Eine Fundgrube für Mediennutzer und Journalisten

 In Buchtipp, FEATURED, Holdger Platta, Medien, Politik

Rezension zu Albrecht Müllers neuestem Buch beim Westend Verlag. Albrecht Müller, den meisten von uns bekannt als Herausgeber der „Nachdenkseiten“ (NDS), hat ein neues Buch vorgelegt: „Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst“ (herausgekommen im Frankfurter Westend Verlag). Um es gleich vorweg zu sagen: ein Buch, dessen Lektüre sich wirklich lohnt. Aufklärung pur! Ein Buch, das selbst komplizierte Vorgänge in allgemeinverständlicher Sprache zu erklären vermag. Ein Buch, das mit seinem denk-anstiftenden Charakter wieder und wieder auch Spaß macht, das heißt, auch bei einem selber wieder und wieder ein Denkvergnügen auslöst. Holdger Platta

Was vor allem an folgenden Gründen liegt:

Der gelernte Diplom-Volkswirt Albrecht Müller, Jahrgang 1938, ist und war nicht nur Wissenschaftler, sondern seit Anfang der siebziger Jahre für lange Zeit in der Politik unmittelbar unterwegs. Was bedeutet: Müller beherrscht nicht nur ein Fach, er kennt auch die politische Praxis aus dem Eff-Eff. Er leitete für Willy Brandt den Wahlkampf 1972 – jenen Wahlkampf, bei dem die Nachkriegs-SPD ihr allerbestes Ergebnis aller Zeiten erzielte: 45,8 Prozent – und die Planungsabteilung unter den Kanzlern Brandt und Helmut Schmidt. Er war also für viele Jahrzehnte in beiden Bereichen zuhause: in der Theorie und der Praxis! Und: er hat gelernt, das, was er mitzuteilen hat, so zu formulieren, dass man ihn auch versteht!

Worum geht es nun in diesem neuen Buch des Pleisweiler Bestseller-Autors? Auf die einfachste Formel gebracht: uns aufzuklären darüber, mit welchen Methoden der Manipulation man uns Wähler wieder und wieder für dumm verkauft. Und: diese Manipulationsmechanismen uns klarzumachen an konkreten Beispielen der verschiedensten Art. Theorie und Praxis, deren Verbindung Albrecht Müllers Leben bestimmte, werden so zur großen Qualität auch dieser Publikation: es nirgendwo bei der Abstraktion zu belassen, sondern immer wieder auch den Zusammenhang herzustellen zur konkreten Realität! Beispiele? Beispiele!

Müller befasst sich mit dem großen Trick, der aus dem radikaldemokratischen Anspruch der Wendezeit „Wir sind das Volk“ den westbestimmt-nationalistischen Übernahmeanspruch „Wir sind ein Volk“ werden ließ. Er befasst sich mit der Demoskopenlüge, derzufolge es Ende der 90er Jahre nur noch den Rettungsweg in private Rentenversicherungen gab, angeblich. Er knöpft sich das Siegesgeschrei vor, „Exportweltmeister“ zu sein, und zeigt, welche Negativfolgen diese Tatsache für die Gesamtökonomie in Europa und der Welt gehabt hat. Wahrlich, Albrecht Müllers Buch ist ein Werk, das zig Legenden zerstört. Indem es die Fakten hinter der Propaganda benennt. Und indem es die Sprache, mit der das geschieht, so verständlich wie präzise analysiert. Auch dafür ein Beispiel noch: seine Auseinandersetzung mit der Trickserei, die aus einem Hoffnungsbegriff wie „Reformen“ ein Schreckwort werden ließ. Ich zitiere aus Müllers Buch:

„Die Angriffe auf die Reformen der sozialliberalen Koalition zwischen 1969 und 1982 zeigten später eine besondere Wirkung. Der Begriff wurde schlicht und einfach neu definiert. Reform, das war in den 1970er Jahren der Begriff für Veränderungen zugunsten der Mehrheit der Menschen. Heute werden ständig Reformen gefordert, die den gut verdienenden und begüterten Menschen und Gruppen zugutekommen. Reformen, das waren und sind spätestens seit dem Jahr 2000 Veränderungen zulasten der Mehrheit: Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, niedrigere Löhne, niedrigere Lohnnebenkosten und damit eine geringere Leistungsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme, Teilprivatisierung der Altersvorsorge, Abschaffung einer wirksamen Arbeitslosenversicherung, Deregulierung der Finanzmärkte, die Förderung der Spekulation, Privatisierung und Reduzierung der öffentlichen Leistungen für die Daseinsvorsorge.“

Mein Resümee: Müller hat ein Buch für Leser vorgelegt, die tatsächlich noch selber denken und hinterfragen wollen (und das Glauben, zumindest im politisch-gesellschaftlichen Bereich, für keine Kardinaltugend halten). Und: Müller hat auch ein animierendes und inspirierendes Buch für die Journalistenkollegen vorgelegt! Der Herausgeber der „Nachdenkseiten“ (NDS) hat Recht, wenn er in einer Nachbemerkung zu seinem Buch am 8. Oktober auf NDS schreibt:

„Die 17 im Buch beschriebenen Methoden der Manipulation, alle belegt und erläutert an praktischen Beispielen der Zeitgeschichte, sind eine Fundgrube für die redaktionelle Arbeit anderer Kollegen und Kolleginnen.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Albrecht Müller: Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst. Wie man Manipulationen durchschaut. Umfang: 144 Seiten; ISBN 978-3-86489-218-9; Ladenpreis: EUR (D) 14,00

Kommentare
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    Ruth
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    Danke für die Empfehlung, lieber Holdger!

    Das, was ich den kurzen Auszügen entnommen habe, das entspricht meiner Skepsis und meiner politischen Auffassung zum Zustand unserer gefährdeten Demokratie!

    Die Götzenanbetung – „ewiges Wachstum“ -, das ist Neoliberalismus in Reinform und garantiert den volkswirtschaftlichen Kollaps in der „ach so“ heiligen Finanzwelt/Finanzblase.

    2008, egal – wir spielen noch riskanter!

     

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