Eine politische Botschaft entgegen den Regeln

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ESC-Siegerin Jamala

ESC-Siegerin Jamala

Der Eurovision Song Contest war ja noch nie ein Hort ernsthafter politischer Botschaften: „My my, at Waterloo Napoleon did surrender“ oder „Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne für diese Erde, auf der wir wohnen“ – diese Grand-Prix-Sieger streiften die Politik nur sehr am Rande? Wenig bekannt ist, dass Politik in den Statuten des ESC definitiv verboten ist. Warum dann hat man die Krimtatarin Jamala aus Kiew mit einem Lied über die Vertreibung ihrer Familie von der Halbinsel Krim unter Stalin antreten und siegen lassen? Und dies, obwohl der russische Beitrag beim Publikum großen Anklang fand? In Zeiten eines neuen Kalten Kriegs fällt es schwer zu glauben, dass dies Zufall ist. Wird nun sogar die Popkultur zur Stimmungsmache gegen Putins Russland missbraucht? (Wolfgang Bittner)

Die Krimtatarin Jamala aus Kiew, mit bürgerlichem Namen Susana Dschamaladinowa, wurde Siegerin beim Eurovision Song Contest. Mit einem Lied über „das Leiden ihrer Familie bei der Vertreibung von der Halbinsel Krim unter Sowjet-Diktator Josef Stalin“, wie Die Welt und andere Medien am 15. Mai 2016 berichteten. Dschamaladinowa wird in der Ukraine wie eine Nationalheldin gefeiert.

Präsident Petro Poroschenko ehrte die 32-jährige Sängerin mit dem Titel „Volkskünstlerin der Ukraine“ und sagte: „Du hast einen großen Beitrag dafür geleistet, dass die Frage der Krim erneut auf den ersten Zeitungsseiten auftauchte.“ Der Exboxer und Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko schloss sich dem an: „Ich bin unglaublich stolz auf die Ukraine, und ich bin Jamala dankbar für diesen Sieg, der für uns alle heute wichtig ist“, und der in Kiew lebende Funktionär der Tataren, Refat Tschubarow (Partei „Block Petro Poroschenko“), lobte die Preisvergabe als „wichtigen Schritt für die Befreiung der Krim.“

Dass es in den Regeln für die Teilnahme am ESC heißt: „Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur sind während des Contest untersagt“ ist offenbar ohne Bedeutung, wenn es um eine Aufwertung der Ukraine und gegen Russlands geht. Ebenso wenig kümmert es, dass Dschamaladinowa ihren Song schon mal im Mai 2015 veröffentlicht hatte, was ebenfalls gegen die Regeln verstößt. Die Jury des ESC attestierte dem Song mit dem Titel „1944“, er enthalte keine politische Botschaft, obwohl sogar die Sängerin betont hat, dass ihr Song ein politischer sei: „Mein Lied ist jetzt noch aktueller, leider. Ich singe für die ganze Ukraine, für die Krim. Ich möchte, dass mein Leid ein Tropfen in dem Ozean wird und hilft, die Probleme der Ukraine und der Krimtataren zu lösen.“ Auch die Vorveröffentlichung wurde als unerheblich abgetan.

In Russland gab es heftige, durchaus nachvollziehbare Proteste gegen die Entscheidung der Jury. Denn nach der Publikumswertung lag der russische Teilnehmer Sergey Lazarev an erster Stelle. Er wurde allerdings nach der Gesamtwertung nur Dritter, weil er von den Juroren in 20 von 41 Ländern null Punkte erhielt. Bereits vor der Austragung des Wettbewerbs hatten russische Abgeordnete zu Recht, aber vergeblich gefordert, die ukrainische Sängerin wegen des politischen Inhalts ihres Beitrags zu disqualifizieren. Die Forderung wurde von den ESC-Veranstaltern mit der fadenscheinigen Begründung zurückgewiesen, man könne nicht russischen Zensurwünschen entsprechen.

Bereits am 26. Februar 2016 schrieb ich in den NachDenkSeiten zur Nominierung Jamalas und einer angeblichen Infiltrierung Deutschlands und Europas durch Russland unter anderem:
Moskau, die Krimtataren und die USA
Dass die Infiltrierung bereits bis in die Unterhaltungsbranche vorgedrungen ist, allerdings um die Sicht Deutschlands und der Kiewer Ukraine in die Welt zu tragen, lese ich am 23. Februar 2016 zum Frühstück auf der ersten Seite meiner Lokalzeitung. Eine Krimtatarin will nämlich für die Ukraine mit einem kritischen Lied den Eurovision Song Contest gewinnen. Der Song, mit dem die Sängerin das Land im Mai in Stockholm vertreten will, handelt von der Deportation der Krimtataren unter stalinistischer Herrschaft. „Dennoch – oder gerade deshalb – wurde sie von einer Jury und dem Fernsehpublikum auserkoren“, lese ich, und dass die Krimtataren als „Nazi-Kollaborateure“ verfolgt und 1944 nach Zentralasien zwangsumgesiedelt wurden.

Warum ich diese Informationen erhalte, wird sogleich deutlich. Ich erfahre, das Lied beschreibe genau, worunter die Ukraine heute wieder leide: „2014 hatte Russland die Krim annektiert.“ Aber die Tataren lehnten die Annexion wegen ihrer historischen Erfahrungen vehement ab. Und seither gehe Moskau „hart gegen die Minderheit vor“. Aktivisten seien festgenommen, Anführer verbannt worden. Dazu fällt mir ein, Wochen zuvor eine Meldung gelesen oder gehört zu haben, dass in der Ostukraine von Nationalisten Strommasten gesprengt wurden, um die Stromversorgung für die Krim zu unterbrechen. Mitten im Winter waren die Bewohner der Krim tagelang ohne Elektrizität.

Außerdem erinnere ich mich, eine Rede des russischen Präsidenten Wladimir Putin gelesen zu haben, in der er sagte: „Ja, es gab eine Zeit, als man den Krimtataren, wie auch anderen Völkerschaften der UdSSR gegenüber mit Härte und Ungerechtigkeit aufgetreten ist. Ich will eines sagen: Millionen von Menschen verschiedener Nationalitäten wurden Opfer der damaligen Repressionen, vor allem natürlich auch Russen. Die Krimtataren sind inzwischen in ihre Heimat zurückgekehrt. Ich bin der Ansicht, dass es notwendig ist, alle politischen und rechtlichen Schritte dazu zu unternehmen, die Rehabilitation der Krimtataren zu vollenden und ihren guten Namen in vollem Umfang wiederherzustellen. Wir achten Vertreter aller Nationalitäten, die auf der Krim leben. Das ist ihr gemeinsames Haus …“

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