Ernsthaftigkeit wird überschätzt

 in Allgemein, CD-Tipp, FEATURED, Roland Rottenfußer

Die neue CD von Michael Krebs, „An mir liegt’s nicht“ bietet musikalisch glänzend gemachtes, schmissiges Musikkabarett. In gehobenen Spaß mischen sich – Stammleser dieser Seite können beruhigt sein – auch total kritische Töne. Auch wenn es gelegentlich die Kritiker selbst sind, denen die Häme des satirischen Piano-Barden gilt. (Roland Rottenfußer)

Unser Heimatsender Bayern 2 brachte unlängst eine Sendung über junge Liedermacher, erstaunlich kenntnisreich, vielfältig und mit Musikbeispielen. Zwei Grundthesen lassen sich aus der Sendung herausdestillieren:

1. Ja, es gibt wieder eine aufblühende junge Liedermacherszene, größer und reichhaltiger als noch vor 10, 5 oder selbst 2 Jahren. Und

2. Alle jüngeren LiedermacherInnen sind lustig.

Ich sage das hier ohne jede Wertung, echt jetzt. Wir haben definitiv eine Schwemme lustiger Songwritender. Rainald Grebe, Funny van Dannen, Götz Widmann – alle lustig. Michael Krebs schickt mir auf Anfrage mal selbst eine Lied-Empfehlung: „Wenn ich’n Rapper wär.“ Ein Schnellsprechtext voll erbitterter Anklagelyrik gegen das System. Wenn man genauer hinhört (oder Krebs besser kennen lernt), merkt man aber: das Lied ist ja gar nicht im Ernst ernst. Er parodiert lediglich die Entrüstungstiraden der Rapper- und Liedermacherszene. Und auch die Empfehlung des Lieds speziell für „Hinter den Schlagzeilen“ war demgemäß ein Akt der Ironie.

Dann trudelte die CD bei mir ein: Michael Krebs und die Pommesgabeln des Teufels: „An mir liegt’s nicht“, erschienen bei kill-the-flüsterfuchs productions. Söhne der Gruft grinsen gefährlich aus dem Booklet, offenbar (sehr gute) Mitmusiker des Sängers: „Onkel aka Oheim des Todes“ und „Boris The Beast Löbsack“. Egal, was man davon hält, nach dem Hören muss ich sagen: Von den Lustigen ist Michael Krebs ganz sicher einer der Besten. Musik und Produktion sind erste Sahne, ein dichte Sound mit viel Piano (vom Meister selbst), Band, halbem Orchester und Chor. Stilistisch geht’s im Krebsgang rückwärts durch die Musikgeschichte: mal ist es ein Jazz-Basslauf, der groovt, mal sind es Ankläge an die Volksmusik à la Biermösl Blas’n, mal Kunstliedhaftes und Klassiknahes. Gerade das Lied „Blockiert“, das man vorschnell als Nebenwerk abzutun versucht ist, wächst sich gegen Ende zu einem furiosen Prog-Rock-Opus aus. Wenn Musikkabarett heutzutage gelegentlich ins Comedyhaft-Flache abgleitet – also an ihm, Krebs, liegt’s nicht.

Teilweise zeigt sich bei Michael Krebs auch das Sebastian-Krämer-Syndrom: die Musik ist weitaus ernster als es die Texte sind. Oder: zu dieser Musik hätte man sich gut und gern auch einen ernsten Text vorstellen können. Der tief in der Seele schlummernde Romantiker versteckt sich noch ein bisschen hinter dem alles durchdringenden witzelnden Tonfall. Selbst „Traurige Lieder“, der Schlusstrack, ist „natürlich“ ein lustiges Lied, in dem Krebs die Jammerbarden von Xavier Naidoo bis Philipp Poisel mit ausgesucht souligen Klagelauten aufs Korn nimmt. Die Musik dazu ist schön – echt jetzt, ohne Ironie. Und des Sängers schöne, bewegliche Stimme kriegt das alles wunderbar hin.

Das neue deutsche Chanson ist kabaretthaft, postmodern, postpathetisch, der Parodie zugewandt, „uneigentlich“ und wie in Anführungszeichen komponiert. Wenn manche dieser Lieder von Böhmermann kämen, würden die Klickzahlen wohl ins Unermessliche steigen, denn beide Künstler ähneln einander in ihrem Ansatz der musikalischen Mimikri – jeweils perfekt produziert. Wenn ich sage „Kabarett“, dann meine ich nicht das dezidiert linke Kampfkabarett eines Georg Schramm. Auch nicht sein Gegenteil: die Fleisch gewordene kabarettistische Konterrevolution Dieter Nuhr. Auch handelt es sich nicht um ein Kabarett apolitischer Beliebigkeit, das lediglich die Privatmarotten unserer Zeitgenossen auf’s Korn nimmt. Michael Krebs gibt eine Mischung aus gekonnter Zeitgeistkritik à la „Wortfront“, ein bisschen Blödelbardentum und ein paar konkreten politischen Seitenhiebe, die man dann doch eher „links“ verorten würde. Das Kritische ist ins Witzige eingewoben – und umgekehrt, wie etwa im schmissigen Opener „Lologik“, dessen zentrale These lautet: „Logik wird im Allgemeinen überschätzt“.

„Mein Chef der sagt zu mir
Ich bräucht’ nicht mehr zu kommen
Meinen Job den hätte ne Maschine übernommen
Es täte ihm ja leid dass er mich so ersetze
Doch das schaffe Wachstum und neue Arbeitsplätze.“

Ja, Krebs widmet sich den wirklich schmerzhaften Fehlentwicklungen unserer Epoche, z.B. dem Selfie-Stick. Aber jetzt im Ernst: Das Lied „Vorfahrt für Bildung“, in dem der Neubau einer Schule an den langsam mahlenden Mühlen der Bürokratie scheitert, ist eine wunderbare Satire im Stil von Reinhard Meys „Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“.

„Verzögerung des planmäßigen Baubeginns (PB) zugunsten einer detaillierten inhaltlichen Abstimmung (DIA) des Bedarfsprogramms (BP) an die Anforderung des Nutzers (AN)…“

„Nicht gut genug“ nimmt den herrschenden Leistungs- und Selbstoptimierungsdruck auf’s Korn – fast wie im dystopischen Bestseller „The Circle“:

„Was ich tu und was ich denk
Misst meine Uhr am Handgelenk
Sie analysiert mein Potenzial
Und berechnet meine Zahl.
Doch meine Uhr ist nicht zufrieden mit mir
Weil ich mich nicht genügend optimier
Ich kann’s an meinem Ranking sehn
Ich steh auf Platz achthundertausendzehn. (…)
Egal wie gut ich bin, ich bin nicht gut genug.“

Das anschließende Lied „Ich“ handelt vom narzisstischen Selfie-Wahn.

„Hey das bin ich mit einem Star
Und das bin ich mit einem der mal einer war
Und das bin ich mit den Pegida-Gründern
Und das bin ich mit Flüchtlingskindern…“

Die drei Lieder bilden den echt kritischen Kern der CD und zielen tiefer als nur auf die spiegelnde Oberfläche gesellschaftlicher Verwerfungen.

Ebenso wenig wie diese Missstände „des Systems“ behagt dem Spöttelnden aber der bierernste Correctness-Diskurs der Systemgegner. „An mir lieg’s nicht“ handelt von einem bio-, öko- und nachhaltigkeitsorientierten, genderbewussten Musterknaben – kaum zu ertragen.

„Du kaufst Bio Flugmango
Ich bau die selber an
Du bist für die Schwulenehe
Ich hab schon nen Mann.
Du hast’n Patenkind in Afrika
Davon hab ich drei Stück adoptiert
Du finds’t Muslime voll ok
Ich bin konvertiert.“

Ebenso wenig mag Krebs irgendwelche der Correctness geschuldeten Grenzen der Satire – wenn es etwa verboten sein soll, über Angehörige von Religionen, Präsidenten (!) und diverse „Menschen mit…“ zu lachen. (Lied: „Lachen“) All das ist total akzeptabel und im Grunde korrekt. Weil Krebs alle „beleidigten Minderheiten“ oder auch Mehrheiten auf’s Korn nimmt, kann keiner so richtig beleidigt sein.

Die Anmutung ist altergemäß etwas moderner als bei den uns gut bekannten „Liedermacher-Urgesteinen“. Der Jüngling ist – naja – 43, und womit beschäftigt man sich in dem Alter? Gratis W-Lan, Wifi, Smartphone, Allzweck Armbanduhren mit Selbstoptimierungsfunktion, Automatisierung, Frauenquote… Bildungsbürgerliche Anspielungen reichen jedoch zurück bis zu Homer. Ein reicher Wortschatz und das flexible Springen zwischen den (auch sprachlichen) Stilebenen kennzeichnen überhaupt diesen Künstler.

Gibt es denn wirklich gar nichts Ernstes auf der CD? Beim Lied „Magdalena“, dieser eigentlich bewegenden Ballade von einem Mädchen, das „einfach gehen“ will, weil sich die Blütenträume aus der Kindheit nicht erfüllt haben, meint man, dass nun Schluss mit Lustig ist. Wählt sie am Ende den Suizid oder doch das Gegenteil, das pralle Leben? Wunderbarer Pianopart, schöne Melodie, stimmt melancholisch, krebsuntypisch. Lauert da nicht schon im Namen „Magdalena“ ein religiöser Subtext (der Archetyp der Heiligen Hure)? Und ist nicht jedes scheinbar nebensächliche Detail der Lyrik metaphorisch extrem aufgeladen? („Doch auch die neue Achterbahn fährt immer nur im Kreis und immer auf demselben Gleis.“) Man darf ruminterpretieren. Aber ganz will man noch nicht daran glauben, dass das Lied ernst gemeint ist. Wer dreimal witzelt, dem glaubt man nicht – und wenn er auch ganz ernsthaft spricht.

 

Michael Krebs & Die Pommesgabeln des Teufel: An mir liegt’s nicht, kill-the-flüsterfuchs productions

www.michaelkrebs.de

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