sangen, schliefen, aßen mit ihm oder untereinander, wenn er schlief. Wer draußen vorbeiging, ahnte nicht, dass sich hinter der Tür ein Sterbezimmer befand. Es waren oft fröhliche Lieder, die der Großvater den Enkeln beigebracht hatte, und die diese nun für den Großvater sangen, die aus dem Zimmer klangen. Mein Schwiegervater winkte beglückt, wenn er sie hörte. Ja, wenn er aufwachte, nahm er teil an der Musik, an den Erzählungen seiner Lieben. Auch in den Nächten wurde er nicht allein gelassen. Nach etlichen Tagen schlief er in Gegenwart seiner Frau und seines Bruders ruhig ein. Es war alles bestellt. Die Familie wusch ihn und kleidete ihn an. Nichts überließ man fremden Leuten. Dem Personal des Neindorfer Krankenhaus sei heute noch gedankt, dass es diesen Abschied so zuließ.

Mein Schwiegervater hatte noch einen Wunsch geäußert: Der Sarg, in dem er bestattet werden möchte, den solle die Familie bemalen. Und so versammelten sich alle in der elterlichen Stube und bemalten den Sarg mit Wolken, der Sonne, Landschaften, Märchenmotiven. Ein kleines Kunstwerk entstand. Und immer wurden Erinnerungen ausgetauscht. Vater, Großvater, der Ehemann war noch mitten in der Familie. Es war eine wunderbare Art, Abschied zu nehmen. Zum abschließenden Gottesdienst in der Leichenhalle war sicher auch Trauer da, natürlich. Aber auch eine aus der Erinnerung gespeiste Freude. Noch in seinem Weggang hat er die Familie zusammengeführt. Auf dem Friedhof, so hatte er sich ausbedungen, wollte er ein Grab, von dem aus er auf die Kirche schauen konnte. Die hatte er vor Jahren ganz allein ausgemalt, von der Decke bis zu den Wänden. Sie war ihm Heimat, auf seine Art auch ein Zuhause. Dieser Abschied geht mir heute immer noch nach. Ich habe ihn als etwas sehr Schönes in Erinnerung, als einen Erinnerungsschatz, der nicht niederzieht, sondern in seiner Schönheit aufrichtet und mir, denke ich daran, ein Lächeln auf die Lippen zaubert.

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