Erzkatholisch oder Die Sache mit dem Paradies… – Gedanken für eine nicht gehaltene Rede

 in Philosophie, Politik, Spiritualität, Wirtschaft

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Was hindert heute größte Teile der Gesellschaft eigentlich daran, klar zu denken und geradeaus zu handeln? Warum ist es so schwierig, Machtmissbrauch zu erkennen und ihn effektiv zu bekämpfen, warum verschließen so viele ihre Augen, warum ist Umweltschutz so kompliziert und warum ist selbst Empörung nur bestenfalls Teil einer angemeldeten Demonstration – virtuell organisiert mit dem Effekt eines anklagenden, aber nichts ändernden Theaterstücks. Warum sind all die Dinge zu schwer zu verändern, die scheinbar so logisch klar auf der Hand liegend falsch sind, völlig falsch laufen? Warum wird nicht „vernünftig“ gehandelt, sondern lediglich, wenn von Zeit zu Zeit irgendwer durch eine Fußgängerzone mit seinem Auto rast? Braucht es so viel Verstand, zu sehen, wie wir unsere Luft verpesten und so weiter und so weiter und dass das alles nicht gesund sein kann, was da gerade abläuft? Dass das globale Spiel mit dem Geld wie auch das ganz persönliche zu den Geistern, die man rief, aber nun nicht mehr los wird, sich zu einer Absurdität sondergleichen entwickelt hat? Die psychologische und soziologische Analyse sind die modernen Betätigungsfelder mit dem erwünschten beruhigenden Effekt – dem Tod jeder Idee zur Veränderung. Christian Biribauer

Dass Übertechnisierung in allen Lebensbereichen einfach falsch ist und jegliche Spiritualität auslöscht – wobei selbst der Begriff auch bereits nur ein zeitgeistiger Modeausdruck ist, und verwendet wird, wie es Lennon in „Instant Karma“ versucht hatte, auszudrücken. Denn im Grunde geht es darum, zuzulassen, was natürlicherweise ohnehin auf jeden einzelnen zukommt, bzw. was ihm zufällt. Und das ist ohnehin das Beste bzw. einzig Mögliche, alles andere die Verweigerung des natürlichen Flusses. Früher nannte man dies Gottvertrauen, mit der allgemeinen – durchaus verständlichen – Distanzierung von europäisch-katholischen Traditionen in unseren Breiten ist dieses Vertrauen verloren gegangen und wurde ersetzt durch ein grenzenloses Vertrauen in neue „Götter“. Das derzeit allumfassende nennt sich Kapitalismus bzw. Markt. Es ist nicht nur ein Vertrauen in den Markt, sondern es ist bereits alles Markt. Kathedralen als sichtbarer Ausdruck sind geblieben, gar größenwahnsinnige, viel größer als alle kirchlichen, neue werden ununterbrochen gebaut, Einkaufszentren heißen sie heute und Bürogebäude. Dem legendären 11. September zu Trotz baut man immer neue, größere, immer mehr. Das Globalste ist das Internet, nicht materiell und deshalb scheinbar endlos ausbaubar.

Was trübt und verhindert damit nun den klaren Blick? Welche sind die Ausreden – und es sind Ausreden. Ängste werden geschürt. Ja, aber schon immer. Das ist nicht neu. Heute sind es fast ausschließlich materielle, jahrhundertelang waren es jedoch religiöse, in unseren Breiten katholische. Der Beruf des Geschäfts, des Handels war sehr oft nebensächlich, ein lästiges, notwendiges Beiwerk, eines, das man den Juden überließ, damit sie halt auch leben können. Es waren mehr geschürte Ängste moralischer Natur, also – tu das und das nicht, Gott sieht alles, es wird einmal aufgerechnet. Passt scheinbar auch mit der Idee des Karma zusammen. Man kann alles irgendwie verfälscht zurechtzimmern. Und das geschah vor dem Hintergrund einer Verbrüderung der Kirche, eines klaren Handels der Kirche mit den Besitzenden und dem Staat. (Wobei es gerade in Mitteleuropa die Staaten in der Form, wie wir sie heute kennen, gar nicht gab. Es bestand aus größeren und kleineren Fürstentümern, und selbst das österreichische Habsburgerreich war mehr eine Ansammlung von Einflussbereichen. All das wirkt bis heute nach.)

Woher rühren diese Ängste, selbst wenn sie nicht sonderlich geschürt werden? Sie sind heute noch genauso vorhanden, so aufgeklärt sich etwa die politisch korrekte, pseudolinke Seite hält? Was lenkt ab? Warum bilden sich so viele allerlei seltsame Verpflichtungen ein? Geht es um simple materielle Grundbedürfnisse wie Essen? Im Fall von Familie durchaus argumentierbar, nur – auch das ist nicht mehr klassischer Standard. Der Rest schafft sich künstliche „Verpflichtungen“, sei es eine absurd hohe Anzahl von Haustieren, Besserverdienende Stress mit obligatorischen Urlauben, genereller Stress damit, sein Geld wieder loszuwerden zu können, Stress mit der Bekämpfung von Burn- und Bore-Out – die Liste wäre lange fortsetzbar. Ein ziemlich chaotischer Mix aus althergebrachten Mustern und durchaus progressiven Ideen ist beobachtbar, eine babylonische Sprachverwirrung, getriggert durch unterschiedliche „soziale Medien“ und Kommunikationsformen, die bestenfalls falsches Ego und Egozentrik fördern, selten aber tatsächlich gesund verbindend wirken. Will die Wirtschaft ja auch gar nicht. Der Markt greift sich alle, ist zum scheinbar einzigen größten gemeinsamen Nenner geworden, bestimmt das Handeln aller.

Und wenn du nicht mitspielst, bist du krank(-geschrieben). Ein Trugschluss, denn er kann nicht dieser Nenner sein, schon gar nicht in sozialen und simplen zwischenmenschlichen Belangen. Über all dem, über allem steht trotzdem immer noch etwas anderes: nämlich die Natur. Die lässt sich nicht dauerhaft verbiegen, weder Flora noch Fauna. Atomspaltung und allen anderen wundersamen technischen Erfindungen und Entdeckungen zum Trotz – sie bietet eine erstaunliche Bandbreite an Einflussnahme von Seiten des Menschen, aber man kann nichts beherrschen, aus dessen Teilen man selbst konstruiert ist. Sie lässt sich nicht verbiegen, wir sind ihr.. ähm – Produkt.

Nur warum nun diese Ängste? Ich habe folgende These – sie will nur nur eine mehrerer Möglichkeiten und Zutaten andeuten, aber sicher eine wesentliche, die in der westlichen Welt so desaströse Auswirkungen mit sich gebracht hat und nun weltumspannend wirkt. Heute Europa und USA, morgen die ganze Welt.

Menschen zu versprechen, dass sie, wenn sie „funktionieren“, dienen, danach das bekämen, was sie eigentlich wirklich möchten, ist nichts Neues. Verzichte auf das und jenes, dann wirst du später bekommen, wonach du dich sehnst. Prinzipiell ist der Gedanke nicht falsch, denn ohne Rauf kein Runter und umgekehrt. Nur wie bei so vielen Dingen wurde diese an sich richtige philosophische bzw. psychologische Formulierung seit jeher machtmissbraucht – systematisch und dauerhaft. Im gegenwärtigen kapitalistischen System ist das ganz einfach darstellbar, zumindest für jenes angeblich demokratische, welches man nach dem 2. Weltkrieg aufgezogen hat. Arbeite ohne Unterlass, der Wiederaufbau hat dich nötig, arbeite 40 Jahre lang und dann erlaubt dir der Staat im Ruhestand das  Paradies! Du kannst dir sogar enormen persönlichen Reichtum erarbeiten, der wirklich nur dir gehört. Lebensversicherungen und etliche weitere Anlagen schlagen in diese Kerbe. Die allermeisten halten das alles für real, was einfach nur ein spekulativer Nepp ist.

Vor einem katholischen Hintergrund mit jahrhundertelanger Geschichte ist das ein einfaches Spiel mit dem Menschen. Der Reiz nach materiellem Wohlstand machte dieses Spiel und die Unterdrückung sehr einfach, die Möglichkeiten waren außerdem tatsächlich sehr groß und Arbeitsplätze leicht zu bekommen. Kunststück – zuerst reduziert man die Bevölkerung um ein paar Millionen Menschen, vorzugsweise Männer, und dann erzeugen die Umstände ein vollkommen falsches Bild von dem eigentlichen Hintergrund, der sich letztendlich ja kaum ändert. Eine Prise Moral und Argumentation mit Gott dazu, und die Menschen waren zufrieden. Oder im Fall der Sozialisten – der eingeimpfte obligatorische Spruch von Freundschaft und Genosse.

Wie war es möglich, die Bevölkerung dahingehend auf lange Sicht abrichten zu können, das Paradies auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben? Es ihnen einzureden, dass dies möglich wäre? Sind sie einfach nur zu faul? Wie konnte man das so leicht verkaufen? Ein Miteinander wurde unterbunden, ein Prinzip, welches bereits vor diesem vom Markt beherrschten System da war. Nur noch so effektiv wie heute, wo jeder angeblich selbst entscheidet. Jener Markt konnte mühelos darauf aufbauen.

Aber das ist nicht alles. Man könnte ja im Jetzt leben, materielle Notstände durch ein Miteinander überbrücken, sich ergänzen. Dahingehende Versuche gab es ja genügend, man denke etwa an Kommunen der 70er Jahre und alternative Projekte der 80er.

Ist der Mensch ein Herdentier mit dem Bedürfnis nach größtmöglicher persönlicher Freiheit, oder ist auch letztere nur dem Kommerz dienende Propaganda? Mittlerweile hat sich diese „Freiheit“ zu einem politisch korrekten Zwang entwickelt, viel Arglosigkeit und Ignoranz geht einher, weil das alles ja doch sehr anstrengend ist. Moderne Zeiten mit größtmöglichem Luxus, die zum Einsturz kommen müssen. Dass das System wieder logischerweise – wenn auch einigermaßen trotzdem überraschend – in die komplett gegengesetzte Richtung kippt, nicht nur nach rechts (politisch gesprochen), ist zwar erklär- und analysierter, unfassbar reaktionäre Effekte machen jedoch stutzig. Ein Beispiel wären Verhaltensmuster junger Frauen, als hätte es den Feminismus nie gegeben.

Ich möchte mich aber hier mehr auf die Geschichte mit dem „Paradies“ konzentrieren, weil sie mir äußerst interessant erscheint: Die allermeisten Zeitgenossen in dieser Gesellschaft sehnen sich nach irgendwelchen anderen Umständen, nach irgendetwas anderem, sie rennen dieser Karotte vor dem Mund hinterher. Wenn ich könnte.. wenn ich genug Geld hätte.. wenn.. das alles endlich vorbei ist, das Arbeitsleben.

Der Begriff des „Paradieses“ wurzelt hierzulande im Katholischen, ist gar nicht christlich wie er verstanden wird, und entspringt ursprünglich dem jüdischen Glauben. Denn Jesus sprach von einem Paradies, welches im Jetzt und Hier passiert. Das Heil ist nicht irgendwo anders. Die Sichtweise, die sich dennoch durchgesetzt hat ist jene eines verhinderten Paradieses, welche auf historischen Tatsachen beruht – einer jüdischen Tradition. Denn man hat herausgefunden, dass es dieses Paradies tatsächlich gegeben hat nach der Vertreibung ihrer Vorfahren. Es war ein Land, in welches sie vorübergehend gekommen waren, in dem damals ein anderes Klima herrschte, eine Gegend im Nahen Osten, wo es tatsächlich sehr grün war. Sie mussten auch von dort wieder weiterziehen. Die Sehnsucht nach einer Rückkehr zu dieser vermeintlich besten Gegend aller Zeiten in der Geschichte ihres Volkes wurde zum Dogma erhoben. Daraus entstand in weiterer Folge die allseits bekannte Metapher vom „Paradies“, einem Ort, der zum unerreichbaren Ziel wurde – über Jahrtausende. Und damit eine Rückwärtsgewandtheit, die nicht gut tut, ohne hier die Notwendigkeit von Traditionen und Geschichte leugnen zu wollen.

Die Israeliten und Juden mal beiseite lassend, habe ich den Eindruck, dass unter anderem dieses Gedankengut, aus einer durchaus verständlichen Not und Frustration heraus entstanden, zunächst vom Katholizismus in Europa und letztendlich heute vom Kapitalismus perfekt genutzt wurde, um die Menschen in Schach zu halten. (Die indische Komponente sollte man jedoch nicht vergessen, sie ist nicht minder gefährlich mit ihrem Kastendenken und weiteren Klassifizierungen, etwa jene Frauen gegenüber.) Dieses Aufschieben eines lebenswerten Daseins und die damit gerechtfertigten Ungerechtigkeiten mit der Aussicht auf ein besseres Leben nach dem Tod entspringt bekanntermassen katholischer Tradition und Agitation, aber selbstverständlich nicht ausschliesslich jener.

Letztendlich beruht das Handeln selbst der ach so „progressiven“ Bevölkerung immer noch auf genau jenen althergebrachten, leider reaktionären Grundlagen, Imperativen und Zielen. Geplante Zukunft, solider Background (wie es Wolfgang Ambros einmal in einem Lied ausgedrückt hat), eine Formulierung, die nicht nur materiell verstanden werden sollte. Ultimatives Ziel scheint die Möglichkeit einer dauerhaften Flucht aus der Herde zu sein, die durch eben jene materielle Absicherung erreicht werden soll. Wie sonst wäre die Sucht nach immer neuen, weiteren höchstbezahlten Jobs selbst von Seiten sozialistischer Funktionäre wie auch jener der angeblich linken Grünen erklärbar? Bei konservativ-reaktionären Parteien erwartet man das sogar, verwundert es keineswegs, ist normal – mittlerweile jedoch komplett jeglicher christlich-sozialer Verpflichtungen entledigt. (Siehe absurd positive Reaktionen auf Strache und Ibiza-Skandal in Österreich: „Als Familienvater muss er ja seine Familie erhalten“. Dümmer geht’s kaum noch, patriarchalisch ist es außerdem.)

Diese vermeintlich „liberale, freie, hedonistische und immaterielle“ moderne „zivilisierte“ Gesellschaft, wie sie vor allem junge Leute glauben zu leben, fußt auf gefährlich dominanten historischen Unterdrückungsmechanismen und ist immer noch erzkatholisch. Austreten aus der Kirche genügt eben nicht. Dass rechte Strömungen fruchtbaren Boden auffinden können, verwundert von daher dann nicht. Wirklich christliches Gedankengut gilt als weltfremd, Jesus ist nicht nur in schlechter Gesellschaft, wie es schon Adolf Holl provokant ausgedrückt hat, sondern seine Ideen wurden ein weiteres Mal getötet.

Dass eine Gesellschaft jedoch nicht funktionieren kann, aus der sich ein nicht übersehbarer Teil der Bevölkerung entweder gedanklich verabschiedet hat oder tatsächlich in persona flüchtet, das Ziel also Auswandern ist, liegt auf der Hand. Die Nachkommenden unterliegen einer vermeintlichen Sicherheit oder denken einfach gar nicht mehr. Auch ist es äußerst undemokratisches Handeln, es gibt keine soziale Sicherheit ohne Anstrengung, ohne ein Nachdenken, Auseinandersetzung und ständiger Veränderung. Im Grunde ist das System gar nicht so entscheidend, sondern auf jedes Erstarren folgt der Abstieg. Ist wirklich so schwer zu verstehen, dass überzogene Reglosigkeit nahe am Tod ist?? Meditation und Schlendern zur rechten Zeit – alles zu seiner Zeit, für alles gibt es eine richtige Zeit – sollten aber nicht als Hypnotikum dienen bzw. missbraucht werden. Das Paradies ist nicht irgendwo, das Paradies ist es, leben zu dürfen. Gott vergelt’s ohnehin. Ohne das abschließende Amen. Letzteres impliziert leider: „Gut gesprochen, aber wir tun weiter wie bisher“. Denn unerreichtes Paradies kann (nicht zu verwechseln mit Hoffnung!) und erreichtes als vermeintlich dauerhafte Endstation kann letztendlich zur Hölle werden. Der „ewige Augenblick“, also die „Glückseligkeit“, verweilt nur für kurze Zeit. Das materielle Schlaraffenland im Speziellen ist die perfekte Illusion, der rosa Elefant, der gedankliche Adamsapfel des Kapitalismus.

ChriB 7/19

 

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