Erkunden, was erforderlich ist zur Humanisierung der Welt

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Holdger Platta

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Was steckt hinter dem Verein IHW (Initiative für eine humane Welt), die mit dem Webmagazin „Hinter den Schlagzeilen“ eng verbunden ist und auch als Träger unserer Griechenland-Spendenaktion fungiert? Ihr Vorsitzender Holdger Platta hat es im Gründungmanifest des Vereins ausführlich dargelegt. Wichtig dabei: Auch wenn die Ursachen von Inhumanität im System liegen, entlässt das den Einzelnen nicht aus seiner Mitverantwortung, aktiv zu werden. Aber: solidarisches, gemeinsames Handeln verspricht mehr als jede Einzelkämpfermentalität Erfolg. Humanität kann nicht – wie leider teilweise in der Geschichte des Sozialismus geschehen – mit inhumanen Mitteln erzwungen werden. Dogmatismus und Besserwisserei sollten nach Möglichkeit draußen bleiben, wenn es um das Ringen um den richtigen politischen Weg geht – denn gerade sie waren und sind eher Teil des Problems als Teil der Lösung. Ein bewegendes und einleuchtendes Manifest, hinter dem auch die Seite „Hinter den Schlagzeilen“ mit ihrem Konzept der Gegenöffentlichkeit für eine menschlichere Welt voll stehen kann.

Heute sind in der Universitätsstadt Göttingen Menschen zusammengekommen, die eine „Initiative für eine humane Welt“ begründen wollen: die Unterzeichner dieses Textes. Es wird darum gehen, zu zeigen, daß „Humanität“ immer bedeuten muß, die Welt von unten zu sehen. Und es wird darum gehen, zu zeigen, daß es schon längst nicht mehr genügt, die Welt nur von einem Punkt aus zu sehen und nur von einer Wissenschaft her. Die Komplexität der Welt mit der Komplexität ihrer Probleme verlangt den Blick auf unendlich viele Bereiche der Wirklichkeit, sie verlangt Kooperation der Wissenschaften und Kooperation der Menschen.

Zum Selbstverständnis der IHW: Komplexität der Welt als Herausforderung, die Einheit in der Vielfalt zu suchen
Die IHW will sich – anders als andere Organisationen – nicht beschränken auf eine einzige Thematik – auf eines der großen Problembereiche also wie zum Beispiel Krieg und Frieden, Menschenrechte, Wirtschaft/Arbeit/Soziales sowie Ökologie. Im Gegenteil: in Vortragsreihen, auf Tagungen und in Dokumentationen will dieser Verein wieder und wieder den Zusammenhängen nachgehen, die zahlreichen Vernetzungen zwischen diesen verschiedenen Konflikten aufzeigen. Die IHW stellt sich genau dadurch, mit diesem Komplexitätsanspruch, dem komplexen Charakter der Welt.

Die IHW will diesen Zusammenhängen nachgehen nicht unter der Prämisse eines bereits fixierten Wissens oder Weltverstehens, sondern die IHW will wieder und wieder auf wissenschaftlich solide und präzise Weise, auf dem Weg prinzipiell ergebnisoffener Debatten über diese Probleme sprechen und Öffentlichkeitsarbeit betreiben, mit Behutsamkeit und Genauigkeit, ohne Pauschalisierungsdruck und Einebnungtendenz gegenüber der internen Meinungsvielfalt.

Eines aber steht für alle Mitglieder der IHW außer Frage: die Orientierung an den Menschenrechten, wie sie von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 sehr präzise in 30 Artikeln ausformuliert worden sind und – mit erheblicher Unvollständigkeit allerdings – auch in unserer Verfassung, im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Außerdem wird es uns bei unserer Tätigkeit darum gehen, im Rahmen unserer Möglichkeiten beizutragen zur Beförderung einer friedlicheren Welt, zur Beförderung einer Welt, die endlich auch ihre Sorgfaltspflicht zur ökologischen Bewahrung unseres Planeten Erde ernstzunehmen beginnt. Was die Menschenrechte betrifft, so wird die IHW dabei vor allem die sozialen Menschenrechte in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen – und, eng verbunden damit, auch nach den Wirtschaftsbedingungen fragen, von deren Beschaffenheit es zu einem großen Teil abhängt, ob diese so-zialen Menschenrechtsziele realisiert werden können.

Aus dem Menschenrechtskatalog der UN-Charta von 1948:
Unsere Fragen lauten deshalb, eng angelehnt an die Menschenrechts-Charta der Vereinten Nationen:

• Wie hat ein Weltwirtschaftssystem national wie international auszusehen, das Leben, Freiheit und Sicherheit aller Menschen auf diesem Erdball zu schützen vermag (Artikel 3 der Menschenrechts-Charta!)?

• Welche Änderungen am Wirtschaftsystem sind national wie international erforderlich, damit endlich die Forderungen der UN-Menschenrechts-Charta aus Artikel 22 realisiert werden können: jedem Menschen auf diesem Planeten soziale Sicherheit zu garantieren, jedem Menschen den Zugang zu eröffnen zu all jenen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechten, die allein imstande sind, ihm ein Leben in Würde zu ermöglichen und eine freie Entwicklung seiner Persönlichkeit?

• Auf welche Weise muß das Wirtschaftssystem national wie international umstrukturiert werden, daß endlich die Forderungen aus Artikel 23 der UN-Menschenrechts-Charta für alle Menschen auf diesem Erdball realisierbar sind: das Recht auf Arbeit (ein Verfassungsziel, das unser Grundgesetz bislang noch nicht enthält!), das Recht auf freie Berufswahl (das in unserer bundesdeutschen Verfassungsrealität mehr und mehr „abhanden“ gekommen ist!), das Recht auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen (in weiten Teilen unserer Gesellschaft ebenfalls noch uneingelöste Utopie!), das Recht auf Schutz vor Arbeitslosigkeit, auf gerechte und befriedigende Entlohnung, auf menschenwürdige Existenzsicherung (Zukunftsmusik auch dies alles für die meisten Menschen weltweit, Zukunftsmusik im wachsenden Maße auch für viele Menschen bei uns!)?

• Was muß sich ändern innerhalb unseres Wirtschaftssystems – national wie internatio-nal -, daß endlich jedem Menschen auf dieser Erde, unbehindert von ökonomischen Barrieren und finanziellen Hindernissen, der uneingeschränkte Zugang zu allen Bildungsmöglichkeiten offensteht (Artikel 26 der UN-Menschenrechts-Charta!) und zu allen Bereichen des kulturellen Lebens (Artikel 27 der UN-Menschenrechts-Charta!)?

Kurz: was hat sich zu ändern – national wie international -, daß endlich jene „soziale und in-ternationale Ordnung“ verwirklicht werden kann, von der die UN-Menschenrechts-Charta aus dem Jahre 1948 spricht, jene Ordnung, die jedem Menschen ohne jede Einschränkung diese Rechte und Freiheiten garantiert (Artikel 28 der UN-Menschenrechts-Charta)? Und:

Was können wir – im Rahmen unserer Möglichkeiten – beitragen zu diesen längst überfälligen Veränderungsprozessen?

Zum Selbstverständnis der IHW: was sie zu tun gedenkt
Selbstverständlich lautet eine Antwort darauf: Aufklärung betreiben. Aufklärung betreiben, die oft genug auch Wiederherstellung von Öffentlichkeit bedeuten wird, nicht selten auch Herstellung von Gegenöffentlichkeit. Genau dieses nehmen wir uns deshalb auch vor. Genau dieses jedoch – Aufklärung im besten und doppelten Sinne des Wortes (nach innen wie
außen hin) – darf dann aber auch nicht stehenbleiben bei bloßer Analyse der existierenden Probleme und bei anschließender Bewertung dieser Probleme, sondern diese Aufklärungsarbeit muß auch einmünden in politische Stellungnahmen der IHW (etwa in der Gestalt von Presseerklärungen, Flugblättern und Resolutionen) sowie in politische Aktionen, in Einmischung also in die öffentlichen Debatten.

Worin diese Einmischung im einzelnen bestehen kann, zu welcher Aktionsform man im einzelnen greift (vom „politischen Happening“ und der politisch-inspirierten Kunst-Aktion bis hin zu rechtsstaatlich-legitimierter Regelverletzung kann und sollte alles in Erwägung gezogen werden), das wird jeweils von Fall zu Fall die IHW für sich zu entscheiden haben.

Zum Selbstverständnis der IHW: Menschenrechtsorientierung ohne Selbstwiderspruch
Einig sind sich alle Mitglieder der IHW darin, daß Grundlage dieses Konzeptes einer „ein-greifenden Vernunft“ stets die Wahrung der Menschenrechte zu bleiben hat, und zwar auf allen Etappen dieser Einmischungsversuche in die öffentlichen Angelegenheiten und durchaus auch im Sinne einer Selbstverpflichtung, was die eigene Haltung und das eigene Verhalten betrifft. Konkret:

Die IHW erteilt allen Orthodoxien im Gedanklichen eine Absage sowie allen Verstößen gegen eigene humane Ziele innerhalb der eigenen Praxis. Zugespitzt: die Befreiung des Menschen von Ausbeutung und Unterdrückung, von Hunger, Not und Elend, von einem Kurs, der die Welt ökologisch und/oder kriegerisch mehr und mehr an die Wand fährt, diese Befreiungsversuche dürfen nicht auf Wege und Strategien setzen, die – völlig bedenkenlos womöglich oder im Sinne schlechtestverstandener Schlaumeier-Taktik – eben diese Freiheits- und Menschenrechte selber mit Füßen tritt. Die IHW setzt der vormals jesuitischen Maxime „Der Zweck heiligt die Mittel!“ die These entgegen: „Die unheiligen Mittel zerstören noch jeden guten Zweck!“ Befreiungsbewegungen, die zum Beispiel Diktaturen etablieren möchten – egal, welcher Art und von welcher Dauer -, sind für die Mitglieder der IHW deshalb ein Widerspruch in sich selbst.

Zum Weltverständnis der IHW: die Systeme sind zu verstehen – und der einzelne Mensch
Die IHW geht dabei durchaus von einer bestimmten Ausgangshypothese aus – einer Annahme allerdings, die konsequent freigegeben bleibt für deren Überprüfung, Relativierung oder Revision -, von der Arbeitshypothese nämlich, daß es mit hoher Wahrscheinlichkeit Systembedingungen und Systemursachen sind, die all die oben benannten Weltprobleme heraufbeschworen haben oder ihrer Lösung im Wege stehen, Strukturbedingungen und Strukturursachen nämlich des nahezu weltweit etablierten kapitalistischen Wirtschaftssystems. Die IHW meint aber auch, daß dieses Ursachen- und Bedingungsgeflecht keinen Einzelakteur aus dessen Verantwortung entläßt, sich gegen diese Systembedingungen und Systemursachen zu stellen und anzugehen gegen die verheerenden und furchtbaren Folgewirkungen daraus für die Menschen auf diesem Erdball. Das bedeutet für uns:

Es ist der Mensch, der handelt – und insofern ist und bleibt der Mensch stets auch Subjekt der Geschichte. Sehr wohl aber handelt der Mensch gleichzeitig auch unter historisch-gesellschaftlichen Bedingungs- und Ursacheverhältnissen, auf die der jeweils Einzelne nur äußerst begrenzten Einfluß hat – insofern stellt der Mensch stets auch Objekt der historisch-gesellschaftlichen Prozesse dar.

Die Mitglieder der IHW sind sich deshalb einig darin, daß es einerseits die gegenwärtig vorherrschende Weltwirtschaftsordnung ist, die darüber entscheidet, wie und ob die Probleme auf diesem Erdball gelöst werden können. Die IHW geht dabei von der Auffassung aus, daß unser jetziges globales Wirtschaftssystem nicht in der Lage ist, einen erfolgversprechenden Beitrag zu leisten zur Lösung der zentralen Probleme des 21. Jahrhunderts (Hunger, Armut, Abbau von Menschenrechten, Zerstörung der Lebensgrundlagen auf unserem Planeten). Das grundlegend auf Eigennutz, Konkurrenz und Gewinnmaximierung gestützte System verkennt die außerordentlich komplexen Zusammenhänge in einer globalisierten Welt. Die katastrophalen Auswirkungen dieser vereinfachenden Weltsicht und weltwirtschaftlichen Regelungsmechanismen sind mittlerweile für jedermann ersichtlich und erfahrbar. Dieses Weltwirtschaftssystem treibt nicht nur Menschen in Armut und Elend, unterhöhlt nicht nur deren unveräußerliche Menschenrechte, führt nicht nur ganze Volkswirtschaften an die Grenzen des Ruins und macht nicht nur die Lösung der Umweltkrisen unmöglich, es untergräbt auch die Grundfunktionen des Wirtschaftens selbst: den Austausch von Gütern und Dienstleistungen zum Vorteil aller Beteiligten und die Orientierung der Wirtschaft an den menschlichen Lebensbedürfnissen. Was auch bedeutet: diese Fehler im System sind nicht mit moralischen Appellen an Manager und Konzernherren zu beheben, nicht mit moralischen Appellen an die weltweit Regierenden jedweder Couleur; sie sind auch nicht zu beheben durch einige Auffangmaßnahmen durch die Staaten auf dieser Welt, nicht mit Reparaturen am alten System. Es müssen auch die System-Ursachen untersucht und von Grund auf andere Maximen und neue Modelle des Wirtschaftens gefunden werden.

Das kann aber nur gelingen, wenn die Tabufragen der bislang praktizierten Wirtschaftsweise auf den Tisch gelegt werden, zum Beispiel die Frage nach legitimem Eigentum und legitimer Aneignung von gesellschaftlichem Reichtum, die Frage nach der Unabdingbarkeit ständigen Wachstums, die Frage nach wesentlichen Gemeinschaftsaufgaben des Wirtschaftens, die Frage nach einem lebensdienlichen Finanz- und Wirtschaftssystem und nicht zuletzt die Frage nach der Abhängigkeit unserer ökonomischen Regelungsmechanismen von Zerstörungs- und Ausbeutungsprozessen im globalen Maßstab. Die Mitglieder der IHW wollen bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit gegen diese Tabus angehen und Prämissen, Systemansätze und Modelle einer lebensdienlichen Wirtschaftsweise erkunden, in der nicht Profitmaximierung das ausschließliche Leitmotiv ist und Bereicherung im Kampf aller gegen alle die einzige Maxime, sondern Solidarität die entscheidende Antriebskraft. Insofern widerspricht die IHW auch der These, daß es nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus keine Alternative zur derzeitigen – sogenannten! – Marktwirtschaft gäbe und daß wir am „Ende der Geschichte“ stünden. Die Mitglieder der IHW gehen davon aus, daß es eine Alternative gibt und geben muß.

Die IHW setzt aber andererseits durchaus auch auf die Erreichbarkeit des Menschen durch Aufklärung, auf die Erreichbarkeit der vielen Einzelnen und Individuen durch beharrliches Gespräch mit ihnen, auf die Veränderbarkeit des Menschen schließlich mithilfe und auf der Grundlage seiner eigenen Einsicht. Lernbereitschaft, die Möglichkeit zu emotionaler Neuorientierung, Hoffnung auf eine bessere und menschlichere Welt, das hat noch kein Wirtschaftssystem – gleich welcher Art – den Menschen völlig austreiben können.

Deshalb meinen die Mitglieder der IHW, daß gerade auch der Aufbau von Bündnissen der betroffenen Menschen so ungeheuer wichtig ist: um in Verbundenheit miteinander – und eben nicht narzißtisch voneinander isoliert oder im großartig-heroisch ausfantasierten Alleingang! – diese Weltprobleme denkerisch wie handelnd anpacken und beitragen zu können zur Beseitigung und Lösung dieser Weltprobleme.

Die IHW im Verhältnis zu anderen Organisationen und zu sich selbst: Kooperation und lebendige Toleranz
Die IHW versteht sich dabei als Partnerorganisation für alle anderen Vereinigungen, Gruppen und Einzelpersonen, die in diesem Sinne an diesen Problemen arbeiten.

Die Mitglieder der IHW werden sich deshalb bemühen, ohne Attitüden der Besserwisserei oder Arroganz tätig zu werden, mit deutlich erkennbarem Interesse gerade auch für die abweichende Meinung der anderen. Ausschließlich dann, wenn die Mitglieder der IHW auch in dieser Hinsicht Humanität zu leben verstehen – in wechselseitiger Achtung, die stets aufs Ernstnehmen der anderen setzt, aufs Überzeugen, nicht aufs Überreden oder gar Austricksen! -, nur dann dürften die Arbeit der IHW eine Chance haben, und nur dann verdient diese Arbeit ihre Chance auch. Die Mitglieder der IHW werden mit ihrem humanen Engagement nur glaubhaft sein, wenn sie selber in diesem Sinne Humanität zu leben versuchen: im Umgang mit der eigenen Person, im Umgang mit den anderen Menschen in der IHW, im Umgang mit den Menschen draußen in der Welt. Und jedes Mitglied der IHW weiß deshalb: nur in Augenhöhe mit den vielen anderen MitstreiterInnen wird unsere Initiative mitarbeiten können an einer in diesem Sinne besseren Welt. Niemand von uns wird dabei die Größe der Probleme, die zu lösen sind, mit sich selber verwechseln. Die Aufgaben, die so dringlich zu lösen sind, dürften riesig sein. Wir selber sind es nicht. Aber: niemand von uns ist deshalb ein Nichts. Im Rahmen unserer Möglichkeiten, in Gemeinsamkeit mit vielen anderen Menschen, wollen wir erkunden, welche Chancen es zur Humanisierung unserer Welt gibt und welche Erforderlichkeiten es sind, im Handeln wie im Unterlassen, die uns diesem Ziel näherbringen.

Fangen wir also an. Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wer, wenn nicht wir?

Holdger Platta (v.i.S.d.P), IHW-Vorsitzender,
IHW-Adresse: Theodor-Heuss-Str. 14, 37075 Göttingen, Herbst 2010

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