Erziehung zum Untertanen

 in FEATURED, Poesie, Politik

Filmszene aus „Der Untertan“ von Wolfgang Staudte nach dem Roman von Heinrich Mann

Wie ein roter Faden zieht sich der politische Opportunismus durch die deutsche Geschichte. „Der Untertan“ ist ein Roman des deutschen Autors Heinrich Mann. Verfasst zwischen 1906 und Mitte 1914, gelingt Mann das satirische Portrait eines autoritären Charakters. Sein Antiheld Diederich Heßling, eine fiktive Figur, ist ein ausgemachter Opportunist, der sich von Beginn seines erwachsenen Lebens an bis zum Ende des deutschen Kaiserreichs darin überbietet, stets das Beste für sich aus den Umständen herauszuholen — ohne jegliche Form von Rückgrat: Er ist ein innerlich unsicherer Mitläufer, feige, obrigkeitshörig und ohne Zivilcourage. Gegen die Schwachen ist er ein Tyrann, aber gleichzeitig ein Untertan, der sich freudig höheren politischen Gewalten wie Militär und Adeligen unterordnet. Heinrich Manns Roman weist als psychologische Studie weit über seine Zeit hinaus. Diese Erziehung zum Untertanen wurde in Deutschlands Familien und Schulen trotz ihrer fatalen Konsequenzen bis heute nicht öffentlich diskutiert, hinterfragt und aufgegeben. Somit haben wir unter Politikern wie Bürgern weiterhin unendlich viele Opportunisten und Jasager. Rudolf Hänsel

 

Der Untertan (1)

Als sensibles, furchtsames Kind wächst Diederich Heßling in einer deutschen Provinzstadt auf. Er genießt die träumerischen Stunden mit seiner ebenfalls zart besaiteten Mutter — verachtet sie aber gleichzeitig für ihre Schwäche. Von seinem Vater bezieht er wegen kleiner Betrügereien und Lügen regelmäßig Prügel. Den Schlägen zum Trotz bewundert er die väterliche Autorität. Anerkennung erfährt er nur ausnahmsweise: zum Beispiel bei der Demütigung eines jüdischen Mitschülers.

Als junger Mann identifiziert sich Heßling mit den Weltmacht-Ambitionen der radikalen Nationalisten, die den kommenden Weltkrieg herbeiwünschen. Manns Roman hatte ein prophetisches Potenzial: Er blickte bereits auf den großen Krieg und den Nationalsozialismus voraus. Er beschreibt sehr deutlich, aus welchen Einstellungen heraus Deutschland in den Nationalismus und letztendlich in den verhängnisvollen Ersten Weltkrieg getrieben wurde. Kein Wunder also, dass die Nazis das Buch verbrannten.

Opportunistische Politiker

Erinnern wir uns an Tolstois Charakterisierung von regierenden Politikern bereits vor über 100 Jahren:

„Es herrschen häufig die schlechtesten, unbedeutendsten, grausamsten, sittenlosesten und besonders die verlogensten Menschen“ (2).

Die vergangenen zwei Jahre haben uns einen unvergesslichen Anschauungsunterricht hierzu vermittelt. Um ein Ausufern der Thematik zu vermeiden, soll im Folgenden ausschließlich auf Politiker in Deutschland rekurriert werden.

So berichtet der Finanzexperte Ernst Wolff in RT DE vom 3. Februar 2022 zum Thema „Elite will die totale Kontrolle über die Menschen erlangen“ Folgendes:

„Das Weltwirtschaftsforum (WEF) erhält über seine Ausbildungsprogramme — etwa das Forum Young Global Leaders (YGL) — unmittelbaren Zugang zu den wichtigsten Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft und beeinflusst damit das gesellschaftspolitische Geschehen massiv.(…) Es sei daher wenig überraschend, was der amtierende Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner Rede bei der diesjährigen Online-Konferenz des WEF betonte, dass nämlich Deutschland willens sei, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um an der ‚großen Transformation‘ mitzuwirken. Damit bediene er sich der Rhetorik des WEF-Gründers Klaus Schwab. Dieser wiederum plane gegenwärtig einen ‚Great Reset‘ zur Neugestaltung der Welt nach der Pandemie“ (3).

Die Ausbildungsprogramme des Eugenikers Klaus Schwab und des WEF haben auch die neuen Regierungsmitglieder aus der Partei „Die Grünen“ durchlaufen. Deshalb lässt sich erahnen, was demnächst auf die Menschen in Deutschland zukommen wird.

Doch zurück zu Bundeskanzler Scholz. Er musste dieser Tage beim US-Präsidenten zum Rapport antreten und sich vor dem Hegemon rechtfertigen, warum Deutschland als viertgrößte Volkswirtschaft keine Waffen in die Ukraine schicken will. Die US-Presse spricht inzwischen vom deutschen Bundeskanzler und ganz Deutschland als dem Land der „Putinversteher“. Da sich Scholz — wie sonst üblich — dem Diktat des Hegemons nicht sofort unterwarf, wuchsen auch im US-Kongress Zweifel an der „Verlässlichkeit Deutschlands“ (4).

Doch bereits auf der Pressekonferenz nach dem Treffen in Washington, D.C. beschwören Biden und Scholz die enge Partnerschaft. Scholz scheint sogar bereit, Nord Stream 2 preiszugeben. Windkraft und Wasserstoff sollen Gas aus Russland ersetzen. Nach einer Meldung von RT DE vom 8. Februar nannte Biden Deutschland einen der engsten Verbündeten der USA, dankte Scholz für die Aufnahme zusätzlicher US-Truppen in Deutschland und erklärte, man sei sich einig, die Integration des Westbalkans in die Europäische Union (EU) und westliche Strukturen weiter voranzutreiben (5).

Bei all diesem Opportunismus und dieser Untertanenmentalität wundert es nicht, dass fast ein Viertel der Bundesbürger Zweifel an der Demokratie in Deutschland hegt. Nach einem Bericht der Tageszeitung WELT vom 6. Februar 2022 seien gemäß repräsentativen Umfragen 23 Prozent der Meinung, dass sich die Bundesregierung auf dem Weg in eine Diktatur befände. Einige Menschen erwägen gar auszuwandern (6).

Der Bürger als Untertan

Den Bürger als Untertan gibt es heute überall. Und dies wurde nicht erst mit der Ausrufung der weltweiten Pandemie im März 2020 überdeutlich. In Deutschland hat man der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel förmlich „aus der Hand gefressen“. So hat zum Beispiel die große Mehrheit der Deutschen stillschweigend hingenommen, wie eine globale Elite die Massenmigration nutzt, um die einheimische Bevölkerung zu ersetzen. Unter Merkel begann ein Bevölkerungsaustausch in Europa.

Getoppt wurde diese Untertanenmentalität durch den Reflex der Bürger weltweit auf die Ausrufung der Virus- beziehungsweise Angst-Pandemie im Frühjahr 2020. Der gesunde Menschenverstand und die Vernunft hatten bei den meisten von ihnen keine Chance mehr. Es wurde nur noch gehorcht, und vieles bisher Undenkbare wie die gnadenlose Einschränkung der persönlichen Freiheit wurde ohne großes Murren hingenommen. Haben die deutschen Landsleute nichts aus dem Hitler-Faschismus gelernt? Auch aus diesem Grunde kann sich ein neuer Kulturbruch, ein neuer Holocaust immer wieder ereignen.

Am 23. Januar 2022 hielt die Holocaust-Überlebende Vera Sharav zu diesem Thema eine eindrucksvolle Rede in Brüssel. Das Thema lautete:
„Wir befinden uns an einem katastrophalen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit.“

Frau Sharav begann ihre Rede mit folgenden Worten:

„Eine wichtige Lehre aus dem Holocaust ist, dass der Völkermord durch das weltweite Schweigen, die Gleichgültigkeit und das Versäumnis zu intervenieren begünstigt wurde. Der Holocaust wurde in Gang gesetzt, als persönliche Freiheit, gesetzliche Rechte und Bürgerrechte beiseite geschoben wurden. Der Schriftsteller Primo Levi, ein italienisch-jüdischer Überlebender von Auschwitz, warnte: ‚Es ist geschehen. Deshalb kann es wieder geschehen. Es kann überall passieren‘“ (7).

Psychologische Bemerkungen zur Erziehung heute

Abschließend meine ganz persönliche Einschätzung als Psychologe und Psychotherapeut mit eigener Praxis sowie als Professor in der Erwachsenenbildung — unter anderem als Fortbildner von Chemie-Doktoranden bei der BAYER AG in Leverkusen, als Schulpsychologe, Lehrer-Ausbildner, staatlicher Schulberater sowie als Leiter der zentralen pädagogisch-psychologischen Beratungsstelle für die Stadt und den Landkreis München:

Aufgrund jahrzehntelanger wissenschaftlicher Studien und praktischer Erfahrungen mit ratsuchenden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen bin ich der festen Überzeugung, dass die Erziehung in Elternhaus und Schule auf das autoritäre Prinzip — das jahrhundertelang als fraglos gültige Grundlage des erzieherischen Verhaltens angesehen wurde — und auf jegliche Gewaltanwendung zu verzichten hat. Auch der verwöhnende und verzärtelnde Erziehungsstil, der durch die Tendenz von Erziehern geprägt ist, Kindern in behütender Absicht selbst einfache Aufgaben abzunehmen, ist eine Art von Gewalt.

Eltern und Erzieher müssten mit psychologischen Erziehungsmethoden gegensteuern: Sie haben sich mit wahrem Verständnis der freien Entwicklung und Entfaltung des kindlichen Seelenlebens anzupassen, die Persönlichkeit des Kindes zu achten und sich ihm freundschaftlich zuzuwenden. Eine solche Erziehung wird einen Menschentypus hervorbringen, der keine Untertanenmentalität mehr besitzt und darum für die Machthaber in unserer Welt kein gefügiges Werkzeug sein wird. Doch selbst in psychologischen und weiteren wissenschaftlichen Kreisen wird die naturwissenschaftlich orientierte Tiefenpsychologie, die Wissenschaft vom Wesen des Menschen — wie er heranwächst, wie er sich im Leben zurechtfindet —, nicht gebührend gewürdigt.

Der Mensch ist das Produkt seiner Erfahrungen, die ihm von Eltern, Lehrern und Priestern vermittelt werden und damit das Produkt seiner Eindrücke in der Kindheit. Bereits in den ersten Lebensjahren sammelt das Kind diese Erfahrungen. Mit fünf oder sechs Jahren, wenn es in den Kindergarten kommt, hat es schon seinen Kompass, es weiß schon, wie es sich verhalten soll. Der Jugendliche hat dann schon eine Meinung über den anderen Jugendlichen, über den Vater, die Mutter und die Geschwister. Er hat seinen Charakter, seine Eigenschaften und eine Meinung über seine Stellung in der Welt (8).

Bis heute hat sich der Mensch nicht erkannt. Die familiären und schulischen Defizite in der Erziehung wurden seit der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert von Politik, Elternhaus und Schule nicht aufgearbeitet. Deshalb reagierten so viele Menschen auf die Angst-Pandemie wegen eines Virus mit totalem Gehorsam und dem Ausschalten ihres gesunden Menschenverstands und ihrer Vernunft. Auf zukünftige angstauslösende Horrornachrichten wegen des bedrohlichen Klimawandels oder schwerer finanzpolitischer Verwerfungen werden die Bürger — nach einer kurzen Verschnaufpause — ähnlich reagieren.

 

Quellen und Anmerkungen:

(1) Englisch: „The Loyal Subject”, „The Patrioteer”, „Man of Straw”, „The Underling”
(2) Tolstoj, Leo N. (1983): Rede gegen den Krieg, Frankfurt am Main, Seite 74
(3) https://de.rt.com/international/131046-finanzexperte-ernst-wolff-elite-will/
(4) https://www.focus.de/politik/ausland/verwirrung-enttäuschung-und-harte-kritik-wegen-des-scholz-zoegerns_id_48702506.html
(5) https://de.rt.com/international/131173-joe-biden-olaf-scholz/
(6) https://www.welt.de/politik/deutschland/article236698929/Vertrauen…st-jeder-Vierte-hegt-Zweifel-an-der-Demokratie-in-Deutschland.html
(7) https://ahrp.org/never-again-is-now-unless-we-all-resist/ ; https://ahrp.org/time-to-atone-for-the-holocaust/
(8) Vergleiche hierzu die Standardwerke des Individualpsychologen Alfred Adler

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Dank an den Rubikon, www.rubikon.news, wo dieser Artikel zuerst erschienen ist.

Showing 6 comments
  • Ulrike Spurgat
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    Gehe ich davon aus, dass der Mensch ein gesamtgesellschaftliches Wesen ist sehe ich den Menschen im Kapitalismus  als ein vereinzelt und individualsiertes Wesen nur insofern an, dass er in einer  Klassengesellschaft  Teil einer nämlich seiner Klasse ist, und das die dämlichen Sprüche wie „Jeder ist sich Selbst der Nächste“ oder „Jeder ist seines Glückes Schmied“ eben genau diese Ausgrenzung Isolation und Verelendung  für einen unbemerkt großen Teil Menschen in dieser Gesellschaft die rauhe Wirklichkeit bedeutet. Und wenn die Konditionierung klappt, und das tut sie, dann genügt es wenn das Pawlowsche Glöckchen klingelt und Millionen setzen sich in Bewegung um sich die Giftbrühe in den Arm spritzen zu lassen.—

    Kinder denen Bildung und Wissen verweigert wird weil man gesellschaftlich rückwärts stolpert … da waren waren wir schon wesentlich weiter in den siebziger Jahren des vergangenen Jahruhunderts  wo Arbeiterkinder wie ich an einer der fortschrittlichsten Universitäten des Landes mit einem Volksschulabschluss haben studieren können. Ein steiniger Weg der sehr anspruchsvollen Zulassungsprüfung zum Hochschulstudium der mit unfassbarer selbstloser Hilfe und Zuneigung meiner Freunde und Studienkollegen gemeinsam gegangen werden konnte. Darauf aufbauend waren weitere Ausbildungen möglich.

    Die gesellschaftlichen Bedingungen sind die Grundlage für die menschliche Entwicklung !

    Ist es heute wieder so, dass der Geldbeutel der Eltern über die Bildungsmöglichkeiten ihrer Kinder entscheidet trifft es insbesondere wie immer die Familien, die Alleinerziehende, den Niedriglohnarbeiter der von den elenden Werksverträgen und Zeitverträgen geknebelt ist, also sind hier die Millionen von Menschen die am Ende der Nahrungskette existieren müssen gemeint. Die Jugendlichen die mich aufsuchten an einer der Berufsbildenden Schulen vor Ort wo das Konzept für die Schulsozialarbeit von mir erarbeitet als Grundlage bis heute dient waren bereits stigmatisiert von der Gesellschaft und auch von Kollegen bevor es für sie eine Schnitte gab. Schwierige Verhältnisse sind nicht ungewöhnlich. Nur wer aus Verhältnissen kam wo zumindest auf der Erscheinungserscheinungsebene die „kleinbürgerliche“ Welt in Ordnung war waren Eingriffe von seiten der Schule, des Jugendamtes, der Gerichte mehr oder weniger ausgeschlossen. Immer waren es die Kinder und Jugendlichen aus der Arbeiterklasse die schikaniert und auch gepiesakt wurden indem man ständig in ihr kleines Leben eingriff. Die Eltern hatten oft nicht mehr die Kraft in ihrem Überlebenskampf den Kindern so zur Seite stehen zu können wie es nötig gewesen wäre.

    In den unzähligen Gesprächen mit den Jugendlichen, den Eltern oder den Alleinerziehenden, mit den Jugendämtern, den Gerichten, den Firmen die Auszubildende suchten ließ sich einem roten Faden folgen, nämlich dem,…… der ständigen Bevormundung und der ewigen Besserwisserei von Leuten die den rauhen Sturm des Lebens nie erfahren haben sich aber überall meinten einmischen zu müssen. Eine durchaus schwieriges Arbeitsfeld dass es zu beackern galt.

    Jedenfalls bezweifel ich in hohem Maße, dass das Kind und auch der Erwachsene sich in seiner Entwicklung auf was weiß ich sich festlegen lässt. NÖ !

    „Erst durch den gegenständlich entfalteten Reichtum (damit ist keine Knete gemeint) des menschlichen Wesens“ schreibt Karl Marx, „wird der Reichtum der subjektiven menschlichen Sinnlichkeit, wird ein musikalisches Ohr, ein Auge für die Schönheit der Form, kurz, werden erst menschliche Genüsse fähige Sinne, Sinne , welche als menschliche Wesenskräfte sich bestätigen, teils erst ausgebildet, teils erst erzeugt. Denn nicht nur die fünf Sinne , sondern auch die sogenannten geistigen Sinne , die praktischen Sinne (Wille, Liebe etc.) wird erst duch das Dasein seines Gegenstandes , durch die vermenschlichte Natur. 

    Die Bildung der fünf Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte.“

    „Jedes seiner menschlichen Verhältnisse zur Welt, Sehn. Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, Denken, Anschauen, Empfinden, Wollen, Tätigsein, Lieben, kurz, alle Organe seiner Individualität……sind……in ihrem Verhalten zum Gegenstand der Aneignung desseleben; die Aneignung der menschlichen Wirklichkeit.“

    Die menschliche Entwicklung geht ein Leben lang: lebenslanges Lernen

    In den Studien der Pädagogik und der Psychologie waren die Standardwerke z. B. von Leontjew, Vygotsky, Rubinstein, Galperin, Holzkamp/Osterkamp und denen des leider 2020 verstorbene Wolfgang Jantzen u.A. ein wesentlicher Teil der wissenschaftlich – pädagogisch-pschologisch und therapeutischen Arbeit.

    Ein großartiger Regisseur war Wolfgang Staudte. Die Verfilmung „Der Untertan“ wie auch „Rosen für den Staatsanwalt“ spricht für Staudtes Qualität.

     

     

     

     

     

     

  • Susanne Alpers
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    Sehr geehrter Herr Hänsel,

    Ihren Artikel habe ich mit Interesse gelesen und stimme Ihnen in Ihren pädagogischen Ausführungen weitgehend zu.

    Hinsichtlich Ihrer steilen These vom Bevölkerungsaustausch in Europa, der unter Merkels Kanzlerschaft begonnen haben soll, muss ich Ihnen jedoch deutlich widersprechen.

    In den westlichen Industrieländern -so auch in Deutschland- ereignet sich seit vielen Jahren ein Umverteilungsprozess, der sich wesentlich in der laufenden Erosion öffentlicher Förderung ausdrückt. So wurde in den 2010-er Jahren verstärkt der Abbau staatlicher Förderung in der öffentlichen Infrastruktur voran getrieben, Strassenbau, Kliniken und Schulen sind hier nur einige Beispiele. Dies führte bei der weniger begüterten Bevölkerung zu wachsendem Groll, der auch wahr genommen wurde. Deshalb benötigte die Regierung ein Ventil.

    Warum also nicht jede Menge Menschen aufnehmen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen müssen? Und das Ganze dann als humanistische Grossherzigkeit verkaufen? Die Etikette dafür hieß: Willkommenskultur. Praktischerweise konkurrieren dann Deutsche und Geflüchtete um die stetig geringer werdenden öffentlichen Ressourcen. Denn nicht jeder kann mit seinem SUV über Schlaglöcher rauschen, seine Kinder in Privatschulen schicken oder hat eine private Krankenversicherung.

    Nichts lenkt effektiver vom Niedergang öffentlicher Leistungen ab als neue Sündenböcke. Und prompt marschierten die Empörten auf und schwafelten von islamischen Messermännern und dem Niedergang des Abendlandes. Zeitgleich interessierte sich die Presse wieder nicht für die realen sozialen Verteilungskämpfe sondern predigte in Endlosschleife, alle sollten sich mal bitte zusammen reißen und teilen lernen. Damals begann übrigens auch die Praxis in den Jobcentern, die Leute nicht mehr zu den Sachbearbeitern vor zu lassen, sondern untern am Tresen abzufertigen.

    Die Wut wurde effektiv umgelenkt und der doitsche Michel, der sich am Würstchengrill gerne mal über den IS echauffierte und dabei wenig Mitgefühl für dessen Opfer aufbringen konnte („da unten blickt doch eh keiner mehr durch“), durfte sich mächtig an all den Alis und Zeynabs abarbeiten, die im Alemannenland aufgeschlagen waren. Wer hat denn schon Bock auf trockenen Zahlensalat im kommunalen Haushalt? Und den daraus resultierenden Konsequenzen?

    Die Strategie war diesselbe wie jetzt in der Situation mit Corona. Erst wird eine Krise beschworen, dann werden weitreichende Massnahmen beschlossen und die Menschen sollen sich solidarisch verhalten. Im Windschatten dieser Szenarien wird die öffentliche Versorgung weiter massiv reduziert. So sind seit knapp zwei Jahren die meisten Behörden wegen eines Virus für den Publikumsverkehr geschlossen bzw. nur unter Auflagen betretbar.

    Die Formel ist einfach: immer mehr Abgaben bei immer weniger Leistungen.

    Ich würde mir bei den sehr wohl berechtigten Protesten dieser Tage -aber auch im Kontext der Fluchtbewegungen- einen aufmerksameren Blick auf die soziale Frage wünschen und weniger ideologisches Geschrei gegen „die da oben“. Dann wären die Proteste medial auch weniger leicht zu diskreditieren.

    Mit freundlichen Grüssen, Susanne Alpers

     

     

    • c.w.
      Antworten
      danke für die, auf den beitrag von hr. hänsel bezogene notwendige differenzierung, die ich gerne, auf den folgenden satz bezogen, noch etwas mehr ausweiten möchte:

      zitat: „So hat zum Beispiel die große Mehrheit der Deutschen stillschweigend hingenommen, wie eine globale Elite die Massenmigration nutzt, um die einheimische Bevölkerung zu ersetzen.“

      mal abgesehen, dass die realen bevölkerungs-, einwanderungs- und erwerbstätigenzahlen dieses narrativ nicht bestätigen, wird mit diesem scheinbaren beleg für untertanenverhalten wieder einmal mit einer nacherzählung ein zusammenhang wiederholt, anstatt ihn in frage zu stellen, was einem autonomen, nicht untertanengeist entspräche.

      wem nützt dieses vorgehen, wem nützt diese wiederholung einer geschichte, das nachplappern von irgendwem gesetzten vermeintlichen welterklärungswahrheiten, die letztlich nur den zweck haben, mehrheiten  gegen minderheiten (in diesem fall deutsche bevölkerung gegen migranten, es können aber auch schafe, untertanen, geimpfte gegen aufgeklärte, aufgewachte, ungeimpfte…. sein) aufzubringen?

      wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte? divide et impera!

      teile und herrsche nutzt immer den mächtigen, die die macht haben, die strukturen vorzugeben und in ihrem sinn zu gestalten.

      dagegen hilft nur, nicht an dem leim kleben zu bleiben, mit dem wir qua staatlicher strukturen und denkrichtungen in unserer entwicklung zur unabhängigkeit gehindert werden sollen, was letztendlich meint, dass eine befreiung vom untertanengeist mit dem eigenen denken und der befreiung des (herrschafts-) denkens, dem in-frage-stellen, dem hinterfragen und dem mut zu widersprechen und widersprüchen nachzugehen anfängt.

      in diesem sinne ist denken wahrlich radikal, müssen die gedanken erst befreit werden, um frei sein zu können, das allerdings nur, wenn das denken nicht wiederkäut, was uns von irgendwem auf den teller geklatscht wurde. und in diesem sinn ist denken immer auch probehandeln für veränderung und ermächtigung für sich selbst.

      auf den guten alten wecker („sie haben und zu laut und zu weit gedacht“ https://wecker.de/de/musik/start_entries/150/item/55-Im-Namen-des-Wahnsinns.html) zurückgegriffen, wünsche ich mir mehr lautes und weiter gehendes hinterfragen und denken: das geht nur mit diskurs und dialog.

      von paulo freire stammt der satz: “ es ist nicht die apathie der massen, die zur herrschaft der eliten führt, sondern es ist die herrschaft der eliten, die die massen apathisch macht. die theorie von der ’natürlichen‘ unterlegenheit der untersrückten ist eine – oft genug bewusste – zwecklüge der unterdrücker (…), einer von den vielen mythen, mit deren hilfe sich kolonialherrschaft und klassenherrschaft aufrechterhalten.“

      zur weiteren lektüre auf dem weg in die befreiung empfehle ich das buch“pädagogik der unterdrückten“ von paulo freire.

       

       

       

  • Wenn...
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    Wäre die Welt doch nur in den Händen von vernunftbegabten Menschen, sie hätte eine Zukunft auch mit dem Menschen.
  • Mensch ohne Welt
    Antworten
    Der Untertan.Meine Lektüre im Deutschunterricht Anfang der 80er.  Meine Söhne haben sich mit „Die Welle“ auseinandergesetzt. Solange kein Bezug zum Leben hergestellt und nur in der Schulstunde einen Wert erhält, hat es kaum einen Nutzen, außer aus der Erinnerung daran, eines kleinen vielleicht weisen Fingerzeigs…in die klaffende Wunde.

    Ach so. apropos Einwanderung. In Brasilien gibt es Städte wie Blumenau. Es gibt deutschsprachige Menschen, die wir nicht verstehen. Zwang gab es nie..Während hierzulande die EinwanderInnen aus dem armen Süden schlimmstenfalls als Bedrohung gesehen, als Ersatz der Urbevölkerung (mischmasch aus Römern, Germanen, Kelten, Slawen, Galliern und seit vielen Jahrzehnten eben auch Türken, Marokkaner….als wenn das irgendeine Bedeutung hätte auf dieser Erde in diesem Leben…warum ist mir das Bedürnis so fremd, mich als Deutsche definieren zu können, so fremd? Hat sicher was mit Geschichte zu tun, und auch was mit dem Buch „Der Untertan“, … und dass ich auch zeitweilig anderswo gelebt habe und bemerkt habe, dass es mit ehr unangenehm ist, nur wegen meiner Staatsangehörigkeit, für die ich nix kann, für die ich nix getan hab, außer geatmet zu haben kurz nach der Geburt, bewundert zu werden und keine Verständnis habe für Geringschätzung und Verachtung von Menschen, die nix anderes getan haben , als andernorts nach der Geburt geatmet zu haben…

    und an dieser meiner Einstellung werden noch so sinistre Hintergedanken irgendeiner sogenannten Elite oder selbsternannten Weltenlenker nichts ändern..so lange ich atme.

     

  • Hope
    Antworten
    Der Vortrag -„Kinder der Zukunft – was wir aus der Geschichte lernen können“, wird hier kurzerhand von der Polizei verboten. Wir sind wieder mittendrin. Buah, ist das alles zum Kotzen.

    „In Berlin bestimmt die Polizei, ob ein Jude sprechen darf“

    https://free-people.online/berlin-polizei-jude/

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