Es geht los mit dem Krieg gegen die Armen in Griechenland

 In FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

188. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Wahrlich, dieses Mal gibt es wieder einiges zu berichten aus Griechenland: einige Neuigkeiten, was unsere Hilfsaktionen betrifft, einige Neuigkeiten, was unternehmerinterne Rivalitätskämpfe betrifft, einige Neuigkeiten, die mit den Streiks in Griechenland zu tun haben und mit den reaktionären Reaktionen der konservativen Regierung darauf. Und natürlich: auch die neuesten Spendenzahlen teile ich unseren Lesern mit. HP

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

dass ein vergleichsweise nachrichtenarmer Bericht zu Griechenland und zu unseren Hilfsaktionen in Griechenland einen vergleichsweise kleinen Spendenbetrag nach sich zieht, darf wohl nicht verwundern. In der Vorwoche hatten uns 8 Spenderinnen und Spender mit 265,- Euro unterstützt, während der letzten sieben Tage waren das nur 2 SpenderInnen gewesen, und diese überwiesen insgesamt 150,- Euro an uns. Auch die relativ niedrige Anzahl an „Likes“ für meinen  letzten Bericht – 12 statt wie sonst so um die 20 plus X „Likes“ herum – deutete auf ein eher bescheidenes Ergebnis hin. Gleichwohl: wir freuen uns über das Spendenergebnis, wir danken den beiden UnterstützerInnen sehr. Und mehr zu berichten gibt es in dieser Woche auch!

Ich fange mal mit den Nachrichten von Kalle und Uschi an. Die beiden haben am Freitag der vorvorigen Woche das Kreiskrankenhaus in Neapolis mit Verbandsstoffen beliefern können, und die Mitarbeiter, die dort die Sachspende entgegennahmen, waren ebenso überrascht wie erfreut. Dank also von dieser Institution an Euch alle!

Wie immer dienen unsere Sachspenden dem Zweck, dem Krankenhaus auch die Behandlung von PatientInnen ermöglichen zu können, die wegen Geldmangels ansonsten nicht behandelt werden könnten. Über die nach wie vor katastrophalen Verhältnisse im griechischen Krankenversorgungssystem habe ich ja bereits mehrfach berichtet! Und im übrigen auch darüber, daß die neue Regierung an unguter Tradition fortsetzt, was die alte, die SYRIZA-Regierung nicht hinbekommen hatte: gute ärztliche Behandlung aller Griechinnen und Griechen – selbst der armen! – gewährleisten zu können.

Zur anderen Mitteilung von Kalle eine Bemerkung vorweg: in Griechenland ist es üblich, dass die medizinische Versorgung auf dem Land dadurch sichergestellt wird, dass angehende junge Ärztinnen und Ärzte erst einmal in der „Provinz“ ihre Praxiserfahrungen zu sammeln haben. Das hatte bislang auch in Kyparissi, in dem kleinen Badeort an der Südküste der Peloponnes, für kontinuierliche medizinische Betreuung der dort ansässigen Menschen gesorgt. Doch zu ihrer eigenen Überraschung mussten Uschi und Kalle dieses Mal feststellen, dass die betreffende Landarztpraxis zwar „theoretisch“ über eine – neue – Medizinerin verfügt, diese aber „de facto“ nicht anwesend ist. Kalle in seiner Mail an mich: „Die Praxisräume sind verschlossen, Sprechzeiten nicht bekannt. Eine Telefonnummer weist auf das Kreiskrankenhaus in Molai hin“, rund 50 km von Kyparissi entfernt. Uschi und Kalle entschieden sich deshalb, auch die für die Landarztpraxis im Kyparissi gedachten Verbandsstoffe dem Kreiskrankenhaus in Neapolis zukommen zu lassen (Molai hatte vor einiger Zeit ausdrücklich Desinteresse an dieser Hilfe an den Tag gelegt).

Gutes konnte Kalle hingegen aus Piräus vermelden: Katerina, zu deren Organtransplantationen wir vor einiger Zeit Gelder beisteuern konnten, geht es nach wie vor gut, und sie hat inzwischen wieder ihr Studium in Athen aufnehmen können. Ihr Spenderinnen und Spender dürft Euch sagen, dass Ihr zu dieser Rückkehr Katerinas in ein unbeschwerteres Leben beigetragen habt!

Gleich zwei Berichte erhielt ich in den vergangenen Tagen von unserem dritten Griechenlandfahrer, von Tassos Chatzatoglou. Nun, was „unsere“ Betreuungsfälle angeht, konnte mir auch Tassos überwiegend Gutes berichten.

Bei dem Jungen Dionysis ist auch weiterhin, dank unserer Unterstützung, die dringend erforderliche Versorgung mit Dätetika sichergestellt (und auch in seinem Fall könnte man nun ausführlich und mit Recht über das Versagen des griechischen Krankenversorgungssystems berichten). Dessen Bruder Andreas, dem wir die Finanzierung einer ärztlich verordneten Gaumenspange ermöglicht hatten, sieht allmählich dem Ende der Acht-Monats-Dauer entgegen, während derer er diese Gaumenspange tragen mußte. Und für Leta K. auf Tinos haben wir inzwischen die gesamte Stromrechnung in der Höhe von 815 Euro übernehmen können. Übrigens war ihr der Strom tatsächlich schon abgestellt worden, als Tassos sie besuchte – ein Zustand, den er dank Eurer/unserer Unterstützung sofort ein Ende setzen konnte.

Eher gemischt hingegen die Auskünfte von Tassos Chatzatoglou über die Situation von Panagiota K. aus Megara. Natürlich: die Finanzierung ihrer neuen Wohnung ist nach wie vor sichergestellt – aus jenen Mitteln, die wir aus unserem Hilfsfonds Monat für Monat zuschießen können, aber auch aufgrund der Patenschaft, die unsere HdS-Leserin Bettina Beckröge für Panagiota mit deren drei Töchtern übernommen hat. Gleichwohl treiben Panagiota K. derzeit zwei Sorgen um:

Unklar ist, ob sie auch über den November hinaus bei ihrer Gemeinde als Reinigungskraft beschäftigt bleiben wird (ihr Arbeitsvertrag, auf 8 Monate begrenzt, läuft zum Dezember dieses Jahres aus). Und zum anderen ist ihre zweitjüngste Tochter Maria an einer schmerzhaften Milzvergrößerung erkrankt. Eine Ultraschalluntersuchung hat diese Diagnose bestätigt, weitere Untersuchungen sollen noch folgen. Bis zur Stunde unklar ist allerdings, welcher Weg der Behandlung dann eingeschlagen werden soll. Es versteht sich von selbst, dass wir Panagiota K. mit ihren drei Töchtern auch weiter zur Seite stehen werden.

Womit ich beim „politischen“ Teil der Nachrichten bin, die mir Tassos Chatzatoglou mitgeteilt hat. Nachricht eins:

Die konservative Regierung unter Kyriakos Mitsotakis plant, zukünftig auch jene Zuwendungen zu besteuern, die Eltern ihren Kindern fürs Studium zur Verfügung stellen (was wohl bedeutet, dass es irgendwann demnächst keinerlei Steuerfreibetrag für die GriechInnen mehr geben wird). Allein das ist absurd und betrifft – soll ich sagen: „natürlich“? – vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten. Im Zusammenhang damit sollen aber auch sämtliche Spendenzahlungen  steuerpflichtig werden. Ihr SpenderInnen wisst es ja alle: solche sind bei uns ausdrücklich von der Steuer befreit; nicht zuletzt sorgt dieser Umstand für die finanzielle Absicherung unserer gemeinnützigen Spendenaktion. Offenkundig werden also auch wir in Griechenland zu klären haben, ob unsere Hilfsinitiative zukünftig steuerrechtlich behandelt werden soll wie ein gewinnorientierter Betrieb. Absurd ist diese Planung der christdemokratischen Regierung aber so oder so – egal, ob „nur“ landesinterne Spenden besteuert werden sollen oder auch solche, die aus dem Ausland kommen (wie unsere Hilfsbeträge). Helfen würde fiskalisch behandelt wie Profitmaximierung. Man fasst es nicht und fragt sich, ob diese Politiker noch bei Troste sind!

Die andere Nachricht, die mir Tassos Chatzatoglou übermittelt hat, betrifft die Hotelbranche in Griechenland – genauer: das Verhältnis ausländischer und griechischer Hotelbesitzer. Vorbemerkung dazu: der Fremdenverkehr trägt in Griechenland etwa zu einem Fünftel zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. Im letzten Jahr kamen rund 33 Millionen Feriengäste nach Griechenland und brachten rund 16 Milliarden Euro ins Land. Aber was spielt sich im Hintergrund ab, was macht inländischen Hotelbesitzern im wachsenden Maße zu schaffen?

Nun, Tassos konnte ein Gespräch dazu führen mit einem Ehepaar, das ein mittelgroßes 5- Sterne-Hotel in Griechenland betreibt, mit 115 Zimmern und 300 Betten, mit, wohlgemerkt, griechischen Hoteliers, die ihren MitarbeiterInnen anständige Gehälter zahlen und selbstverständlich auch alle Sozialversicherungskosten mit übernehmen. Und genau aus diesem Grunde stehen diese Hotelbetreiber nunmehr kurz vor dem Ruin, denn ausländische Hotelbetreiber, die großen Konzerne und zum Teil auch Banken, tun genau dieses nicht, bieten deshalb ihre Dienstleistungen billiger an und konkurrieren damit ihre anständigen Mitbewerber mehr und mehr in die Pleite hinein. Kapitalismus in Griechenland, das ist in wachsendem Maße auch Enteignung der Griechen in Griechenland. Und übrigbleibt am Ende ein Ferienparadies, das internationalen Großbanken und Großkonzernen gehört!

Kümmert sich die neue Regierung darum? – Natürlich nicht! Die macht inzwischen Propaganda gegen die Streiks und Streikenden vom 2. Oktober und setzt dabei auf ganz eigene Weise auf die Suggestion, daß doch sie, die Regierung, es sei, die auf Seiten der Mehrheit in ihrem Lande stehe. Originalzitate des Herrn Kyriakos Mitsotakis zu den Arbeitsniederlegungen am vorvergangenen Mittwoch: „Einige wenige streiken, viele werden belastet“ und, bezogen auf die Verkehrsstreiks in Athen, „2000 Menschen bringen das Leben von vier Millionen Menschen durcheinander“. Fehlt nur noch der Aufruf, dass diese vier Millionen Menschen auf die 2.000 Menschen losgehen sollten. Und was steckt hinter dem allen?

Nun, ich berichtete schon mehrfach darüber: die Regierung der „Nea Dimokratia“ (ND) plant ein Gesetzespaket, das Arbeitnehmerrechte einschränken soll (auch das Recht, streiken zu dürfen – ganz nebenbei!), das zu Lohnabsenkungen führen soll – zum Beispiel soll die Anhebung des Mindestlohnes um 7,5 Prozent wieder verschwinden -, das, nicht zuletzt, Arbeitsbedingungen verschärfen soll und den Abschluß von Rahmentarifverträgen verhindern soll. In einem Satz:

Es geht um die Entmachtung der arbeitenden Menschen in Griechenland schlechthin. Oder anders akzentuiert: die neue Regierung, die ND, stellt sich eindeutig und einseitig auf die Seite des Kapitals. Wie sieht’s also in Wirklichkeit mit den von Mitsotakis angesprochenen Minderheits- und Mehrheitsinteressen aus?

Nein, nicht 2.000 Streikende wollen das Leben von vier Millionen Menschen „durcheinanderbringen“ beziehungsweise haben es „durcheinandergebracht“, nicht nur „einige“ haben gestreikt und „viele“ sind „belastet“ worden – genau umgekehrt wird ein Schuh draus: es ist die konservative Regierung, die, auf der Unternehmerseite, auf Seiten also einer kleinen radikalen Minderheit ganz oben, das Leben fast aller anderen Menschen „belasten“ will. Und sie, die konservative Regierung, will das Leben der meisten Menschen nicht nur – für ein, zwei Streiktage – etwas „durcheinanderbringen“, sie will Lebens- und Arbeitsrechte der übergroßen Mehrheit in diesem Land, der Menschen ganz unten, beiseiteschaffen und wegregulieren. Es gibt wieder, aufs deutlichste, Klassenkampf in Griechenland. Aber nicht jenen, den die SYRIZA zu führen gehabt hätte, den Klassenkampf für die humanen, sozialen und ökonomischen Interessen der Armen und Unterbezahlten in Griechenland, sondern den Klassenkampf, der von den alten und neuen Eliten dieses Landes geführt wird, im Interesse all jener, denen es eh schon gut oder bestens geht in diesem Land!

Zugegeben, es ist kein Trost, wenn Tassos Chatzatoglou von einem Gesprächspartner hört, dieser habe deshalb vor einigen Monaten ND gewählt, weil er die SYRIZYA bestrafen wollte: „Sie haben uns dreimal gefragt (zweimal bei Wahlen und einmal bei einer Volksabstimmung), und dreimal hat die SYRIZA unseren Willen ignoriert“. So recht der Mann hat, so sehr droht nun die Situation, dass ihm in den nächsten Monaten ein Recht nach dem anderen genommen wird. Was Bestrafung sein sollte, verstehbare Bestrafung der SYRIZA, nimmt mehr und mehr den Charakter einer Selbstbestrafung an. Man hat den Betrüger vom Hof gejagt und sich den Henker ins Haus geholt. Und mich erinnert das alles an jenes berühmte Warren-Buffett-Zitat, das der großartige Kabarettist Georg Schramm so oft zitiert hat, dieses zynisch-selbstgewisse Zitat eines Multimilliardärs: „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.“ (2005)

Es scheint, in Griechenland geht es gerade so richtig los mit diesem Krieg gegen die Armen. Aber wir alle sollten dafür sorgen, daß es nicht die Reichen sind, die als Sieger aus diesem Krieg hervorgehen.

Und damit erneut zu meinem Aufruf zu Spenden für unsere Hilfsaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“.

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“  auf das Konto:

Inhaber: IHW

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer, wie gesagt, noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „GR-IHW“ versehen. Es sei wiederholt: wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets

Euer Holdger Platta

Kommentare
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    Peter Boettel
    Antworten
    Dies scheint mir leider ein Problem in Griechenland zu sein, dass viele die ND gewählt haben, um die Syriza zu bestrafen, so wie bei uns manche AfD wählen, um die SPD zu bestrafen. Aber, was sie damit anrichten, bedenken diese Leute leider nicht.

    Haben denn die Wähler*innen in Griechenland vergessen, wie sich die Samaras-Regierung der Troika und Schäuble angebiedert haben? Sicherlich hat Tsipras gewaltig enttäuscht und an Glaubwürdigkeit verloren wie auch die SPD hierzulande. Aber deshalb genau diejenigen zu wählen, die es noch schlimmer machen, ist schon oft ins Auge gegangen. Vergessen die Menschen denn so schnell?

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